Interview

Rationalität und Moral

Ein Gespräch mit Bernard Gert

Bernard Gert ist durch seinen originellen Versuch rationaler Moralbegründung bereits seit den 70er Jahren auch in Deutschland bekannt geworden. Seit einigen Jahren fin-det sein Ansatz auch in Feldern angewandter Ethik zunehmend Beachtung. Kürzlich hat er unter dem Titel Morality. Its Nature and Justification eine Explikation seiner normativen Moralphilosophie veröffentlicht. Darin werden die moral- und rationalitätstheoretischen Stränge in Gerts Theorie eng miteinander verkoppelt. Kennzeichnend für seine - im weiten Sinne pragmatistische - Rationalitätstheorie ist eine betont antiformalistische Konzeption von Typen von prima facie irrationalen Handlungsweisen und zudem seine gründliche Rekonstruktion der Moral des Common Sense.

Was halten Sie für die wichtigsten Unterschiede zwischen Ihrer Explikation "des moralischen Systems" und moralphilosophischen Ansätzen wie denen von Richard Hare, Alan Gewirth oder in gewissem Sinne auch von John Rawls?

Das sind bekannte Versionen der konsequentialistischen, der deontologischen bzw. kantianischen und der kontraktualistischen Richtung innerhalb der Moralphilosophie. Was sie gemeinsam haben, ist der Bezug auf - natürlich auf jeweils andere - formelle Rationalitätsbegriffe. Alle formellen Rationalitätsbegriffe sind aber der Frage ausgeliefert, "Warum sollte ich rational sein?" Bei formellen Rationalitätsbegriffen ist ja immer denkbar, daß vernünftige Personen eine Begründung dafür haben wollen, wa- rum sie x tun sollten, wobei x hier für die von der Theorie angebotene formelle Vernunftdefinition steht. Daß die Vernunft die Moral unterstützt - ein Nachweis, den alle vernunftmoralischen Positionen irgendwie zu führen versuchen - kann dann aber niemals das leisten, was er eigentlich leisten sollte. Denn die Frage bleibt offen, warum einer überhaupt rational sein sollte?

Ich fand irgendwann, daß ich ein Vernunftkonzept brauchte, demzufolge es für niemanden, den wir ernst nehmen würden, je fraglich sein würde, warum er rational sein sollte. Klarerweise läßt sich keine formelle Vernunftkonzeption aufbieten, in der diese Frage eine überzeugende Antwort finden kann. So gewann ich die Überzeugung von der theoretischen Notwendigkeit eines materialen oder substantiellen ("substantive") Rationalitätsbegriffs - den ich dann entlang der Leitfrage "was ist es, das keiner, den wir ernstnehmen, würde tun wollen?" rekonstruierte. Zum Beispiel würde niemand im Ernst sich selber verletzen, sich selber Schaden zufügen wollen. Schön und gut, das ist eine unmittelbare Antwort. Aber dann denkt man natürlich, daß es doch durchaus möglich ist, daß jemand sich ein Übel zufügen will, nämlich dann, wenn einer einen Grund hat, aus dem er denkt, daß in der Folge daraus für ihn selber oder für jemand anderen etwas ausreichend Gutes entspringt. Im Lichte meines materialen Rationalitätsbegriffs muß man sagen: Es ist irrational, sich selbst schädigen zu wollen, außer wenn es für jemanden - für einen selbst oder für andere - im Ausgleich etwas Gutes bringt. Und wenn dies zur Bedeutung von Irrationalität gehört, dann trifft zu, daß eigentlich niemand irrational sein will. Und wenn man zeigen kann, daß dieser Rationalitätsbegriff etwas bestimmtes unterstützt, z.B. bestimmte Weisen des Handelns, dann hat dies eine große Überzeugungskraft.

Sie betonen also einen rationalitätstheoretischen Unterschied, Ihr Vernunftbegriff ist material statt formal, und Sie meinen erstens, daß es keinen Vernunftbegriff gibt, der beides ist, basal und formal, und zweitens, daß die gute alte Idee, Moral und Ver-nunft in der Theorie eng zusammenzurükken, nur trägt, wenn man den Formalismus in der Rationalitätstheorie zugunsten eines materialen Vernunftkonzepts aufgibt - jedenfalls wenn "Rationalität" ein basaler normativer Ausdruck sein soll, mit dem sich auch im Feld philosophischer Ethik etwas anfangen läßt. Wie würden Sie nun aber genauer das Verhältnis bestimmen zwischen dem, was die Moral und dem, was die Vernunft vorschreibt bzw. verbietet?

Natürlich finden sich hierzu ganz unterschiedliche philosophische Positionen. Aber den meisten Philosophien schwebt doch eine direkte Verbindung vor in der Art, daß wenn man rational ist, dies auch von einem fordert, moralisch zu sein. Das stimmt ge-wiß für Kant, für Hare, auch für Gewirth, und es gilt ja auch für Habermas. Wieweit es auch auf Rawls zutrifft, ist nicht ganz so klar, er behandelt diese Frage nicht deutlich genug. Hinsichtlich einiger Konsequenzialisten, z.B. John S. Mill, ist die Beschreibung unzutreffend. Aber selbst wenn diejenigen, auf die die Beschreibung zutrifft, den versuchten Nachweis erbringen könnten - was meiner Meinung nach aber gar nicht der Fall ist -, dann würde der Nachweis überhaupt nichts fruchten, weil sie keinen passenden Vernunftbegriff haben.

Jetzt, nachdem ich mit meiner Theorie über einen angemessenen Vernunftbegriff verfüge - angemessen schwach und gerade da-durch stark - stellt sich natürlich die Frage, wie die Rationalität die Moral unterstützt. Mit meinem Rationalitätsbegriff, der ja impliziert, daß ich niemanden für irrational halte, außer wenn die betreffende Person in der betreffenden Hinsicht ohne Frage von niemandem ernst genommen würde, stellt sich nun aber heraus, daß unter vernünftigen Menschen sehr viel Raum für Dissens ist. Es gibt unzählige rational zulässige Überzeugungen, z.B. viele religiöse Überzeugungen, die Gründe für Meinungsverschiedenheiten sind, ja es kann sogar scheinen, als gäbe es überhaupt keinen Weg, wie wir von den endlosen Meinungsverschiedenheiten unter vernünftigen Menschen zu interessanten Konsensen kommen können. Also sagte ich mir: Manchen wir einmal die Annahme, daß wir unsere Überzeugungen auf diejenigen einschränken, die wir allesamt teilen. Wir wollen zur Formulierung ihrer oder unserer Einstellung zum Moralischen ("attitude towards morality") keine Überzeugungen zulassen, die nicht von ihnen bzw. uns allen geteilt werden. Das führt dann natürlich sofort auf die Frage, warum jemand eine solche Begrenzung seiner Überzeugungen mitmachen wollen sollte? Die Antwort liegt in dem spezifischen Sinn, in dem Moral ein öffentliches System ist, nämlich ein System, in dem jeder, auf den es Anwendung findet, einigermaßen weiß, was moralischerseits für ihn geboten, verboten, erlaubt oder lobenswert ist.

In diesem Punkt unterscheidet sich die Moral wesentlich vom Recht und auch von der Religion. Oft werden Menschen ja innerhalb einer Religionsgemeinschaft nach religiösen Maßstäben beurteilt, obwohl sie die Beurteilungsstandards selber nicht kennen. Aber mit Blick auf Moral ist es nach allseits geteilter Auffassung unzulässig, über jemanden moralisch zu urteilen, der die be-treffenden Standards, was er tun und lassen sollte, legitimerweise gar nicht kennt. Von daher haben wir hier einen in der Sache selbst liegenden Grund, die als zulässig geltenden Überzeugungen einzuschränken auf solche, die jemand mit allen anderen vernünftigen Menschen teilt: nur wenn man diese Einschränkung macht, kann man ein Moralsystem haben, mit dem jeder vertraut ist.

Die nächste Frage ist dann aber: Wenn wir uns auf Überzeugungen, die unter vernünftigen Personen Allgemeingut sind, beschränken, erreichen wir hierdurch die gesuchte Übereinstimmung? Es gab eine Zeit, da meinte ich, ja, dies genüge für Konsens. Ich sah dann aber, daß selbst das nicht genügt, da man auch dann immer noch eine egozentrische Haltung einnehmen kann: Eine Person kann ja wollen, daß andere Menschen sich ihr gegenüber, oder "ihnen" oder "denjenigen, an denen mir etwas liegt" gegenüber, moralisch verhalten. Aber das würden wir noch nicht als die moralische Einstellung bezeichnen. Es braucht also noch etwas zusätzlich zu der Einschränkung auf unkontroverse Überzeugungen.

Hier hat man nun eine theoretische Alternative: Wenn man unparteilich wäre bezüglich aller in das Moralsystem einbezogenen Personen, dann würde jeder gleichermaßen Anteil an jedem anderen nehmen, das ergäbe einen Konsens. Oder man geht von der Tatsache aus, daß die Moral ein öffentliches System ist, und gibt dem Öffentlichkeitscharakter der Moral den stärkeren Sinn, daß nicht nur jeder das System und seine Anforderungen kennt, sondern es für niemanden irrational ist, dieses Orientierungssystem anzunehmen, sich nach seinen Standards beurteilen zu lassen und selber zu übernehmen. Dann kann man sagen: Wenn die Mo-ral ein solches öffentliches System ist, dann ergibt sich bereits hieraus, oder aus der Unparteilichkeit in Kombination mit der Einschränkung in den zugelassenen Überzeugungen, die gesuchte Übereinstimmung. Man bekommt sie aber nur mit Hilfe der Einschränkung in den Überzeugungen plus Unparteilichkeit oder rationale Akzeptierbarkeit oder dies beides.

Meiner Meinung nach ist der Anhalt, den die Moral in der Vernunft findet, also nur eine hypothetische Unterstützung, denn sie ist dadurch bedingt, daß man eine Beschränkung für die zulässigen Überzeugungen gelten läßt und auf die erste oder die zweite Weise über Moral denkt. Die Beziehung von Vernunft und Moral, wie ich sie sehe, ist also schwächer, als viele Moralphilosophen das gerne hätten, dafür ist sie aber sehr dicht und funktioniert theoretisch gut, was man von anderen Versuchen, diese Beziehung zu bestimmen, nicht gerade sagen kann.

Sie unterstreichen, besonders in ihrem neuen Buch, daß die Moral nicht nur ein öffentliches System, sondern ein öffentliches System von universalem Anspruch auf Geltung ist: die Moral bzw. das "moralische System" adressiert sich an jeden. Das finde ich sehr interessant, aber...

Unplausibel?

Nein, durchaus nicht. Ich halte Adressatenuniversalismus aber doch nur für eine Eigenschaft einiger Moralauffassungen, nicht für eine Eigenschaft von Moral schlechthin. Verschiedentlich sagen Sie Dinge wie, daß es "für uns heute" klar ist, daß alle mit der Moralauffassung vertraut sein müssen, nach der man sie beurteilt und daß "alle" sich wirklich auf alle vernünftigen Personen bezieht. Diese universale Transparenzbedingung der Moral, so könnte man dann auch sagen, ist entweder eine spezifische Errungenschaft der Kultur der Moderne oder ein philosophisches Konstrukt aus der Naturrechtstradition. Auf jeden Fall scheint es sich bei der universalen Transparenzbedingung um eine Besonderheit zu handeln, also gerade nicht um etwas, das man deskriptiv an allen geschichtlich existierenden Moralauffassungen ablesen könnte.

Tatsächlich findet meine Explikation des Moralbegriffs Anhaltspunkte im Naturrechtsdenken, denn in dieser Tradition werden beide Charakteristika vertreten, die ich der Moral als einem öffentlichen System zugeschrieben habe: daß es jedem bekannt ist und daß es für niemanden irrational sein soll, sich durch es bestimmen zu lassen. Es ist nun aber nicht so, daß wir annehmen müßten, die Moral habe es zu allen Zeiten in allen Gesellschaften gegeben. Wir sind es, die z.B. im Rückblick etwas so interpretieren, daß wir sagen, es sei die Moral jener Gesellschaft gewesen. Natürlich hat es zu allen Zeiten irgendwelche Verhaltenscodizes gegeben. Und wenn wir das, was wir da ir-gendwo finden, nicht genau unter unsere Begriffe von Recht oder dergleichen bringen können, dann sprechen wir gerne, allerdings bloß in einem sehr lockeren Sinne, von Moralen. Es ist aber gar nicht eindeutig, ob das Moralen waren, denn uns, oder mir zumindest, ist klar, daß die Moral, egal wie uneins man über alles sonstige auch sein mag, jedenfalls ein öffentliches System sein muß - dieses Charakteristikum muß sie aufweisen. Von vielen verhaltensnormierenden Systemen früherer Zeiten wissen wir, daß sie auch dann in Anschlag gebracht wurden, um Menschen Schuld oder Strafe zuzuweisen, wenn Betroffene sie gar nicht kennen konnten. Solche geschichtlich frühen Normsysteme möchte ich als vormoralische Systeme bezeichnen. Womöglich haben solche Systeme einen ähnlichen Inhalt gehabt wie die Moral. Aber es handelte sich nicht um Moral, sondern um Religionssysteme oder um - wie ich manchmal sage: - Systeme personalen Rechts.

Wo sich aber wirklich das öffentliche System der Moral entwickelt hat, da finden wir in gewissem Sinne immer auch Universalität. Allerdings muß das moralische System immer auch kulturell interpretiert werden. So müssen wir irgendwie festlegen, unter welchen Bedingungen es als Täuschen gilt, wenn jemand etwas anderes sagt als das, was er für wahr hält. Oder wenn ein anderer sich über etwas, das ich tue, aufregt - unter welchen Bedingungen gilt, daß ich durch mein Handeln einem anderen den Är-ger, den er empfindet, verursache, und wann gilt, daß der andere vielleicht nur zu empfindlich und insofern selber daran schuld ist. Jede Gesellschaft muß diese Art von Deutungen entwickeln. Es gibt wirklich keinen Fall des moralischen Systems bar jeder Interpretation. Die Moralsysteme, die es wirklich gibt, sind allesamt Variationen bzw. Interpretationen des einen moralischen Systems, das in einem gewissen Sinne hinter allen steckt. Obwohl das moralische System universal ist, können sich die wirklichen Moralsysteme, die sich in verschiedenen Gesellschaften ausgeprägt haben, untereinander ein wenig unterscheiden. Aber al-len ist gemeinsam, daß es sich um Interpretationen eines einzigen grundlegenden Moralsystems handelt.

Könnten aber nicht doch auch gewisse Bin-nen- oder wie man das manchmal auch nennt: Stammesmoralen öffentliche Systeme im Sinne der Transparenzbedingung sein und gleichwohl die Universalismusbedingung nicht erfüllen? Was ich vorhin versuchsweise die "Bedingung universalistischer Transparenz" genannt habe, das zerlegt sich ja eigentlich in zwei logisch distinkte Bedingungen, nämlich in Universalismus und Transparenz, oder?

Ja, theoretisch stimmt das. Aber de facto finden wir keine vor-universalistischen öffentlichen Moralsysteme. Ein System, das vor-universalistisch ist, ist dann auch kein öffentliches. Seine verhaltensnormierenden Eigenschaften sind z.B. handlungsleitend im Hinblick auch auf solche Menschen, die mit diesen Eigenschaften gar nicht vertraut sind - oder sie enthalten Anforderungen, wie be-stimmte Gruppen von Menschen auf die richtige Weise handeln sollen, doch ohne die Forderung, diese Menschen selber auf die richtige Weise zu behandeln, man denke z.B. an Sklavenhaltergesellschaften.

Würden Sie sagen, es gibt so etwas wie eine "innere Logik" der Transparenzbedingung, so daß sich gewissermaßen ein Zug ins Uni-versalistische einstellt, sobald irgendeine bestehende Auffassung von Moral die Transparenzbedingung anzuerkennen beginnt?

Ja, das trifft es genau. Denn die Bestimmungen, die nötig sind, damit einer sich als jemand denken kann, der das System auf sich selbst bezieht, sind Bestimmungen, die auf alle rationalen Personen zutreffen. Dadurch würde es sehr schwer, das Moralsystem zwar transparent zu machen und doch zugleich willkürlich einzuschränken. Wenn verschiedene Kulturen miteinander in Konflikt oder auch nur in Kontakt kommen, dauert es ja oft nicht lange, bis sie merken, daß es auch in der jeweils anderen Kultur eine recht gut verständliche Moralauffassung gibt. Heute, mit der Globalisierung und den Ansätzen einer Weltgesellschaft, können wir z.B. an der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sehen, wie etwas explizit universalistisch wird, was vorher nur implizit universalistisch zu sein pflegte.

Mit Bernard Gert sprach Matthias Kettner (Kulturwissenschaftliches Institut des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen) am 20.11.1998 in Essen.

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken