Interview

"Wir müssen die Aufklärung überdenken."

Yehuda Elkana im Gespräch mit Thomas Müller und Rosmarie Waldner

 

Was ist das Problem? Wieso verordnen Sie der Wissenschaft eine Reform?

Es sind die Probleme der Menschheit, die Probleme, die uns wirklich beschäftigen. Die Riesenarmut, die Kluft zwischen Norden und Süden, die ökologischen Probleme. Wenn man pessimistisch ist, denkt man, der Kollaps komme morgen. Als Optimist glaubt man, er komme in 50 Jahren. Aber so oder so, die Krise ist da. Und da sind Krankheiten wie Aids, gegen die wir kein Mittel haben und die sich weltweit immer mehr ausbreiten.

Die moderne westliche Demokratie ist in der Krise. Es gibt keine einzige Demokratie in der Welt, von der ich sagen würde, das ist ein Modell, das wir alle kopieren müssen. Wenn ich bei mir zu Hause schaue, dann ist Israel absolut demokratisch für die Juden. Aber was ist das für eine Demokratie, die seit 30 Jahren 1,5 Millionen Menschen ohne Wahlrechte hält? Oder die Vereinigten Staaten, wo 20 bis 30 Millionen Menschen unfähig sind, an der Demokratie teilzunehmen, weil sie miserabel ausgebildet und arm sind? Wo ist das große Glück? Die Fundamentalismen, die jüdischen, die islamischen, die protestantischen usw. nehmen von Jahr zu Jahr zu, und wir wissen nicht, was dagegen zu tun ist.

Wo liegen die Schwierigkeiten?

Die Krisen, die wir haben, sind die Folgen der Aufklärung. Die Folgen von Technik. Medizin, Sozialwissenschaften und westlichen politischen Theorien, die uns die Aufklärung gebracht hat und die so erfolgreich waren, daß sie die ganze Welt erobert haben. Wenn wir die Folgen dieses Erfolgs sehen, dann müssen wir uns fragen: Haben wir es richtig gemacht? Müssen wir die Aufklärung nicht überdenken?

Was heißt die Aufklärung überdenken?

Es gibt zwei Antworten, die ich nicht zulasse. Die eine ist, das sinkende Schiff der Aufklärung zu verlassen, alles aufzugeben, wie es die Antirationalisten, die Antiwissenschaftlichen, die Antimodernen predigen. Das ist keine Lösung. Die andere für mich unzulässige Antwort lautet: Alles ist ak-zeptabel, jeder kann tun und lassen, was er will, wie es die Postmodernisten propagie-ren. Das ist Anarchie, die ich ebenfalls nicht akzeptiere, weder moralisch noch rational. Wir können das Rad der Geschichte nicht einfach zurückdrehen, uns verabschieden von der Technik, der Medizin, der ganzen Wissenschaft und von ihren Anwendungen.

Es gibt eine Alternative, der die Wissenschaft und viele Regierungen nachleben, die aber auch scheitern muß. Sie beharren auf den Grundprinzipien der Aufklärung und versuchen einfach alles besser zu machen. Noch bessere Biologie und Physik, noch bessere Chemie zu betreiben und damit das ökologische Problem aus der Welt zu schaffen. Die Regierungen wollen noch rationaler, noch säkularer handeln und damit die Fundamentalismen zum Verschwinden brin-gen. Das aber ist ein Aufklärungsrationalismus, der nicht wahrhaben will, daß in allen Kulturen Menschen eine innere, religiöse Not haben. Die klassische Idee von der säkularen Demokratie, die allen Menschen die Freiheit bringt, funktioniert eben nicht.

Was soll denn anders werden, wenn schon nicht besser?

Die Ergebnisse der Aufklärung bewahren und gleichzeitig mit den besten experimentellen Methoden und theoretischen Denkweisen, die wir entwickelt haben, weiterarbeiten. Aber die Idee, daß wir universell gültige Theorien finden können, müssen wir aufgeben; egal ob es dabei um die Physik, das Leben, das Individuum oder die Gesellschaft geht. Wir müssen jede Problemsituation im je eigenen Zusammen-hang verstehen und eine lokale Theorie für diesen Kontext entwickeln. Aber man darf nicht erwarten, man könne die ganze Welt unter einem Kontext einordnen.

Folgendes will ich betonen: Wenn keine Absolutismen gelten, bedeutet dies nicht "anything goes", daß Beliebiges richtig sei. Nein, es geht um lokales Wissen, um lokale Theorien mit begrenzter Gültigkeit. In dem auf diese Weise entstehenden Kon-text soll man so tief, so systematisch und methodologisch einwandfrei arbeiten wie möglich.

Geben Sie uns konkrete Beispiele für lokales Wissen, für lokale Theorien.

Nehmen wir die Psychologie. Wir sollten es aufgeben, nach universellen Charakteristiken des "Menschen an sich" zu suchen. Ich fra-ge eher, wie benehmen sich Menschen in einem bestimmten Zusammenhang, in dieser Kultur, heute. Natürlich verspürt jeder Mensch Freude oder Neid. Aber worüber er sich freut, wen er beneidet, das hängt vom Lebenskontext ab. Den universellen, rationalen Menschen gibt es nicht. Es gibt den Menschen, der danach handelt, was ihm wichtig ist. Aber was ihm wichtig ist, unterscheidet sich von Kultur zu Kultur. Deshalb ist das Verhalten des Menschen immer kontextuell, er handelt nach lokalen Konzepten.

Aber es gibt doch universelle Charakteristiken, zum Beispiel die Angst vor der Schlange.

Ja, die Angst vor der Schlange reicht weit zurück in der Evolution. Natürlich gibt es universelle Dinge, aber das ist trivial. Aber ich kann Machtstreben in Ruanda nicht mit demselben Muster erklären wie in Bangladesh oder Nordirland. Wir können die Geschehnisse nicht mit allgemeinen menschlichen Charakteristiken erklären, wir müssen den Kontext verstehen. Das gilt im besonderen Maße gerade für die Politik.

Was ist der Unterschied zwischen einem Despoten in Afrika oder auf dem Balkan?

Nehmen wir das Beispiel Algerien. Dort herrscht ein totalitäres, mörderisches Militärregime, das dieselbe Sprache redet wie die Aufklärung. Ihm gegenüber steht ein fundamentalistischer, ebenso mörderischer Islam. Ich frage nun mit meinen westlichen universellen Konzepten: Was ist besser? Da muß ich den Kontext verstehen. In meinen Augen brauchen wir in dieser Situation eine politische Theorie, in der die Religion eine Rolle spielt. Wir brauchen, um das Phänomen Algerien zu verstehen, eine lokale Theorie nach Konzepten, die im Westen nicht entwickelt worden sind.

Oder nehmen wir das Beispiel Europa. Hier haben sich ganz verschiedene Ebenen herausgebildet, die mit den Nationalstaaten nicht übereinstimmen. Die Großindustrie oder die Verteidigung operieren gesamteuropäisch, die Religionen eher regional und die Kulturen sogar sehr lokal. Wir haben keine Konzepte, wie man politisch mit diesen verschiedenen Niveaus umzuge-hen hat. Wir benötigen neue politische Theorien, in denen die verschiedenen Kontexte Platz finden.

Bei Phänomenen wie Menschen oder Politik mag kontextuelles Denken nötig sein. Aber Sie schlagen den Bogen sehr weit, bis zur Physik. In der Physik kann es doch keine lokalen Theorien geben. Ist das Gravitationsgesetz etwa kulturell geprägt?

Nein, das sage ich nicht. Wir haben das Gravitationsgesetz gefunden und glauben, daß es universell gültig ist. Wir kennen drei weitere Kräfte und haben die Quantenphysik entwickelt. Und mit unserem universalistischen Ansatz verlangen wir nun, all dies auf einem Niveau, in einem einzigen Urkraftgesetz, einer "Theorie über alles" zusammenbringen zu müssen, weil wir sonst die Welt nicht verstünden. Das ist uns nicht gelungen. Es gibt keine solche Theorie.

Noch nicht.

Noch nicht oder nie, darum dreht sich die Debatte. Es gibt die "Theorie über alles" nicht, weil die Grundlagen widersprüchlich sind. Konkret: die Allgemeine Relativi-tätstheorie und die Quantenphysik, die jeweils für sich betrachtet, beide wunderbar funktionieren, widersprechen sich in gewissen Punkten. Die meisten Teilchenphysiker hält dies nicht davon ab zu denken: Es gibt zwar noch keine "Theorie über alles", aber wir sind auf dem Weg dazu. Aber es gibt andere Physiker, die nicht daran glauben.

Sie könnten recht haben. Die Natur ist auf vielen verschiedenen Ebenen organisiert. Ich nenne eine Theorie dann lokal, wenn es nicht gelingt, alles auf eine Ebene zu bringen. Wenn ich neue Werkstoffe verstehen und entwickeln will, muß ich mit der richtigen Grundtheorie arbeiten. Die Theorie über Gravitation ist universell, wenn ich große Körper beschreiben will. Wenn ich in die Mikrowelt abtauche - und diese ist für neue Werkstoffe entscheidend -, dann stört mich nicht, daß dort die Konzepte der Gravitationstheorie nicht stimmen, denn Gravitation ist dort nicht wichtig.

Soll die Suche nach der "Theorie über alles" aufgegeben werden?

Es stellt sich in der Tat die Frage, ob alle Energien, personelle wie finanzielle, auf eine Karte gesetzt werden sollen. Ich glaube, es ist historisch bisher einmalig, was vor einem Jahr in Amerika passiert ist. Zum ersten Mal hat ein politischer Körper, es war der amerikanische Kongreß, nicht akzeptiert, was die Teilchenphysiker verlangt haben: Nämlich 13 Milliarden Dollar für den weltstärksten Teilchenbeschleuniger (SSC) zu genehmigen.

Damit wurde erstmals die Tendenz in der Wissenschaft gebrochen, sämtliche Energie und Mittel in einen einzigen Zugang zu investieren, keinen freien Weg für anderes zu lassen. Diese Tendenz hat sich erst mit der Aufklärung in den letzten 200 Jahren entwickelt, als Folge des universalistischen Denkens.

Und wie wollen Sie konkret die Aufklärung überdenken?

Ich fordere, daß man die universalistischen Grundlagen wegschmeißt und neu denkt. In vielen, vielen Gebieten sind wir an einem Punkt angelangt, wo es nicht mehr weitergeht. Ich meine, weil wir überall vergeblich nach Universalismen gesucht haben und suchen. Nun frage ich danach, was es heißt, nicht in Universalismen zu denken. Es gibt auch andere Ansätze, Probleme zu sehen und anzugehen. Das ist der Pluralismus in der Forschung, den ich institutionalisieren möchte.

Wer sind die Handelnden?

Neue Wege zu suchen, Neues zu denken ist ein Programm für viele Menschen in vielen Kulturen. Als Historiker kann ich sagen: Es ist nicht das erste Mal, daß solches geschieht. Genau so lief es mit der Aufklärung und der wissenschaftlichen Revolution. Bis zu Descartes, Leibniz, Newton und anderen war es völlig undenkbar, die Beschreibung der Natur von der Religion und den Leib von der Seele zu trennen. Damals dachten einige Gelehrte neu und trennten diese Welten, mit Riesenerfolg. Jetzt sind wir wieder an einem Punkt, wo wir viele Gebiete neu betrachten müssen, wie ich meine, ohne den universalistischen Denkansatz.

Heißt dies, in der Medizin zum Beispiel, an der Universität auch die Komplementärmedizin zuzulassen?

Mehr als das. Komplementärmediziner nicht lediglich gewähren lassen, sondern am Krankenbett drei Ärzte versammeln: Einen Komplementärmediziner, einen klassischen Mediziner, der den Kranken gut anschaut und einen modernen Diagnostiker, der hundert Tests macht. Diese drei sind gleichzeitig mit den Kranken zu konfrontieren und sollen das Problem zusammen mit den Studierenden durcharbeiten, Fall für Fall.

Wie stellen Sie sich konkrete Schritte an Ihrer Hochschule, der ETH, vor?

Wir müssen den wissenschaftlichen Pluralismus einführen, uns so weit bringen, andere Horizonte zu sehen und nicht nur die geltenden Lehrmeinungen weiterzuverfolgen. Es ist für Doktorierende sehr schwer zu sagen, der geltende Ansatz paßt mir nicht, ich will einen neuen versuchen. Deshalb muß eine Bereitschaft geschaffen werden, andere Positionen und Denkweisen zu legitimieren, finanziell zu alimentieren und auch sozial zu unterstützen.

Zum Beispiel zehn Prozent des Budgets für neuartige Projekte reservieren?

Ja, zum Beispiel. Persönlich versuche ich, zusammen mit meiner Kollegin Helga No-wotny, unser Gebiet, die Wissenschaftsphilosophie, den Studierenden interdisziplinär und kontextualisierend nahezubringen, mit Symposien, Ringvorlesungen. Die von der Abteilung Humanwissenschaften organisier-te Ringvorlesung heißt "Was wir nicht wissen". An sechs Abenden wird je ein Professor und ein Jungforscher erzählen, was sie in ihrem Gebiet nicht wissen. Unsere Antrittsvorlesung hieß: "Es ist so, aber es könnte auch anders sein." So ist es möglich zu zeigen. daß die rationalistischen, absolutistischen Universalismen die Welt nicht mehr weiter bestimmen können.

 

Erstveröffentlichung des Interviews im Zürcher "Tages-Anzeiger".

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken