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2400 Jahre nach Sokrates ist die Philosophie ins Gerede gekommen; jedenfalls die deutsche Philosophie. In Zeitungsartikeln und auch in Büchern werden immer häufiger kritische Fragen gestellt: Was hat die deutsche Philosophie heute eigentlich zu bieten? Erfüllt sie ihre Aufgabe noch? Ist sie nicht längst zu internationaler Bedeutungslosigkeit herabgesunken? Auch manche Fachkollegen fallen in dieses Klagelied ein. In seinem Buch Im Kern verrottet?, in dem er auch mit der Philosophie hart ins Gericht geht, beruft sich Peter Glotz auf Vittorio Hösles harsche Analyse: „Philosophie ist 'ihre Zeit in Gedanken erfasst', und man wird schwerlich bestreiten können, dass unsere Zeit für den philosophischen Gedanken eine nicht zu unterschätzende Herausforderung darstellt... So ist es beklemmend, wie wenig die Gegenwartsphilosophie zur Lösung aktueller Fragen leistet.“ (Peter Glotz). |
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Die Haupttugend des Philosophen ist jedoch nachzufragen. Und deshalb sei zunächst die Frage erlaubt, ob es denn wirklich so ist, wie Hösle behauptet: Ist die eigentliche Philosophie ‘ihre Zeit in Gedanken erfasst'? Nun, Hegel hat das gesagt. Aber reicht dies zur Begründung aus? Tatsächlich stammen einige wichtige Analysen zu den Grundproblemen der jeweiligen Zeit von Philosophen. Man denke etwa an Karl Jaspers Die geistige Situation der Zeit von 1931 und an die zahlreichen Bücher, mit denen Jaspers die politische Entwicklung der jungen Bundesrepublik begleitet hat. Aber stammen die tiefgründigeren Analysen der Entwicklung der modernen Gesellschaft nicht von Max Weber? Und entspricht die Rolle, die Jaspers in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit gespielt hat, nicht der des Linguisten Noam Chomsky in den USA der 60er und 70er Jahre? War es wirklich der Philosoph Karl Jaspers, der hier gesprochen hat, oder nicht viel mehr der politisch engagierte Wissenschaftler?
Ich jedenfalls glaube nicht, dass es die besondere Aufgabe des Philosophen sein kann, 'seine Zeit in Gedanken zu fassen'; ja, ich glaube nicht einmal, dass der Philosoph für diese Aufgabe besonders befähigt ist. 'Die Signatur der Zeit' ist durch so viele politische, ökonomische, historische und kulturelle Faktoren bestimmt, dass nur die Zusammenarbeit vieler, die etwas von der jeweiligen Sache verstehen, eine Bestandsaufnahme ermöglicht. Kein einzelner und keine einzelne Wissenschaft kann sich heute noch anmassen, diese Aufgabe allein zu bewältigen.
Man wird der Philosophie nicht gerecht, wenn man sie zu einer Art Oberwissenschaft stilisiert, deren Aufgabe es ist, die Zusammenschau aller Einzelwissenschaften zu leisten und darüber hinaus auch noch Antworten auf alle Probleme der jeweiligen Zeit zu geben. Spätestens seitdem sich die anderen Wissenschaften aus der Philosophie herausgelöst haben, ist die Philosophie selbst eine ganze normale Wissenschaft mit ihren eigenen Problemen und Theorien; und diese Probleme und Theorien sind nicht mehr und nicht weniger relevant und interessant als etwa das Problem der Entstehung des Weltalls, die Frage nach der Entwicklung des Bürgertums im 19. Jahrhundert oder Theorien zum Stoffwechsel von Delphinen.
Wissenschaft entsteht aus Neugier, aus dem Drang, verstehen zu wollen; sie ist nicht nur und vielleicht nicht einmal in erster Linie ein Hilfsmittel zur Bewältigung alltäglicher oder auch globaler Probleme. So ergibt sich auch die Philosophie z.B. aus dem Drang verstehen zu wollen, wie es möglich ist, über Dinge nachzudenken, die nicht existieren, wie Dinge, die sich verändern, trotzdem dieselben bleiben können und wie sich Wörter auf Gegenstände in der Welt beziehen. Aber sie ergibt sich auch aus dem Drang zu ergründen, ob es für alle verbindliche Werte gibt, ob man allgemein sagen kann, was ein gutes Leben ist, und wie man den Begriff der sozialen Gerechtigkeit am besten fasst. Das heißt: Dass die Philosophie selbst eine normale Wissenschaft mit eigenen Problemen und Theorien ist, bedeutet natürlich nicht, dass Philosophie sich in einer reinen l’art pour l’art erschöpft, dass ihre Fragen keinen Bezug mehr haben zu den praktischen Fragen, die jeden einzelnen oder die die Gesellschaft als ganze bewegen. Aber auch darin unterscheidet sie sich nicht von anderen Wissenschaften.
Einigen Kritikern geht es allerdings weniger um die Philosophie im allgemeinen als um die deutsche Philosophie. Dieser machen sie den Vorwurf, sie sei zu historisch orientiert. Auch hier ist genaueres Nachfragen notwendig. Philosophie hat ein besonderes Verhältnis zu ihrer Geschichte. Philosophische Erörterungen systematischer Fragen müssen immer auch Bezug nehmen auf das, was von früheren Philosophen zu diesen Fragen gesagt wurde. Ein Grund dafür ist, dass sich philosophische Fragen in der Regel nicht definitiv beantworten lassen. Eine zentrale Aufgabe der Philosophie besteht deshalb darin, das gesamte Spektrum möglicher Positionen und Argumente lebendig zu halten. Allerdings: Gerade in der deutschen Philosophie ist die Tendenz verbreitet, Klassiker (besonders Kant) auf ein Podest zu stellen, sich zum Gefangenen ihres Jargons zu machen und die klassischen Theorien nur in diesem Jargon nachzuerzählen. (Das Studium der Philosophie degeneriert dann zu nichts anderem als zum Erlernen dieses Jargons). Zugleich werden die jeweiligen Philosophen für sakrosankt erklärt. Diese Einstellung erweitert unsere Fähigkeit zum kritischen Verständnis genauso wenig wie ausufernde Erörterungen der Frage, wer was von wem übernommen hat. Die Auseinandersetzung mit klassischen Texten muss kritisch sein, sie muss von einer systematischen Fragestellung ausgehen und sie darf die Fortschritte nicht außer acht lassen, die bei der Klärung systematischer Fragen gemacht wurden. Es ist deshalb kein Wunder, dass die besten Kommentare zu Platon, Aristoteles, Descartes, Locke und Hume in den letzten Jahren im angelsächsischen Bereich entstanden sind, in dem diese Einstellung inzwischen selbstverständlich ist. Und es ist sicher beklagenswert, dass man selbst über Kant und Hegel aus englischsprachigen Büchern häufig mehr lernen kann als aus deutschen.
Damit komme ich zu einem dritten Punkt: der Klage, die deutsche Philosophie sei heute international bedeutungslos - ein Punkt, der tatsächlich zu ernster Sorge Anlass gibt. Zwar wäre es auch hier ganz sicher falsch, alles nur schwarz-weiß zu malen; aber es ist doch nicht zu übersehen, dass trotz einiger auch international beachteter Arbeiten der größte Teil der deutschen Philosophen weltweit kaum zur Kenntnis genommen wird. Außer vielleicht Jürgen Habermas zählt kein deutscher Philosoph zur Riege der großen innovativen Philosophen der letzten Jahrzehnte (Quine, Davidson, Rawls, Putnam, Derrida usw.). Aber auch in der „zweiten“ Reihe der Philosophinnen und Philosophen, die in den jeweiligen Spezialdiskussionen weiterführende Konzepte entwickelt haben, gibt es kaum einen Deutschen oder eine Deutsche. Und dies ist vielleicht noch beklagenswerter.
Soweit ich sehe, gibt es für diese Situation eine Reihe von Gründen. Ein Grund ist sicher, dass es im Studium der Philosophie immer noch nicht üblich ist, die Studierenden an den Stand der internationalen Diskussion heranzuführen. Für viele Professorinnen und Professoren scheint Philosophie noch immer ein Gesinnungs- oder sagen wir Ein- stellungsfach zu sein. Sie geben den Studie- renden weiter, wie sie selbst die Dinge sehen, andere Meinungen kommen kaum vor oder nicht ausreichend zur Geltung. Es ist klar, dass dies zu einer verengten, provinziellen Sichtweise führen muss, von der man nicht erwarten kann, dass sie hervorrragende Ergebnisse zeitigt.
Ein zweiter, wahrscheinlich wichtigerer Grund ist jedoch die Sprache. Man mag es bedauern oder nicht, aber es kann keinen Zweifel daran geben, dass Englisch inzwischen auch in der Philosophie zu der Wissenschaftssprache geworden ist. Das bedeutet zweierlei. Erstens: Wenn man wirklich auf dem Stand der Diskussion sein will, kommt man heute nicht mehr darum herum, englischsprachige Literatur zu lesen (was zum Beispiel vielen Studierenden immer noch schwer fällt). Zweitens aber, und das ist noch wichtiger: International wahrgenommen wird nur, wer selbst auf Englisch schreibt. (Das alleine ist zwar noch keine Garantie; denn auch im angelsächsischen Raum gibt es so etwas wie Rezeptionskartelle; aber es ist offensichtlich unabdingbar.) International gesehen können nur noch wenige Spezialisten Deutsch lesen. In dem einen oder anderen Fall kann also auch eine in Deutsch geschriebene Arbeit internationale Reputation erhalten. In der Regel ist dies nicht mehr so.
Anders als in den meisten Naturwissenschaften, in denen es heute schon selbstverständlich ist, dass deutsche Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse auf Englisch veröffentlichen und für ihre Veröffentlichung möglichst angesehene internationale Zeitschriften suchen, veröffentlichen deutsche Philosophinnen und Philosophen ihre Arbeiten in aller Regel immer noch auf Deutsch. Das hat zwei Folgen. Erstens, wie schon gesagt, dass diese Arbeiten international kaum zur Kenntnis genommen werden. Zweitens aber, dass sich deutsche Philosophinnen und Philosophen nicht der internationalen Konkurrenz stellen müssen. Ich bin ganz sicher, dass viele Aufsätze, die in deutschsprachigen philosophischen Zeitschriften erscheinen, das Referee-System internationaler Zeitschriften nicht überstehen würden und dass vieles, was man auf Deutsch mit einiger Aussicht auf Erfolg veröffentlichen kann, auf Englisch nicht er- scheinen würde. Denn häufig handelt es sich dabei um nicht besonders einfallsreiche Reprisen von Dingen, die es auf Englisch schon sehr viel besser gibt. (Leider gilt dies auch für viele Dissertationen.)
Es wäre ganz sicher ein folgenschwerer Umbruch unserer philosophischen Kultur; aber der Provinzialismus in der deutschen Philosophie wird sich nur überwinden lassen, wenn wir auch in der Philosophie das Englische als die universale Wissenschaftssprache akzeptieren.
Repliken:
Hogrebe: Die deutsche Philosophie -
international bedeutungslos?
Spohn: Kein
Selbstbewusstsein?
Höffe: Der
Diskursstandort Deutschland braucht sich nicht zu verstecken
Schnädelbach: Philosophie
ist Plural
Ansgar Beckermann, geb. 1945, Habilitation 1978, seit 1995 Professor für Philosophie an der Universität Bielefeld, Präsident der Gesellschaft für Analytische Philosophie e.V.
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