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Heinz Kimmerle:In der Jenaer Periode seiner Denkentwicklung (1801-1807) arbeitet Hegel etwa in jedem Jahr einen neuen Entwurf seines Systems der Philosophie aus, wobei diese Entwürfe allesamt fragmentarisch bleiben. Mit dem Beginn seiner akademischen Lehrtätigkeit an der Jenaer Universität (Wintersemester 1801/02) verbindet er das Bestreben, ein eigenes System der Philosophie vorzulegen. Seine theoretische Arbeit bis dahin hat ja bekanntlich einen anderen Charakter. Es handelt sich bei seinen Schriften vor 1801 um zeitkritische theologische und politische Texte. Im letzten Jahr seiner Frankfurter Periode (1800) finden sich erste Ansätze Hegels zu einem eigenen System der Philosophie – und zwar in zwei Passagen, die als ‚Systemfragment von 1800’ bekannt sind.
Die Jenaer Systementwürfe, die einander so schnell abwechseln, haben zweifellos etwas Unfertiges, Suchendes, Experimentelles. Aber sie zeigen auch besonders deutlich die Motive hinter und in der Systementwicklung. Sie zeugen von großer Dynamik und Schaffensintensität. Es greift zu kurz, sie nur als Vorstufen des späteren, vollständiger ausgearbeiteten Systems zu sehen, wie er es in den drei Auflagen seiner Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1817, 1827, 1830) vorgelegt hat. Die Jenaer Systementwürfe haben ihre Bedeutung in sich selbst. Sie verdienen es, von ihren eigenen textlichen Grundlagen und Kontexten aus gelesen und interpretiert zu werden. Auf diese Weise geben sie gedankliche Motive zu erkennen, die später bei Hegel so nicht mehr vorkommen oder nur noch im Untergrund seiner Argumentationen weiter wirken. Es gilt, diese Motive in ihrer Eigenbedeutung zu erfassen und auch für die aktuelle philosophische Arbeit fruchtbar zu machen.
Die TextbasisDie Textbasis für die Jenaer Systementwürfe bilden die Bände 4-9 der Historisch-kritischen Ausgabe der Gesammelten Werke, die im Hegel-Archiv (seit 1969 an der Ruhr-Universität Bochum, vorher in Bonn) erarbeitet wird (1). Von allen systematisch wichtigen Texten aus diesen Bänden sind auch Studienausgaben erschienen, die weiter unten in den Literaturhinweisen aufgeführt werden. Das Kernstück bilden die Bände 6, 7 und 8: Jenaer Systementwürfe I, II und III aus den Jahren 1803/04, 1804/05 und 1805/06. Aber auch in den Bänden 4 und 5, Hegels Jenaer Kritische Schriften (1801-1803) bzw. Schriften und Entwürfe gemischten Charakters (1799-1808), sind systematisch relevante Texte enthalten. Das gilt für Systemskizzen in der Schrift Differenz des Fichte’schen und Schelling’schen Systems der Philosophie von 1801, die im Folgenden auch kurz Differenzschrift genannt wird, und für verschiedene Aufsätze des von Schelling und Hegel gemeinsam herausgegebenen und verfassten Kritischen Journals der Philosophie von 1802/03 (in Band 4). Es ist ebenso gültig für die Habilitationsdissertation: Über die Planetenbahnen von 1801 und Vorlesungsmanuskripte aus den frühen Jenaer Jahren (in Band 5). Dass die Phänomenologie des Geistes von 1806/07 in besonderer und herausgehobener Weise systematisch relevant ist, bedarf kaum näherer Erwähnung.
Die Einteilung der Jenaer Bände der Gesammelten Werke Hegels weicht in wesentlichen Punkten ab von früheren Editionen der betreffenden Texte. Insbesondere der in Band 7 abgedruckte Systementwurf, der eine am Beginn fragmentarische ‚Logik und Metaphysik’ und große Teile der ‚Naturphilosophie’ enthält und der früher als ‚Hegels Erstes System’ auf das Ende der Frankfurter Zeit (1800) oder den Beginn der Jenaer Periode (1801) datiert worden ist, findet sich nun auf Grund einer Neudatierung aller Texte aus dieser Periode in der Mitte der Jenaer Systeme (1804/05). Eine Reihe anderer Veränderungen in der Datierung und Einteilung der überlieferten Texte sind weniger spektakulär. Im Anhang des Bandes 8 wird die neue Anordnung des gesamten Materials in den Jenaer Bänden begründet und in einer Übersicht dargestellt.
