Philosophie heute

Peter Moser:

Faszination Agamben

Der italienische Philosoph polarisiert die Geister

Der 1942 in Rom geborene Giorgio Agamben, der seit 2003 als Professor für Ästhetik in Verona lehrt, hat seit fünfzehn Jahren eine beispiellose Karriere hinter sich. Er galt lange als Geheimtip und ist inzwischen durch eine breite Rezeption im Feuilleton der grossen Zeitungen und durch die Übersetzungen seiner Bücher zum Starphilosoph geworden. Gleichzeitig polarisiert er wie kaum ein zweiter Denker. Neben seinem Hauptwerk, dem Homo sacer, hat er zumeist kurze literarisch-philosophische Essays (er selber bezeichnet sie zuweilen als "Noten") geschrieben, die jetzt nach und nach in deutscher Übersetzung veröffentlicht werden. Dabei schöpft er aus einer immensen und inhaltlich breit gefächerten Lektüre die auch abgelegene Originalliteratuamazon-Bestellungr. Dabei präsentiert er diese Quellen nicht kritisch, sondern als Autoritäten, und diese werden, wie es Jens Balzer formuliert hat, "affirmativ sprechen gelassen". Dies wiederum erschwert eine kritische Auseinandersetzung mit ihm.

Agamben ist fasziniert vom Extrem, vom Extrem des Ausnahmezustandes, vom Extrem des Konzentrationslagers. Und von ihm geht eine Botschaft aus, die er zwar so nicht formuliert, aber die man so liest: Das Lager, der schutzlos der Willkür ausgelieferte Lagerinsasse, dem nur das nackte Leben bleibt und der straffrei getötet werden kann, bildet die verborgene Matrix der Moderne. Bei Agamben heißt es, das Lager sei "der neue biopolitische nómos der Moderne". So liest sich seine Botschaft wie "ein auf den Kopf gestelltes humanistisches Traktat" (Dieter Wenk). Agamben stellt dabei bloß dar, er argumentiert nicht, er interpretiert nicht, und das lässt seinen Text besonders eindringlich wirkend. Und vor allem für eine intellektuell heimatlos gewordene Linke wirkt die Lektüre wie Balsam. Seine Aussage, einige Zeit vor Guantánamo geschrieben, der Ausnahmezustand habe erst heute seine weltweit größte Ausbreitung erfahren, wird vor der Hintergrund der Ereignisse in jüngerer Vergangenheit als grundlegende Einsicht gelesen. Endlich wieder ein philosophischer Text, mit dem sich die Zeitläufe interpretieren lassen. "Auschwitz ist überall" titelt etwa die linke Zeitschrift Konkret. Gerade das linke Feuilleton, etwa das der Frankfurter Rundschau, hat denn auch immer wieder auf Übersetzungen gedrängt, die lange auf sich warten ließen.

Allerdings ist Agambens Text an sich kein politischer Text, auch kein sozialkritischer, er ist nicht klar einzuordnen und gehört am ehesten zu den metaphysischen oder anthropologischen Traktaten. Man kann ihn zu den verschiedensten Zwecken (miss)brauchen. Und auch das macht ihn so interessant. Agamben hat Paten ganz unterschiedlicher Couleur, Walter Benjamin ist an erster Stelle zu nennen, dann aber vor allem der berüchtigte Carl Schmitt. Aber auch Foucault. Auf ihn geht etwa der Gedanke der Ausbreitung des Sicherheitsparadigmas als normale Regierungstechnik zurück, der zum Ausnahmezustand hinzukommt, ja ihn mehr und mehr ersetzt. Nicht zu unterschätzen ist aber auch der Einfluss Heideggers, bei dem Agamben in der Provence zwei Seminare (1966 und 1968) besucht hat. 

amazon-BestellungAgamben zu lesen ist faszinierend. Sein Stil ist im Gegensatz zu dem von Sloterdijk auch nicht oberflächlich brillant, sondern tiefsinnig und dicht. Er lässt einen auch nach der Lektüre nicht einfach los, sondern beschäftigt unterbewusst weiter. Wie weit seine Diagnose einer Kritik standhält, das fragen seine Leser in der Regel nicht, sie wird - wie weiland Heideggers Philosophie - von vielen einfach übernommen. Agamben erinnert in einigem an Heidegger: Er hat inhaltlich eigentlich nur ein Thema (der Mensch in seiner Tiergestalt) und befragt dieses immer wieder eindringlich von neuem von den verschiedensten Seiten, und dies mit größter Ernsthaftigkeit. Und er formuliert so, dass seine Aussagen nie ganz eindeutig sind, dass sie zur Interpretation geradezu herausfordern. Aber andererseits tut er das, was mit Ausnahme von Hannah Arendt niemand vor ihm gewagt hat: Auschwitz philosophisch ernst zu nehmen.

Es ist eine düstere Philosophie, die Agamben vorträgt, und er bietet keine Hoffnung auf Erlösung an. Vielleicht hat sich gerade deshalb eine große Gemeinde um ihn gebildet. Am Pfingstmontag dieses Jahres hat er in der Volksbühne aus seinem neu in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erschienenen Buch Profanierungen gelesen vorgelesen [Mehr darüber]. Diese Vorlesung fand enormen Widerhall, verschiedene überregionale Zeitungen hatten darüber berichtet. Darauf ist es zu einem intellektuellen Schlagabtausch über das neue Buch zwischen dem Journalisten der Berliner Zeitung Jens Balzer, der häufig über Philosophie schreibt, und Carl Hegemann, dem einladenden Chefdramaturgen der Volksbühne, gekommen (Berliner Zeitung, 205. und 26.5). Balzer wirft Agamben vor, durch seine Unterwerfung unter die Autorität der literarischen Tradition könne er einerseits mit humanistischer Bildung brillieren und andererseits alles entschärfen, "was an der Rede vom Nichtidentischen" - bei Deleuze und Guattari - "produktiv verstörend erschien". Diese beiden hätten eine jedem Menschen angeborene revolutionär-demokratische Unruhe herausgelesen, bei Agamben solle entsprechend dem antiken Opfer das moderne Ich sein Nicht-Ich "besänftigen und günstig stimmen". Genauso empfehle Agamben gegen den Kapitalismus nicht die Demokratie, sondern "die Freuden der individuell anzustrebenden Harmonie mit der Welt". Damit werde der dialektische Blick auf die Gegenwart durch einen ausweglosen Kulturpessimismus ersetzt. Balzers Fazit: "An ‚politischer Philosophie' bleibt hier nichts übrig als der behaglich-unbehagliche Grusel des Philologen, der die Welt um sich herum immer weiter in Verdummung und Verblendung entgleiten sieht". Carl Hegemann konterte, Balzer reduziere Agamben auf Freud und den älteren Poststrukturalismus, was ihm die Lektüre erspare: "Agambens Arbeit ist soweit von ‚Neokonservatismus' und ‚lähmender Behaglichkeitslasur' entfernt wie Jens Balzers in diesem missglückten Schnellschuss vom Denken mit dem Kopf". Vielmehr entwickle Agamben "gegen die Abspaltung der Menschen von sich selbst und die zunehmende Unbrauchbarkeit ihrer Produkte, gegen den Zerfall des Gebrauchswertes, an dessen Stelle ein bloßer ‚Ausstellungswert' trete, der die Welt in ein Museum oder ein Theater verwandelt... ein Konzept der Entheiligung oder Schändung, um die Dinge wieder einem möglichen Gebrauch zuzuführen, sie aus ihrer Abgetrenntheit in der heiligen Sphäre des Marktes zurückzuholen".

Links

Agamben lehrt in Düsseldorf

Externe Links

Website Giorgio Agamben, European Graduate School

Wikipedia über Agamben 

 
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[Stand der Information: 5/12/2005]

 

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Düsseldorf, 24.5.2000, Der Herausgeber