| Diskussion |
Noch eine Replik auf Herrn Beckermann? Nein. Ich habe dieselben Sorgen wie er, und ich hätte fast alles genauso gesagt wie er. Insofern an seiner Statt eine kurze Reaktion auf die harten Worte von Herrn Hogrebe: „kein Selbstbewusstsein“, „politisch korrekt kolonialisierte Mentalität“. Das trifft mich – weil ich den Vorworf nachempfinden kann; ich habe ihn mir selbst wieder und wieder vorgelegt. Freilich gilt auch: zwischen Selbstbewusstsein und Selbstgefälligkeit ist ein schmaler Grat. Ich möchte zwei Aspekte unterscheiden:
Die Diskussion dreht sich vielleicht nur um die Frage: Könnte, sollte sich die deutschsprachige Philosophie besser am Markt positionieren? Gegenfrage: an welchem Markt? Das könnte der öffentlich-intellektuelle Markt sein. Auf dem kann man agieren wie Herr Sloterdijk, um den Preis akademischer Unerheblichkeit, oder wie die meisten Philosophie-ProfessorInnen mit dem Verzicht auf öffentliche Relevanz. Dass diese Kluft besteht, liegt nicht zuletzt an dem von den wenig kompetenten Medien kontinuierlich genährten, völlig schiefen öffentlichen Bild akademischer Philosophie. Hier kann man, fürchte ich, nicht viel mehr tun als beharrlich auf die Inkongruenz hinzuweisen.
Es könnte auch um den deutschsprachigen akademischen Markt gehen. Nun, auf diesem schlägt sich jeder nach Kräften; das ist hier nicht weiter zu bewerten.
Es könnte schließlich auch der internationale akademische Markt sein. Da mag Herr Hogrebe recht haben: dass ein selbstbewusstes Vertreten der Eigenheit (inklusive der Sprache) mehr bringt als ein Mitlaufen bei Anderen. Die Franzosen machen uns das auf unbeirrbare und brilliante Weise vor. Und womöglich kennt man Dieter Henrich in den USA besser als Wolfgang Stegmüller. Doch zweifle ich. Die internationale (Nicht-)Anerkennung, wie sie Herr Beckermann im wesentlichen zutreffend beschreibt, ist kein Erfolgsausweis der Hogrebeschen Strategie. Es ist ja auch eher ein trotziger Verzicht, wenn er sinngemäß sagt: „Wer uns nicht liest, dem laufe ich nicht hinterher; er schadet sich nur selbst.“
Gewiss, das Buhlen um internationale Anerkennung ist, wegen vieler Faktoren, frustrierend, vielleicht sogar entwürdigend. Doch notiere ich zunehmend einen Brain Drain als alternative Reaktion. Ich kenne immer mehr junge deutsche Philosophen, die sehr gut auf dem angelsächsischen Markt mithalten können und die die deutsche Universität im allgemeinen und die Philosophie im besonderen als dermaßen vernagelt empfinden, dass sie lieber im Ausland ihre Laufbahn suchen. Dieser Brain Drain ist wirklich Anlaß zur Sorge.
Doch geht es ja weder Herrn Hogrebe noch Herrn Beckermann um bloße Marktstrategie. Wie fast jeder philosophische Streit so verweist auch dieser letztlich auf kaum zu versöhnende methodologische Gegensätze hinsichtlich dessen, wie philosophische Wahrheitssuche vorgehen kann. Viele der Philosophen, die Herr Hogrebe „völlig wahllos“ als Beispiele nennt, können in dieser Hinsicht kein Vorbild für mich sein, und viele in den USA sind es. Das sage ich mit höchst „robustem Vertrauen in das eigene Denken“. Das ist keine kolonialisierte Mentalität. Es geht auch nicht um einen Kulturkampf Hollywood gegen UfA; es geht nicht um eine Amerikanisierung der deutschen Philosophie. Die internationale philosophische Szene ist vielfältig; aber was in den USA dominant ist, ist es auch in Großbritannien, in Holland, in Skandinavien, in Polen, in Kanada, in Australien. Und was da dominant ist, ist zum gut Teil dem Einfluss deutschsprachiger Philosophen zu verdanken, die Hitler in der 30er Jahren ins Exil trieb und die in Deutschland selbst in den 70er Jahren noch marginalisiert waren. Insofern ist das immer auch noch eine innerdeutsche Auseinandersetzung.
Schnee von gestern? Ich glaube nicht. Trotz viel reicher gewordener Polyphonie ist und bleibt die methodologische Frage der Basso ostinato in der Philosophie. Sie wird nicht durch Macht oder Mehrheit, sie wird nie entschieden. Aber sie muss ausgetragen und nicht auf dem geschützten lokalen Markt ertrotzt werden.
Replik auf:
Ansgar
Beckermann: Zur Situation der deutschsprachigen
Philosophie
Hogrebe: Die deutsche Philosophie -
international bedeutungslos?
Höffe: Der
Diskursstandort Deutschland braucht sich nicht zu verstecken
Schnädelbach: Philosophie
ist Plural
Wolfgang Spohn, Universität Konstanz, geb. 1950,
Habilitation 1984, Lehrstuhl für Philosophie und Wissenschaftstheorie ![]()
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