| Essay |
Um das Projekt einer "Kulturgeschichte der Sinne", insbesondere der "Wahrnehmung" und des "Sehens", hat sich in den letzten Jahren nicht nur eine lebhafte "feuilletonistische" Debatte entfaltet, sondern auch eine breite Front hermeneutisch und begriffsgeschichtlich orientierter Forschung formiert. Dabei wurde vor allem von Gottfried Boehm wiederholt auf eine begriffsgeschichtliche "Tatsache" aufmerksam gemacht, die man bislang kaum zureichend beachtet, geschweige denn theoretisch ad-äquat nach ihren systematischen Implikationen entfaltet hat: Daß man im 19. Jahrhundert erstmals in der Geschichte (der philosophischen und einzelwissenschaftlichen Interpretation) des Sehens dessen kultur- und epochenvariante Geprägtheit, kurz: die "Geschichtlichkeit des Auges" entdeckt.
Im allgemeinsten Sinne besagt der Gedanke einer internen "Geschichtlichkeit des Auges", daß Sehen - wider ein gängiges Vorurteil - nicht als ein passives Registrieren einer vorgegebenen visuellen Wirklichkeitsordnung, sondern als ein aktives Interpretationsgeschehen der produktiven Verarbeitung von Wahrnehmungsdaten und insofern als ein kulturell geprägter, historischen Wandlungen der herrschenden Interpretationsschemata unterliegender Vorgang zu verstehen sei. Sollte er sich theoretisch begründen und (z.B. an Werken der bildenden Kunst) exemplarisch plausibel machen lassen, wäre er zweifellos für jede Form philosophischer Ästhetik sowie kunstwissenschaftlicher Theoriebildung von entscheidender Bedeutung.
Seit in der frühen Neuzeit unter dem Einfluß arabischer Autoren das antike, auch bei Platon und Aristoteles zur Erklärung des visuellen Bewußtseins herangezogene "Sehstrahlenparadigma" definitiv an Überzeugungskraft verlor, dominierten bei den einflußreichsten Theoretikern der Neuzeit Rezeptivitätstheorien des Sehens. Diese faßten seit Kepler die visuelle Kompetenz des Menschen im allgemeinen als Fähigkeit zur mechanisch-passiven, durch Lichteinfluß vermittelten Widerspiegelung einer vom Prozeß des Sehens unabhängigen Sichtbarkeitsordnung auf. So verschieden sie diesen Vorgang je nach dem zeitbedingten Kenntnisstand über die anatomische Verfassung des Auges auch im einzelnen erklären mochten: in der Regel lag ihnen die Überzeugung zugrunde, daß die visuelle Wahrnehmung eine historisch unwandelbare An-schauung der visuellen Gestalt der Welt präsentiere, welche man in der "Ordnung der Dinge" verankert dachte.
Es ist einsichtig, daß man dem "Sehen" unter dem Einfluß solcher rezeptivitätstheoretischen Prämissen eine eigene, "spezifische Luzidität" (G. Boehm) in Prozessen visueller Wirklichkeitsaneignung nicht zumessen konnte. Noch weniger konnte sich in ihrem Lichte der Gedanke einer historisch variablen Imprägnierung der Gestalten des Sehens durch epochal differente "Sehformen" entfalten. Dazu bedurfte es einer Ablösung vom rezeptivistischen Paradigma zugunsten einer "sehtheoretischen" Grundintuition, die Bernhard Waldenfels - unabhängig von einer historischen Vergegenwärtigung überkommener Sehtheorien - folgendermaßen formulierte: daß "die Ordnung des Sehens nicht materialiter und formaliter vor dem Sehen ... gegeben" ist, "sondern mit dem Sehen ... zugleich entspringt."
Den meisten Theoretikern des 19. Jahrhunderts dürfte die sichtbarkeitskonstitutive Kraft des Auges durch Goethes Farbenlehre und seine in ihr beschriebene farbenerzeugende Kraft sowie durch Johannes von Müllers Traktat "über die phantastischen Gesichtserscheinungen" von 1826 bewußt geworden sein, welcher eine breite wahrnehmungsphysiologische und -psychologische Debatte unter Beteiligung so prominenter Autoren wie von Helmholtz und von Kries über Wundt bis hin zu Brentano auslöste. Im Zuge dieser Debatte konnte Wilhelm Riehl schon 1850 explizit die These formulieren, "daß jede Generation in einem anderen Stile sieht", und damit die Idee einer "Geschichtlichkeit des Auges" auf den Weg bringen. Besonders nachdrücklich hat dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Konrad Fiedler die Auffassung, daß das "Sehen" entgegen der traditionellen Ansicht "kein mechanischer Akt" der Widerspiegelung sei, propagiert und seine Kunsttheorie auf sie gegründet.
"Sehen" erschien ihm keineswegs als Vergegenwärtigung einer instantanen visuellen Gegebenheit, sondern als ein temporaler Prozeß; sein Ergebnis, die jeweilige Anschauung zu einer bestimmten Zeit, nicht als eine vollendete Sichtbarkeitsgestalt, sondern als ein in sich abgeschattetes, stets verdeutlichungsfähiges und -bedürftiges Ge-bilde. Es sei zudem intrinsisch von "unbewußten [Seh-] Konventionen", also von anschaulichen "Formeln" und "konventionellen Bildern" geprägt, die als "ein Kapital fertiger Bilder" im kollektiven Bildgedächtnis einer Kultur tradiert und vom einzelnen Individuum übernommen würden. Sie bedingten einen zur "Gewohnheit" sich einspielenden "Formalismus" bzw. "Schematismus" des Sehens, dessen zumeist unbewußte Anwendung die epochal mögliche und als solche also wesentlich geschichtliche Anschauung von der visuellen Gestalt der Welt reproduziert.
Solche Überlegungen zur Konstitution von Sichtbarkeit im Prozeß des Sehens waren es, die nicht zuletzt Heinrich Wölfflin dazu brachten, programmatisch von einer "Entwicklungsgeschichte des abendländischen Sehens" zu sprechen. Bis hin zu Walter Benjamin läßt sich ihre Idee immer wieder nachweisen. Gleichwohl geriet sie im 20. Jahrhundert weithin in Vergessenheit. Ansätze zu ihrer Neuaufnahme finden sich erst wieder in den letzten 15 bis 20 Jahren, da man sich nicht zuletzt unter dem Eindruck anglo-amerikanischer Debatten, die Visualität als ein theoriewürdiges Thema zunehmend (wieder-) entdeckten, neuerlich für sie zu interessieren beginnt.
Nimmt man das Forschungsthema "Geschichte des Sehens" bzw. "Geschichtlichkeit des Auges" wirklich heute erneut auf, eröffnet sich ein weites Feld von Fragen, auf die begründete Antworten gegenwärtig allerdings kaum absehbar sind. Um nur einige Fragenkomplexe anzudeuten: Läßt sich der Gedanke einer Geschichtlichkeit des Sehens unter philosophischen Gegenwartsbedingungen überhaupt plausibel machen? Welchen logischen bzw. ontologischen Status haben epochal in Geltung stehende "Sehformen"? Sind sie, in ihrer Sphäre, "Kategorien" des Denkens vergleichbar, welche auf analoge Weise die Einheit des Sichtbaren stiften, oder hat man sie eher als soziale Musterbildungen zu denken? Wie verhalten sich pikturale Darstellungskonventionen und Sehformen zueinander? Ist es richtig, wie z.B. Nelson Goodman behauptete, daß jede "Malweise ... eine Sehweise" darstellt, und trifft es darum zu, wie er beinahe 100 Jahre nach Konrad Fiedler neuerlich geltend macht, daß "wir nur hartnäckig genug die Bilder eines Künstlers anzusehen [brauchen], um die Welt ein bißchen auf seine Weise sehen zu lernen"? Lassen sich innerhalb der interpretativen Aktivitäten des Auges Gesetze, Strukturen oder Interpretationsprozesse differenzieren? Und welchen Tradierungsprozessen und -gesetzen unterliegen diese? Anhand welcher Indizien lassen sich Wandlungen von Sehkonventionen dokumentieren? Und schließlich: Wenn es so etwas wie eine interne Geschichtlichkeit des Sehens tatsächlich gibt, wie könnte eine sie in ihren epochalen Wandlungen verfolgende Geschichtsschreibung aussehen? Die philosophischen und kunsthistorischen Forschungen zu diesen Fragen stehen gegenwärtig noch am Anfang.
Literatur zum Thema:Boehm, Gottfried: Sehen. Hermeneutische Reflexionen, in: Internationale Zeitschrift für Philosophie 1 (1992), S. 50 - 67
Dieser Text ist auch enthalten in:
Konersmann, Ralf (Hrsg.): Kritik des Sehens, 363 S., kt., DM 28.--, 1997, Reclam, Leipzig.
UNSER AUTOR:
Stefan Majetschak ist Privatdozent für Philosophie am Philosophischen Seminar der Universität Bonn.
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