Sozialphilosophie

Arbeit mehr als eine Ware

Eine fortschreitende Tendenz, Arbeit als Ware zu betrachten, haben die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), Gewerkschaften und Kirchen beklagt. Nach den Worten des katholischen Trierer Bischofs Reinhard Marx widerspricht dies der Menschenwürde sowie den kulturellen und religiösen Traditionen. Arbeit diene zuerst dem Lebenserwerb des Einzelnen und der Familien, und sie sei Ausdruck menschlicher Schaffenskraft. Darüber hinaus ermögliche Arbeit dem Einzelnen Teilhabe am sozialen Leben, und sie sei christlich verstanden, so Marx, Teilhabe am Schöpfungswerk Gottes. 

Den Vortrag des Bischofs, der kurzfristig verhindert war, trug Hildegard Hagemann von der Deutschen Kommission «Justitia et Pax» (Gerechtigkeit und Frieden) am Donnerstag in Berlin vor. Anlass war die Vorstellung eines Buches der ILO über die Arbeit. Darin legen Fachleute das Verständnis von Arbeit aus dem Blickwinkel ihrer jeweiligen religiösen und philosophischen Überzeugungen dar. Marx verwies in seinem Vortrag besonders auf die soeben erschienene erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. und erinnerte auch an das Leitbild einer «Globalisierung der Solidarität» von Papst Johannes Paul II. Solidarität, betonte er, sei nicht nur individuell zu verstehen, sondern als Grundprinzip sozialer Ordnung. 

Dominique Peccoud, ILO-Sonderberater für sozio-religiöse Angelegenheiten und Herausgeber des Sammelbandes, forderte eine «Koalition der unterschiedlichen Traditionen» für eine menschenwürdige Arbeit. Diesen Traditionen sei zunächst eine positive Sicht der Arbeit und ihres Wertes für den Menschen gemeinsam. Zudem diene Arbeit als Bindeglied zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft. Kritik übte Peccoud an dem so genannten Neo-Humanismus, wie er sich etwa beim Weltwirtschaftsforum in Davos zeige. Dabei werde versucht, die Religion für die rein materielle Sichtweise der Welt zu instrumentalisieren, weil man Angst vor einem Auseinanderbrechen der Gesellschaft habe. 

Vor einer verkürzten und eindimensionalen Sicht der Arbeit warnte in Berlin auch der frühere Generalsekretär des Weltkirchenrats, der evangelische Theologe Konrad Raiser. Ihre umfassende Bedeutung werde gerade gegenwärtig für viele Menschen durch den Verlust ihres Arbeitsplatzes spürbar. Arbeitslosigkeit führe zu Selbstentfremdung, zum Auseinanderbrechen von Familien oder zur Ausgrenzung. Ursula Engelen-Kefer, Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), forderte angesichts von Arbeitsplatzverlagerungen wie aktuell etwa bei der AEG in Nürnberg ein «Innehalten». Der Arbeiter dürfe nicht nur unter dem Blickwinkel weltweiter Unternehmensrenditen gesehen werden. 

(kna)

[online: 21/02/2006 - Print: -]

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Düsseldorf, 24.5.2000, Der Herausgeber