| Theoretische Philosophie |
In den Selbstbeschreibungen, die moderne Gesellschaften für ihren kognitiven Haushalt bemühen, spielt der Wissensbegriff eine immer wichtigere Rolle. Zwar ist jede menschliche Gesellschaft auch eine Wissensgesellschaft. Moderne Gesellschaften sind jedoch immer mehr auf ein Wissen angewiesen, wie es nur in den methodisch-technisch kontrollierbaren Formen der wissenschaftlichen Forschung erworben und bewährt werden kann. Indessen ist die Struktur des Wissens noch nicht vollständig geklärt. Doch solange dies der Fall ist, durchschaut auch die moderne Wissensgesellschaft ihre eigenen Grundlagen nicht. Die Bedeutsamkeit der Wissensanalyse reicht daher über die disziplinären Schranken der Erkenntnistheorie und der Philosophie hinaus.
Möglichkeiten und Grenzen der Wissensanalyse
werden zum ersten Mal von Platon in klassischer Weise erprobt. Die moderne erkenntnistheoretische
Wissensanalyse fängt da an, wo Platon aufhört. Platon hat gelegentlich strenge
formale Anforderungen an eine Wissenstheorie gestellt. In seinem Dialog Theaitet
zeigt er, inwiefern eine Person mindestens drei notwendige Bedingungen erfüllt,
wenn sie über ein Wissen, dass etwas Bestimmtes der Fall ist, verfügt: 1. die
Sätze, in denen das Wissen einer Person
formuliert werden kann, müssen wahr sein; 2. eine Person verwandelt sich nicht
schon dadurch in einen Wissenden, dass sie mit wahren Sätzen wie mit Zitaten einer anderen Person umgeht, sondern nur
dadurch, dass sie ernsthaft die persönliche Meinung hegt, dass der Fall ist,
was diese wahren Sätze zu verstehen geben; 3. darüber hinaus muss ein
Wissensinhaber die wahren Meinungen, die er hegt, gegen den Irrationalitätsverdacht
schützen können, indem er über rechtfertigende Gründe zugunsten der Wahrheit dieser
Meinungen verfügt. Eine Person hat insofern nur dann Wissen, wenn sie über
wahre Meinungen verfügt, wie sie sie mit Gründen rechtfertigen kann.
Mindestens so wichtig wie die Ausarbeitung der Wahrheits-, der Meinungs- und der Rechtfertigungsbedingung des Wissens ist Platons Gedanke, dass diese drei Bedingungen die Struktur des Wissens zumindest nicht erschöpfen. Diese Bilanz Platons ist bedeutsam geworden, weil sie der Erkenntnistheorie das Programm mit auf den Weg gegeben hat, nach weiteren notwendigen Wissensbedingungen zu suchen.
1963 hat der Logiker Edmund Gettier eine strenge Methode der Fallerörterung in diese Suche eingeführt. Mit ihrer Hilfe lässt sich gut kontrollieren, ob eine neu ermittelte Bedingung zu den gesuchten Bedingungen gehört. So bildet z. B. die Rechtfertigungsbedingung die Schwachstelle unter den schon gefundenen Bedingungen. Analysen wichtiger Musterfälle zeigen, dass eine Person eine wahre Meinung mit respektablen Gründen rechtfertigen kann, ohne dass man ihr deswegen ein Wissen attestieren könnte.
Glücklicherweise kann man komplexe Strukturen
gelegentlich durch einfache und banale Beispiele, Fälle und Szenarios
erläutern. Auch Lösungsvorschläge für das Wissensproblem profitieren von
konkreten Fallanalysen. Das folgende banale Szenario liegt einigen Fallanalysen
zugrunde: Ein Tourist sucht während einer sehr frühen sonntäglichen
Morgenstunde in der scheinbar menschenleeren Stadt seines Aufenthalts in
größter Eile nach dem Weg zum Bahnhof, um noch rechtzeitig den nächsten Zug für
seine unaufschiebbare Abreise zu erreichen; in letzter Minute trifft er auf
einen einsamen Passanten, der ihm mit allen Anzeichen selbstsicherer Orts- und
Wegekundigkeit die Richtung zum Bahnhof weist.
Die erkenntnistheoretische
Bedeutsamkeit dieses Szenarios ergibt sich aus alternativen Hypothesen über das
kognitive Format des Informanten. Platon spielt in seinem Dialog Menon u. a.
eine Hypothese durch, nach der der Informant den Weg zu seinem Ziel früher schon
selbst gefunden hat. Er hat daher in authentischer Weise durch selbst gemachte
Erfahrung ein methodisch-technisches Know-how entwickelt, das den Kern eines
authentischen Wissens ausmacht und ihn zu wahren Beurteilungen des Sachverhalts
befähigt, der ihm Gelegenheit zu dieser Erfahrung gegeben hat. Darüber hinaus
zeigt Platon mit Hilfe von mathematischen Szenarios zweierlei: Zum einen zeigt
er, inwiefern das methodisch-technische Know-how einer Person den kognitiven
Kern jedes propositionalen Wissens ausmacht, das diese Person entweder mit
Mitteln wissenschaftlicher Forschung oder mit alltäglichen Mitteln in authentischer
Weise erwerben kann: Das Wissen-wie ist eine notwendige Bedingung sowohl des Wissens-was
wie des Wissens-dass.
Platons argumentative Pointe zielt auf zweierlei: Der Empfänger einer Information, die von einem authentisch Wissenden mitgeteilt wird, erwirbt durch diese Kommunikation zwar kein authentisches Wissen, sondern bloß eine wahre Meinung, weil man den Kern des authentischen Wissens – das methodisch-technische Know-how – prinzipiell nicht durch sprachliche Mitteilung, sondern nur durch selbst gemachte Erfahrung entwickeln kann; doch für das Erreichen praktischer Zwecke scheinen wahre Meinungen pragmatisch äquivalent mit authentischem Wissen zu sein – der informationelle Adressat des authentisch Wissenden erreicht seinen Zweck, z. B. den Weg zum Bahnhof zu finden, auf Grund der durch Kommunikation erworbenen wahren Meinung anscheinend nicht weniger gut als sein Informant auf Grund des erworbenen authentischen Wissens; zum anderen zeigt er, inwiefern das authentische propositionale Wissen einer Person wegen seines Know-how-Kerns jeder auch noch so gut begründeten wahren Meinung in inkommensurabler Weise überlegen ist.
Eine andere Hypothese über das kognitive Format des Informanten benutzt der zeitgenössische englische Philosoph Edward Craig. Er nimmt den Fall an, dass auch der Informant kein authentisch Wissender ist, sondern, z. B. in dem Szenario, selbst ein ortsfremder Besucher, der aber vor seiner Begegnung mit dem Informationsbedürftigen einen offiziellen Richtungshinweis zum Bahnhof gesehen hat. Craigs Argument zielt auf die Pointe, dass ein Informant, der nicht ein authentisch Wissender ist, schon dann ein in pragmatischer Hinsicht guter Informant ist, wenn er angesichts des Handlungszwangs, der Zeitknappheit und des Informationsquellenmangels des Informationsbedürftigen bloß hinreichend verlässlich erscheinende Indizien dafür präsentiert, dass er den aktuellen Informationsbedarf durch eine wahre und nützliche Information befriedigt. Der authentisch Wissende und der pragmatisch gute, aber nicht authentisch wissende Informant sind ebenfalls pragmatisch äquivalent. Das gilt sogar dann, wenn dieser gute Informant mit seiner Information faktisch in einem Irrtum befangen ist.
Der Aspekt, unter dem das authentische Wissen dennoch in inkommensurabler Weise der guten Information überlegen ist, kann durch eine weitere Modifikation des Szenarios deutlich werden: Das Richtungsschild für den Bahnhof ist in der Nacht zuvor von angetrunkenen Spaßvögeln verdreht worden. Der nicht authentisch wissende, pragmatisch gute Informant wäre unter diesen Umständen in einem auch praktisch abwegigen Irrtum befangen. Hingegen braucht sich der Inhaber des authentischen Wissens auch durch solche irreführenden Umstände nicht irritieren zu lassen. Er kann die abwegigen Informationen, die man ihnen entnehmen muss, aus eigener Kraft und gerade mit Hilfe des methodisch-technischen Know-how-Kerns seines authentischen Wissens in eigener Regie korrigieren. Wer hingegen auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen ist, ist gegen entsprechende Irrtümer und daher vor allem auch gegen die daraus resultierenden praktischen Risiken, Fehlleistungen, Pannen, Unfälle bzw. Katastrophen aus strukturellen Gründen nicht gefeit. Der beste unter den guten Informanten ist daher immer noch der authentisch Wissende.
Die Struktur des Wissens einer Person, dass das-und-das der Fall ist, kann daher durch sechs notwendige und hinreichende Bedingungen charakterisiert werden: 1. sie weiß, wie man zu ihrer Zeit in erfolgsträchtiger Weise untersuchen kann, ob das-und-das der Fall ist oder nicht; 2. sie hat selbst, also in authentischer Weise, untersucht, ob das-und-das der Fall ist oder nicht; 3. sie hat fehlerlos untersucht, ob das-und-das der Fall ist oder nicht; 4. sie ist selbst, also in authentischer Weise, zu dem Urteil gelangt, dass das-und-das der Fall ist; 5. sie hat erkannt, dass das-und-das der Fall ist; 6. es ist wahr, dass das-und-das der Fall ist.
Der kognitive Haushalt der Gesellschaft
wird daher durch zwei Dimensionen strukturiert. In der einen Dimension verläuft
die kognitive Rollen- und Statusverteilung kreuz und quer durch die ganze Gesellschaft.
Denn in jeder Mikro-, in jeder Meso- und in jeder Makrogruppe gibt es sowohl
Informationsbedürftige wie Inhaber von wahren Meinungen wie auch gute
Informanten und authentisch Wissende. In der anderen Dimension verläuft diese
Rollen- und Statusverteilung kreuz und quer durch den kognitiven Haushalt jedes
einzelnen Menschen. Denn in der Regel ist jeder Mensch in Personalunion sowohl
ein Informationsbedürftiger wie ein Inhaber von wahren Meinungen, guten Informationen
und authentischem Wissen. Die schwierige übergreifende kognitive Zentralaufgabe
verlangt daher die sachgerechte, situationsgemäße und zweckdienliche interpersonelle
und intrapersonale Koordinierung von Informationsbedarf, wahren Meinungen,
guten Informationen und authentischem Wissen. Potenziert wird die Schwierigkeit
dieser Aufgabe durch den Umstand, dass jede wahre Meinung, jede gute
Information und jedes authentische Wissen gleichsam von Schatten begleitet wird
– von Irrtümern, Selbsttäuschungen und anderen kognitiven Fehlleistungen. Die
Lösung der Koordinierungsaufgabe setzt daher die Lösung der diagnostischen
Aufgabe voraus, in jedem konkreten Einzelfall treffend zwischen kognitiver Leistung
und Fehlleistung zu unterscheiden. Deswegen ist jede Gesellschaft schon von
Hause aus eine Wissensgesellschaft nicht mehr und nicht weniger als eine Irrtums-
und Selbsttäuschungsgesellschaft – also eine epistemische Risikogesellschaft.
Rainer Enskat: Wahrheit und Entdeckung. Logische und erkenntnistheoretische Untersuchungen über Aussagen und Aussagenkontexte. Frankfurt/Main 1986. - ab EUR 34,98
Rainer Enskat, Gregor Damschen, Alejandro G. Vigo: Platon und Aristoteles - sub ratione veritatis - EUR 79,00
Rainer Enskat: Authentisches Wissen. Prolegomena zur Er kenntnistheorie in praktischer Absicht. Ca. 350 Seiten (erscheint im Winter 2004/2005).
AutorRainer Enskat ist Professor für Philosophie an der Universität Halle.
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