Neuerscheinung

Guido Calogero - ein italienischer Vorgänger von Apel

Karl-Otto Apel hat in Italien einen Vorgänger: den Philosophen Guido Calogero (1904-1986). Apels kommunikative Ethik nehme, so P. Zecchinato 1987, "wenngleich auf kompliziertere und schwerer nachvollziehbare Weise Probleme, Lösungen und Schwierigkeiten von Calogeros Philosophie des Dialogs wieder auf". Wie Stefano Petrucciani in seinem Artikel

Petrucciani, S.: Philosophie des Dialogs und der Diskursethik. Ein Vergleich der Standpunkte von Guido Calogero und Karl-Otto Apel, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 3/1997

darlegt, bildeten sich die Auffassungen von Calogero hauptsächlich in Auseinandersetzung mit dem Aktualismus von Giovanni Gentile und dem Historismus von Benedotte Croce heraus, d.h. in der Stellungnahme zu zwei der bedeutendsten ita-lienischen Philosophen dieses Jahrhunderts. Der Kontext ist im Vergleich mit demjenigen Apels also ein ganz anderer, doch die Ziele der beiden Philosophen sind dieselben: ein unerschütterliches Kriterium praktischen Handelns zu finden. Calogeros Entwurf ist denn auch von dem Anliegen getragen, die Schwierigkeiten des absoluten Historismus zu überwinden, einer Philosophie, die die Revidierbarkeit und begrenzte Gültigkeit einer jeden Theorie behauptet.

Calogero fragt, ob es irgendeinen Grundsatz gebe, von dem man annehmen könne, dass er unbestreitbar sei. Er kommt zu dem Schluss, es könne keinen anderen unbestreitbaren Grundsatz geben als jenen, den er als "Gesprächsprinzip" oder auch, was für ihn dasselbe ist, als "Willen zu diskutieren" oder als "Willen zu verstehen" behauptet. "Jede Wahrheit, jede Meinung, jede Theorie", schreibt Calogero, "muss von dem, der sie aufstellt oder vertritt, der kritischen Überprüfung durch andere mit dem ernst-haften Bestreben ausgesetzt werden, diese Überprüfung zu verstehen und von den anderen Dialogteilnehmern geforderte Modifikationen an der eigenen Auffassung vorzunehmen, wenn das nötig ist."

Das Dialogprinzip ist für ihn nicht irgendeine philosophische These, sondern konstitutiv für das abendländische Ethos der Wissenschaft seit der sokratischen Forderung, die eigenen Aussagen zu begründen. Es ist für ihn nicht nur ein normatives, sondern auch ein "ursprüngliches" Prinzip, sogar ursprünglicher als der Satz vom Widerspruch, und es ist aus nichts herzuleiten. Die Gültigkeit dieses Prinzips kann sich nicht Gründen verdanken, die zu seinen Gunsten angeführt werden. Genauso wie das Dialogprinzip sich nicht herleiten lässt, lässt es sich auch nicht widerlegen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Jeder, der mich mit Argumenten dazu bringen will, meine Entscheidung für das Dialogprinzip aufzugeben, setzt das kritische Argumentieren als oberste Regel voraus und damit eben jenes Dialogprinzip, das er anzufechten oder in Zweifel zu ziehen gedenkt.

Allerdings gibt es zwischen den beiden Philosophen auch gewichtige Unterschiede. Für Calogero stellt die Regel, die das Verstehen der von anderen vorgebrachten Gründe vorschreibt, eine solche dar, die ich mir selbst in voller Autonomie vorsetze: Der ethische Imperativ des Verstehens hängt in seiner Aufstellung allein von mir ab, denn kein anderer vermag mich verbindlich zu seiner Annahme aufzufordern. Bei der Diskursethik Apels hingegen haben wir es mit einer universell gültigen Regel zu tun, deren Anerkennung sich niemand rechtens zu entziehen vermag, weil die kommunikative Kompetenz und damit die Beziehung zu anderen schon im Begriff des individuellen Selbstverständnisses enthalten sind. Dieser grundlegende Unterschied ergibt sich aus dem theoretischen Fundament der Auffassungen von Apel und Calogero. Für Apel sind Ich und Du gleichursprünglich, weil er sich von Anfang an auf der Ebene sprachlicher Intersubjektivität bewegt. Für Calogero hingegen sind die anderen nur deshalb andere, weil "der Wille, das Ich ihnen ihre besondere Realität verleiht". Erst von dem Moment an, da der Dialog eröffnet ist, lässt sich die Existenz des Nächsten nicht mehr bezweifeln, denn "ein Solipsist kann sich nur selbst vernehmen, vermag dies jedoch keinem anderen zu sagen". Es ist nach Calogero an mir, den Dialog zu eröffnen, aber ich kann mich auch ent-scheiden, ihn nicht zu eröffnen.

Den anderen nicht zu verstehen heißt, den Diskurs zum Instrument der egoistischen Selbstbestätigung und der Manipulation des Bewusstseins herabzuwürdigen, Gründe und Argumente nicht ernst zu nehmen und folglich, um es mit den Termini der Diskurs-ethik auszudrücken, von der Sprache einen lediglich strategischen Gebrauch zu nehmen, der ihrem wirklichen kommunikativen Gebrauch entgegengesetzt ist.

Der italienische Philosoph Ugo Spirito, der wie Calogero aus der Schule von Gentile kam, hatte 1966 das Dialogprinzip kritisiert. Wenn man dessen Unbestreitbarkeit behaupte, so warf er ein, negiere man eben jenen kritischen Geist, für den man einzutreten gedenke und erneuere den Dogmatismus. Indem man das Dialogprinzip für unbestreitbar erkläre, entziehe man es der kritischen Überprüfung durch die Philosophie und bringe sich damit in eine Situation, in der die philosophische Diskussion "bereits beendet ist, ehe sie begonnen hat". Auch Apel hat sich mit diesem Problem auseinandergesetzt, freilich aus einer etwas anderen Perspektive: Seiner Meinung nach ist ein universeller Fallibilismus, der auch sich selbst einschließt, nicht haltbar, weil er sich damit, dass er auch im Falle seiner diskursiven Widerlegung in Kraft bliebe, selbst widerspräche.

Eine andere Frage, mit der sich Calogero ebenso wie Apel befasst hat, ist die nach dem Verhältnis zwischen Diskursregeln und ethischen Normen im engeren Sinne. In der Apelschen Terminologie lautet diese Frage so: Ist es möglich, aus der Diskursethik nicht nur Regeln für die Diskussion, sondern auch ethische Normen in dem Sinne abzuleiten, den man herkömmlicherweise mit diesem Ausdruck verbindet? Calogeros These besteht darin, dass der Wille zu verstehen nicht unbedingt identisch ist mit einer Ethik im Sinne des praktischen Altruismus, sie jedoch impliziert. Denn die anderen ver-stehen zu wollen impliziere zu wollen, dass sie sich äußern können und somit, dass sie ihre Persönlichkeit bestmöglich entwickeln können. Das wiederum impliziere, dass jeder die gleiche Chance haben müsse, seine Vorstellungen und Vorlieben geltend zu machen und dass praktische Konflikte in einer Weise zu lösen seien, die den Vorlieben eines jeden in höchstem Maße Rechnung tragen. Aus der Verpflichtung zu verstehen ergibt sich nach Calogero also der ethische Grundsatz, nach dem ein jeder das Recht hat zu erwarten, dass seine Wünsche "in keinem geringeren Maße befriedigt werden, als es - bei allen Wünschen - für jeden anderen möglich ist." Daher impliziert im Denken sowohl Calogeros als auch Apels der Universalismus des Diskurses, der von uns fordert, den Gründen aller Gehör zu schenken, auch einen wirklichen moralischen Universalismus oder besser: eine dialogische Reformulierung des Kantischen moralischen Universalismus.

 

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken