| DDR-Philosophie |
Als Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie verfasste Wolfgang Harich (1923-1995) im Jahr 1956 sechzehn Thesen, die er im Rahmen eines größeren Essays unter dem Titel "Vademekum für Dogmatiker" veröffentlichen wollte. Sich der Brisanz des Textes bewusst, änderte er den Titel aber in "Kleines Vademekum für Schematiker" ab. Doch noch bevor es zur Veröffentlichung kam, wurde die Redaktion mehrfach durchsucht, dabei wurde namentlich nach diesem Text gesucht. Seither galt er als verschollen.
Wie der Harich-Biograph Siegfried Prokop berichtet, ist der Text nach fast fünf Jahrzehnten wieder aufgetaucht, das "Neue Deutschland" stellte dieses berüchtigten "Vademekum" am 9./10. Juli 2005 vor. Harich sieht zwei Grundeinsichten der marxistischen Theorie, wonach sich ihr undogmatisches Wesen ableiten lasse:
Die Thesen VI und VI behaupten, die Klassiker des Marxismus würden die
Realität nur teilweise widerspiegeln, man müsse sich deshalb auch den Erkenntnissen von Nicht-Marxisten öffnen. Deshalb, so These VII sei auch von einem blinden Kampf
gegen die bürgerliche Philosophie abzusehen. Es sei auch nötig, sich in der Philosophie Themen zuzuwenden, die nicht unmittelbar mit dem Klassenkampf in Verbindung stünden - wie der mathematischen Logik oder der Kosmologie des Descartes. Nichts sei "praxisfremder als ein zu enger, einseitiger Praxisbegriff mitsamt der Tendenz, die
Theorie, welche Prinzipien zu klären und Weltanschauungsfunktionen wahrzunehmen hat, zur Magd der Produktionstechnik, der politischen Tagesagitation und der jeweils letzten Parteibeschlüsse zu machen".
Wolfgang Harich wurde am 29. November 1956 verhaftet - allerdings nicht wegen
seines Vademekums, wie viele glaubten, sondern wegen seiner politischen "Plattform" - und wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt.
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[online: 03/01/2006 - Print: Heft
5/2005]]
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