| Replik |
Ansgar Beckermann und Wolfgang Spohn äußern sich zur Situation der deutschsprachigen Philosophie in einer Weise, die deutlicheren Widerspruch erfordert, als die Voten von Wolfram Hogrebe und Otfried Höffe enthalten; darum die folgenden Gegenthesen.
1. Die Alternative „Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken erfasst“ vs. „Philosophie ist ‚eine ganz normale Wissenschaft mit ihren eigenen Problemen und Theorien‘ (Beckermann)“ ist unvollständig. Ich kenne niemanden, der sich noch wie Hegel zutraut, jene Aufgabe in „einer Art Oberwissenschaft“ zu bewältigen, aber dass auch Beiträge zur Zeitdiagnose und zur kulturellen Orientierung zur Philosophie gehören, kann man nur bestreiten, wenn man sich einer völlig einseitigen Verwissenschaftlichung unseres Faches verschreibt und alles übrige Leuten wie Sloterdijk oder dem Feuilleton überlässt. Die seit Platon existierende und auch heute noch aktuelle Spannung zwischen der Philosophie als Wissenschaft und als Aufklärung oder zwischen Esoterik und Exoterik wird damit ins ein Extrem aufgelöst, und zwar mit der Konsequenz, dass sich die Philosophie genau in das Orchideenfach zurückbildet, das zu sein ihr ihre Verächter nachsagen.
3. Beckermann und Spohn erscheint die deutschsprachige Philosophie als provinziell, weil sie selber in einer provinziellen Perspektive argumentieren – der des Mainstreams der angelsächsischen Analytischen Philosophie. Tatsächlich „ist auch ein großer Sprachraum vor Provinzialität nicht gefeit“ (Höffe), und so pflegen die USA auch in der Philosophie ihren naiven Ethnozentrismus. Hier ist es wie bei George W. Bush: Alle Außenpolitik ist Innenpolitik, und die deutschsprachige Philosophie gehört zu den tributpflichtigen Völkern. Seit den 60er Jahren haben wir hier eine beträchtliche Rezeptions- und Übersetzungsleistung erbracht, was die wichtigen englischen und amerikanischen Veröffentlichungen betrifft; wir haben es uns zur Pflicht gemacht, die großen angelsächsischen Diskussionen wenigstens in Umrissen zu verfolgen. An den meisten unserer Institute sind „Quine, Davidson, Rawls, Putnam – lieber Herr Beckermann: Wie kommt denn Derrida da hinein ? – etc.“ Pensum, aber dem steht auf der US-Seite so gut wie nichts gegenüber; so lange dies so ist, sind Qualitäts- und Niveauvergleiche prekär. Unsere Bücher und Aufsätze sind nicht schlechter, werden aber auf der anderen Seite einfach nicht gelesen, geschweige denn übersetzt. Das ist auch kein Wunder in einem Land, in dem man einen Highschool-Abschluss und damit einen Hochschulzugang bekommen kann ohne eine einzige Fremdsprache. Immer wieder kann man erleben, dass amerikanische Kollegen auf unseren Tagungen und Konferenzen erstaunt sind über unser Niveau – so als kämen sie in ein abgelegenes Entwicklungsland. Im übrigen werden Kollegen wie Richard Rorty belächelt und gehänselt, wenn sie über den analytischen Tellerrand schauen und in ihrem eigenen Denken auch auf Nietzsche, Heidegger oder Derrida zugehen: „Was ist a rortiori ? Argumentieren mit obskuren kontinentalen Argumenten.“
4. Ärgerlich wird es, wenn das Niveau von Philosophie überhaupt durch die Kombination von ‚angelsächsisch‘ und ‚analytisch‘ definiert wird. Es mag ja sein, dass das, „was in den USA dominant ist, ... es auch in Großbritannien, in Holland, in Skandinavien, in Polen, in Kanada, in Australien“ (Spohn) ist, aber ist das ein Argument ? Es könnte ja auch mit der fast unbegrenzten Marktmacht der großen angelsächsischen Wissenschaftsverlage und Journals zusammenhängen, von denen gilt: Was nicht in ihnen steht, existiert nicht; die Vormacht des Englischen ist dafür wohl der wichtigste Grund. Die Vorstellung eines international freien und unverzerrten Wissenschaftsmarktes, auf dem sich das Bessere durchsetzt, so dass dann das, was sich da durchgesetzt hat, auch das Bessere sei, ist eine liberalistische Illusion und erinnert an den großen Schwindel, der sich ‚Globalisierung‘ nennt. Die „Amerikanisierung“ (Spohn) der internationalen Philosophie ist schlicht ein Tatsache. Wie dem auch sei: Was (nicht zuletzt dadurch) international dominiert, ein ganz spezifisches Philosophieverständnis, das die immer weiter fortschreitende Professionalisierung durch Spezialisierung überhaupt nicht als Problem empfindet. In den USA war die Philosophie immer eine Sache von Spezialisten – wenn man einmal vom Pragmatismus absieht, der aber über John Dewey vor allem auf die Erziehungssysteme einwirkte – und als solche wurde sie auch durch die Emigranten importiert und dann fortgeführt; deswegen muss dort niemand die kulturelle Marginalisierung fürchten, denn sie ist schlicht der Fall. Im Unterschied dazu ist die Philosophie in Europa – vor allem in Frankreich und den deutschsprachigen Ländern – immer ganz eng mit der übrigen Kultur verknüpft gewesen; sie war seit dem 19. Jahrhundert nicht einmal mehr primär eine Sache von Philosophieprofessoren, wenn wir an Schopenhauer, Marx, Kierkegaard, Nietzsche, oder Sartre denken. In den USA hingegen gilt das alles nicht als Philosophie, und wer sich als Einzelkämpfer wie Charles Taylor, Richard Rorty oder Martha Nussbaum Fragen zuwendet, die innerhalb der Departments of Philosophy gar nicht vorkommen können, wird von den Profis schief angesehen.
5. Unsere „Analytiker“ sollten sich überlegen, wohin es führt, dem
philosophischen US-Trend unkritisch zu folgen und die kontinentalen Traditionen
der Philosophie als Stimme im kulturellen Gespräch geringzuschätzen. Die
Gründung der Gesellschaft für Analytische Philosophie (GAP) habe ich -
abgesehen von dem Wunsch, eigene DFG-Gutachter benennen zu dürfen - so verstanden,
dass sie dem Ziel folgte, jenen Trend im Zeichen der Wissenschaftlichkeit der
Philosophie auch bei uns verbindlich zu machen. Beckermann und Spohn als
prominente Stimmen aus der GAP definieren sich offenbar stellvertretend für
viele Mitglieder ihrer Gesellschaft wissenschaftlich über die Teilnahme am
angelsächsisch-analytischen Diskurs, verstehen sich als „Brückenkopf“ und
fällen aus dieser Perspektive ihr Urteil. Der Mainstream der Analytischen
Philosophie, dem sich die GAP verpflichtet fühlt, ist das Resultat einer
weiteren Verwissenschaftlichung der Philosophie, die unter sehr spezifischen
Bedingungen von England und den USA ausgegangen ist; vielleicht ist die sogar
unvermeidlich, aber man sollte wenigstens ihre Preise benennen. Immer dickere
Bücher werden über immer weniger geschrieben; die Themen werden ständig
schmaler und spezieller und damit die Zusammenhanglosigkeit größer und größer.
Gerade die analytischen Debatten haben sich längst gegenüber ihrem ursprünglichen
wissenschaftlichen und kulturkritischen Kontext verselbständigt und sind zu
Geheimwissenschaften geworden, die nur noch Experten verstehen; anhand der Bedeutungstheorie
oder der Philosophy of Mind ließe sich das leicht zeigen. Hat in der GAP
niemand Angst vor der völligen Bedeutungslosigkeit einer in lauter
scharfsinnigen Details dahinsterbenden Spezialistenkultur ?
6. Vor Jahr und Tag habe ich mich heftig gegen den Morbus hermeneuticus gewehrt, d.h. gegen den Versuch vor allem der Heidegger-, Gadamer- und Henrich-Schule, das historisch-hermeneutische Philosophieverständnis mit philosophischen Argumenten als das allein wissenschaftliche durchzusetzen – vor allem durch Berufungspolitik. Heute kann ich zu dem entgegengesetzten Programm nicht schweigen: Jetzt soll also das von allem Historischen und Hermeneutischen befreite, auf ganz enge, sich immer weiter verselbständigende Problemfelder beschränkte Philosophieren das Maß aller Dinge sein, und in diesem Licht wird dann auch „die“ Situation der deutschsprachigen Philosophie beurteilt. Ich bestehe darauf: Philosophie ist ein Plural! Jeder mag sich seine Vorbilder aussuchen und auf seinen Präferenzen bestehen, aber die Vielfalt dessen, was sich mit Recht ‚Philosophie‘ nennt und von der Edition und Kommentierung klassischer Texte, über System-, Ideen- und Begriffsgeschichte, die aktuelle Problemdiskussion bis hin zu den Bildungsaufgaben der Philosophen in Schulen, Hochschulen und in der Publizistik reicht, gilt es erneut zu verteidigen. Auch ich selbst halte die Problemdiskussion für zentral, was mich mit den „Analytikern“ verbindet, und habe immer darauf bestanden, dass die Philosophie in der Moderne wissenschaftlich sein muss, aber ich widersetze mich jedem Versuch, die Entscheidung darüber zu monopolisieren, was Philosophie und in ihr wissenschaftlich sei; das sollten wir der offenen philosophischen Diskussion überlassen.
Replik auf:
Ansgar
Beckermann: Zur Situation der deutschsprachigen
Philosophie
Hogrebe: Die deutsche Philosophie -
international bedeutungslos?
Spohn: Kein
Selbstbewusstsein?
Höffe: Der
Diskursstandort Deutschland braucht sich nicht zu verstecken
Herbert Schnädelbach, geb. 1936, seit 1993 Professor für
Theoretische Philosophie, Humboldt-Universität. 1988/90
Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland ![]()
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