Rede-Auszüge

Friedenspreis für Habermas

Ein Ereignis für die ganze Republik bedeutete die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Jürgen Habermas. Während die Verleihung dieses Preises, der als die ehrensvollste in Deutschland verliehene Auszeichnung gilt, in früheren Jahren schon mal Widerspruch provozierte - so 1995, als die Orientalistin Annemarie Schimmel geehrt wurde - wurde die Entscheidung für Habermas nicht nur einhellig begrüßt; vom Bundespräsidenten über den Bundeskanzler und den Bundestagspräsidenten bis zur Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes und zahlreichen Bundes- und Landesministern nahm die politische Prominenz auch am Festakt teil. Petra Roth, die Oberbürgermeisterin von Frankfurt, skizzierte eingangs den Preisträger als einen Mann, den "Unermüdlichkeit des Nachdenkens, Unbestechlichkeit des Urteils und Unwille zur Resignation" auszeichne. Habermas spannte in seiner Rede einen Bogen von den Terror-Attentaten gegen die USA bis zur Gentechnik-Debatte. Auszüge:

"Noch vor kurzem schieden sich die Geister an einem anderen Thema - an der Frage, ob und wie weit wir uns einer gentechnischen Selbstinstrumentalisierung unterwerfen oder gar das Ziel einer Selbstoptimierung verfolgen sollen... Aber am 11. September ist die Spannung zwischen säkularer Gesellschaft und Religion auf eine ganz andere Weise explodiert... Als hätte das verblendete Attentat im Innersten der säkularen Gesellschaft eine religiöse Saite in Schwingung versetzt, füllten sich überall die Synagogen, die Kirchen und die Moscheen...Wer einen Krieg der Kulturen vermeiden will, muss die unabgeschlossene Dialektik des eigenen, abendländischen Säkularisierungsprozesses in Erinnerung rufen. Der ‘Krieg gegen den Terrorismus’ ist kein Krieg, und im Terrorismus äußert sich der verhängnisvoll-sprachlose Zusammenstoß von Welten, die jenseits der stummen Gewalt der Terroristen wie der Raketen eine gemeinsame Sprache entwickeln müssen. Angesichts einer Globalisierung, die sich über entgrenzte Märkte durchsetzt, erhofften sich viele von uns eine Rückkehr des Politischen in anderer Gestalt, nicht in der (...) des globalisierten Sicherheitsstaates, also in den Dimensionen von Polizei, Geheimdienst und Militär, sondern als weltweit zivilisierende Gestaltungsmacht. Im Augenblick bleibt uns nicht viel mehr als die Hoffnung auf eine List der Vernunft - und ein wenig Selbstbesinnung. Den Risiken einer andernorts entgleisenden Säkularisierung werden wir nur mit Augenmaß begegnen, wenn wir uns darüber klar werden, was Säkularisierung in unserer Gesellschaft bedeutet. Das Wort ‘Säkularisierung’ hatte zunächst die juristische Bedeutung der erzwungenen Übereignung von Kirchengütern an die säkulare Staatsgewalt. Diese Bedeutung ist auf die Entstehung der kulturellen und gesellschaftliche Moderne insgesamt übertragen worden. Seitdem verbinden sich mit ‘Säkularisierung’ entgegengesetzte Bewertungen, je nachdem ob wir die erfolgreiche Zähmung der kirchlichen Autorität durch die weltliche Gewalt oder den Akt der widerrechtlichen Aneignung in den Vordergrund rücken. Nach der einen Lesart werden religiöse Denkweisen und Lebensformen durch vernünftige, jedenfalls überlegene Äquivalente ersetzt; nach der anderen Lesart werden die modernen Denk- und Lebensformen als illegitim entwendete Güter diskreditiert. Beide Lesarten machen denselben Fehler. Sie betrachten die Säkularisierung als eine Art Nullsummenspiel zwischen den kapitalistisch entfesselten Produktivkräften von Wissenschaft und Technik auf der einen, den haltenden Mächten von Religion und Kirche auf der anderen Seite. Einer kann nur auf Kosten des anderen gewinnen, und zwar nach liberalen Spielregeln, welche die Antriebskräfte der Moderne begünstigen. Dieses Bild passt nicht zu einer postsäkularen Gesellschaft, die sich auf das Fortbestehen religiöser Gemeinschaften in einer sich fortwährend säkularisierenden Umgebung einstellt. Ausgeblendet bleibt die zivilisierende Rolle eines demokratisch aufgeklärten Commonsense, der sich im kulturkämpferischen Stimmenwirrwar gleichsam als dritte Partei einen eigenen Weg bahnt....

Der szientistische Glaube an eine Wissenschaft, die eines Tages das personale Selbstverständnis durch eine objektivierende Selbstbeschreibung nicht nur ergänzt, sondern ablöst, ist nicht Wissenschaft, sondern schlechte Philosophie. Auch dem wissenschaftlich aufgeklärten Commonsense wird es keine Wissenschaft abnehmen, beispielsweise zu beurteilen, wie wir unter molekularbiologischen Beschreibungen, die gentechnische Eingriffe möglich machen, mit vorpersonalem menschlichem Leben umgehen sollen.... Die Grenze zwischen säkularen und religiösen Gründen ist ohnehin fließend. Deshalb sollte die Festlegung der umstrittenen Grenze als eine kooperative Aufgabe verstanden werden, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der jeweils anderen einzunehmen.

Die liberale Politik darf den fortwährenden Streit über das säkulare Selbstverständnis der Gesellschaft nicht ... in die Köpfe von Gläubigen abschieben. Der demokratisch aufgeklärte Commonsense ist kein Singular, sondern beschreibt die mentale Verfassung einer vielstimmigen Öffentlichkeit. Säkulare Mehrheiten dürfen in solchen Fragen keine Beschlüsse durchdrücken, bevor sie nicht dem Einspruch von Opponenten, die sich in ihren Glaubensüberzeugungen verletzt fühlen, Gehör geschenkt haben; sie müssen diesen Einspruch als eine Art aufschiebendes Veto betrachten, um zu prüfen, was sie daraus lernen können.... Säkulare Sprachen, die das, was einmal gemeint war, bloß eliminieren, hinterlassen Irritationen. Als sich Sünde in Schuld, das Vergehen gegen göttliche Gebote in den Vorstoß gegen menschliche Gesetze verwandelte, ging etwas verloren.... Der demokratisch aufgeklärte Commonsense muss auch die mediale Vergleichgültigung und plappernde Trivialisierung aller Gewichtsunterschiede fürchten. Moralische Empfindungen, die bisher nur in religiöser Sprache einen hinreichend differenziertten Ausdruck besitzen, können allgemeine Resonanz finden, sobald sich für ein fast schon Vergessenes, aber implizit Vermisstes eine rettende Formulierung einstellt. Eine Säkularisierung, die nicht vernichtet, vollzieht sich im Modus der Übersetzung. Das ist es, was der Westen als die weltweit säkularisierende Macht aus seiner Geschichte lernen kann...

Man muss nicht an die theologischen Prämissen glauben, um die Konsequenz zu verstehen, dass eine ganz andere, als kausal vorgestellte Abhängigkeit ins Spiel käme, (...) wenn ein Mensch nach eigenen Präferenzen in die Zufallskombination von elterlichen Chromosomensätzen eingreifen würde, ohne dafür einen Konsens mit den betroffenen Anderen wenigstens kontrafaktisch unterstellen zu dürfen... Müsste nicht der erste Mensch, der einen anderen Menschen nach eigenem Belieben in seinem natürlichen Sosein festlegt, auch jene gleichen Freiheiten zerstören, die unter Ebenbürtigen bestehen, um deren Verschiedenheiten zu sichern?".

Nach Habermas’ Rede erhob sich das Publikum und applaudierte im Stehen. Rau und Schröder gingen spontan auf den Preisträger zu und gratulierten. Rau nannte die Rede "sehr nachdenklich und sehr hilfreich". Dies gelte "für die Säkularen wie für die Christen".

In seiner Laudatio wandte sich Jan Philipp Reemtsma nachdrücklich dagegen, die "Bedeutung des Werkes von Jürgen Habermas durch Historisierung zu dementieren" - man möge ihn ehren, man brauche ihn aber nicht mehr. Reemtsma bescheinigte Habermas die Fähigkeit, "geschichtsphiloso-phische Motive in sozialwissenschaftliche Rekonstruktionen und Hypothesen transformiert zu haben.

Reemtsma betonte, Habermas habe Ende der 50er Jahre entscheidend dazu beigetragen, die angelsächsische Philosophie in Deutsch-land bekannt zu machen. Seine Werke seien eine "komplexe Diagnose der Chancen und Risiken" unserer Zeit. Das reiche von der Auseinandersetzung in der frühen Bundesrepublik bis zum Streit um die Gentechnologie und ihre Folgen für die moderne Gesellschaft. Wir ehrten in Habermas den Verfasser eines Werke, "das die Kontingenz seiner Entstehungsbedingungen in eine komplexe Diagnose der Unvermeidlichkeiten, Chancen und Risiken unseres weltgeschichtlichen Ortes verwandelt hat, einen Mann, der darum einer der großen Theoretiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts genannt werden kann, weil er an dessen zentraler Aufgabe mitgearbeitet hat, geschichtsphilosophische Motive in sozialwissenschaftliche Rekonstruktionen und Hypothesen zu transformieren - und eben gerade darum auch einer des beginnenden 21. Jahrhunderts genannt werden muss: Wird sich doch in diesem erweisen, welche theoretischen Anschlüsse sein Werk finden wird und welches Schicksal seine Hypothesen haben werden."

Bundesaußenminister Joschka Fischer sagte, Habermas sei "fast ein Staatsphilosoph des demokratischen Deutschland" geworden. Er habe wesentliche Debatten mit- bestimmt. "Ich lerne nach wie vor sehr viel von ihm.". Auf die Jahre der 68er Bewegung bezogen sagte er, Habermas sei ein Vorbild gewesen. Aber man habe sich auch sehr an ihm gerieben, erklärte Fischer unter Hinweis auf den von Habermas geprägten Begriff des Linksfaschismus. Roland Ulmer, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, führte aus: "Dass Jürgen Habermas von der Peking-Universität eingeladen wird, vor überfüllten Auditorien über Menschenrechte, Demokratie und bürgerliche Freiheiten zu reden, ist schon für sich ein Ereignis, aber auch Grund genug, auf den neuen Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels stolz zu sein".

Habermas’ Vortrag hatte eine riesige Resonnanz. "Keine Rede der letzten Jahre hat ähnliche Maßstäbe gesetzt für die Selbstvergewisserung unserer Gesellschaft wie der Vortrag von Jürgen Habermas", schrieb Peter von Becker im Tagesspiegel. Und die rechtskatholische Tagespost las Habermas’ Rede gar als Entgegnung auf die Enzyklika "Fides et ratio".

 


What's new powered by crawl-it

Friedenspreis 2001 für Habermas

Die meistrezipierten deutschsprachigen Philosophen 2000

Die meistrezipierte deutschsprachigen Philosophen 1999

 

Autor

Peter Moser, Journalist; Mitherausgeber von "Information Philosophie im Internet" Email

Webmaster © 1997 - 2002 Michael Funken. Alle Rechte vorbehalten.  Impressum
philosophierenphilosophischInformation Philosophie im Internet: Portalseite
Mit Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Einbindung eines Links die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat, sofern man sich davon nicht ausdrücklich distanziert hat. Hiermit betone ich ausdrücklich, dass ich keinerlei Einfluß auf Gestaltung, Inhalte und Links aller gelinkten Seiten habe noch jemals hatte, und distanziere mich ausdrücklich von sämtlichen Gestaltungsformen, Inhalten und Links aller gelinkten Seiten und mache mir diese nicht zu eigen.
Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken