Film und Philosophie

coverKlaus Draken:

Der Film - philosophiedidaktisch gesehen

Der dem Philosophieunterricht verwandte und politisch oft in Ersatzfachfunktion verbundene Religionsunterricht hat den Spielfilm schon lange als anerkanntes Medium des Unterrichtens für sich entdeckt. Und das Fächer verbindende Lernen stellt speziell über das Medium Film den Zusammenhang zwischen Deutsch, Kunst, Musik und Literatur her. Die Philosophiedidaktik hingegen hat den Film erst seit kürzerem entdeckt - allerdings mit zunehmendem Interesse. Dies zeigt sich an angebotenen Fortbildungsveranstaltungen und einer steigenden Zahl von Veröffentlichungen zur Thematik in den einschlägigen Fachzeitschriften und im Internet. 
Es sind insbesondere wohl zwei Ereignisse, die dazu geführt haben:

Zum einen beeindruckte der Kinomegahit "Matrix" die Philosophengemeinde vor mittlerweile acht Jahren dermaßen stark, dass hieraus ein lang anhaltender Impuls entstand, dem Medium Film größere Aufmerksamkeit zu schenken. Übrigens waren auch hier die Religionspädagogen schneller, sie lieferten mit dem Erscheinen der DVD komplett didaktisiertes Arbeitsmaterial zum ersten Teil der Trilogie. Für die Philosophielehrer wies etwa zeitgleich Georg Schöffel auf die Möglichkeit hin, den Film für den Unterricht zu verwenden. Er meinte sogar, ein Film wie dieser könnte die Funktion einer "Ganzschrift" im Philosophieunterricht übernehmen.

Bei der Einführung des Religionsersatzfaches "Praktische Philosophie" für die Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland, erhielt die fachdidaktische Diskussion einen starken Impuls. Dabei wurde methodisch auf vieles zurückgegriffen, was andere Fächer seit langem als anregend und fruchtbar für die moderne Didaktik entdeckt hatten - darunter auch der Spielfilm. 

In verschiedenen Aufsätzen beschäftigten sich in der Folge Philosophiedidaktiker mit der Frage, wie und wie weit das konkrete Lebenswelten entwerfende Medium Spielfilm tatsächlich philosophische Gedanken transportieren kann und ob es Schüler/innen zu eigenen philosophischen Gedanken inspirieren kann.

Georg Schöffel (1) untersuchte die Einsatzmöglichkeiten des Films Matrix. Sein Fazit: Damit kann durchaus ein Kursverlauf zur Erkenntnistheorie getragen werden. Matrix inszeniert in gelungener futuristischer Weise viele Aspekte des antiken Höhlengleichnisses und bietet mit seiner metaphorisch bzw. als Gedankenexperiment angelegten Handlung vielfältige tiefer gehende Überlegungen an. Diverse Dialogpassagen transportieren abstraktere Überlegungen, die z.B. mit Textpassagen bei Platon in Zusammenhang gebracht werden können. Der - philosophisch gesehen schwächere - zweite Teil der Trilogie Matrix Reloaded führt auf diese Weise zu wesentlichen Aspekten des Determinismusproblems hin. 

Bernd Rolf (2) argumentiert, dass zu hohe Textlastigkeit den Philosophieunterricht stört. Allein schon durch seine umfassendere Ansprache über Auge und Ohr, mit Bildern und Musik entspricht der Film den Anforderungen neuerer neurophysiologischer Erkenntnisse über Lernprozesse. So behält ein Mensch nur 10% von dem, was er liest, von dem was er hört und sieht hingegen 50%.

Aber auch die größere Lebensnähe des Mediums und die stärkere Ansprache der Emotionen können die Lernprozesse fördern. Auch wenn ständige Reizüberflutung der heutigen Jugend und die stark kommerzielle Ausrichtung vieler Filme problematisch seien, ist gemäß Rolf eine "Hinführung zum Philosophieren" durch den Spielfilm gut zu erreichen, wenn dadurch die "Arbeit am Begriff" nicht vernachlässigt wird. Denn gerade Spielfilme sind in der Lage, ein Thema konkret und lebensnah aufzugreifen. Für den Unterricht kommen insbesondere solche in Frage, die Konflikte aufzeigen und die Gedankenexperimente vorführen. Allerdings ist die Unterrichtszeit zu wertvoll, um die für ganze Filme mit oft belanglosen Filmszenen zu verwenden. Rolf plädiert deshalb für Filmausschnitte, die so kurz sind, dass man sie noch in derselben Stunde besprechen kann. Dabei stellt sich sofort das Problem, dass Filme ein Ganzes sind: man kann einen Teil ohne das Ganze nicht verstehen. Deshalb ist es notwendig (wenn man den Film nicht außerhalb des Unterrichtes mit der ganzen Klasse ansehen will) den Kontext des Ausschnittes in Form einer Inhaltsangabe des Filmes vorzustellen. 

Bernd Rolf und Jörg Peters gehen im Text Filme im Philosophieunterricht (3) näher auf die Zeitökonomie und die Plazierung des Filmes innerhalb des Unterrichtes ein. Sie sehen vor allem situativ unterschiedlich einsetzbare Möglichkeiten von Filmausschnitten, die helfen, entsprechend unterschiedliche didaktische Ziele zu verwirklichen. Filme werden so "nach ihrem Bezug zur Philosophie" (von der "Biografie eines Philosophen" bis zum "nicht-philosophischen Sujet"), nach den "Disziplinen der Philosophie" (von "anthropologischen" bis zu "erkenntnistheoretischen Fragestellungen/ Aspekten") oder nach der Darstellung (als "Veranschaulichung", "Konflikt", "Dilemma" oder "Gedankenexperiment") des "philosophisch relevanten Themas" kategorisierbar gemacht und als Problemaufriss, zur Erarbeitung oder zur Vertiefung des philosophischen Unterrichtsgegenstandes nutzbar dargestellt.

In einem eigenen Aufsatz Der Spielfilm Sleepers im PU (4) habe ich den didaktischen Nutzen untersucht, den der Spielfilmeinsatz im Unterrichtsgeschehen bringen kann. Dies kann sein:
- Motivation durch ein schülernahes Medium;
- Problemeröffnung anhand einer konkreten gemeinsamen Ausgangslage;
- Problemerarbeitung ausgehend von einem konkreten "Fall";
- Illustration theoretisch-philosophischer Konstrukte;
- Transferleistungen zwischen der Konkretion einer Spielfilmhandlung und z.B. ethischen Theoremen;
- methodisch exemplarisches Lernen am Analysematerial Spielfilm;
- Ergebnissicherung oder Lernerfolgskontrollen durch einforderbare Transferleistungen; 
- die Nutzung einer Spielfilmhandlung als Projektionsfläche zur Wahrung der Intimsphäre bei heiklen Themen;
- Gelegenheit zu fächerübergreifendem oder fächerverbindendem Lernen;
- Anlass zu Gedankenexperimenten.

Jörg Peters (5) hat für den Philosophieunterricht taugliche Filme in einer umfangreichen Filmographie zusammengestellt und dabei eruiert, welche Fragenkreise in den betreffenden Filmen behandelt werden und für welche Unterrichtseinheiten und Altersstufen sie geeignet sind. Die Liste enthält ca. 100 Filme und ist in erweiterter Form erschienen in der "Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik", Heft 2/2005.

Literatur

(1) Schöffel, Georg: Willkommen in der Matrix - Was ist die Wirkliche Welt? Ein Unterrichtsprojekt in der 13. Aus: Ethik und Unterricht, Heft 2 / 2002, Seite 37-44

(2) Rolf, Bernd: Bewegte Bilder: www. learnline.de/angebote/praktphilo/didaktik/ bewegtebilder.html

(3) Peters, Jörg / Rolf, Bernd: Filme im Philosophieunterricht. In: ZDPE, Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik, Heft 2/2003: Bilddidaktik. Seite 157 - 164

(4) Draken, Klaus: Der Spielfilm "Sleepers" im Philosophieunterricht. Zur didaktischen Begründbarkeit eines Spielfilmeinsatzes in der 12 - in: EU, Ethik und Unterricht, Heft 1/04: "Populäre Medien". Seite 43 - 46

(5) Peters, Jörg: Filmographie für die Fächer Philosophie - Praktische Philosophie - Ethik - Werte und Normen und LER in "Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik", Heft 2/2005 und www.learn-line.de/ angebote/praktphilo/links/filmografie.pdf

 

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Links

Hilary Putnam / János Boros: Gehirn im Tank wie in "Matrix" 4/04

 

Literatur

 

Matrixcover
Keanu Reeves Carrie-Anne Moss
EUR 7,99  
 
The Ultimate Matrix Collection
(10 DVDs)cover
Keanu Reeves Carrie-Anne Moss 
EUR 59,00
ab 7.12.2004  
William Irwin (Hg.): The Matrix and Philosophycover
Welcome to the Desert of the Real (Popular Culture and Philosophy)
 
EUR 16,50
Matrix Reloaded (2 DVDs)cover
Keanu Reeves Carrie-Anne Moss
EUR 7,99   

 

Matrix - Rückblicke, Einblicke, Ausblickecover
 
 
 
EUR 14,99   
Jean Baudrillard: Simulacra and Simulationcover

 

 

EUR 14,50   
Matrix Revolutions (2 DVDs)cover
Keanu Reeves Laurence Fishburne
EUR 7,99 
Animatrixcover

9 Kurzfilme aus der "Matrix"-Welt von 7 Künstlern aus Japan, den USA und Korea.

EUR 9,99 
 

 

Autor [Stand der Information: 08/12/2005]

Klaus Draken unterrichtet als Studiendirektor u. a. die Fächer Philosophie und Praktische Philosophie an der Städtischen Gesamtschule Solingen, ist Fachleiter für Philosophie am Studienseminar für Lehrämter (Gymnasium/Gesamtschule) in Wuppertal und Landesvorsitzender NRW im "Fachverband Philosophie e.V.".

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Düsseldorf, 24.5.2000, Der Herausgeber