Interview

Peter Sloterdijk:

"Man muß sich von allem freimachen..."

Herr Sloterdijk, Sie haben in Ihrem Buch "Selbstversuch" geschrieben, wir lebten "nach der Revolution". Die "mystisch pralle Erwartungsblase" sei zusammengesunken.

Es gibt nicht mehr diesen Singular, auf den Menschen einst hingelebt haben: die eine Revolution. Seitdem sind auch Intellektuelle nicht mehr als Revolutionsberater zu gebrauchen. Es wird nicht mehr am Meisterplan des homogenen Geschichtsmodells gezeichnet. Eine beruhigende Tatsache.

Warum beruhigend?

Weil sich der Sinn dafür geschärft hat, daß wir ohnedies in chronischen Revolutionen leben. Statt lediglich politischem Systemwechsel nun permanente technische, symbolische, mentale Umwälzungen, die ungeheuer komplexe Lernprozesse hervorrufen, nebeneinander und gleichzeitig. Wir leben in einem Zeitalter von chronischen Erfindungen, Entdeckungen und Bereicherungen.

Was ist das nun: im Danach leben?

Geschichtsbewußtsein entsteht durch Epochenbrüche, die durch das Leben der Generationen hindurchgehen. Wo dies nicht geschieht, verharren wir in zeitlosen Strukturen, in ewiger Gegenwart - wie sie der Welterfahrung des Mythos entspricht. Wer in der Geschichte lebt, der lebt immer nach etwas, er spürt das Zittern eines historischen Erdbebens, von dem her alles verändert wurde. Für die Deutschen ist das größte Beben noch immer das Jahr 1945. Alles seither war Erholung vom Faschismus. Die Besonderheit der deutschen Geschichte besteht darin, daß es zwei verschiedene Stile gab, das Schlimmste hinter sich zu haben, ein Danach West und ein Danach Ost. Diese beiden Stile werden jetzt ineinander konvertiert. Das ist unser nationales kulturelles Pensum.

Was hat sie unterschieden, diese "beiden Stile"?

Jene beide Rettungen aus dunkelster Zeit, die als DDR und BRD Verfassung annahmen, waren je auf ihre Weise Wiederaufnahmen eines Projektes, das älter ist als die Nachkriegsgesellschaften. Ich meine das große Projekt der modernen Welt: den Traum vom guten und reichen Leben. Der Nationalsozialismus hatte dieses Projekt unterbrochen, er war ein Versuch, aus der Geschichte der Verbürgerlichung der Welt herauszuspringen in eine radikal überpolitisierte Existenzform - was übrigens für den Sozialismus erst recht galt. Die bürgerliche Gesellschaft hängt an dem Traum, mit dem Primat des Politischen zu brechen, sie will das Primat der privaten Glücksspiele.

Hat ihr genau diese Traumsubstanz zum vorerst geschichtlichen Sieg verholfen?

In der bürgerlichen Gesellschaft will man kein Schicksal in der Hand der Politiker; jeder ist selbst seines eigenen Schicksals Schmied. Und wenn schon ein gemeinsames Restschicksal bleiben muß, dann in Form der Frage, wie möglichst schnell ausreichend Geld für alle oder zumindest für die meisten besorgt werden kann. Diese kapitalistische Schule des Wünschens ist so erfolgreich, weil sie den Zusammenhang von Wünschen und Markt - und damit den schnellen Weg zur Bereicherung - ruchloser als andere Systeme bewirtschaftet.

Der Sinn des Lebens wäre nicht, gut zu sein, sondern gut zu leben?

Die Menschen, die nach Deutschland drängen, machen dies nicht in erster Linie, weil es hier so viele gute Buchhandlungen und nette Leute gibt. Auch heute träumt der sogenannte gewöhnliche Mensch letztlich in den Strukturen jenes alteuropäischen Märchens, das vom reichen und glücklichen Leben erzählt. In Volksbüchern des 16. Jahrhunderts taucht dieser substantielle Traumstoff auf: eine Geldbörse, die jedesmal, wenn man sie öffnet, zehn Goldstücke enthält.

Sie schreiben: "Nach der Revolution zu leben, ach, da kommt es auf Jahrzehnte nicht mehr an, es ist egal, in welcher Zeit man lebt, wenn man danach lebt." Welche Folgen hat das für die Lebenshaltung? Wo liegt noch eine Chance für sinnvolle Orientierungen?

Um das zu interpretieren, müßte man zurückgehen bis zur Zeit nach der großen Pest, in die 40er Jahre des 14. Jahrhunderts, als die Europäer damit zurecht kommen mußten, daß 40 Prozent der Bevölkerung an einer Art von bakteriologischem Gottesurteil zugrundegingen. Ich halte es für das Datum aller Daten in der europäischen Mentalitätsgeschichte. Der religiöse Glaube im Menschen hat damals einen so tiefen Schlag versetzt bekommen, daß man für postmortales Hoffen, den Kern mittelalterlicher Wunschkultur, keinen Sinn mehr sah. Nach der Pest mußte das Wünschen neu gelernt werden. Und die neuen Wünsche richteten sich notwendigerweise auf das gute irdische Leben. Deshalb ist für mich das Gründungsdokument des modernen Europa Boccaccios Decamerone. Er beschreibt den Menschentypus, der sich in der Regenerationsphase nach diesem theologischen Supergau neu formiert. Die Tiefe der Fragestellung von damals ist vergleichbar mit der von 1945: Wie leben wir nach der größtmöglichen Kulturkatastrophe?

Und was rät Boccaccio?

Die Menschen, die das Schlimmste überlebten, müssen einen neuen Gesellschaftsvertrag schließen, sie ziehen sich aus der pestverwüsteten Stadt zurück auf ein Landgut und leben dort in den höflichsten, heitersten und musischen Formen miteinander, so gut es geht. Sie haben, wie Boccaccio zeigt, vor allem eines begriffen: Nur die Verschwörung der Heiterkeit und der guten Manieren macht immun gegen eine unlebbare Umwelt.

Zynismus der Dekadenten, die sich zurückziehen? Die Toscana-Fraktionisten als neue Heilsprediger?

Im Gegenteil: Der immunologische Imperativ Boccaccios verweist darauf, daß es Zeiten gibt, in denen es darauf ankommt, die fröhliche Wissenschaft des Daseins nach dem Schlimmsten zu entwickeln. Auch die Deutschen hatten eine Chance hierzu - und es scheint, sie haben sie, so gut sie konnten, genutzt. Es geht um die Möglichkeit des Menschen, bei allem Teuflischen der Welt das zu suchen, was heiter und integer macht und den Anstand wahrt. Das ist eine Lebensarbeit, in die verstrickt zu sein sich lohnt.

In dem Zusammenhang polemisieren Sie gegen ausufernden Individualismus.

Wir müssen Boccaccio als den ersten Kommunitarier lesen. Hingegen triumphiert heute der mystische Endverbraucher, fit bis ins hohe Alter, der die Endzustände der Welt abfeiert und sich selbst genug ist. Der herrschende Typus von "letztem Menschen" hat seine Bindefunktion zwischen Vorfahren und Nachkommen vergessen.

Aber worauf gründet sich Ihre Hoffnung auf neue Bindekräfte zwischen den Menschen? Die Atomisierungen schreiten weiter voran.

Seit Menschen miteinander sprechen, sind sie Geschöpfe ihrer Kommunikation. Ein französischer Therapeut hat einmal gesagt: Sprechen heißt auf dem Körper des Anderen spielen. Eine große Einsicht! Es kommt darauf an, im Verkehr mit Menschen Zusammenhänge herzustellen, in denen jeder in sein Optimum kommt. Es geht um Schwingungsgemeinschaften: Man teilt ja nicht nur Freude miteinander, sondern das gesamte Klima.

Und soziale Kontakte bedeuten eine Erweiterung eigenen Kompetenzreichtums in der Gemeinschaft.

Mir geht es um die Widerlegung der Einsamkeit: Jedem seine Horde als Verschwörungschance gegen den Rest der Welt. Man muß sich von allem freimachen, besonders von den sogenannten harten Tatsachen. Man muß sich letztlich sogar vom Wetterbericht emanzipieren. Wenn es heißt, das Wetter sei schlecht, so könnte das eine Lüge des Klassenfeindes sein. Gute Gesellschaften machen ihr Klima selbst.

1980 waren Sie in Indien. Danach hieß es, Sloterdijk sei auf esoterischem Trip. Was hat Ihnen der Aufenthalt bei Bhagwan Shree Rajneesh gebracht?

Er hat mich von zwei Dingen befreit, die zur europäischen Realitätsdefinition gehören: vom Fatalismus der Erfolgsgläubigkeit und vom Glauben an das herrschende Klima. Zu jedem Klima gibt es nämlich ein Gegenklima, und zwar in Gleichzeitigkeit. Nicht: Es regnet jetzt, später wird es wieder besser; nein, das Andere ist mitten im Regen da.

Sie sprachen von Schwingungsgemeinschaften. Die Soziologie etablierte den Menschen als ein Wesen, das zuvörderst in der Arbeit kommuniziert und dort zur Gemeinschaft kommt.

Lange bevor Menschen durch Arbeit sozialisiert werden, passiert etwas viel Entscheidenderes. Das erste Produkt des Menschen ist etwas Unstoffliches, nämlich die Atmosphäre zwischen uns. Jeder hat ein Interieur, das ausstrahlt. In uns ist etwas, was auch um uns ist. Ich würde sagen: Die Klimapolitik ist das Schicksal.

In Ihrem bereits erwähnten Buch "Selbstversuch" heißt es dazu: "Nicht einen Tag hielte man es mit einem anderen Menschen in derselben Wohnung aus, wenn die Beteiligten nicht die merkwürdige Fähigkeit hätten, gemeinsame Frequenzen zu finden."

Das heißt auch, daß ich mich selber öffnen, daß ich, wenn ich auf Fremde treffe, mir etwas einfallen lassen muß, mit sich das eigene und das fremde Interieur verbinden. Das ist schon zwischen zwei Personen eine sehr komplizierte Angelegenheit; und erst recht auf politischer Ebene. Wie wir bei der deutschen Vereinigung sehen, hat die Interieurverschmelzung zwischen Ländern be-trächtliche Tücken. Wir wissen nicht, wie man Klima-Politik macht.

Was fällt Ihnen zu Oskar Lafontaine ein?

Ein Verhinderer wie andere auch. Früher ein Hoffnungsträger, ist er jetzt selber ein Mann des unbeweglichen Apparates geworden.

Und Schröder?

Dieselbe seelische Verbrauchtheit. Aber wenigstens sein Ehrgeiz ist authentisch. Wo andere nur depressive Arroganz zeigen, hat seine echte Anmaßung auch Unterhaltungswert.

Glauben Sie, auch im "Danach", an ein neues revolutionäres Subjekt?

Der Zustand unserer Kultur produziert unweigerlich ein zumindest kritisches Subjekt, das sich aber nicht mit utopischen Forderungen, sondern realen Projekten einmischen wird. Woran ich glaube, ist eine Revolte der Eltern. Eltern sind eigentlich die letzten Traum-Politiker in dieser Welt, weil sie an der Utopie der Fortpflanzung festhalten. Eltern sehen zum Beispiel, daß das Schulsystem immer schlechter wird und daß man die Kinder vor den real existierenden Lehrern schützen muß. Schüler - das sind die, die durch die Hölle der Sitzerziehung gehen, eingerichtet von Erwachsenen, denen man ansieht, daß sie die Sache, die sie tun, äußerst unglücklich tun. Ich schaue mich um in Schulen und Universitäten, sehe die begabten Kinder und frage mich: Wie war es möglich, all diese wunderbaren jungen Menschen so zu verarmen?

Was denken Sie über den Tod?

Er ist der einzige Psychoanalytiker, den wir uns alle leisten können. Er bleibt uns treu, auch wenn die Krankenkasse große Analysen nicht mehr zahlen. Er hört zu, er wartet, er läßt uns kommen. Jeder, der eine Beziehung zum eigenen Tod aufbaut, hat die Chance, eine ehrliche Bilanz zu ziehen - denn er hat ja jemanden, dem er die Wahrheit über sich selbst sagen kann. Deshalb ist der Tod ein Alliierter der Philosophen; er steht uns bei, mit unserem pathetischen Wahrheitsbegriff durchzukommen. Wenn man den Tod wegläßt, werden alle Wahrheitsbegriffe flach und pragmatisch, und man endet früher oder später bei O.J. Simpson: Wahrheit ist die Fähigkeit, eine Lüge bis zum Ende durchzuhalten. Ohne Todesbezug wird auch die Religion schal und zu einer bloßen Psychotechnik, um besser an den eigenen Erfolg glauben zu können. Mein Verhältnis zum Tod wird im übrigen dadurch bestimmt, daß er die stärkste Erinnerung an die Geburt provoziert. Die eigene Ankunft in der Welt ist nicht erinnerbar. Mit der Geburt beginnt das andauernde Zur-Welt-Kommen, und der Tod macht deutlich, daß jedes Leben, wenn es endet, noch immer ein unvollendetes Projekt ist.

Mit Peter Sloterdijk sprach Hans-Dieter Schütt. Erstveröffentlichung in "Neues Deutschland".

 

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken