| 25. Todestag |
Viele, auch kleinere Tageszeitungen berichteten anlässlich seines 25. Todestages über Bloch. „Denken ist überschreiten“, dieser Satz aus der Einleitung zu Das Prinzip Hoffnung, der auf Blochs Grabstein im Tübinger Waldfriedhof eingraviert ist, sei das trotzige Motto, das über Blochs Leben stehe, schrieben die Stuttgarter Nachrichten. Bloch habe sein ganzes Leben lang Grenzen überschritten, heißt es in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Er sei Marxist gewesen, habe sich aber vom realen Sozialismus abgewandt und sei in den Westen gegangen; er sei Jude gewesen, habe sich aber zu einem diesseitig-revolutionären Atheismus bekannt; er sei Hochschullehrer gewesen, habe aber die akademische Sprache abgelehnt und habe so expressiv wie ein Künstler geschrieben. In der Süddeutschen Zeitung berichtet der Schriftsteller Peter Stephan Jungk, der Sohn des Zukunftsforscher Robert Jungk, wie er als 19jähriger Bloch kennengelernt und in der gemeinsamen Begeisterung für Novalis eine Seelenverwandtschaft gefunden hatte. Negativ über Bloch äußert sich einzig die katholisch-konservative Tagespost in Würzburg: „Der Philosoph hat revolutionäre Energien entfesselt. Für die Ergebnisse dieser revolutionären Umwälzungen will er aber nicht gerade stehen“. Die Leipziger Volkszeitung besuchte einen ehemaligen Assistenten von Ernst Bloch, den 76jährigen Gerhard Urbach, der stolz ein Exemplar des Prinzip Hoffnung mit Blochs Widmung zeigte und von Bloch, dem „Marxisten, Streiter, Mahner“ schwärmte. Urbach musste für seine Loyalität zu Bloch büßen: 1957 wurde er aus der SED ausgeschlossen und von der Universität verwiesen. Er arbeitete dann als Hilfskraft in einem Lenkgetriebewerk, seinen Beruf als Philosoph konnte er nie mehr ausüben. Zwölf Jahre nach der Wende wurde er vom Land Thüringen rehabilitiert und hofft, die Rente, die er ohne „jenen Zwischenfall“ längst beziehen würde, nachgezahlt zu bekommen.
Die PDS, die Nachfolgepartei der genannten SED, organisierte gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen am 30.August 2002 eine Gedenkveranstaltung. Helmut Seidel, der 1951-1956 in Leipzig und Moskau studiert hat und 1969 zum Professor für Geschichte an der Universität Leipzig avancierte, schreibt im Neuen Deutschland, Blochs Gesamtwerk sei eines der umfassendsten und tiefgründigsten, das das philosophische Denken im 20. Jahrhundert hervorgebracht habe. Dabei übt sich Seidel in Selbstkritik. Manche Marxisten, er selbst inbegriffen, hätten Bloch vorgeworfen, er sei von der Wissenschaft zur Utopie zurückgekehrt. Der Vorwurf sei jedoch unberechtigt, denn Bloch sei wie Hegel und Marx Prozessdenker gewesen, er habe keineswegs zur alten Utopie zurückkehren, sondern vielmehr den Marxismus nach vorne öffnen wollen.
Die Stadt Leipzig ehrte Bloch mit einer Ausstellung von 27 Schwarzweißaufnahmen, die der Münchner Fotograf Stefan Moses von ihm gemacht hatte. Allerdings war man sich in Leipzig nicht ganz klar, wie man mit dem Philosophen, der bis 1961 in Leipzig gelebt und gelehrt hatte und nach einer Dienstreise in den Westen nicht zurückkam, umgehen sollte. Es sei hohe Zeit, „die Erinnerung an den bisweilen fast vergessenen Grenzgänger lebendig werden zu lassen“ mahnte Leipzigs Kulturbeigeordneter Georg Girardet anlässlich des Festaktes der Eröffnung der Photoausstellung. Girardet kündigte eine Gedenktafel im ehemaligen Wohnhaus Blochs an der Wilhelm-Wild-Str. 8 an und warb dafür, dass das neue Uni-Zentrum den Namen Blochs bekommen sollte.
Der Senat der Alma Mater verschob jedoch die Namensgebung, auch deshalb, weil Studenten mit einem Gegenvorschlag aufwarteten: Das Zentrum sollte „Gadamer-Haus“ genannt werden, nach dem im März verstorbenen Hans-Georg Gadamer, dem ersten Nachkriegsrektor der Universität. Demgegenüber machte sich der Liedermacher Wolfgang Biermann für Bloch stark, weil dieser „durch die Feuer des Irrtums gegangen“ sei.
In Tübingen, wo nach dem Tode Blochs an die 3000 Studierende durch die Straßen zogen, wurde anlässlich des 25. Todestages ein Kranz am Grab auf dem Bergfriedhof niedergelegt; diesmal war es jedoch nur ein kleiner Kreis, der Bloch die Ehre gab. Darunter war Helmut Fahrenbach, Blochs Kollege an der Uni, der gemeinsam Seminare mit Bloch abgehalten hatte.
In Ludwigshafen hingegen ist Bloch bestens aufgehoben. Dort besteht eine von der Stadt und zahlreichen Stiftungen unterhaltenes und sehr aktives Ernst-Bloch-Zentrum. Den 25. Todestag beging man hier mit einer Ausstellung „Aufrechter Gang. Draht_Stahl_Stein. Energetische Netzwerke“, Foren wie „Bloch im Diskurs“, einer neuen Reihe „Montagsphilosophie“ sowie Tagungen zu den Themen „Die Gegenwart der Religionen in der europäischen Zivilgesellschaft“ und „Grenzen der Utopie – Krieg der Hoffnung“.
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