Mittelalter

Averroisten - es gab sie doch

"Averroisten" - das sind die abendländischen Anhänger des 1198 in Marrakesch gestorbenen arabischen Philosophen Averroes. Viele Forscher waren der Ansicht, dass es solche Averroisten, also Intellektuelle, die die radikalen Ansichten des Averroes übernommen haben, in Reinform niemals gegeben hat. Falsch, sagt nun der in Würzburg lehrende Mittelalterforscher Dag Nikolaus Hasse: im 15. und 16. Jahrhundert haben eine beträchtlichte Zahl solcher Averroisten gelebt, und diese wurden damals auch als Vertreter einer eigenen Richtung wahrgenommen. Im 15. Jahrhundert hat man Averroes nicht mehr nur als Aristoteles-Kommentator geschätzt, sondern sich um seine Doktrin gestritten und auf diese Weise um die Meinungsführerschaft innerhalb einer Schule von Gleichgesinnten gekämpft. 

Zu den radikalen Ansichten des Averroes gehörte, dass es nur einen einzigen Intellekt für alle Menschen gebe. Hasse: "Es ist historisch vollkommen unwahrscheinlich, dass die averroistische Spitzenthese von der Einheit des Intellekts viele und kluge Anhänger hätte finden können, wenn sie nicht eine ihr eigene philosophische Attraktivität besessen hätte." Diese bestand in der eleganten Antwort auf die Frage, wie ein individueller Mensch eine allgemeine Wahrheit erkennen kann. Er kann es dadurch, sagt Averroes, dass sein Intellekt ein allgemeiner ist und nicht nur ihm gehört - und trotzdem erkennt er individuell, weil er die allgemeinen Wahrheiten mit Hilfe der Vorstellungskraft erkennt, die jedem Menschen eigen ist. Viele Renaissancephilosophen waren davon überzeugt, dass diese Theorie in vollem Einklang mit der Erkenntnislehre des Aristoteles stehe und sich philosophisch nur schwer widerlegen lasse. 

In der Mitte des 16. Jahrhundert verlor die These ihre Anhänger. Hasse hält es für unwahrscheinlich, dass sie konkurrierenden Weltbildern zum Opfer fiel, wie bislang vermutet wurde. Hasse: "Tatsächlich wurde die Einheitsthese durch ganz ähnliche Theorien abgelöst, die dieselbe Frage nach der Allgemeinerkenntnis auf etwas andere Weise beantworteten. Das heißt, die These wurde durch eine andere Form des Aristotelismus abgelöst."

Hasse wurde für seine Arbeiten mit einer Lichtenberg-Professur der Volkswagen-Stiftung ausgezeichnet. Außerdem erhielt er 2003 den Röntgenpreis der Universität Würzburg.

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Links

Herder: Philosophie des Mittelalters 

Das wiederentdeckte Mittelalter - Bericht über die Konferenz "Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel" (1999)

Externe Links

Dag Nikolaus Hasse, Uni Würzburg

 

Literatur
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Über die Einheit des Geistes gegen die Averroisten /
De unitate intellectus contra averroitas
 
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Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelalters (HBPhMA), Bd.3 : 
Kommentar zum Trinitätstraktat des Boethius I  
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[Stand der Information: 15/12/2005]

 

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