| Studium |
Der Konstanzer Fachbereich Philosophie war einer der ersten philosophischen Fachbereiche in ganz Deutschland, der einen Bachelor/ Master-Studiengang eingeführt hat. Was versprechen Sie sich davon?
Der Hauptgrund für mich wie für meine Kollegen war die nicht tolerable Tatsache, dass wir in der Philosophie eine sehr hohe Abbrecherquote haben. Das ist nicht nur in Konstanz, sondern bundesweit so. Allerdings hat sich Universitätsphilosophie immer auch als Angebot an viele Studenten anderer Fächern verstanden, die sich für eine begrenzte Zeit intensiver mit philosophischen Fragen beschäftigen wollen, ohne an einen Abschluss zu denken. Insofern ist die Statistik etwas verzerrt. Dennoch: Es war klar, dass wir uns hier bewegen mussten.
Wie kann man durch ein Bachelor-Studium die Abbrecherquote verringern?
Durch stärkere Verschulung mit festliegenden Kursen und regelmäßigen Prüfungen. Wir hatten im WS 2003/04 zirka 30 neue Bachelor-Studenten, und es sieht so aus, dass die allermeisten auch abschließen werden. Beim Einsatz für den Bachelor spielen sicherlich auch persönliche Erfahrungen eine Rolle. Kollege Wolters, der federführend bei der Einführung des neuen Studiengangs war, hat Erfahrungen aus Pittsburgh eingebracht, einem langjährigen Kooperationspartner unseres Fachbereichs, ich selbst aus Harvard, wo ich ein Jahr lang gewesen bin.
Und was haben Sie dort gesehen?
Ich habe das amerikanische System als zweischneidig empfunden. Ich habe erlebt, dass durch stärkere Verschulung größerer Druck entsteht, der auf viele Studenten positiv disziplinierend wirkt. Einige Unterrichtsformen fand ich sehr gut, insbesondere das Essay-Schreiben, das ich übernommen habe.
Sie haben bei der Preisverleihung aber auch von „hohen Risiken“ gesprochen, die solch eine Verschulung gerade in der Philosophie mit sich bringt.
Zu den Dingen, die mich in den USA nicht überzeugt haben, gehört die mangelnde Selbständigkeit der Studenten. Insbesondere im Bachelor-Studiengang waren viele Studenten, die ja eigentlich junge Erwachsene sind und selbständig denken können bzw. es im Studium lernen sollten, sehr passiv. Die haben weitgehend nur rezipiert, was ihnen vorgesetzt wurde.
Aber ist die hohe Abbrecherquote nicht ein Indiz, dass es das erwartete Potential an Selbständigkeit auch hierzulande gar nicht gibt?
Selbständigkeit kann man fördern. Das gilt besonders für die Philosophie, in der es nicht wesentlich darum geht, Fakten und Techniken zu vermitteln. Insofern mag sie kein Idealfach für den Bachelor sein, wenn die Idee ist, mit ihm einen direkt berufsqualifizierenden Abschluss zu erreichen. Andererseits befähigt nur das selbständig Angeeignete zur Selbständigkeit auch im Berufsleben.
Was macht den hohen Stellenwert des selbständigen Arbeitens für Sie aus?
In der Philosophie geht es um sehr grundlegende systematische Fragen. Wenn man Grundlagenfragen stellt, heißt das immer, dass man bisher geltendes Standardwissen in Frage stellt. Das kann man aber nur, wenn man bereit ist, über das hinaus zu denken, was man in Lehrbüchern vorfindet. An solche Fragen sollen die Studierenden herangeführt werden. Sie sollen sich durch sie faszinieren lassen, sich an einem philosophischen Text oder Problem reiben, bohren, versuchen selbst durchzustoßen und herauszukriegen, was Sache ist. Das geht nur, wenn man Zeit hat, sich mit dieser Sache auch auseinanderzusetzen, nötigenfalls viele Stunden lang. Wenn die Studenten in der Woche aber zu zwei Dritteln ausgebucht sind mit festgelegten Kursen, dann ist so etwas nicht mehr drin.
Einerseits soll strukturiert werden, andererseits ist keine Zeit mehr da für die Freiheit eines selbständigen Studiums. In Ihrer Rede sagten Sie, auf Kant anspielend, dass es für den eigenen Gebrauch des Verstandes Zeit und Freiheit bedürfe, zweier Ressourcen, die heute in der Gefahr stünden, ganz zu verschwinden. Was heißt das konkret?
Meines Erachtens schreibt unsere Bachelor-Ordnung, die sich bereits am unteren Limit des uns Vorgegebenen hält, noch immer zu viele Pflichtstunden vor. Es geht mir dabei um die hohe Zahl, nicht um die Verschulung als solche. Ganz konkret: Mit den 75 Handouts meines jetzt prämierten Kernkurses gebe ich den Teilnehmern sehr gehaltvolles Material an die Hand, das sie anderswo so nicht finden. Dieses sollten sie vor der Vorlesung eigentlich schon so weit studiert haben, dass sie in der Lage sind, konkrete Verständnisfragen zu stellen und später auch kritische Fragen zur Sache. Das braucht aber viel Zeit für Vor- und Nachbereitung. Und die ist objektiv nicht mehr da. Diese Verkürzung macht mir auch generell Sorge, weit über mein Fach hinaus. Denn Hochschulen, die nach dem Muster von Aktiengesellschaften organisiert werden und deren Ziel sich darauf beschränkt, in möglichst kurzer Zeit verwertbares „Humankapital“ zu produzieren, sind keine wirklichen Universitäten mehr, der Geist der Wissenschaft geht ihnen verloren.
Das Problem, für das Eigentliche immer weniger Zeit zu haben, haben Sie auch auf Seiten der Forschung ausgemacht. Und als einen der Verursacher das „grassierende Evaluationswesen“. Was haben Sie gegen Evaluationen?
Ich denke zunächst einmal an das normale Gutachterwesen. Ich gutachte selbst für die DFG. Das kostet, well man es seriös machen, sehr viel Zeit. Wenn diese Arbeit nun immer mehr wird, heißt das tendenziell entweder, dass man auf konstruktive eigene Tätigkeit verzichten oder bei der Begutachtung flüchtig verfahren muss. Letzteres ist der Normalfall. Was er bewirken kann, zeigt sich inzwischen dramatisch, z. B. am Fall Schön. Denn zu den relativ wenigen, zweifelsfrei erwiesenen Tatsachen gehört hier, dass Schön bis hinein in die renommiertesten Zeitschriften Aufsätze publizieren konnte, die von den Referees entweder überhaupt nicht oder sehr schlampig gelesen wurden. Ich kann verstehen, dass überlastete Kollegen, die ständig neue Aufsätze auf den Tisch bekommen, versucht sind, sich die Sache leichter zu machen. Aber Sie sehen das Dilemma, in dem wir stecken.
Was ist hier schief gelaufen?
Der generelle Zug zur Ersetzung von Qualität durch Quantität ist eine ganz verhängnisvolle Fehlentwicklung. Man sollte die Leistung von Wissenschaftlern nicht danach beurteilen, wie viel sie publiziert haben, auch nicht danach, in wie vielen renommierten Publikationsorten sie präsent sind.
Sie haben in Ihrer Rede das Problem fehlender Zeit und damit Freiheit auch auf außeruniversitäre Bereiche bezogen, etwa auf die gesellschaftspolitische Diskussion um die Biotechnologie. Sie kritisieren, dass diese enorme Herausforderung „an schnelldenkende, normativ ebenso desorientierte sogenannte Experten“ delegiert werde. Wie würde für Sie solch eine Debatte richtig ablaufen?
Hier würde „richtig“ heißen, dass man sich die benötigte lange Zeit nimmt, um die Dinge gründlich zu durchdenken – ohne den Druck der Ökonomie oder Technik und der mit den Hufen scharrenden Wissenschaftler, die bestimmte Dinge gerne machen wollen. Was die Tradition unter „Menschenwürde“ verstanden hat, wird durch die neuen Technologien tiefgreifend erschüttert. Das gilt besonders für die Fragen der Autonomie und der personalen Identität und die Frage nach Lebensanfang und Lebensende, aber auch noch für vieles andere. Wir müssen uns ernsthaft damit auseinandersetzen, wie sich unsere Gesamtsituation als Menschen dadurch verändert und was wir davon letztendlich wollen und was nicht. Das bedarf Zeit.
Es gibt ja den nationalen Ethikrat. Der beschäftigt sich doch mit solchen Fragen.
Solche Gremien werden gemischt besetzt, zum Teil mit Naturwissenschaftlern, in diesem Fall gentechnisch und medizinisch erfahrenen. Diese sind aber für die zentrale Frage, was wir eigentlich wollen und sollen, in keiner Weise besser qualifiziert als jeder Normalbürger. Doch auch Personen, die traditionell und kraft Amtes mit solchen Fragen befasst sind, wie Philosophen und Theologen, sind von den neuen Entwicklungen absolut überrascht worden. Wir geraten mit ihnen in Bereiche unserer Existenz, von denen es bisher keine Erfahrung gibt, über die noch niemand wirklich nachgedacht hat. Auch ich als praktischer Philosoph bräuchte Nachdenkzeit, und ich bin überzeugt, dass es keinem meiner Kollegen anders geht.
Nutzlose Universitätsphilosophie?
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Die Fragen stellte uni-kon, die Zeitschrift der Universität Konstanz. Erstveröffentlichung in „unikon 14/04“.
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