| Bioethik |
Die Deutsche Presseagentur (dpa) hat verschiedene Philosophen zu den Gefahren und Risiken, aber auch zu den Möglichkeiten befragt, die die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes ihrer Meinung nach mit sich bringt.
Wolfgang Lenzen (Osnabrück) hält es für ethísch zulässig, dass man die neuen Erkenntnisse für genetische Eingriffe zur Verbesserung des Menschen nutzt. Konkrete Probleme sieht er bei der pränatalen Diagnostik und ihren Konsequenzen sowie bei der Möglichkeit, dass Versicherungen und Ar- beitgeber einmal genetische Informationen verlangen könnten. Probleme könnten aber - so Lenzen - durch Gesetze geregelt werden.
Günther Patzig sieht in dem Durchbruch Möglichkeiten für die Medizin - auch wenn der Weg dahin noch lang sei und es sicherlich kein ewiges Leben geben werde. Für Norbert Hoerster ist die Perspektive der Eliminierung menschlicher Mängel und Defekte grundsätzlich begrüßenswert, wobei er den psychischen Bereich ausdrücklich ein- schließt und dabei an die Eliminierung des Aggressionspotentials eines Adolf Hitlers denkt. Dabei wäre aber vorerst abzuwägen, ob mit solchen Dispositionen nicht auch postive Aspekte verknüpft seien, etwa ein hohes Maß an Ehrgeiz oder Durchsetzungsvermögen im Alltag.
Ludwig Siep verweist auf die möglichen psychischen Folgen eines Wissens vom individuellen Erbgut. Da scheint sich ihm ein zweischneidiges Schwert zu ergeben, und zwar sowohl beim Wissen über einen selbst wie auch beim Wissen von der Erbanlage eines anderen. Man sei durch das Wissen über einen selbst nicht unbedingt freier, gibt Siep zu bedenken, ja, es könne einen sogar sehr einengen. Und wenn man die Erbanlage eines anderen kenne, enge man durch seine Erwartungen diesen möglicherweise ebenfalls sehr ein und belaste ihn. Selbst das Wissen von Krankheitsdiagnosen kann eine Belastung sein, wenn die Krankheit erst in ferner Zukunft und mit geringer Wahr- scheinlichkeit eintritt und wenn man wenig gegen sie tun kann. Detlev Linke vermutet, wenn das Tabu der Keimbahntherapie aus therapeutischen Gründen gebrochen sei, ergebe sich die Versuchung, in die Bereiche psychischer und kognitiver Eigenschaften einzugreifen. Im Zuge der technologischen Entwicklung werde unsere religiöse Tradition so gedeutet werden, dass dem Menschen Eingriffe in die ihm gegenüberstehende Natur erlaubt sind. Wenn Gott den Menschen als sein Ebenbild schaffe, werde es nicht als Blasphemie gelten, wenn wir selber schöpfend tätig sind, sobald es um Heilung geht. Hermann Schmitz spricht von einer Spielwiese genetischer Manipulationen und von einem Reiz der Macht, der sich hier austoben kann.
Dieter Thomä kritisierte in der Woche (wieder einmal) Peter Sloterdijk und Frank Schirrmacher, der in der FAZ geschrieben hatte: "Die Menschheit ist im Begriff, eine neue Sprache zu lernen, und wer könnte vorhersagen, welcher Roman sich am Ende aus den Buchstaben vor unseren Augen zusammensetzt?"
Spürbar werde hier, so Thomä, eine Sehnsucht, die das Objekt, auf das sie sich richtet, doch gar nicht erfüllen kann. Das menschliche Genom mag Informationen enthalten, mit denen die Produktion von Eiweißen und eine Fülle biologischer Prozesse gesteuert werden, doch eines ist klar: Ein Roman, eine in sich geschlossene Komposition, wie sich Schirrmacher und Sloterdijk dies wünschen, verbirgt sich hier nicht. Die beiden projizieren den Wunsch nach einer sinnhaften Ordnung in das Organische hinein und verfechten damit ein Projekt, das man als Ästhetisierung des Genoms bezeichnen kann."
Peter Sloterdijk kritisierte in einem Gespräch mit Financial Times Deutschland das "Gutmenschentum" von Leuten wie Habermas, die mit ihrer Mentalitätskontrolle vorwiegend in der Vergangenheit lebten und so versuchten, das Unrecht ihrer Väter wieder gut zu machen. Er bedauerte in dem Gespräch, dass die Eugenik durch Hitler zerstört worden ist, obwohl sie doch nichts anderes als Verbindung von Elternliebe und Wissenschaft sei. Sloterdijk fordert, alle noch umstritten Verfahren müssten zugelassen werden, auch der Eingriff in die mensch-liche Keimbahntechnik: "Erstmals wird eine positive Mutation verwirklicht", meinte der Bild zufolge bedeutendste Philosoph Deutschlands.
Hans-Georg Gadamer forderte in einem Interview mit der Welt am Sonntag ein Moratorium der genbiologischen Forschung: "Wir müssen der Forschung - und vor allem auch der mit den Forschungsergebnissen arbeitenden Wirtschaft - endlich ethische Grenzen setzen." Auch hinsichtlich der Klo- nierung äußert er sich entschieden negativ: "Schauerliche Perspektiven. Die Austilgung der Mutterschaft, wie sie sich nicht nur hier andeutet, ist eine Folge solch enthemmter Wissenschaft. Gleichzeitig erfolgt über die Computerwelt ein Angriff auf das, was wir seit altersher die Muttersprache nenne. Dieser allgemeine Prozess bedeutete eine Verarmung unserer Ausdrucksformen und unserer sozialen Lebenswelt. Wir steuern auf den androgynen Einheitsmenschen zu."
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