Diskussion

Ofried Höffe:

Der Diskursstandort Deutschland braucht sich nicht zu verstecken

 Die Klagen sind beliebt, die Belege aber nicht stark. Wenn Peter Glotz, ein respektabler Bildungspolitiker, aber nicht Philosoph, auf den Bereich schaute, den er überblickt, auf die nicht bloß fachphilosophisch relevanten Debatten, so findet er zweierlei. Ob biomedizinische Ethik, Globalisierung oder soziale Gerechtigkeit, vorher die humanitäre Intervention, davor die Frage „Legitima-tions- oder Orientierungskrise?“ - hinsichtlich der Breite und Intensität der Debatten braucht sich der Diskursstandort Deutschland nicht zu verstecken. (Ohnehin muss man beim Vergleich mit der anglophonen Welt mit einem Faktor 4 für die USA und für Großbritannien und sogar mit einem Faktor 6 bis 10 rechnen, wenn man das ehemalige Commonwealth hinzuzählt.) In diesen Debatten ist nun der Anteil der Philosophen überproportional, so dass diese unter den hundert führenden deutschen Intellektuellen mit sechs bis sieben Vertretern weit stärker gegenwärtig sind als die Historiker, Juristen, Theologen oder eine der naturwissenschaftlichen Disziplinen.

 Berücksichtigt man den genannten Faktor, so sieht es auch mit der internationalen Präsenz gar nicht schlecht aus: weder hinsichtlich einzelner Personen noch der Veröffent- lichungen. Die Reihen „Aristoteles. Werke in deutscher Übersetzung“, „Platon, Werke. Übersetzung und Kommentar“ beispielsweise sind ebenso hochrenommiert wie das „Historische Wörterbuch der Philosophie“ oder der „Neue Überweg“ und „Klassiker auslegen“. Die wichtigsten Zeitschriften für Philosophie finden sich in allen bedeutenden Seminaren der Welt. Und einer der allerersten Adressen, Cambridge University Press (New York), erscheinen neuere deutsche Interpretationen deutscher Klassiker gut genug, eine eigene Reihe „The German Philosophical Tradition“ zu starten. Unsere guten Philosophischen Seminare haben einen hohen Anteil ausländischer Doktoranden, Habilitanden und Gastforscher, manches Oberseminar mit einem Anteil bis zu 50%. Und weil die Studenten längst an die internationalen Debatten herangeführt werden, liest man außer englischen Texten (das versteht sich!) je nach Thema auch französische und italienische und warum auch nicht deutsche  Texte? Denn nicht schon aus der Kenntnis der Verästelung von US-Debatten bis hinein ins Zweit- und Drittrangige entsteht kreatives Denken, sondern aus der Fähigkeit, verschiedene Sprach- und Denktraditionen ins Gespräch zu bringen. So wäre es schön, wenn in der Erkenntnistheorie und der Philosophie des Geistes entstünde bzw. sich fortbildete, und zwar beiderseits des Atlantiks, was in der Ethik, Sozial- und Politikphilosophie hoch entwickelt ist: neue Perspektiven aus einem Kantischen oder Hegelschen und/oder Platonischen oder Aristotelischen Blick.

 Ohnehin sollten im Zeitalter der globalen Koexistenz verschiedener Kulturen die Intellektuellen eine zweite Sprache aktiv und eine dritte zumindest passiv beherrschen. Daß sogar vielzitierte Kant-Forscher die Ori ginal-Texte kaum lesen können, während andere vorzüglich deutsch sprechen, zeigt, wie auch ein großer Sprachraum vor Provinzialität nicht gefeit ist. Im übrigen darf man das Medium Englisch nicht überbewerten. „Nur Gutes“ findet, auch auf Englisch geschrieben, keine große Resonanz. Die besten  werden aber schon auf Deutsch gelesen, vor allem übersetzt, und dann nicht bloß ins Englische. Wer eine Tagung wegen zwei oder drei Anglophonen nicht zweisprachig, sondern nur auf Englisch durchführt, kann erleben, dass die Anglophonen ihre Texte wegen der größeren Resonanz ohnehin schon für eine „Heimat-Publikation“ vergeben haben und der Gesamtband am Ende ins Deutsche übersetzt erscheint. Und die Praktische Philosophie sollte, um ihrem Anspruch gerecht zu werden, in die öffentlichen Debatten hineinwirken können, was in der Landessprache denn doch besser gelingt. Schließlich kommt es auf unser intellektuelles und kulturelles Selbstbewusstsein an. Vorausgesetzt, daß die Politik, Ministerien und Universitätsverwaltungen uns endlich den Rücken für Lehre und Forschung freihalten, statt uns im Vergleich zu den US-Spitzenuniversitäten eine zwei- bis dreifache Lehr-, Gutachter- und Verwaltungslast aufzubürden, werden wir uns dem internationalen Agon gerne stellen: Noch deutlicher als schon heute werden viele gut, einige exzellent sein.

Replik auf:

Ansgar Beckermann: Zur Situation der deutschsprachigen Philosophie

Hogrebe: Die deutsche Philosophie - international bedeutungslos?

Spohn: Kein Selbstbewusstsein?

Weitere Replik:

Schnädelbach: Philosophie ist Plural

Autor

Otfried Höffe, Universität Tübingen, geb. 1943, Habilitation 1975, seit 1992 Ord. Professor für Philosophie an der Universität Tübingen Email Website

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken