| Tagung |
An die 150 Personen, meist Lehrer und Lehrerinnen für Philosophie an Gymnasien, folgten der Einladung des Präsidenten des Fachverbandes Philosophie e.V., F. Witzleben, zum Bundeskongress "Philosophie und Bildung" (22.-24. September 2000) an der Universität Potsdam. Witzleben hatte praktisch im Alleingang ein so reichhaltiges Programm auf die Beine gestellt, wie es die Gymnasiallehrer an der Tagung ihres Verbandes noch nie gesehen hatten - von Vorträgen ausgewiesener Experten (so H.-P. Schütt über Descartes, H. Poser über Leibniz, Martin Fontius über Voltaire), über Workshops zu praktischen Themen (Philosophieren mit Kindern, Methoden des Philosophieunterrichts, Philosophie fächerübergreifend) bis zu Kolloquien über das Bildungsverständnis, über populäre Philosophie und über den Stand des Philosophieunterrichts; nicht zu vergessen der auf grosses Interesse gestossene Abendvortrag von Volker Gerhardt. Dies werde auch für längere Zeit des grossen Aufwandes wegen die grösste Tagung des Lehrerverbandes bleiben, meinte Witzleben, der die Anerkennung, die er erhielt, sichtlich genoss. Zugute kam dem Potsdamer Kongress auch, dass dank dem zentralen Einzug der Mitgliedsbeiträge sich die finanzielle Situation des Bundesverbandes verbessert hat.
Allerdings war nicht nur Positives über die Zukunft der Philosophie an den bundesdeutschen Gymnasien zu hören. In den neuen Bundesländern weckt das Fach oft ungute Erinnerungen an den Marxismus-Leninismus, deshalb wird ihm mit grosser Zurückhaltung begegnet. In Brandenburg etwa, so war bei der Eröffnung zu hören, gibt es lediglich 27 ausgebildete Philosophielehrer. Grosser Bedarf besteht hier an Englisch-Lehrern, deshalb ziehen Lehramtsstudierende dieses Fach vor. Die Regierung ihrerseits hat nicht die Absicht, das Fach Philosophie zu fördern. Deshalb: In Brandenburg hat Philosophie keine grosse Zukunft. Dagegen bestehen Überlegungen, die Philosophie im Fach LER zu stärken, um es auch für die Gymnasialoberstufe attraktiv zu machen.
Aber auch aus den alten Bundesländern war negatives zu hören. So ist die Philosophie in Hessen im Schulbereich fast zum Erliegen gekommen, bedrängt wird sie insbesondere vom Fach Ethik. In Berlin hat sich der Schulversuch Ethik/Philosophie gut etabliert, aber es gibt keine klare Aussage darüber, wie es nun weitergeht. Jedes Bundesland hat ein eine eigene spezifische Diskussion. Deshalb, so das Votum von Heiner Hastedt, habe die AGPhD gut daran getan, kein spezielles Modell zu bevorzugen und zu propagieren. Das Fach könne auch überzogene Erwartungen wecken, insbesondere hinsichtlich der "Werteerziehung". So habe ein Staatssekretär auf die Frage, was er gegen den Rechtsextremismus tue, allen Ernstes gesagt, er habe das Fach Philosophie eingeführt.
In der Mitgliederversammlung wurde ein altes, vereinseigenes Problem gelöst. Der Landesverband Nordrhein-Westfalen, die mit Abstand stärkste Gruppe im Verein, sah sich bislang im Bundesvorstand unterrepräsentiert und brachte eine Satzungsänderung ein, wonach das Stimmgewicht der Landesverbände entsprechend deren Mitgliederstimmen gestaffelt wird. Von nun an sollen Landesverbände mit höchstens 50 Mitgliedern 1 Stimme im Bundesverband erhalten, Landesverbände mit 51-100 Mitgliedern 2 Stimmen und Landesverbände ab 101 Mitgliedern 3 Stimmen. Bei 14 Ja-Stimmen, 13 Nein-Stimmen und 8 Enthaltungen erreichte der Antrag jedoch nicht die erforderliche 3/4-Mehrheit, die für eine Anmeldung von Satzungsänderungen beim Amtsgericht verlangt ist. Der wiedergewählte Präsident des Bundesvorstandes Frank Witzleben, in verbandsrechtlichen Fragen überkorrekt, wird nun juristisch abklären lassen, ob der knapp ausgefallene Entscheid trotzdem gültig ist. Als zweiter Bundesvorsitzender wurde neu Bernd Rolf (anstelle der nicht mehr kandidierenden Jutta Kähler) in den Bundesvorstand gewählt.
Grossen Anklang fand der Workshop "Methoden des Philosophieuntserrichtes" Johannes Rohbeck, Philosophieprofessor in Rohbeck, hat vor einiger Zeit einen Arbeitskreis zur Didaktik der Philosophie, einem bislang vernachlässigten Thema, initiiert. Darin arbeiten praktisch alle am Thema Interessierten der Bundesrepublik (nicht aber der Schweiz und Österreichs) mit. Der Arbeitskreis fördert Arbeiten zur Philosophiedidaktik, organisiert Tagungen und gibt seit neuestem auch ein eigenes Jahrbuch heraus. Allerdings zeigte sich an diesem Workshop, dass die Lehrer vor allem an im Unterricht verwertbaren Beiträgen interessiert sind, etwa an dem Beitrag des Südbadenser Volker Pfeiffer, der praxisnah an exemplarischen Beispielen die Behandlung von Normenkonflikten im Unterricht diskutierte. Pfeiffer zufolge kann die moralische Sensibillität durch Schulung des Argumentierens verbessert werden. Er beginnt im Unterricht mit einfachen Beispielen, die dann immer komplexer werden. Ekkehard Martens wies darauf hin, dass es wenig Untersuchungen darüber geben, was Jugendliche in moralischer Hinsicht wollen und können. Wir würden die Tatsache, dass Jugendliche von uns exemplarisch gezeigt haben wollen, wie man es mache, oft unterschätzen. Volker Pfeiffer antwortete, der Schüler brauche die Möglichkeit, sich zu artikulieren und sich mit anderen argumentativ abzuarbeiten. Wie man die Computerbegeisterung der Jugendlichen für die Logik nutzen kann, zeigte Michael Rahnfeld. Er führt seine Schüler mittels Programmieren mit Prolog in die Geheimnisse der Logik ein. Ziel ist es, den Schülern ein Gespür dafür zu geben, was es heisst, logisch korrekt zu schliessen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Schüler Kenntnis im Programmieren haben - eine Voraussetzung, die für die wenigsten Lehrer zutreffen könnte.
Missglückt ist die Diskussion eines aktuellen Themas, das des Aufschwungs der populären Philosophie seit Sofies Welt. Und zwar weil, mit Ausnahme von Wilhelm Schmid, keiner der Referenten dazu wirklich kompetent war. Eine ernsthafte Beschäftigung mit Popularphilosophie, Ekkehard Martens, sagte es, fehlt in Deutschland.
Martens sieht ein Zweistufenverhältnis zwischen akademischer und populärer Philosophie, den Unterschied ortet er vor allem in der Begründungsart des Geltungsanspruches der Philosophie. Martens sieht drei Arten ernsthafter Möglichkeit populärer Philosophie: a) Philosophie als Information (etwa als Einführung in ein Thema) und als Kritik, b) Philosophie als Lebenskunst, exemplarisch bei antiken Autoren und gegenwärtig bei Wilhelm Schmid), c) Philosophie als Kulturtechnik, etwa im Rahmen der Institution Schule. Von Philosophie als Weltanschauung grenzte sich Martens ab, diese gehöre zur Pseudophilosophie.
Wilhelm Schmid, mit Philosophie der Lebenskunst Autor des nach Sofies Welt vermutlich am meisten verkauften philosophischen Buches in Deutschland, plädierte für eine Zweiseitigkeit in der Philosophie: Neben der akademischen Philosophie brauche es eine freie Philosophie. Nur sie kann ein essayistisches Philosophieren gewährleisten, dass dem populären Interesse entgegenkommt. Schmid berichtete über seine Arbeit als "philosophischer Seelsorger" in Krankenhäusern. Er sieht hier für die Philosophie eine Aufgabe, leiste doch kein einziger theologischer Seelsorger mehr Seelsorge im ursprünglichen Sinn. Viele Patienten würden einen Philosophen einem Theologen vorziehen. Simon-Schäfer hingegen vertrat die Meinung, die Unterscheidung zwischen beamteter und freier Philosophie sei verhängnisvoll. Viele berühmte Philosophen seien keine beamtete Philosophen gewesen. Auch solle man die Unterscheidung zwischen populärer und nicht-populärer Philosophie aufgeben. Auch Rohbeck teilte die Meinung, akademische Philosophie und ein breites Interesse an Philosophie seien aufeinander angewiesen. Dabei verwies er als eine Art Mittelstufe, auf die Lehrerausbildung an den Universitäten. Ohne diese wäre, was oft vergessen werde, die Philosophie an den Universitäten wesentlich schwächer vertreten. Mechthild Ralla verwies auf die Philosophie an den Volkshochschulen: diese Arbeit werde von den Philosophen kaum wahrgenommen. In der Diskussion wurde oftmals vor schlechter Populärphilosophie gewarnt, aber niemand konnte oder wollte sagen, woran man solche erkennen kann. Einzig die Popularphilosophin Annegret Stopczyk wusste Bescheid: "Alles, was zur Kreativität anregt, ist gute Philosophie". Auch wurde die analytische Philosophie kritisiert, dass sie alle anderen philosophischen Richtungen als unphilosophisch ablehne und von dieser mehr Toleranz erwartet. Simon-Schäfer gab dabei zu bedenken, mit dem Begriff Toleranz müsse sorgfältig umgegangen worden, so sei zwischen eigener Meinung und Toleranz zu unterscheiden.
Mit einer (auch bereits anderswo geäusserten) Kritik der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts als einer Geschichte des Verfalls begann Volker Gerhardt seinen lebhaft diskutierten Abendvortrag. Nach Gerhard liegt das Spezifische des Menschen in seiner Individualität. Selbstbewusste Individualität ist eine Notwendigkeit, um sein eigenes Leben als solches führen zu können. Die Individualität ist aber auch eine Selbstaufgabe des Menschen: Der Mensch ist nicht nur ein Sein, sondern auch ein Sollen. Ethik ist die Lehre von der Verfassung, die sich das selbst geht und von den Forderungen, die das Individuum an sich selbst stellt. Dabei ist immer die Perspektive des ganzen Lebens einzubeziehen. Die Instanz, die den Menschen dabei führt, ist die Vernunft. Diese fasst den Menschen immer auch als Teil seiner Gattung, die Humanität wird so zum ethischen Mass des Individuums. Die vollendete Form der Individualisierung sieht Gerhardt in der Liebe, in ihr kommt die Individualiät am stärksten zum Ausdruck. In der Liebe ist der Mensch auch der Humanität am nächsten.
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