| Akademie-Kritik |
Von Zeit zu Zeit werden Attacken auf die Universitätsphilosophie geritten. Die neueste stammt von dem Freiburger Germanisten Lutger Lütkehaus. In der Zeit (Nr. 21/2001) hat er ein "Pamphlet" mit dem Untertitel "Vom fehlenden Nutzen der Universitätsphilosophie für das Leben" veröffentlicht. Sein Vorwurf ist happig: "Wo drängende Probleme an der Tagesordnung stehen, da wirbelt sie bestenfalls den Staub der Archive auf". Man denkt sich, der Mann hat die Entwicklung der letzten Jahre verschlafen, sieht dann aber gleich, dass er Freiburg im Auge hat, ein Ort, wo der Vorwurf in der Tat zutrifft. Ein zweiter, fundierterer Vorwurf von Lütkehaus lautet, die Philosophie "starre wie gebannt auf die Wissenschaften", und man wisse doch, dass sie diese nicht erreichen könne. Kreativität sei ihr fremd, es komme ihr allein auf das Recyceln von Texten über Texte an. Ersteres sieht er vor allem in der Subkultur der akademischen Cafés. Philosophie, so klagt Lütkehaus, habe das, was sie in der Antike ursprünglich war, nämlich Lebensweisheit, verloren. Das Bonmot vom fehlenden Nutzen der Philosophie sei so alt wie die Philosophie selbst, replizierte der Universitätsphilosoph Josef Früchtl in Ausgabe 23 desselben Wochenblattes. Nicht einmal in einem Nebensatz des Pamphletes tauche der Gedanke auf, dass auch das Nutzlose seinen Wert haben könnte. Als Philosoph wundere man sich über die Ansammlung von Klischees bei einem Autor, der das Denken zu seinem Beruf gemacht habe. Was er mit seinen Kritikpunkten mache, sei doch nichts anderes als wiederum ein neues Recyceln alter Vorwürfe. "Armes Freiburg, so mag man seufzen, wie weit bist du seit Heideggers Abgang gesunken!" Für die Wissensform, die er für die Philosophie die einzige richtige halte, nämlich die Lebensweisheit, müsse Lütkehaus weit zurückgehen: bis zur Antike. Und schlussendlich habe Lütkehaus selber im ersten Teil seines dickleibigen Buches Nichts wiederum nichts anderes als eine Philosophiegeschichte der Neuzeit geliefert. Ähnlich argumentiere Kai Schaffelhuber in einem Leserbrief: Dass man an den entsprechenden Einrichtungen der Universitäten keine Philosophen finde, könne man bereits bei Schopenhauer lesen: "der Vorwurf des Wiederkäuens fällt also auf Ihren Autor zurück".
Einen Schlichtungsversuch hat darauf Ansgar Beckermann unternommen. Zwar habe Lütkehaus nicht unrecht, dass sich gerade in Deutschland Philosophie allzu häufig in Philosophiegeschichte erschöpfe, doch das ändere sich derzeit. Lütkehaus habe aber etwas ganz anderes im Sinn, dass nämlich Philosophie Lebenshilfe zu geben habe. Und hier liege die entscheidende Alternative: auf der einen Seite Philosophie als Lebenshilfe, auf der andern Seite Philosophie als akademische Disziplin. Lütkehaus übersehe, dass Philosophie bereits in der Antike beides war: Philosophie als Frage nach dem guten Leben, verkörpert durch Sokrates, und Philosophie als Wissenschaft, verkörpert durch Aristoteles. Antike Philosophie zeichne sich durch Praxisbezug aus, aber auch durch Faszination durch große theoretische Fragen. Philosophie habe von Anfang an ein Doppelgesicht, und im Laufe der Zeit hätten sich die beiden Seiten auseinanderentwickelt. Es sei deshalb nicht illegitim, dass sich die akademische Philosophie heute vor allem mit systematischen Problemen beschäftige. Als akademische könne sich die Philosophie heute den praxisbezogenen Seiten lediglich von der wissenschaftlichen Seite her nähern.
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