| Diskussion |
Herr Beckermann macht sich in Bielefeld Gedanken und Sorgen um die deutschsprachige Philosophie. Zunächst bezweifelt er, dass Hegels Dictum „Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken erfasst“ korrekt ist. Er glaubt nicht, dass es die besondere Aufgabe des Philosophen sein kann, seine Zeit in Ge- danken zu fassen, eine „Bestandsaufnahme“ sei nur arbeitsteilig möglich. Hegels These wird aber von solchen Bedenken überhaupt nicht getroffen. Hegel geht es gar nicht um eine „Bestandesaufnahme“, sondern darum, dass der Philosoph gar nicht anders kann, als in seiner Weise und mit der Reichweite, die ihm kreativ zu Gebote steht, seine Zeit in Gedanken zu fassen. Und dann kann man auch umgekehrt fragen: Wie sieht die Zeit aus, die Herr Beckermann in seinen Schriften in Gedanken faßt? Dazu müssten wir seine Schriften lesen, um erkennen zu können, welche zeitdiagnostische Potenz seine Gedanken entfalten und entbinden.
Herr Beckermann ist auch betrübt darüber, dass die deutsche Philosophie die Klassiker der Philosophie für sakrosankt erklärt und ihren Jargon bloß nacherzählt. Relevante deutschsprachige Texte zu Aristoteles, Platon, zur Philosophie des Mittelalters, der Neuzeit, zu Kant, zu den Denkern des deutschen Idealismus, zu Nietzsche, zu Wittgenstein etc., die ich kenne, tun das jedenfalls nicht. Die Zeit des Jargons war vielleicht die Zeit einer gewissen Heidegger-Rezeption in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Diese Zeiten sind längst vorbei. Auch die Klage, die deutsche Philosophie sei international bedeutungslos, außer den Schriften von Jürgen Habermas würde kaum sonst etwas zur Kenntnis genommen, ist vermutlich richtig, aber wesenlos. Man könnte erwidern: Um so schlimmer für die, die sie nicht zur Kenntnis nehmen. Jedenfalls vermag ich nicht zu erkennen, dass man die Schriften nicht nur von Jürgen Habermas, sondern auch von Karl-Otto Apel, Dieter Henrich, Günter Patzig, Hermann Krings, Wolfgang Wieland, Ernst Tugendhat, Odo Marquard, Paul Lorenzen, Hans Blumenberg, Peter Bieri, Carl-Friedrich Gethmann, Günter Abel, Hans Lenk, Manfred Frank, um nur wenige und völlig wahllos zu nennen, ohne Schaden ignorieren kann.
Es ist auch nicht einzusehen, dass diese Denker deswegen provinziell
sein sollen, wie Herr Beckermann insinuiert, weil sie in deutscher Sprache
schreiben. In Europa sprechen rund 100 Millionen Menschen Deutsch, und selbst
wenn es weniger wären: Im gesamten römischen Reich wurde über die Jahrhunderte
vor allem Latein gesprochen, man kann aber nicht erkennen, dass dies allein zum
Movens kreativen Philosophierens (gemessen an der griechischen Philosophie
mindestens bis Damaskios) wurde. Georgios Gemisthos Plethon, den leider viele
Philosophen nicht einmal dem Namen nach kennen, schrieb noch im 15. Jahrhundert
Griechisch und doch war es dieser pagane Philosoph aus Mistra, der als Mitglied
der byzantinischen Delegation auf dem Unionskonzil 1438/39 in Florenz die
italienische Renaissance intellektuell „zündete“. Provinziell wird die
Philosophie erst dann, wenn sie anderen Philosophen bloss noch „nachredet“,
also z.B. auch englischsprachige Debatten bloß repetiert wie schon Cicero die
stoische Philosophie (was auch nicht ganz stimmt). Aus Beckermanns Text spricht
jedenfalls kein Selbstbewusstsein, kein robustes Vertrauen in das eigene
Denken, sondern eine, man möchte fast sagen: politisch korrekt kolonialisierte
Mentalität. Trotzdem ist er eine der liebenswürdigsten Personen, die ich
kennen- und schätzen gelernt habe.
Ansgar
Beckermann: Zur Situation der deutschsprachigen
Philosophie
Spohn: Kein
Selbstbewusstsein?
Höffe: Der
Diskursstandort Deutschland braucht sich nicht zu verstecken
Schnädelbach: Philosophie
ist Plural
Wolfram Hogrebe, geb. 1945, Habilitation, seit 1996
Lehrstuhl für Theoretische Philosophie der Universität Bonn, Präsident der Allgemeinen
Gesellschaft für Philosophie in Deutschland
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