Philosophie und Beruf

Cyrus Achouri:

Der Philosoph in der Wirtschaft

Der Zusammenhang von Systemtheorie und sokratischer Maieutik

Anders als es etwa die Berufszweige der Psychologen und Pädagogen verstanden und verstehen es die Philosophen mitunter schlecht, ihr Wissen und ihre Profession zu vermarkten. Ja das Anliegen selbst, dies zu tun, gilt schon als unphilosophisch. Dabei gehen nicht wenige Theoreme etwa in der betrieblichen Weiterbildung, resp. innerhalb der Felder von Personal- und Organisationsentwicklung auf genuin philosophische Fragestellungen zurück. Als Beispiel sei einmal der systemische Beratungsansatz näher betrachtet und ein Verweis auf die sokratische Maieutik angestellt.

Die Systemtheorie erfreut sich inzwischen der verschiedensten interdisziplinären Zugänge, angefangen etwa von verschiedenen familientherapeutischen Schulen, über die soziologische Ausprägung Luhmanns hin zur evolutionistisch-biologischen Konzeption autopoietischer Systeme wie Maturana und Varela sie vertreten. Nach wie vor gibt es aber meines Wissens keine philosophische Konzeption der Systemtheorie.

Dabei geht gerade der zentrale Gedanke jeder systemischen Beratungsleistung auf die philosophische Fragetechnik zurück, eine Technik, die Sokrates generiert hat und die seither als "Hebammenkunst" (Maieutik) bezeichnet wird. Um uns diesen Zusammenhang zu verdeutlichen, wollen wir zunächst einmal ausführen, was systemische Beratung im Allgemeinen bedeutet, ohne näher auf spezifische Theoreme einzugehen.

Systemische Beratung

Systemische Beratung verfolgt vereinfacht gesprochen das Ziel, ein System dergestalt zu beraten, dass es dazu fähig wird, selbständig und eigenverantwortlich
die Lösung für eine sich stellende Anforderung zu finden und somit die systemimmanenten Kräfte zu entfalten. Evolutionistisch formuliert muss letztendlich das Ziel sein, die Überlebensfähigkeit des Klientensystems zu erhöhen.

Der Berater hat sich hierbei möglichst neutral zu verhalten und möglichst jede Manipulation hinsichtlich eines Lösungsansatzes zu vermeiden. Die vom Berater angestoßenen Prozesse im System sind demgemäß ebenso wenig antizipierbar wie auch die Richtung, die das System nach der Intervention einschlägt.

Im Gegensatz zu anderen Beratungsansätzen wird der systemisch orientierte Berater anbieten, die Situation transparent zu machen bzw. mögliche Veränderungsmuster zu diskutieren, aber nicht auf die Veränderung drängen, resp. die Richtung der Veränderung vorgeben. Das würde jedoch in die innere Sinnhaftigkeit des Systems eingreifen und einen externen Sinn oktroyieren. Was für das System gut ist, kann aber nur das System selbst erkennen.

Systemtheorie geht damit implizit davon aus, dass ein System die Möglichkeiten zur Lösung seiner Probleme immer schon in sich trägt. (1) Es ist demnach einsichtig, dass es hinderlich sein kann, wenn der Berater vom Fach ist. Wie ein guter Moderator, sollte auch der Berater nicht in der Materie stecken, um "Besucheraugen" auf System und Problemstellung zu behalten.

Aufgabe des Beraters ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, was nichts anderes bedeutet, als das System zur Eigenlösung der ja ursprünglich vom System selbstgenerierten Probleme anzuregen. Dazu müssen bestehende Strukturen und Dogmen in Frage gestellt werden. Der Berater benützt die Methodik des "zirkulären Fragens", insbesondere in der ersten Informationsphase, um bestehende Beziehungsnetze sichtbar zu machen. Dabei geht es zuerst nicht um einen Abgleich von Selbst- und Fremdwahrnehmung, denn die jeweilige Sicht, die sich aus den zirkulären Fragen erschließt, bildet schließlich ein konstituierendes System für den Befragten und stellt somit seine "Realität" dar.

Der Berater sollte einem System keine von außen gesteuerte Rationalität auferzwingen. Vertritt man die Annahme, dass soziale Systeme sinngesteuert agieren (wodurch sich letztendlich auch die Unternehmensidentität konstituiert), ergibt sich vielmehr zuerst die Notwendigkeit, den hinter den funktionalen Strukturen und Prozessen wirkenden Sinn zu verstehen.

Anders als Sokrates, der auch ungefragt die Athener Bürger vor gut zweieinhalbtausend Jahren auf dem Marktplatz in ein Gespräch verwickelte, findet der Berater ein System vor, das sich Hilfe bei der Lösung eines Problems wünscht.

Sokratische Maieutik und ihre Methoden

Nach Sokrates wäre somit schon der erste Schritt zur Bewältigung des Nichtwissens getan: nämlich das Vorhandensein eines Wissens um das Nichtwissen und damit ein Problembewusstsein. Die sokratische Maieutik zeichnet sich nun gerade darin aus, dem anderen nicht ein fertiges Konzept zu predigen, das dieser nur übernehmen muss. Dass Sokrates dies auch gar nicht wollte und konnte, darauf verwies er insbesondere damit, dass sein Wissen sich gerade im Nichtwissen beschränke.
Ein Berater wird diese Bescheidenheit heute vermarkten als Hinweis, dass Expertenwissen gerade die Sicht auf Lösungsmöglichkeiten verstelle.

Der Beraters hat die Gewissheit, dass im System die Mittel der Problemlösung immanent vorhanden sind, ebenso wie Sokrates sich als Hebamme einer Wahrheit verstand, welche immer schon in den Menschen steckt. Eine punktuelle Veränderung von Handlungsweisen allein kann keine permanente Zustandsänderung eines Systems bewirken. Demnach ist die eigenverantwortliche Änderung des Systems die einzige Möglichkeit für dauerhaften Erfolg.

Methodische Verallgemeinerung

Eine sehr gute Einführung in die sokratische Fragetechnik finden wir im Dialog "Laches". Zunächst geht es darum, zu klären, ob die Fechtkunst ein geeignetes Mittel sei, um Tapferkeit zu erreichen und Sokrates wird zur Klärung dieser Frage hinzugezogen. Anstatt aber die Frage zu beantworten, hinterfragt er die Fechtkunst, zu welchem Zweck sie erlernt werden soll. Ist es Tapferkeit, die damit erreicht werden soll, so beginnt Sokrates einen allgemeinen Diskurs, der untersuchen soll, was Tapferkeit denn eigentlich sei. Letztendlich zeigt sich, dass niemand angeben kann was Tapferkeit ist. Auftrag an Sokrates war es aber, zu klären, ob Fechtkunst geeignet sei, um tapfer zu werden. Wenn aber das Ziel nicht definiert werden kann, wie kann man dann zielführende Mittel hierfür definieren? Sokrates macht also nichts anderes als seinen Auftrag "klarzuziehen". Kann der Zweck des Auftrags nicht definiert werden, so kann er auch keine Expertise zu den adäquaten Mitteln abgeben.

Nicht anders ist heute ein systemischer Berater tätig, der etwa geeignete Mittel, die Mitarbeitermotivation zu erhöhen, erarbeiten soll. Der Berater wird hier anhand der sokratischen Methodik Fragen nach dem Allgemeinen stellen, indem er zunächst den "Auftrag klar zieht", was nichts anderes bedeutet als das Ziel des Auftaggebers, nämlich Mitarbeitermotiviation, genau zu definieren. Was meint der Auftraggeber damit, wie ist das Ziel messbar, was genau ist darunter zu verstehen? Unter Umständen ergibt sich daraus, dass der Berater nicht die Mittel umsetzt, die im Auftrag ursprünglich festgesetzt waren, sondern völlig andere Mittel nötig werden, bei geänderter Zielsetzung. Wie Sokrates ist der Berater nur der Fragende. Er stellt die Fragen, enthält sich aber selbst der Behauptungen.

Sokrates war der erste, der solche Fragen gestellt hat, nämlich methodische Fragen nach dem Allgemeinen. Aber wir finden noch mehr sokratische Stilmittel, die heutzutage implizit den Weg in die aktuellen Beratungsmethoden gefunden haben.
In Ergänzung zur oben aufgeführten Methode der Verallgemeinerung soll im Weiteren auf die sokratischen Stilmittel der Aporie und der Ironie verwiesen werden.

Aporie und Ironie

Die Tatsache, dass der sokratische Dialog oft in einer Aporie endet, ist nicht gleichbedeutend damit, dass das Gespräch kein Ergebnis hat. Der Befragte entlarvt sich, nichts über das, wozu er befragt wird, zu wissen. Sokrates weiß auch nichts darüber, hat aber dem Befragten voraus, dass er sich zumindest über diesen Zustand des Nichtwissens im Klaren ist, was als sokratische Ironie bezeichnet wird. Als Ergebnis ist dennoch festzuhalten dass man am Ende mehr weiß als vorher, nämlich zumindest die Negation der Richtigkeit von Sachverhalten feststellen kann.

Hierbei kann der Berater aber nicht stehen bleiben. Im Gegensatz zum freien Philosophieren, das durchaus in der Aporie enden kann, darf die Aporie im Beratungsgespräch nur eine Zwischenbilanz sein. Sie wird bei festgestelltem Irrtum des ursprünglichen Auftrags (also der Ziele und der damit verbundenen Mittel) zur Formulierung eines neuen Auftrags führen. Die Aporie ist somit letztendlich kein Selbstzweck, aber zur klaren Definition eines Auftrags, u.U. auch zur Vermeidung von Manipulationen ein notwendiges Stadium im Beratungsprozess.(2)

Sokrates hat mit seinen bis dahin unüblichen methodischen Fragen nach dem Allgemeinen und dem Einfordern der logischen Begründung jeder Aussage, wie wir wissen, den Weg der Wissenschaft für Europa und dann der ganzen Welt geebnet.

Wir wollen noch einmal die Gemeinsamkeiten zwischen sokratischer Methodik und systemischer Beratung zusammenfassen: Die Systemtheorie schließt sich dem sokratischen Menschenbild an, indem es davon ausgeht, dass das Wissen im System vorhanden ist und von einem neutralen Berater nur unterstützt werden muss, um hervorzutreten. Der Berater trägt nicht von außen an das System die Lösungen heran. Aristoteles bezeichnet die Methodik der sokratischen Gespräche dementsprechend: "Sokrates fragte nur, aber er antwortete nicht" (3). Die sokratische Maieutik ist demnach ein geeignetes Mittel, um methodisch Wissen hervorzuholen, resp. Lösungen für Probleme zu erhalten.
Die Stilmittel der Verallgemeinerung, der Aporie, wie auch der Ironie kommen ebenso in der systemischen Beratung zur Anwendung, wenn auch unter der Verwendung von anderen Begrifflichkeiten.

Die Welt hat sich verändert. Wir Philosophen sollten das auch. Ein Konzept philosophischer Systemtheorie vorzustellen wäre eine von vielen lohnenswerten Aufgaben für Philosophen, nicht zuletzt auch hinsichtlich der bestehenden Marktnachfrage. Die Philosophen müssen ihre Scheu überwinden, sich in aktuellen Gesellschaftsfragen nützlich zu erweisen. Die Gesellschaft hat verlernt, in der Philosophie einen Nutzen zu sehen und die Philosophen haben verlernt sich als nützlich zu erweisen, vielleicht auch aus der unbegründeten Angst heraus, damit den Anspruch auf Wahrheit zu verkaufen. Vielleicht wäre Sokrates heutzutage als systemischer Berater tätig.

 

Autor

Dr. Cyrus Achouri ist promovierter Philosoph und arbeitet als Personalentwickler bei der Siemens AG München

Anmerkungen

1) Die Frage, wie es möglich sein kann, ein System ohne Manipulation zu beeinflussen, ist nur eine von vielen interessanten Fragestellungen, die sich mit diesem Ansatz stellen. Man kann sich auch fragen, wieso das System einen Berater braucht, wenn doch die Möglichkeiten der Selbsthilfe vorhanden sind, resp. ob es dann nur um die Bewusstmachung eigener Potentiale geht, etc.

2) Vertragliche Verpflichtung geht man nicht mit einzelnen Personen ein, sondern mit dem Klientensystem. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen dass von Anfang an Versuche, Bündnisse mit Einzelpersonen oder Machtkonstellationen zu knüpfen, häufig sind. Diese Versuche sind meist darauf abzielend, anstehende Veränderungen abzuschwächen. Generell ist auch zu sehen, wer Auftraggeber des Beraters ist: Es ist nicht selten der Fall, dass Berater genau von Personen-(gruppen) beauftragt werden, welche etwa durch Veränderungsprozesse einen Machtverlust befürchten. Auch wenn Symptome an einzelnen Personen festgemacht werden, dient diese Lokalisierung von Problemen häufig als Strukturschutz eines veränderungsunwilligen Systems, resp. von Teilen darin. Dies alles ist bei der Übernahme eines Auftrages zu bedenken. Der Auftrag ist demgemäß zunächst zu hinterfragen und kann, insbesondere wenn sich für den Berater durch gezieltes Nachfragen und Überprüfen ein Manipulationswille erkennen läßt, in einer Aporie enden. Es zeigt sich dann dass der/die Auftraggeber an den Berater Auftragsinhalte herantragen, die sich nach methodischem Hinterfragen als irrelevant herausstellen. Der Auftrag muss dann neu formuliert werden.

3) Aristoteles. Sophistische Widerlegungen (Organon VI). Felix Meiner Verlag, Hamburg. Unveränderter Nachdruck der zweiten Auflage von 1922, S.66, 183 b.

Literatur

Volker Riegas und Christian Vetter (Hrg.):Zur Biologie der Kognition - Ein Gespräch mit Humberto R. Maturana und Beiträge zur Diskussion seines Werkes. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1990

Francisco J. Varela: Kognitionswissenschaft-Kognitionstechnik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1990

Niklas Luhmann. Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bd. Frankfurt am Main 1997.

Platon. Laches, in: Platon, Werke in 8 Bänden. Hrg. Von Gunther Eigler, Darmstadt 1977.

Roswita Königswieser und Christian Lutz (Hrg.): Das systemisch-evolutionäre Management: der neue Horizont für Unternehmer. Wien 1992.

Links

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