Essay

Wie in einem Tollhaus - Sloterdijk für Anfänger

Von Hermann Oetjens

 

1. Wie in einem Tollhaus. Was ist los im deutschen Feuilleton?

Mit dem bestimmten Artikel soll man vorsichtig sein. Darum vorweg zur Klarstellung: d a s deutsche Feuilleton gibt es natürlich genauso wenig wie d a s Wahre, d a s Gute, d a s Schöne. Aber auch dies scheint nicht allen, die im Feuilleton schreiben, klar zu sein. Sonst wäre nicht in der Freiburger "Zeitung zum Sonntag" (17.9.99) zu lesen, man könne jetzt "gegenlesen, das einhellige Urteil des deutschen Feuilletons einerseits und den Text, der das Reich der Gespenster verliess, andererseits". Von einem einhelligen Urteil des deutschen Feuilletons kann – glücklicher Weise, möchte man hinzufügen – nicht die Rede sein. Schwierige Zeiten für allwissende Journalisten, wenn nun auch schon weltfremde Philosophen als Leser anfangen, sie interessierende Themen per Internet nachzurecherchieren. Aber nun einmal alles hübsch der Reihe nach.

Die Rede ist von dem skandalumwitterten Vortrag, den der Karlsruher Philosoph und Schriftstellers Peter Sloterdijk auf einer Tagung in Schloß Elmau (Bayern) im Juli dieses Jahres vor honorigem Publikum hielt. "Geister und realer Spuk. Wie Peter Sloterdijk jüdische Denker das Entsetzen lehrte" titelte die "Frankfurter Rundschau" (24.7.99). Zwei Tage später fragte die "Süddeutsche": "Wer zähmt die Philosophen?" und meinte damit den offenbar wild gewordenen Sloterdijk, der in seinem Vortrag zu der "verblüffenden Konsequenz" gekommen sei: "Es komme nicht darauf an, die Menschen durch .. Aufklärung zu verändern .. , sondern Menschen zu züchten". Sloterdijk seinerseits entgegnete in der "Frankfurter Rundschau" (31.7.99) harsch mit der Überschrift "Halluzinationen und Lügen", sprach von "skandalsüchtigen Halluzinationen", "lasziven Mißdeutungen" und der "Jungen Ahnungslosigkeit", die dabei sei, "sich in den meisten Feuilletonredaktionen einzunisten". Das ließen die natürlich nicht auf sich sitzen. "Wider besseres Wissen" suche Sloterdijk "einen korrekt berichtenden Journalisten zu diskriminieren" titelte wiederum die "Frankfurter Rundschau" (14.8.99), und dies obwohl zuvor in Leserbriefen an dieselbe Zeitung von Leuten, die es eigentlich wissen mussten, deutliche Proteste angemeldet worden waren. Am 4.8.99 protestierte Christoph Schmidt (Van-Leer-Institut, Jerusalem) als Moderator der zitierten Diskussionsrunde "auf das Schärfste gegen die von Herrn Meggle (sc.: in der FR v. 24.7.99) vorgetragenen suggestiven Vermutungen und Halbwahrheiten .. , so als hätte Herr Sloterdijk hier ´jüdische Denker das Entsetzen gelehrt´". Tags darauf (FR 5.8.99) meinte der Schloßherr und Veranstalter des Symposiums Dietmar Müller-Elmau: "Offenbar wurden falsche Rückschlüsse gezogen". Auch der angeblich so schockierte Prof. Saul Friedländer habe "nach nochmaliger Rücksprache" erklärt, "dass der beschriebene Eklat so nicht stattgefunden hat und der Artikel den Verlauf des Gespräches in einer fast bösartigen Art und Weise verkürzt, entstellt und verdreht". Unbeirrt konterte die "Süddeutsche" (10.9.99) mit der Überschrift "Reizende Lügen. Zur neuesten Entwicklung der Affäre Sloterdijk".

Wem soll man nun glauben, den beiden berichtenden Journalisten oder dem Redner, dem Veranstalter und dem Moderator? Schwer zu sagen, nur eines scheint sicher: Bereits über die Frage, ob anwesende jüdische Denker das Entsetzen gepackt habe, scheint es keine Einigung geben zu können. Nachrecherchiert hat das offenbar niemand.

Und wie steht es mit dem Hauptvorwurf, nachzulesen in der "Zeit" (Nr. 36/ 2.9.99): "Das Zarathustra-Projekt. Der Philosoph Peter Sloterdijk fordert gentechnische Revision der Menschheit" sowie im "Spiegel" (Nr. 36/6.9.99): "Der Philosoph Peter Sloterdijk progagiert "pränatale Selektion" und "optionale Geburt": Gentechnik als angewandte Gesellschaftskritik. Seine Rede über "Menschenzucht" trägt Züge faschistischer Rhetorik"?

Lassen sich solche Vorwürfe im Feuilleton klären oder nicht? Oder sagt jeder einfach so seine Meinung – und dabei bleibt es dann?

Geradezu ins Groteske überschlagen sich weitere Interpretationen – von einigen besonnenen Ausnahmen abgesehen. Man traut seinen Augen nicht. Als ob keine Verschrobenheit zu verrückt wäre, um sie nicht auch einem bisher als "kritisch" geltenden Philosophen der Gegenwart anhängen zu können. Das Tollste findet sich wiederum in der "Zeitung am Sonntag" vom 17.9.99. Der Autor distanziert sich zwar von dem angeblich einhellig erhobenen Faschismusvorwurf gegen Sloterdijk und sieht den eigentliche Skandal eher in der "epidemisch anschwellenden Praxis einer selbsternannten Diskurspolizei, die vor jedes den Mainstream unterlaufende Gedankenrinnsal gleich den Staudamm des Faschismusvorwurfs errichtet". Von den etwas eigenartigen Metaphern einmal abgesehen, immerhin ein erwägenswerter Gedanke. Aber auch Sloterdijk kriegt sein Fett ab: "Wer solche Träume öffentlich träumt, gehört nicht vor ein Medientribunal, sondern vielmehr auf die Couch der Psychoanalyse". Und da der Verfasser sich mit Psychoanalyse offenbar gut auskennt, gibt er für die anstehende Therapie vorsorglich den entscheidenden Tip: "Wer freilich solches phantasiert, der verspricht sich nach den Regeln der Psychoanalyse auch". Was Sloterdijk anlangt, so ist der Fall für ihn klar. Der wisse sich als Weiser "in seinem Wissen ums Sein eins .. mit dem ´ursprünglichen Hüter und Züchter der Menschen´, mit Gott selber". - Sloterdijk also kein faschistoider Menschenzüchter, sondern ein Wahnsinniger, der sich für Gott hält? Nun ja, man sollte alles in Betracht ziehen.

Leider scheinen die Positionen inzwischen so verhärtet, dass von den Betroffenen selbst kaum mehr eine wirklich besonnene Abhandlung der Problematik zu erwarten ist. Dazu hat Sloterdijk in seiner Getroffenheit und mit seinen übertriebenen persönlichen Attacken gegen die ihn kritisierenden Journalisten (FR 31.7.99) und insbesondere gegen Jürgen Habermas ("Zeit" v. 9.9.99) selbst erheblich beigetragen. Diese persönliche Seite sollte man den Betroffenen selbst überlassen. Immerhin liesse sich vielleicht Sloterdijks Internet-Veröffentlichung (vgl. "www.rihtleft.de" seit dem 11./12.9.99) als erstes zaghaftes Friedensangebot deuten, doch wieder auf die Ebene der Argumente zurückzukehren. Im Internet findet man nämlich ausser der von Sloterdijk autorisierten Erstveröffentlichung seines Elmauer Vortrages als Beipack einen Auszug aus seinen "Selbstversuchen", worin er bekennt, für ihn sei Habermas – bei aller Differenz im philosophischen Detail – doch immer so etwas wie "eine Art Verfassungsrichter in der Demokratie der Argumente" geblieben. Habermas hat – zwar verständlicher, aber eben auch bedauerlicher Weise – diese ihm zugedachte Rolle nicht angenommen. Er spielt in seinem Antwortbrief ("Die Zeit" Nr. 38/16.9.99) rhetorisch den erhabenen Mond, den es nicht kümmert, wenn der Mops ihn anbellt. Sloterdijk überschätze sein Interesse an dessen "Arbeiten und den Aufwand an Zeit und Mühe, den (er) in die Lektüre seines Vortrages investiert habe". Nun ja, wie gesagt, man wird ihm das angesichts der Anwürfe Sloterdijks nicht verübeln wollen. Schade ist es trotzdem, zumal Habermas sich noch in demselben Atemzug beeilt hinzuzufügen: "Auf dieser Grundlage hätte ich eine an Gesichtspunkten so reiche, differenzierte und zutreffende Analyse wie die Assheuersche (sc.: "Das Zarathustra-Projekt" in der "Zeit" Nr. 36/2.9.99) nicht einmal inspirieren können, wenn es meine Absicht gewesen wäre". Aber damit weist der "Verfassungsrichter" Sloterdijks Revisionsklage eben nicht nur wegen Unzuständigkeit ab. Vielmehr bestätigt er vollinhaltlich das Vorurteil der unteren Instanz. Wie er das mit dem von ihm selbst reklamierten geringen Aufwand an Zeit und Mühe vereinbaren kann, muss dabei sein Geheimnis bleiben.

Glücklicherweise haben sich inzwischen auch andere Stimmen gemeldet, die die in der "Süddeutschen", in der "Zeit" und im "Spiegel" erhobenen Vorwürfe anhand des Originaltextes überprüft haben. So schreibt z.B. Matthias Kamann in der "Welt" (10.9.99): "Man wird, so die Bilanz, Sloterdijk nicht vorwerfen können, er habe für eine von Philosophen gesteuerte genetische Selektion der Menschen plädiert". Die "Berliner Zeitung" bietet Raum für gegensätzliche Meinungen. War am 6.9.99 noch zu lesen, Sloterdijk biete sich an, "dem, was da sowieso kommen wird, zähmen, züchten, selektieren, die Anleitung zu diktieren", so präsentiert sie am 11.9.99 den Untertitel: "Wieder einmal wird ein Faschist entlarvt, der keiner ist". Die "TAZ" (13.9.99) steigert sich zur Kollegenschelte und titelt: "Killersatelliten. Professionelle Deformationen: Peter Sloterdijk, die Kritische Theorie und der Krieg im Feuilleton". Und die "Frankfurter Rundschau" ("Hirt ohne Schafe. Sommertheater im Menschenpark: In Sachen Peter Sloterdijk", 15.9.99) gab inzwischen Raum für eine ausführliche Abhandlung von Manfred Schneider (Professor für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Medien in Bochum), die mit den Sätzen beginnt: "Es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten, um zu prophezeiten, dass nichts, aber auch gar nichts von den Empörungen, Verdächtigungen und Verleumdungen übrig bleiben wird, die im Anschluss an Peter Sloterdijks Elmauer Vortrag .. wellenartig durch die Feuilletons gingen. Eine genaue Lektüre des Vortragsmanuskriptes reicht für die Prognose aus. Keine Anstandsregel ist verletzt, kein ungehöriger Gedanke wird laut, kein grober philosophischer Lapsus müsste die Wächter der philosophical correctness auf den Plan rufen, keine "faschistische Horrorvision" war aus dem Munde des Vortragenden zu vernehmen".

Damit stünden die Plädoyers auf "schuldig im Sinne der Anklage" und auf "Freispruch wegen erwiesener Unschuld" immerhin schon mal im Verhältnis 4 : 4. Dazwischen gibt es eine Reihe von Rezensenten, die zwar die Anklage ziemlich übertrieben, andererseits Sloterdijks Wortwahl nicht ganz ungefährlich finden. Sie halten ihm vor, er hätte in deutschen Landen eben umsichtiger argumentieren müssen, um nicht missverstanden zu werden (so z.B. "Neue Zürcher" v. 17.9.99, "Rhein. Merkur" Nr. 38/1999). Gewiss gibt es inzwischen noch viele andere Stellungnahmen, die hier leider keine Berücksichtigung finden konnten. Und dann kommen so allmählich auch die ersten Scherzartikel, die dem Ganzen eine heitere Seite abzugewinnen versuchen, ferner Artikel, die kühl zur Sache übergehen und eine kompetente Diskussion fordern (z.B. das Interview mit "Jens Reich über die künftigen Möglichkeiten und die Grenzen medizinischer Behandlungen, die in das Erbgut eingreifen", "Süddeutsche Zeitung" 14.9.99 und "Klon der Angst. Die Genies streiten, von Gentechnik wissen sie nichts", SZ 15.9.99).

"Hysterikerstreit" hat man inzwischen die sogenannte Sloterdijk-Affäre genannt. In dem humorvollen Artikel "Das Letzte" kommt "Finis" (in der "Zeit" vom 16.9.99) in einem "ultimativen Wort in Sachen Sloterdijk" auf die letzte Frage aller Fragen, "wer jetzt wen zum Besseren des Menschengeschlechts züchtigen darf und wie" und endet: "Kleiner Vorschlag: Allen Diskutanten eins auf die Rübe und ab durch die Mitte".

Mag ja sein, dass am Ende nichts anderes übrig bleibt. Aber sind wirklich alle anderen Möglichkeiten schon ausgeschöpft? Ist Interpretation so sehr Glückssache, dass man in Zukunft sarkastisch vom Feuilleton sagen wird, was bisher die Juristen einstecken mussten: "Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand"? Und gilt das auch für die philosophische Zunft? Sind Fragen nach dem Autor so schwierig, dass man nicht einigermassen sicher klären kann, ob da einer in einem Text auf etwas anspielt, etwas paraphrasiert, etwas zitiert, die Auffassung eines anderen referiert oder seine eigene Meinung vertritt? Juristen zumindest könnten sich nicht so leicht aus der Affäre ziehen, da deren Entscheidungen in solchen Fällen zu herben zivil- oder strafrechtlichen Konsequenzen führen. Prominente Beispiele sind immer wieder die Verwendung des berühmten Tucholsky-Zitats "Soldaten sind Mörder" und die Auschwitzlüge. Im Falle eines Falles erwarten wir von den Gerichten, dass sie verbindlich klären, ob da nun bloss zitiert oder wissenschaftlich abgehandelt wurde oder ob der Tatbestand der Beleidigung oder der Volksverhetzung erfüllt ist. Dieselbe interpretatorische Sorgfalt sollte man, denke ich, auch vor dem moralischen Gerichtshof erwarten, wenn es darum geht, jemandem vorzuwerfen, er propagiere faschistoide Menschenzüchtung.

Überdies geht es, folgt man dem "Spiegel" (Nr. 36/6.9.99), um weit mehr als nur um die (vielleicht zu kritisierenden) Auffassungen eines einzelnen Autors. Der "Spiegel" findet "bemerkenswert bei alldem .. das Gespenstische des Vorgangs. Bislang (habe) sich alles weitgehend in den Kulissen des Wissenschaftsbetriebes und in den geisteswissenschaftlichen Nischen einiger Feuilletons, fast heimlich, abgespielt. Noch vor zehn Jahren hätte ein derartiges "Zarathustra-Projekt" ("Die Zeit") in der breiten Öffentlichkeit Zorn und Empörung ausgelöst". Ein neuer "Verrat der Intellektuellen" also? Die Leser jedenfalls scheinen dankbar für die geleistete Enthüllung zu sein (vgl. "Briefe" im "Spiegel" Nr. 38/20.9.99) und bedanken sich für "die Enttabuisierung einer totalitären Obszönität".

Und selbst diejenigen, die Sloterdijk in Schutz zu nehmen versuchen, kommen gar nicht auf die Idee, dass hier jemand für Thesen verantwortlich gemacht worden sein könnte, die er selbst nun wahrlich in keiner Weise vertreten hat. So bekommt man selbst bei zustimmenden Äußerungen, solange das Verfahren in der Hauptsache nicht eindeutig geklärt ist, das mulmige Gefühl, als ob hier eine größere Anzahl von Menschen gar nichts dabei findet, dass in Deutschland wieder Menschenzüchterphantasien ausgebrütet werden.

Dasselbe gilt von dem gewiss lesenswerten Aufsatz von Ronald Dworkin "Über die falsche Angst, Gott zu spielen" (Zeit 38/16.9.99). Dworkin, berühmter amerikanischer Rechtsphilosoph und ehemaliger Verfassungsrichter, hat in seiner radikalen Liberalität bekanntlich seinerzeit davor gewarnt, in Deutschland die Auschwitzlüge zum Straftatbestand zu erheben (in der TAZ v. 17.6.95), da es besser sei, Unrat zuzulassen, als die Zensur einzuführen. Eine gewiß respektable Meinung, zumal sie Unrat beim Namen nennt und nicht in ihr Gegenteil umzudefinieren versucht. Welcher Gedanke leitete die Redaktion, Dworkins Aufsatz neben der Rede von Sloterdijk abzudrucken? War es die Unterstellung, daß Sloterdijk eben doch dafür plädiere, Gott zu spielen, und wollte man ihm durch das Toleranzedikt von Dworkin bei Seite springen? Das könnte sich jedenfalls dann als ein Bärendienst erweisen, wenn Sloterdijk die ihm unterstellte These gar nicht als seine eigene vertreten hätte.

2. Sloterdijk für Anfänger. Eine Anleitung zum Lesen.

Im Diogenes Verlag gab es früher eine schöne Reihe amüsanter aber durchaus informativer Städteführer mit dem Zusatz ".. für Anfänger". Wie wär´s in diesem Sinne mit einer Reihe "Autoren für Anfänger", also auch "Sloterdijk für Anfänger"? Wenn diese Bände gut und vor allem mit Hintersinn geschrieben sind, könnten sie durchaus auch Leckerbissen für Kenner abgeben. Vielleicht könnte man der Reihe auch einen Band ganz allgemein voranstellen: "Der Autor - für Anfänger".

Sloterdijk selbst hält eine derartige Einführung für überfällig. In dem schon erwähnten Beipack im Internet findet man eine geistreiche Bemerkung über Botho Strauß: "Wenn ich die Sätze von Strauß über Blutopfer lese, dann scheint mir evident, was er tut. Er veranstaltet ein Experiment über die Frage: Was ist es, was für die Opferer eine Wirklichkeit ist und für uns keine? Was verstehen wir da nicht oder nicht mehr? Was ist uns geschehen, dass wir es nicht verstehen? Und wenn ich ihn richtig lese, so redet er nicht einer neuen Blutopfergesinnung bei uns das Wort, sondern er fragt: Was heisst es, in einer Zeit und in einer Welt zu leben, in der alles, was hart, schwer, unerträglich, grausam, aber doch in manchen Weltlagen unumgänglich war, in unser Inneres überhaupt nicht mehr eingeht?" Dieses Zitat würde ich dem Band "Sloterdijk für Anfänger", vielleicht als Motto, voranstellen. Vielleicht auch noch die dem vorausgehenden Sätze: "Mir scheint, wir haben aus dem Auge verloren, was ein Schriftsteller ist und was er tut, wenn er seinem Metier nachgeht. Schriftsteller sind Experimentatoren, ihr Job ist das Aufspüren der gefährlichen Substanzen, die man die Themen nennt, die Tiefenthemen der Epoche. Die werden von den Autoren prozessiert, zerlegt, gefiltert, umgekehrt, rekomponiert. Das ist eo ipso ein riskanter Job.."

Es dürfte kein Zufall sein, dass Sloterdijk gerade diesen Auszug aus seinen "Selbstversuchen" seinem Vortrag beifügt, - wie wenn er eine Gebrauchsanweisung beilegen wollte, eben "Sloterdijk für Anfänger". Die intendierte Analogie zwischen Botho Strauß und Sloterdijk würde man jetzt dem Anfänger folgendermassen erklären: Strauß redet über Blutopfer, redet (nach Sloterdijk) aber doch nicht einer neuen Blutopfergesinnung das Wort. Sloterdijk redet über Menschenzüchtung. Wie kommt ihr auf den Gedanken, er wolle sich zum obersten Züchter aufschwingen?

Im Laufe des Kurses wird der Anfänger vielleicht fragen, ob das denn immer gelte, ob es nicht auch einen Missbrauch dieser Methode geben könnte. Diese Frage, so würde man antworten, ist ja beinahe schon für Fortgeschrittene. Aber auch dem Anfänger könnte man vermutlich den Unterschied zwischen einer sprachlichen Äusserung, die man zitieren kann, und der mit dieser Äusserung vollzogenen Sprachhandlung zumuten. Als Beispiel könnte man Schillers Wort: "Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt" benutzen. Wird dieselbe Wortfolge nur etwas anders betont, ergibt sich ein ganz anderer Sinn: "Der brave Mann denkt an sich – selbst zuletzt." Das wird auch der Anfänger lustig finden und ganz begierig darauf sein, weitere Beispiele zu finden. Vielleicht kommt jemand auf den Spruch genervter Eltern zu dem eigensinnigen Kind: "Mach, was Du willst!" und zu der ganz anderen Musik: "Mach, was D u willst." Kurz und gut, der Volksmund sagt dazu, der Ton mache die Musik, und das wußte der Anfänger ohnehin schon. Von hier aus wird es dann nur ein kleiner Schritt sein zu erklären, daß Sprachhandlungen so etwas sind wie: eine Frage stellen, ein Kompliment machen, ein Versprechen geben, eine Aussage machen, eine Frage stellen, etwas ironisieren, um jemanden werben, einen Witz machen, die Meinung eines anderen referieren, sich über etwas lustig machen, einen heiligen Schwur ablegen, jemanden höflich begrüßen, jemanden beleidigen, ein Wort erklären, einen Befehl erteilen, jemanden für dumm erklären, sich um eine Stelle bewerben, usw. usf. Auch die Anfänger werden verstehen, daß derlei Dinge manchmal an gewissen äußeren Formen erkannt werden können, daß aber ein Vorgesetzter z.B. mit einer Frage durchaus einen geharnischten Befehl erteilen kann: "Wollen Sie hier etwa mit offenem Hemdkragen und ohne Krawatte herumlaufen?"

Hat der Anfänger sich erst einmal derlei Selbstverständlichkeiten bewußt gemacht, die natürlich jeder in der Praxis beherrscht, der sich einigermaßen souverän in einer beliebigen Umgangssprache bewegt, dann könnte es ihm Spaß machen, das Spiel mit derlei Dingen bei seinem Autor zu entdecken. In "Sloterdijk für Anfänger" würde man ihm z.B. zeigen, daß dieser Autor vielfältige Möglichkeiten nutzt, andere Autoren zu zitieren, zu kommentieren, durch den Kakao zu ziehen, zu entlarven, zu bewitzeln, usw. Nur eines wird man bei diesem Autor gewiß nicht finden, daß er einen Witz, eine Anspielung, eine Ironisierung, die er gerade gemacht hat, anschliessend erklärt. "Korf erfindet eine Art von Witzen, die erst viele Stunden später blitzen", heißt es bei Ringelnatz.

Das ist nun der Punkt, wo es jedem Autor eines "Sloterdijk für Anfänger" schwer um die Feder werden muß. Er müßte sich zu einer Roheit entschliessen, die der besprochene Autor gerade vermeidet. Er müßte Andeutungen ausarbeiten, Witze erklären, Paraphrasen in Anführungsstriche übersetzen, Ironisierungen erläutern, kurz: der Interpret müßte in seiner eigenen Schreibe weit hinter dem zurückbleiben, was er gerade bei seinem Sujet gelernt hat. Andererseits, warum eigentlich nicht, wenn, wie in diesem Falle, geradezu glückhaft das reale Feuilleton Beispiele liefert, angesichts derer der Interpret sich so richtig ins Zeug legen könnte, um zu demonstrieren, wie die ansonsten brotlose Kunst der Interpretation doch auch einmal so richtig hilfreich sein könnte. Das kann man sich so richtig lebhaft vorstellen. Interpreten haftet ja so ein Bild an wie das der Buchhalter, Sie wissen schon, die mit den Schirmmützen und den Ärmelschonern in den Hinterzimmern der Al Capone und Konsorten. An den Quellen der Macht und der Bedeutsamkeit – und immer total im Hintergrund. Aber manchmal geht´s denen doch wie dem Panther bei Rilke, dem mit dem Bild in der Glieder angespannter Stille. Manchmal erleben auch die Interpreten ein Gefühl von Kraft, dann entrinnen sie dem Spott der Schiller über die schwindsüchtigen Professoren, die Kollegien über die Kraft lesen. Denn denken sie: wenn ich nur einmal im Leben eine Expertise für den Chef vom Verfassungsgericht schreiben dürfte! Also, ihr Buchhalter des Geistes, bewerbt euch um den "Sloterdijk für Anfänger". Wir haben hier keine "Zeit" dafür.

Nur eines noch: Vielleicht sollte zur Übung in dem "Sloterdijk für Anfänger" doch wenigstens der Abschnitt über Platon exemplarisch erläutert werden. Nietzsches Zarathustra wird ja vom Autor selbst so eindeutig als zweifach "hybrid" gekennzeichnet. Das kann man dem Anfänger schon zutrauen, daß er das dechiffriert. Aber der Abschnitt über Platon, der sollte vielleicht erläutert werden. Hier arbeitet Sloterdijk mit der fortgeschrittenen Technik des (unkommentierten) Sarkasmus, die für manche Anfänger doch noch zu ungewohnt sein könnte.

Sloterdijk leitet diesen Abschnitt ausdrücklich ein mit dem, worauf er eigentlich hinaus will, mit einem expliziten Kommentar also: "Es gehört zur Signastur der Humanitas, daß Menschen vor Probleme gestellt werden, die für Menschen zu schwer sind, ohne daß sie sich vornehmen könnten, sie ihrer Schwere wegen unangefaßt zu lassen. Diese Provokation des Menschenwesens durch das Unumgängliche, das zugleich das Nichtbewältigbare ist, hat schon am Anfang der europäischen Philosophie eine unvergeßliche Spur hinterlassen – ja vielleicht ist die Philosopohie selbst diese Spur im weitesten Sinn." So eingeleitet folgen dann die Ausführungen über Platon, insbesondere über dessen Dialog "Politikos", der sich für Sloterdijk als "Diskurs über Menschenhütung und Menschenzucht erweist", gleichsam als "ein Arbeitsgespräch unter Züchtern".

Die Charakterisierungen Platons sind auch für unseren Anfänger leicht zu verstehen. Womit er vermutlich überfordert wäre ist natürlich die Frage, ob der historische Platon damit auch richtig wiedergeben ist. Aber in dieser Hinsicht können wir unseren Anfänger beruhigen. "Diese Frage", werden wir ihm sagen, "kannst du getrost den Fachleuten überlassen. Wir fragen ja danach, wie Sloterdijk und nicht wie Platon denkt. Um alle Verwechslungen zu vermeiden, könnten wir auch statt von Platon von dem Sloterdijk-Platon sprechen". Diese Methode macht auch dem Anfänger Spaß. "Aha", wird er sagen, "dann kann ich es mir also leichter machen, indem ich zunächst auch nur von dem Sloterdijk-Heidegger, dem Sloterdijk-Nietzsche, dem Sloterdijk-Zarathustra, dem Sloterdijk-Weisen, dem Sloterdijk-Gott , usw. spreche und brauche mich dazu immer nur an das zu haltend, was Sloterdijk diese Gestalten sagen läßt?"

Ganz schön schlau das Kerlchen, werden wir denken und uns schon auf den nächsten Schritt freuen. Denn bei diesem Tempo wird ja die Frage nicht lange auf sich warten lassen: Ja, was sagt denn nun eigentlich der Sloterdijk?

Es wird nicht zu vermeiden sein, daß unser Anfänger alle Fehler macht, die man nur machen kann. Das dürfen Anfänger ja auch. Das wird ein lustiges Hasch-mich-Spielchen geben. Der eine wird Sloterdijk hinter seinem Heidegger vermuten, ein anderer sucht ihn eher in dem Zarathustra, wieder ein anderer, wie wir gesehen haben, entdeckt ihn in Gott. Ganz schlaue werden vielleicht sagen, er ist nicht einer, er ist viele oder gar alle zusammen. Aber wie soll einer alles sein, wird dann einer fragen, wenn sich die ganzen Sloterdijk-Gestalten, die wir kennengelernt haben, widersprüchlich zueinander verhalten?

Da wird guter Rat teuer sein. "Nun ja", werden wir herumdrucksen und schon einmal nach unserem Hut schielen, den wir gleich nehmen werden, "da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Das ist bei jedem Autor anders. Was Sloterdijk anlangt, so gibt es da noch einen Hinweis in seinem Text, der vielleicht weiter helfen könnte. Er spricht von zwei "größeren Erzählungen", die von der Menschwerdung handeln und traditionell als Natur- und als Sozialgeschichte getrennt behandelt werden, die jedoch möglicherweise im "Epos von den Haustieren" zusammengehören und verschränkt gedacht werden müssten. Dazu muß man wissen, daß ein Autor wie Sloterdijk die Anspielungen liebt. Ich kann mir nicht gut vorstellen, daß er den Ausruck "große Erzählung" benutzt, ohne dabei an den französischen Philosophen Lyotard zu denken, der zu dem Selbstverständnis gekommen ist, daß das Geschäft des Philosophen heute eigentlich nur noch darin gesehen werden könne, die "großen Erzählungen" zu destruieren. Von Lyotard her gedacht kann man auf "große Erzählungen" eigentlich nur noch bezug nehmen, indem man ihr Scheitern ins Auge faßt. So war ich also von Anfang an darauf gespannt, wie Sloderdijk seine "großen Erzählungen" scheitern läßt."

Ob die Anfänger das abkaufen werden, weiß man natürlich nicht. Auch sollte man hier nicht zu stark mit der eigenen Sicht der Dinge als angeblicher Weisheit auftrumpfen, sondern jeden seiner eigenen Leseerfahrung überlassen. Gewiß werden auch die Anfänger nicht übersehen, daß sowohl der Sloterdijk-Heidegger, als auch zum Schluß der Sloterdijk-Platon ohne Bezug auf ihre jeweiligen Götter nicht auskommen – und dass diese Götter nebst den vorgeblich in ihrem Namen sprechenden Weisen vollständig demontiert werden. Das gilt insbesondere natürlich auch für den Sloterdijk-Platon-Über-Humanisten, dessen Aufgabe gemäß dem Sloterdijk-Platon keine andere wäre "als die Eigenschaftsplanung bei einer Elite, die eigens um des Ganzen willen gezüchtet werden muß".

Dann geht der Vortrag seinem Ende zu: "Zweitausend Jahre nach Platons Wirken scheint es nun, als hätten sich nicht nur die Götter, sondern auch die Weisen zurückgezogen, und uns mit unserer Unweisheit und unseren halben Kenntnissen in allem allein gelassen. Was uns an Stelle der Weisen blieb, sind ihre Schriften ... wenn man nur wüßte, warum man sie noch lesen sollte. Es ist ihr Schicksal, in stillen Regalen zu stehen, wie postlagernde Briefe, die nicht mehr abgeholt werden – Abbilder oder Trugbilder einer Weisheit, an die zu glauben den Zeitgenossen nicht mehr gelingt – abgeschickt von Autoren, von denen wir nicht mehr wissen, ob sie noch unsere Freunde sein können."

Es ist eigentlich schwer vorstellbar, wie ein Sloterdijk-Autor sich noch stärker von all den Firlefanzträumen seiner Gestalten, des Sloterdijk-Heidegger, des Sloterdijk-Nietzsche, des Sloterdijk-Zarathustra, des Sloterdijk-Platon-Über-Humanisten, usw. distanzieren könnte, damit dies von einem Sloterdijk-Anfänger zur Kenntnis genommen wird.

Kehren wir ganz zum Schluß noch einmal zu der immer noch unbeantworteten Frage zurück, was denn dieser Sloterdijk nun eigentlich denkt? Da gibt es nämlich noch eine Figur, die ein ganz gewitzter Sloterdijk-Anfänger ausfindig gemacht hat. Da die Bücher der suspekt gewordenen Weisen ja nun wie nicht abgeholte postlagernde Briefe "in stillen Regalen" lagern, braucht es doch wenigstens Sloterdijk-Archivare, die Zugang dazu haben. Mit einer Bemerkung über die Archivare endet der Sloterdijk-Vortrag: "Alles deutet darauf hin, daß Archivare und Archivisten die Nachfolge der Humanisten angetreten haben. Für die Wenigen, die sich noch in den Archiven umsehen, drängt sich die Ansicht auf, unser Leben sei die verworrene Antwort auf Fragen, von denen wir vergessen haben, wo sie gestellt wurden".

Die "Berliner Zeitung" (6.9.99) tippt darauf, dass der wahre Sloterdijk sich hinter eben diesem Archivar verberge und macht daraus: "Sloterdijk bietet sich an, in die Archive zu steigen, um dem, was da sowieso kommen wird zähmen, züchten, selektieren, die Anleitung zu diktieren". Nun ja, sagte ich es nicht, es wird eben nichts ausgelassen im deutschen Feuilleton.

 

EmailDr. Hermann Oetjens

 

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