Bericht

Ästhetik-Kongress: Gelehrsamkeit statt Originalität

Die Ästhetik, neben der praktischen und der theoretischen Philosophie die dritte, wenn auch vernachlässigte, grundlegende Disziplin der Philosophie, ist weniger als die beiden anderen dem Druck zur Verwissenschaftlichung ausgesetzt und damit offener für kreative, mitunter provozierende, wenn auch nicht bis in letzte durchdachte Ideen.

Der 1999-Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik, der unter dem Titel "Die Wirklichkeit der ästhetischen Wahrnehmung" vom 13.-16. Mai in Hannover stattfand, schien allerdings das Gegenteil zu beweisen: Nicht Originalität, sondern Gelehrsamkeit war angesagt, und spannende Diskussionen konnten so gar nicht erst aufkommen. Viele der vom Präsidenten der Gesellschaft, Martin Seel, eingeladenen Professoren trugen aus größeren Projekten vor, an denen sie gerade arbeiteten bzw. die sie abgeschlossen hatten.

So Reinhard Brandt, der der Entwicklung des Bildbegriffs in der Philosophiegeschichte nachging und feststellte, die großen Philosophen hätten sich kaum zu der Frage, was ein Bild sei, geäußert. Den Grund sieht Brandt darin, daß es die Philosophie immer mit Vorstellungen zu tun und diese mit Bildern gleichgesetzt hatte (der "Vorstellungsfalle", der nach Brandt selbst noch ein Philosoph wie Goodman erlegen ist). Wichtig für die Erkenntnis des Bildes ist der Negationsakt des Betrachtens, mit dem das Bild von der Wirklichkeit unterschieden wird (etwas, das Tiere nicht können). Sehr trocken fiel der Vortrag von Christoph Menke, dem neuberufenen Philosophieprofessor in Potsdam aus, einer gelehrten Untersuchung zum Geschmacksbegriff im 18. Jahrhundert. Ebenfalls mit der Geschichte eines Begriffes, der des "Neuen", befaßte sich Rüdiger Bubner, bevor er gegenwärtige avantgardistische Versuche in der Kunst als nicht subventionswürdig disqualifizierte. Eindrucksvoll war Albrechts Wellmers Theorie des "musikalischen Kunstwerkes", in der er ästhetische Erfahrung als Synthetisierungsleistung von Verstand und Einbildungskraft auswies, ebenfalls ein Ausschnitt aus einem größeren work in progress. Nah am Tagungsthema war Gottfried Gabriel, der sich mit den ästhetischen Formen der Pfennigmünze beschäftigte und etwa der Frage nachging, ob eine Kupfer-Legierung "harte Währung" assoziiert, mithin die ästhetische Wahrnehmung das Denken beeinflußt. Gernot Böhme betonte die atmosphärische Erfahrung, die beim Erfassen eines Kunstwerkes existentiell ist, und eine ganz andere Art von Ästhetik, nämlich "neuronale Ästhetik", führte Olaf Breidbach anhand neuronaler Vorgänge im Gehirn vor. Das reiche, so kritisierte allerdings Reinhard Brandt, noch nicht aus, um von Ästhetik zu sprechen. Breidbach zeigte, daß viele der Konzepte, die in der Neurowissenschaft gegenwärtig aktuell sind, dies bereits im 19. Jahrhundert waren, sich damals aber als nicht erfolgreich erwiesen. Deswegen, so Breidbach, gelte es gegenüber Konzepten wie der mentalen Repräsentation vorsichtig zu sein. Innovativ war der Versuch einer phänomenologischen "Ästhetik des Films", der sich allerdings mehr mit dem Geschehen im Kino als mit dem Film selber beschäftigte, den Birgit Recki vortrug. Seit dem Calvinisten Rousseau, so klagte sie eingangs, sei das Theater und damit auch der Film mit einem fundamentalistischen Vorbehalt behaftet, der sich in der Philosophie - besonders bei Adorno - in der Form von Ablehnung zeige. Deswegen sei man, wenn man versuche, den Film ästhetisch zu betrachten, von vornherein in der Defensive.

Das zeigte sich auch in der Diskussion: Während Martin Seel ihre Überlegungen schlicht für ungenügend hielt, vermißte dessen Lehrer Wellmer ein Unterscheidungskriterium zwischen gutem und schlechtem Film. Die größte Aufmerksamkeit zog der Vortrag von Karl-Heinz Bohrer auf sich, der sich mit der Aggressivität künsterischen Schaffens auseinandersetzte. Seine These, daß Kunst und Literatur nicht nur inhaltlich, sondern prinzipiell mit Gewalt zu tun haben, das war, so Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen, eine der wenigen Provokationen des Kongresses.

 

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken