Theoretische Philosophie

Rainer Enskat:

Wissen

Zur Struktur des kognitiven Haushalts der Gesellschaft

In den Selbstbeschreibungen, die moderne Gesellschaften für ihren kognitiven Haushalt bemühen, spielt der Wissensbegriff eine immer wichtigere Rolle. Zwar ist jede menschliche Gesellschaft auch eine Wissensgesellschaft. Moderne Gesellschaften sind jedoch immer mehr auf ein Wissen angewiesen, wie es nur in den methodisch-technisch kontrollierbaren Formen der wissenschaftlichen Forschung erworben und bewährt werden kann. Indessen ist  die Struktur des Wissens noch nicht vollständig geklärt. Doch solange dies der Fall ist, durchschaut auch die moderne Wissensgesellschaft ihre eigenen Grundlagen nicht. Die Bedeutsamkeit der Wissensanalyse reicht daher über die disziplinären Schranken der Erkenntnistheorie und der Philosophie hinaus. 

Möglichkeiten und Grenzen der Wissensanalyse werden zum ersten Mal von Platon in klassischer Weise erprobt. Die moderne erkenntnistheoretische Wissensanalyse fängt da an, wo Platon aufhört. Platon hat gelegentlich strenge formale Anforderungen an eine Wissenstheorie gestellt. In seinem Dialog Theaitet zeigt er, inwiefern eine Person mindestens drei notwendige Bedingungen erfüllt, wenn sie über ein Wissen, dass etwas Bestimmtes der Fall ist, verfügt: 1. die     Sätze, in denen das Wissen einer Person formuliert werden kann, müssen wahr sein; 2. eine Person verwandelt sich nicht schon dadurch in einen Wissenden, dass sie mit wahren  Sätzen wie mit Zitaten einer anderen Person umgeht, sondern nur dadurch, dass sie ernsthaft die persönliche Meinung hegt, dass der Fall ist, was diese wahren Sätze zu verstehen geben; 3. darüber hinaus muss ein Wissensinhaber die wahren Meinungen, die er hegt, gegen den Irrationalitätsverdacht schützen können, indem er über rechtfertigende Gründe zugunsten der Wahrheit dieser Meinungen verfügt. Eine Person hat insofern nur dann Wissen, wenn sie über wahre Meinungen verfügt, wie sie sie mit Gründen rechtfertigen kann.

Mindestens so wichtig wie die Ausarbeitung der Wahrheits-, der Meinungs- und der Rechtfertigungsbedingung des Wissens ist Platons Gedanke, dass diese drei Bedingungen die Struktur des Wissens zumindest nicht erschöpfen. Diese Bilanz Platons ist bedeutsam geworden, weil sie der Erkenntnistheorie das Programm mit auf den Weg gegeben hat, nach weiteren notwendigen Wissensbedingungen zu suchen.

1963 hat der Logiker Edmund Gettier eine strenge Methode der Fallerörterung in diese Suche eingeführt. Mit ihrer Hilfe lässt sich gut kontrollieren, ob eine neu ermittelte Bedingung zu den gesuchten Bedingungen gehört. So bildet z. B. die Rechtfertigungsbedingung die Schwachstelle unter den schon gefundenen Bedingungen. Analysen wichtiger Musterfälle zeigen, dass eine Person eine wahre Meinung mit respektablen Gründen rechtfertigen kann, ohne dass man ihr deswegen ein Wissen attestieren könnte.

Glücklicherweise kann man komplexe Strukturen gelegentlich durch einfache und banale Beispiele, Fälle und Szenarios erläutern. Auch Lösungsvorschläge für das Wissensproblem profitieren von konkreten Fallanalysen. Das folgende banale Szenario liegt einigen Fallanalysen zugrunde: Ein Tourist sucht während einer sehr frühen sonntäglichen Morgenstunde in der scheinbar menschenleeren Stadt seines Aufenthalts in größter Eile nach dem Weg zum Bahnhof, um noch rechtzeitig den nächsten Zug für seine unaufschiebbare Abreise zu erreichen; in letzter Minute trifft er auf einen einsamen Passanten, der ihm mit allen Anzeichen selbstsicherer Orts- und Wegekundigkeit die Richtung zum Bahnhof weist.

Die erkenntnistheoretische Bedeutsamkeit dieses Szenarios ergibt sich aus alternativen Hypothesen über das kognitive Format des Informanten. Platon spielt in seinem Dialog Menon u. a. eine Hypothese durch, nach der der Informant den Weg zu seinem Ziel früher schon selbst gefunden hat. Er hat daher in authentischer Weise durch selbst gemachte Erfahrung ein methodisch-technisches Know-how entwickelt, das den Kern eines authentischen Wissens ausmacht und ihn zu wahren Beurteilungen des Sachverhalts befähigt, der ihm Gelegenheit zu dieser Erfahrung gegeben hat. Darüber hinaus zeigt Platon mit Hilfe von mathematischen Szenarios zweierlei: Zum einen zeigt er, inwiefern das methodisch-technische Know-how einer Person den kognitiven Kern jedes propositionalen Wissens ausmacht, das diese Person entweder mit Mitteln wissenschaftlicher Forschung oder mit alltäglichen Mitteln in authentischer Weise erwerben kann: Das Wissen-wie ist eine notwendige Bedingung sowohl des Wissens-was wie des Wissens-dass.

Platons argumentative Pointe zielt auf zweierlei: Der Empfänger einer Information, die von einem authentisch Wissenden mitgeteilt wird, erwirbt durch diese Kommunikation zwar kein authentisches Wissen, sondern bloß eine wahre Meinung, weil man den Kern des authentischen Wissens – das methodisch-technische Know-how – prinzipiell nicht durch sprachliche Mitteilung, sondern nur durch selbst gemachte Erfahrung entwickeln kann; doch für das Erreichen praktischer Zwecke scheinen wahre Meinungen pragmatisch äquivalent mit authentischem Wissen zu sein – der informationelle Adressat des authentisch Wissenden erreicht seinen Zweck, z. B. den Weg zum Bahnhof zu finden, auf Grund der durch Kommunikation erworbenen wahren Meinung anscheinend nicht weniger gut als sein Informant auf Grund des erworbenen authentischen Wissens; zum anderen zeigt er, inwiefern das  authentische propositionale Wissen einer Person wegen seines Know-how-Kerns jeder auch noch so gut begründeten wahren Meinung in inkommensurabler Weise überlegen ist.

Eine andere Hypothese über das kognitive Format des Informanten benutzt der zeitgenössische englische Philosoph Edward Craig. Er nimmt den Fall an, dass auch der Informant kein authentisch Wissender ist, sondern, z. B. in dem Szenario, selbst ein ortsfremder Besucher, der aber vor seiner Begegnung mit dem Informationsbedürftigen einen offiziellen Richtungshinweis zum Bahnhof gesehen hat. Craigs Argument zielt auf die Pointe, dass ein Informant, der nicht ein authentisch Wissender ist, schon dann ein in pragmatischer Hinsicht guter Informant ist, wenn er angesichts des Handlungszwangs, der Zeitknappheit und des Informationsquellenmangels des Informationsbedürftigen bloß hinreichend verlässlich erscheinende Indizien dafür präsentiert, dass er den aktuellen Informationsbedarf durch eine wahre und nützliche Information befriedigt. Der authentisch Wissende und der pragmatisch gute, aber nicht authentisch wissende Informant sind ebenfalls  pragmatisch äquivalent. Das gilt sogar dann, wenn dieser gute Informant mit seiner Information faktisch in einem Irrtum befangen ist.

Der Aspekt, unter dem das authentische Wissen dennoch in inkommensurabler Weise der guten Information überlegen ist, kann durch eine weitere Modifikation des Szenarios deutlich werden: Das Richtungsschild für den Bahnhof ist in der Nacht zuvor von angetrunkenen Spaßvögeln verdreht worden. Der nicht authentisch wissende, pragmatisch gute Informant wäre unter diesen Umständen in einem auch praktisch abwegigen Irrtum befangen. Hingegen braucht sich der Inhaber des authentischen Wissens auch durch solche irreführenden Umstände nicht irritieren zu lassen. Er kann die abwegigen Informationen, die man ihnen entnehmen muss, aus   eigener Kraft und gerade mit Hilfe des methodisch-technischen Know-how-Kerns seines authentischen Wissens in eigener Regie korrigieren. Wer hingegen auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen ist, ist gegen entsprechende Irrtümer und daher vor allem auch gegen die daraus resultierenden praktischen Risiken, Fehlleistungen, Pannen, Unfälle bzw. Katastrophen aus strukturellen Gründen nicht gefeit. Der beste unter den guten Informanten ist daher immer noch der  authentisch Wissende.

Die Struktur des Wissens einer Person, dass das-und-das der Fall ist, kann daher durch sechs notwendige und hinreichende Bedingungen charakterisiert werden: 1. sie weiß, wie man zu ihrer Zeit in erfolgsträchtiger Weise untersuchen kann, ob das-und-das der Fall ist oder nicht; 2. sie hat selbst, also in authentischer Weise, untersucht, ob das-und-das der Fall ist oder nicht; 3. sie hat fehlerlos untersucht, ob das-und-das der Fall ist oder nicht; 4. sie ist selbst, also in authentischer Weise, zu dem Urteil gelangt, dass das-und-das der Fall ist; 5. sie hat erkannt, dass das-und-das der Fall ist; 6. es ist wahr, dass das-und-das der Fall ist.

Der kognitive Haushalt der Gesellschaft wird daher durch zwei Dimensionen strukturiert. In der einen Dimension verläuft die kognitive Rollen- und Statusverteilung kreuz und quer durch die ganze Gesellschaft. Denn in jeder Mikro-, in jeder Meso- und in jeder Makrogruppe gibt es sowohl Informationsbedürftige wie Inhaber von wahren Meinungen wie auch gute Informanten und authentisch Wissende. In der anderen Dimension verläuft diese Rollen- und Statusverteilung kreuz und quer durch den kognitiven Haushalt jedes einzelnen Menschen. Denn in der Regel ist jeder Mensch in Personalunion sowohl ein Informationsbedürftiger wie ein Inhaber von wahren Meinungen, guten Informationen und authentischem Wissen. Die schwierige übergreifende kognitive Zentralaufgabe verlangt daher die sachgerechte, situationsgemäße und zweckdienliche interpersonelle und intrapersonale Koordinierung von Informationsbedarf, wahren Meinungen, guten Informationen und authentischem Wissen. Potenziert wird die Schwierigkeit dieser Aufgabe durch den Umstand, dass jede wahre Meinung, jede gute Information und jedes authentische Wissen gleichsam von Schatten begleitet wird – von Irrtümern, Selbsttäuschungen und anderen kognitiven Fehlleistungen. Die Lösung der Koordinierungsaufgabe setzt daher die Lösung der diagnostischen Aufgabe voraus, in jedem konkreten Einzelfall treffend zwischen kognitiver Leistung und Fehlleistung zu unterscheiden. Deswegen ist jede Gesellschaft schon von Hause aus eine Wissensgesellschaft nicht mehr und nicht weniger als eine Irrtums- und Selbsttäuschungsgesellschaft – also eine epistemische Risikogesellschaft.

Literatur:

Rainer Enskat: Wahrheit und Entdeckung. Logische und erkenntnistheoretische Untersuchungen über Aussagen und Aussagenkontexte. Frankfurt/Main 1986. - ab EUR 34,98 

Rainer Enskat: Erfahrung und Urteilskraft - EUR 25,00

Rainer Enskat, Gregor Damschen, Alejandro G. Vigo: Platon und Aristoteles - sub ratione veritatis - EUR 79,00

Rainer Enskat: Authentisches Wissen. Prolegomena zur Er kenntnistheorie in praktischer Absicht. Ca. 350 Seiten (erscheint im Winter 2004/2005).

Autor

Rainer Enskat ist Professor für Philosophie an der Universität Halle.

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Düsseldorf, 24.5.2000, Der Herausgeber