Interview

Was ist Lebenskunst?

Ein Gespräch mit Volker Caysa

Sie beschäftigen sich mit Philosophie der Lebenskunst. Was ist darunter zu verstehen?

Eine neu entdeckte Richtung, die in diesem Land bisher nur an wenigen Orten gelehrt wird. Wir entwickeln in einem elementarpraktischen Sinn Theorien, die beim einzelnen ansetzen und untersuchen, wie man sein Leben selbstbestimmt führen kann.

Woher kommt diese Theorie?

Wir berufen uns auf den französischen Philosophen Michel Foucault (1926-1984). Er hat schon in den siebziger Jahren erkannt, daß die Emanzipation von oben über politische Strukturen gescheitert ist. Foucault überlegte deshalb, wie er die marxistische Philosophie der Befreiung umschmelzen kann in eine Philosophie der Freiheit. Die Befreiung des einzelnen sollte von der Selbstveränderung der Individuen ausgehen. Darin sah er die letzte Chance, gesellschaftliche Veränderung von unten zu ermöglichen.

An welchen Werten orientiert sich diese Theorie?

In den westlichen modernen Staaten haben sich die Werte in Richtung persönlicher Freiheit und Glück verschoben. Im Gegensatz zu 1968 wird Emanzipation stärker vom Individuum und vom Geschlecht her gedacht als vom Politischen. Die Werte einer Solidargemeinschaft werden zurückgedrängt durch einen immer stärker werdenden Egoismus der einzelnen. Der darf aber nicht mit Individualismus verwechselt werden.

Fordert Ihre Weltsicht nicht den Vorwurf der Beliebigkeit heraus?

Ja, weil Pluralität oft als Beliebigkeit ausgelegt wird, was ich für falsch halte. Echte Pluralität gleichberechtigter Lebensformen sucht nach Maßstäben für Entscheidungsfindungen. Deren Maß ist, was der einzelne nicht mehr hinnehmen kann, will und als intolerabel wahrnimmt. Dies Intolerable an einer übergreifenden Norm auszurichten, ist ein bisher ungelöstes Problem dieser Philosophie.

Das setzt voraus, daß Ihre Überlegungen die Bürger auch erreichen...

Deshalb versuchen wir, mit philosophischen Mitteln Alltagsprobleme zu reflektieren, z.B. die Frage: Was ist ein mündiger Bürger? Im Anschluß an Kant zeichnet sich dieser nicht nur durch eigenes Denken aus, sondern er beherrscht und regiert sich auch selbst. Politisch praktisch bedeutet das: Wir müssen erkennen, daß nicht alle unsere All-tagsprobleme durch den Staat gelöst werden können.

Der Staat ist doch bereits heftig dabei, sich zurückzuziehen!

Der moderne Sozialstaat hat eine Versorgungs- und Besorgungsmentalität erzeugt. Man wählt Politiker, damit die einem die Verantwortung auch für das eigene Leben abnehmen. Die Politiker beschweren sich dann wieder, das die einzelnen zuwenig ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Dieser feh-lerhafte Kreislauf muß durchbrochen werden, indem die Politik wieder stärker beim einzelnen ansetzt.

Woran denken Sie?

Zum Beispiel an die Sorge um die Familie, vor allem um ältere Familienmitglieder. Dort werden Aufgaben an den Sozialstaat als Dienstleistungsunternehmen delegiert, die per Familie besser zu lösen sind. Manche Philosophen der Lebenskunst meinen, daß mit dem Zusammenbruch des Sozialismus auch der Sozialstaat an sein Ende geraten ist. Andere sehen berechtigte Hoffnungen, die moderne bürgerliche Gesellschaft sozial abgefeuert umzubauen. Die Frage, welche Art von Gesellschaft wir wollen, scheint mir im Moment vielleicht die wichtigste.

Zur Lebenskunst schwappt schon länger eine Bücherflut vor allem aus den USA auf unseren Markt. Reicht das nicht aus?

Der Lebensberatungsmarkt neigt dazu, die Sorgen der einzelnen geschäftlich zu instrumentalisieren, was wir kritisch hinterfragen müssen. "Sorge dich nicht, lebe" heißt in unserer Sicht: "Sorge dich so, daß du auch zukünftig leben kannst."

Diesen Ansatz gibt es schon, zum Beispiel in der Bibel oder bei Marx.

Es geht uns nicht um Originalität. Wir wollen die Selbstsorge und die Sorge um den anderen wieder ins Gespräch bringen, die derzeit weder in der Öffentlichkeit noch im akademischen Betrieb eine große Rolle spielen.

Worin sehen Sie den Sinn des Lebens?

Nicht nur meine Interessen wahrzunehmen, sondern mich um die Gemeinschaft zu sorgen, in der ich lebe. Also Weltveränderung im kleinen.

Wie erklären Sie sich, daß ein philosophisches Buch wie "Sofies Welt" so ein Überraschungserfolg wurde?

Weil es auf das Orientierungsbedürfnis in einer Welt reagiert, in der Institutionen wie tradierte Religionen und Politik ihren Einfluß verlieren. Die Philosophie hat in einer säkularisierten Welt praktisch Ersatzfunktionen wahrzunehmen. Außerdem erzählt das Buch diese Ideengeschichte in literarischer Form. So etwas ist in der akademischen Philosophie nicht üblich. Dort wird selbst gehobene Essayistik als nichtwissenschaftlich abgewertet.

Sie beschäftigen sich mit Sportphilosophie. Rechnen Sie die zur Philosophie der Lebenskunst?

Unbedingt. Unsere traditionellen Systeme der Philosophie der letzten 300 Jahre trennen Denken und Existenz. Sie sind geistlastig, denkbesessen, aber körpervergessen. Den Körper will ich mit der Sportphilosophie wieder ins Gespräch bringen.

Nun huldigen die Leute dennoch dem Sport, ohne diese 300jährige Trennung weiter zu ästimieren.

Dieses kulturelle Phänomen müssen wir reflektieren. Was passiert, wenn eine ganze Nation ein Fußballspiel am Fernseher verfolgt? Nimmt der Sport in einer säkularisierten Gesellschaft nach der Aufklärung eine quasi-religiöse Funktion wahr? Auf jeden Fall bildet er so eine Art mentalen Kitt in der Gesellschaft und ist zu einem zentralen Lebensbereich geworden, wie es im 19. Jahrhundert einfach nicht denkbar war.

Wo sehen Sie die Ursachen?

In der Zivilisierungsfunktion, die der Sport in den modernen demokratischen Gesellschaften hat. Mit seiner Hilfe haben wir es immer besser gelernt, mit unserer Sinnlichkeit, unseren Lüsten, unserer Körperlichkeit kontrolliert umzugehen. Dazu kommt, daß der Sport um die Mitte des 20. Jahrhunderts enorm die politische Emanzipation von sozialen Klassen förderte. Das deutlichste Beispiel ist seine Funktionalisierung im Kalten Krieg, als jedes System ihn zielgerichtet aufbaute, um seine Überlegenheit gegenüber dem jeweils anderen zu demonstrieren. Außerdem entdeckten die Medien in diesem Prozeß, wie sich am Sport verdienen läßt. Durch die Verknüpfung von Politik, Wirtschaft und Medien ist er in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit gerückt und zu einer Art Zivilreligion geworden.

Verstehen Sie unter zivilisiert, daß vorhandene Aggressionen in Reglements gebracht werden?

Richtig. Im Konkurrenzkampf reicht uns, symbolisch über den anderen zu siegen und so unsere Überlegenheit zu demonstrieren. Ich halte den Sport für eine entscheidende Zivilisierungs- und Disziplinierungskraft, ohne die diese Gesellschaft nicht so friedlich funktionieren könnte, wie sie es tut.

Nun hat es aber Olympische Spiele schon in der Antike gegeben, und Gewalt und Aggression bestimmten die Geschichte dennoch.

Die Gewaltstandards bei den antiken Spielen waren für unsere Verhältnisse unmenschlich. Der Tod eines Sportlers wurde im Wettkampfgeschehen als natürlich hingenommen. Auch, weil die Spiele zur Vorbereitung auf das Kriegführen dienten. Die Olympischen Spiele der Neuzeit koppeln trotz aller Probleme eine Friedensidee mit dem Fair-play-Ideal.

Warum hat Ihrer Meinung nach der Sport so viele Anhänger auch unter Unsportlichen?

Sicher spielt er eine Rolle im Gemeinschaftserleben, das wesentlich medial vermittelt wird. Es gehört mittlerweile zum guten Ton, bei diesem Thema mitreden zu können. Sportlichkeit, Fitneß sind in den letzten 30 Jahren zu eigenen Leitwerten geworden. Wer Werten wie bedingungslosem Erfolgsstreben und Durchsetzungsvermögen nicht genügt, wird in unserer Gesellschaft zunehmend kritisch betrachtet.

Diese Werte gab es aber auch schon im vergangenen Jahrhundert, als Sport nicht diese Rolle spielte.

Ja, doch nicht in dieser Verklammerung von Medien, Politik und Ökonomie, die den Sport zu einer neuen zentralen Machtsphäre in der Gesellschaft gemacht haben, und zwar in Verbindung mit der Körperlichkeit. In der Folge von 1968 ist Körperlichkeit zu einer neuen Gegenmacht aufgestiegen. Gegen die Herrschaftsstrukturen der Elterngeneration setzte man den Sex und seine öffentliche Propagierung. Marx hat im 19. Jahrhundert die Ökonomie als grundlegende Existenzform erkannt. Jürgen Habermas entdeckte vor knapp 40 Jahren, daß die Öffentlichkeitsstrukturen eine Gegenmacht zu den Zwängen der Ökonomie sein können. Und Michel Foucault entwickelte Mitte der Siebzigerjahre die These, daß Ökonomie und Öffentlichkeit von neuen Machtformen unterlaufen werden können, die mit dem Umgang mit dem Körper verbunden sind. Das erste Phänomen dieser neuen Machtformen der Körperlichkeit war für ihn der Sex. Ein anderes, von ihm nicht untersuchtes ist der Sport.

Geht es heute nicht vielmehr um Anpassung als um Gegenmacht?

Das ist die Kehrseite. Die Individuen werden über Mode, Sex und Sport immer stärker in die Sachzwänge von Politik, Wirtschaft und medialer Öffentichkeit hineingezogen. In diesem Maße bestimmen sie über ihre Körperlichkeit nicht unbedingt selbst, sondern müssen fremdauferlegten Zwängen genügen. Sie verinnerlichen Normen unkritisch. Eine solche zivilisatorische Macht hatte der Sport noch nie in der Geschichte. ..

Wer ist für Sie ein Lebenskünstler?

Wenn ich voraussetze, daß Sie mit Lebenskünstler nicht jemanden meinen, dem nichts ernst ist und der sich irgendwie durchmogelt: die fröhlich-egoistische, souveräne Femme fatale Lou Andreas-Salome, eine Freundin von Rilke, Nietzsche und Freud. Im Sport ein Mann wie Reinhold Messner, der mit seinen sportlichen Leistungen zugleich einer philosophischen Idee folgt: einem ökologischen Lebensinhalt zu genügen.

 

Volker Caysa: Lebenskunst

Autor

Mit Volker Caysa sprach Karin Hanig. Erstveröffentlichung in der "Sächsischen Zeitung".

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken