| Leserbriefe |
zu: Diskussion Schnädelbach-Hirschler, in Heft 5, S. 74-77
"Diese Diskussion zeigt in ganz typischer Weise eine von Theologen oft angewandte trickreiche, jedoch im Grunde sophistische Argumentationsstrategie. Erlauben sie mir hierzu die folgenden, die Position Schnädelbachs ergänzenden, Klarstellungen. (Ich be- ziehe mich auf die - jeweils halbseitigen - Spalten Sp 1 bis Sp 8.)
Sp 4: Wer zugibt, dass er keine Antwort auf die Sinnfrage hat, lebt (als ehrlich bescheidener Philosoph im Geiste des sokratischen Nichtwissens) nicht unter Niveau, sondern vermeidet jene unbeschreibliche Arroganz derer, die vorgeben, eine Antwort zu besitzen (wobei diese niemals zu sagen pflegen, worin diese besteht).
Sp 5/6: Der Theologe kann es offenbar nicht aushalten, dass ein Philosoph eine Stelle leer lässt und diese nicht mit selbsterfunde- nen Phantasien füllt. Dem, der zugibt, keine Antwort zu haben, zu unterstellen, er habe in Form einer Leerstelle eine solche, ist nicht nur unsinnig, sondern unfair.
Sp 5: Wer sagt, es lohne sich, dies oder jenes zu tun, gibt doch keine Sinnantwort! Selbst- verständlich haben wir alle irgendwelche Wertmaßstäbe. Aber für diese gibt es keine Letztbegründung und daher auch keine Einsicht in deren letzten Sinn.
Und überhaupt: Worin besteht denn die Sinnantwort derer, die als Sinnerklärung Gott annehmen bzw. an ihn glauben? Mit dem Wort oder der Vortellung Gott (oder was immer man mit dieser Vokabel verbin- det) wird allenfalls Unbegriffenes durch noch Unbegriffeneres erklärt und die Tatsache kaschiert, dass der mit Gott Rechnende kein Jota mehr an Sinnverständnis besitzt als der Agnostiker oder der Atheist. (Oder besitzen die Glaubenden, mit Nietzsche zu reden, ein Telefon des Jenseits?)
"Worum geht es in diesem Streitgespräch letztlich? Bischof Hirschler bezweifelt, daß bestimmte Leerstellen im Denken des Philosophen Schnädelbach wirklich sind, d.h., ob sie nicht doch mit Gott oder so etwas wie Gott besetzt sind. Unser Bischof setzt voraus, daß es Gott gibt, unser Philosoph nicht. Selbst wenn aber ersterer recht hätte, dass letzterer diesbezüglich nur vermeintliche Leerstellen in seinem Denken hat, die sozusagen unterbewusst doch mit Gott besetzt sind, so folgt daraus nicht, dass ein Gott existiert, was die eigentliche Prämisse von Herrn Hirschler ist. Aus dem Denken einer Entität folgt nicht deren Existenz, aus dem Glauben an Gott, kein Gott. Der Disput übersieht also den Unterschied zwischen Denken und realem Sein.
Ich danke der Redaktion für den amüsanten Artikel."
Herbert Schnädelbach / Bischof Horst
Hirschler: Mit dem abwesenden Gott leben 1/02
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