Leserbrief

Kein Bezug zu biologischer Forschung

Zu: „Reinhard Brandt „Können Tiere denken?“, in Heft 2/2005, S. 88-89.

„Reinhard Brandts Artikel ‚Können Tiere denken?’ verdeutlicht das Dilemma einer Philosophie, die in keinem relevanten Kontext zu zeitgenössischer biologischer Forschung steht, bzw. mittels methodisch solipsistischer Termini wie „Bewusstsein“, „Geist“, „Denken“ über nicht-menschliches Leben zu reflektieren versucht. Eine Biosemiotik, die den pragmatic turn auch methodologisch integriert hat, kann diese ausweglosen Vergleiche zwischen Mensch und nicht-menschlichem Leben endlich hinter sich lassen und feststellen, dass kommunikative Kompetenzen bei Tieren und Pflanzen vorhanden sind, obwohl diese nicht mit jenen von Menschen vergleichbar sind. Das hat schon Nobelpreisträger Karl von Frisch so beschrieben, wenn er dezidiert den Nachweis der Verwendung einer symbolischen Zeichensprache bei Bienen der nördlichen Hemisphäre geführt hat. Völlig obsolet ist hingegen die Feststellung von Brandt „Pflanzen brauchen nichts wahrzunehmen…“

Die moderne Botanik bescheinigt Pflanzen enorme kommunikative Kompetenzen wie sinnliche Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, Lernen und Erinnerung, Wahlmöglichkeit, Selbsterkennung, Voraussicht. Die Bewegungsform von Pflanzen ist vielleicht nicht so augenscheinlich wie bei höheren Tieren, übertrifft diese aber in einem anderen Sinne, nämlich in beständigem Wachstum und ständiger Entwicklung. Pflanzen führen außerdem beständig regelgeleitete zeichenvermittelte Interaktionen aus. Ca. 100’000 unterschiedliche Molekültypen finden in diesen Zeichenprozessen Verwendung, und das Leben und Überleben jeder einzelnen Pflanze hängt davon ab, ob die Zeichenprozesse gelingen oder misslingen., d. h. ob regelkonform reagiert und agiert wird, d. h. auch, welche Moleküle als Bestandteile von Zeichenprozessen interpretiert werden und welche als bloßer „Lärm“ behandelt werden. Da man inzwischen herausgefunden hat, dass die interzelluläre Kommunikation bei Pflanzen zu 99 % neurobiologisch funktioniert, spricht man heute auch nicht mehr von Pflanzenphysiologie, sondern von Pflanzen-Neurobiologie. Biosemiotik vermag denn doch einen Ansporn zu geben, Naturphilosophie nicht gänzlich an Naturwissenschaften abzutreten und gleichwohl eine Begründung und Rechtfertigung regelgeleiteter zeichenvermittelter Interaktionen in und zwischen nicht-menschlichen Lebewesen zu liefern, die bewusstseins-metaphysische Argumentationslinien nicht mehr nötig hat.

Günther Witzany, Salzburg 

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Brandt: Können Tiere denken?

[Stand der Information: 13/10/2005]

 

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Düsseldorf, 24.5.2000, Der Herausgeber