Die Jenaer Texte Hegels gelten traditionell als ‚dunkel’ und schwer verständlich. Das zeigt sich auch noch in dem Titel des zweiten Bandes von H.S. Harris: Hegel’s Development: Night Thoughts (Jena 1801-1806) (Oxford u. a. 1983), in dem er eine genaue Interpretation all dieser Texte vorlegt. Eine Hauptschwierigkeit hat man vor der neuen Edition darin gesehen, dass Hegel nach einer bereits klaren Darstellung in dem als sein ‚Erstes System’ bezeichneten Manuskript in den folgenden Texten in weniger verständliche Ausarbeitungen zurückgefallen sei. Solche Kapriolen passen wenig in das Bild der Arbeitsweise Hegels. Wenn das Manuskript zur ‚Logik, Metaphysik, Naturphilosophie’ seinen Platz in der Mitte der Jenaer Denkentwicklung Hegels bekommt, geht alles Schritt für Schritt, ohne dass von Rückfällen oder anderen ‚dunkel’ bleibenden Vorgängen die Rede sein muss.
Die einzelnen Entwicklungsschritte sollen hier in aller Kürze skizziert werden, wobei jeder Schritt und der zugehörige Systementwurf die eigene Bedeutung, auch im Blick auf die aktuelle Fruchtbarkeit, behält. Im Jahr 1801/02 umfasst das System der Philosophie bei Hegel nicht, wie wir es von den meisten späteren Entwürfen her gewohnt sind, drei, sondern insgesamt vier Teile. Auf eine Grundlegung in der ‚Logik und Metaphysik’ (I. Teil) soll eine spiegelbildlich zu lesende Darstellung der ‚Philosophie der Natur’ (II. Teil) und der ‚Philosophie des Geistes’ (III. Teil) folgen. Abschließend ergibt sich bei der Behandlung von Religion, Kunst und Philosophie eine ‚Rückkehr zur Einheit’ (IV. Teil).
Die ‚Logik’ oder ‚Wissenschaft des Wissens’ hat als die Kritik der endlichen Formen des Denkens, die in dieser Zeit auch als ‚Reflexion’ bezeichnet wird, eine einführende Bedeutung. In der mit dieser Logik zusammen gehörenden ‚Metaphysik’ wird dann ‚die Idee als solche’, das unendliche, sich selbst denkende Denken vorgeführt, das als ‚Spekulation’ dargestellt wird. Darin findet die ‚absolute Identität’ der Gegensätze des Denkens ihren Ausdruck, die von der ‚transzendentalen Anschauung’ rein erfasst wird. Wie in der Naturphilosophie von der Vielheit nur äußerlich zusammenhängender Phänomene in der Mechanik und Physik zur Einheit des Organismus fortgeschritten wird, der die zu ihm gehörenden Teile zu einem Ganzen integriert, wird in der Transzendental- oder Geistesphilosophie ein Weg zurückgelegt von der Einheit des Ich als einzelnen Bewusstseins über die noch organisch zusammengehörigen Mitglieder der Familien, die als selbstständige Personen Handelnden in ‚Bedürfnis und Recht’ zur strukturierten Vielheit der Einzelnen in einem Volk. Bei der Darstellung der Religion, Kunst und Philosophie (Spekulation), in der – wie in der Trinität des christlichen Gottesbegriffs – Dreiheit zugleich als Einheit erfasst wird, kommt es zu einer ‚Resumtion des Ganzen in Eins’, zur Wiederherstellung der ‚absoluten Identität und Indifferenz’ der Gegensätze.
Für die genauere Rekonstruktion der vier Teile dieser Systemkonzeption ist man auf die Darstellung der Philosophie Schellings in der Differenzschrift angewiesen, mit der Hegel sich mit leichten kritischen Akzenten einverstanden erklärt, sofern darin die einseitig vom Ich ausgehende Philosophie Fichtes überwunden wird. Man wird diesen Text als eine Position Hegels in dieser Zeit lesen müssen, die aus Gesprächen mit Schelling hervorgegangen, aber bei diesem so nicht belegt ist. Ferner sind einige Vorlesungsmanuskripte von 1801/02 mit heranzuziehen, die im Band 5 der Gesammelten Werke veröffentlicht sind, und eine Systemskizze in Hegels Aufsatz ‚Glauben und Wissen’, der 1802 im Kritischen Journal der Philosophie erschienen ist und der jetzt in Band 4 und auch anderweitig abgedruckt ist.
Für die ‚Naturphilosophie’ ist auf die Habilitationsdissertation De Orbitis Planetarum zu verweisen, die den damaligen Gebräuchen gemäß in lateinischer Sprache abgefasst ist. Eine brauchbare und heute im Buchhandel erhältliche Übersetzung wird in den Literaturhinweisen angegeben. Dieser Text ist schon 1800 in Frankfurt konzipiert und wird im Herbst 1801 bei der Philosophischen Fakultät der Universität Jena eingereicht. Er behandelt ein Problem des ‚Systems der Sonne’, mit dem die Naturphilosophie beginnt. Die Sonne und die Planeten bilden eine Einheit, die durch den Äther zusammengehalten wird. Darin ist die am Ende der Naturphilosophie (wieder) erreichte Einheit des Organismus präfiguriert.
Ein Jahr später steht in dem Aufsatz ‚Über die wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts’ im letzten Heft des Kritischen Journals von 1802/03 die folgenreiche Feststellung, dass ‚der Geist höher ist als die Natur’. Damit ist der Dreiteilung des Systems der Philosophie der Weg bereitet, sofern in der Geistesphilosophie im Abschnitt über den ‚absoluten Geist’ der Abschluss des Systems erreicht wird und ein vierter Teil der ‚absoluten Identität oder Indifferenz’ nicht mehr nötig ist. Im übrigen liegt der Schwerpunkt der Arbeit Hegels an seinem System in dieser Zeitperiode auf einer ‚Kritik des Fichte’schen Naturrechts’, die editionsgeschichtlich unter dem Namen System der Sittlichkeit bekannt geworden ist.
Dieser Text, der großenteils als Reinschriftmanuskript abgefasst ist, was auf den Plan einer Veröffentlichung hinweist, ist in Band 5 zu finden und auf der Grundlage der kritischen Edition auch als Studienausgabe neu herausgegeben. Terminologisch stark an Schellings Potenzenlehre angelehnt, entwickelt Hegel seine Konzeption des ‚Naturrechts’, die auch als der praktische Teil der praktischen Philosophie charakterisiert wird. Die Naturphilosophie gilt als theoretische Philosophie, die einen theoretischen, der Vielheit verhafteten und einen praktischen, auf Einheit gerichteten Teil umfasst. Die Geistesphilosophie behandelt in ihrem theoretischen Teil Gedächtnis und Sprache und in ihrem praktischen Teil, dem ‚Naturrecht’, Arbeit und Arbeitsorganisation, Recht und Gesetz als Formen der Sittlichkeit ‚nach dem Verhältnis’, das ‚Verbrechen’ als dessen Negation und den Staat, gestützt auf die Religion, als absolute, in sich strukturierte Form des sittlichen Lebens eines Volkes.
Zum Wintersemester 1803/04 kündigt Hegel an, in einer Vorlesung das gesamte ‚System der spekulativen Philosophie’ vorzutragen. Die Manuskripte zu dieser Vorlesung, die in Band 6 der Kritischen Ausgabe unter dem Titel Jenaer Systementwürfe I veröffentlicht sind, sind nur sehr fragmentarisch erhalten. Die ‚Logik und Metaphysik’ fehlt ganz. Aus einem Rückblick auf diesen Systemteil am Anfang der Geistesphilosophie kann man entnehmen, dass die darin dargestellte ‚Idee’ als ‚absolute Substanz’ aufgefasst wird, die indessen – anders als bei Spinoza, dessen Einfluss hier offensichtlich ist – als in sich dynamisch interpretiert wird. Die Fragmente zur ‚Naturphilosophie’ beginnen am Ende des ‚Systems der Sonne’. Es lässt sich erkennen, dass die Naturphilosophie nunmehr schwerpunktmäßig behandelt wird. Die Literatur der empirischen Naturwissenschaften wird weithin berücksichtigt. Der Grundbegriff ist der des Lebens, das sich in rudimentären Formen schon in der Mechanik, etwa im Phänomen des Magnetismus findet, ferner in der Verflüssigung der mechanischen Gesetze im Chemismus, in der Physik in der elektrischen Ladung der Körper und schließlich in vollem Umfang im pflanzlichen und tierischen Organismus.
Die Geistesphilosophie ist ganz als Philosophie des Bewusstseins konzipiert, das anders als im tierischen Organismus durch das Sterben hindurch auf dem Weg vom einzelnen zum absoluten Bewusstsein neue Formen seines Daseins hervorbringt. Die theoretische Potenz des Gedächtnisses und der Sprache gibt den Namen einen zentralen Platz im Prozess des Sprachewerdens im Bewusstsein. Das erinnert deutlich an Platons Dialog Kratylos. Die praktische Potenz beginnt mit Arbeit und Werkzeug, die zur menschlichen Bedürfnisbefriedigung unerlässlich sind. Zu dieser Potenz gehören als nächstes Familie und Familiengut. Eine wichtige systematische Besonderheit ist die ‚doppelte Mitte’ des Bewusstseins auf diesen drei Stufen. Damit hat das Bewusstsein auf jeder Stufe eine subjektiv-ideelle und eine objektiv-reelle Seite.
In der Familie als Produktionsstätte beginnt bereits zwischen den Generationen der Kampf auf Leben und Tod, der zu dem gesellschaftlichen Verhältnis von Herr und Knecht führt, das hier als Herr-Sklave-Verhältnis bezeichnet wird, und der schließlich in der gegenseitigen Anerkennung der beiden Bewusstseine zu einem Ende kommt. Im Geist eines Volkes konkretisieren sich die zunächst als formale Strukturen entwickelten Potenzen. Nur ein kurzes Fragment zum ‚absoluten Bewusstsein’ ist erhalten. Es bezieht sich vor allem auf die Kunst, die hier offenbar nach der Religion behandelt wird und ‚ein allgemeines Werk’ hervorbringt, in dem sich das ‚absolute Bewusstsein als Gestalt’ anschauen kann.
Der Systementwurf von 1804/05 ist – wie ein großer Teil des Systems der Sittlichkeit – als Reinschriftmanuskript abgefasst. Hegel hält die Zeit für gekommen, sein System der Philosophie zu veröffentlichen. Die Wiedergabe dieses Manuskripts bildet den Hauptteil der Texte in Band 7: Jenaer Systementwürfe II. Der Anfang, der Hegel ja auch später noch große Schwierigkeiten bereitet, fehlt im Manuskript von 1804/05. Man erkennt, dass es um die drei Begriffe ‚Sein, Nichts und Grenze’ geht. In der ‚Logik’ wird sodann mit der Einheit der Bestimmungen der Qualität und der Quantität eine erste Form der Unendlichkeit erreicht, die als ein progressus in infintum gedacht wird. Die wahre Unendlichkeit wird als ‚Proportion’ gedacht, als Gleichgewicht der endlichen Formen des Denkens als ‚einfache Beziehung’ (Qualität und Quantität) und als ‚Verhältnis’ (des Seins in den Relationskategorien und des Denkens in der Lehre vom Begriff, Urteil und Schluss). Dass in der ‚Metaphysik’ auf die ‚Metaphysik der Objektivität’ eine ‚Metaphysik der Subjektivität’ folgt, in der ‚das Ich sich selbst Gegenstand’ wird, lässt eine Modifikation des spinozistischen Standpunkts und eine Wiederannäherung an Fichte erkennen. Teil I des Systems endet nicht mit der ‚absoluten Substanz’, sondern diese wird zugleich als ‚absolute Subjektivität’ gedacht. An dieser Darstellung lässt sich ablesen, dass ‚Logik’ und ‚Metaphysik’ zu einem einheitlichen Systemteil zusammenwachsen, einer metaphysisch konzipierten ‚Logik’, in der die Bestimmungen des sich selbst denkenden Denkens dargestellt werden. In der Vorlesungsankündigung für das Sommersemester 1805 nennt Hegel dann auch zum ersten Mal den I. Teil seines Systems der Philosophie nur noch ‚Logik’, wobei die Bezeichnung ‚Logik und Metaphysik’ nicht ganz aus seinem Sprachgebrauch verschwindet.
Die ‚Naturphilosophie’ beginnt mit einer Darstellung des Äthers als einer Geist-Materie, in der sich das ‚System der Sonne’ befindet. Die gleichmäßigen in sich selbst zurückkehrenden Bewegungen der Himmelskörper, die an die Aristotelische Himmelslehre erinnern, sind zugleich Bewegung und Ruhe. In der irdischen Mechanik entsteht der Begriff der Bewegung aus denen der Zeit und des Raumes. Wichtig ist, dass Hegel hier, wie in der Bewegungslehre der Habilitationsdissertation, aber anders als in der Tradition der Philosophie und auch anders als in seinen späteren Systemkonzeptionen seit 1805/06 mit der Zeit beginnt und den Raum als eine in sich dynamische Größe denkt. Das passt zum Begriff des Lebens, der für die gesamte Darstellung der Natur in Mechanik, Chemismus, Physik als Leitbegriff fungiert. Das Manuskript bricht ab mit dem Begriff des Organischen, der das Leben in seiner vollen Bestimmtheit zum Ausdruck bringt.
Band 8: Jenaer Systementwürfe III enthält Manuskripte zur Vorlesung über die Themen ‚Philosophie der Natur’ und ‚Philosophie des Geistes’, die Hegel im Wintersemester 1805/ 06 gehalten hat. Diese beiden Systemteile heißen bei Hegel, im Unterschied zur ‚Logik (und Metaphysik)’ als der eigentlich spekulativen Grundlegung, auch ‚Realphilosophie’. Da von den Manuskripten zur Vorlesung von 1803/04, in der das gesamte System behandelt wird, nur Fragmente aus der ‚Philosophie der Natur’ und der ‚Philosophie des Geistes’ erhalten geblieben sind, hat Johannes Hoffmeister diese Texte in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts als ‚Jenenser Realphilosophie I’ herausgegeben, so dass die Manuskripte für das Wintersemester 1805/06 in seiner Edition den Titel ‚Jenenser Realphilosophie II’ erhalten. Für die beiden realphilosophischen Systemteile sind 1805/ 06 der Begriff des Selbst und die Denkfigur des Ich=Ich, die im Entwurf von 1804/05 eine erneute Hinwendung zu Fichte anzeigt, von zentraler Bedeutung. Die Himmelsmechanik des ‚Systems der Sonne’ entfällt, und die Naturphilosophie wird nunmehr über die Stationen: Mechanik, Gestaltung des Chemismus (Physik), Chemismus, Organisches als Weg zum Selbst dargestellt, auf dem bereits rudimentäre Formen dieser Struktur vorkommen.
In der Geistesphilosophie verdrängt der Begriff des Selbst den des Bewusstseins, der 1803/04 diesen Systemteil ganz und gar bestimmt hat. Das hängt damit zusammen, dass Hegel parallel zur ‚Realphilosophie’ mit der Ausarbeitung der Phänomenologie des Geistes beginnt, die ihrer ursprünglichen Intention nach eine ‚Wissenschaft der Erfahrung des Bewusstseins’ werden soll. ‚Intelligenz’ und ‚Willen’ treten an die Stelle des theoretischen Teils und des ersten Abschnitts des praktischen Teils der Geistesphilosophie. In diesem Teil folgen genaue Analysen der Arbeitsorganisation, besonders der ‚Maschinenarbeit’, und der Rechtsverhältnisse. Unter dem Titel ‚Konstitution’ wird die Staatsphilosophie behandelt. Kunst, Religion und (Philosophie als) Wissenschaft bilden hier – nunmehr in dieser Reihenfolge – die Gestalten des absoluten Geistes. Die Naturphilosophie wird insgesamt als ‚ruhendes Kunstwerk’ und die Geistesphilosophie als ‚Weltgeschichte’ charakterisiert. Damit wird der Natur nicht so etwas wie Evolution abgesprochen, aber Geschichte im strengen Sinn kommt nur der Sphäre des Geistes zu.
Das philosophische Interesse an der Geschichte zeigt sich auch der ersten Vorlesung Hegels über die ‚Geschichte der Philosophie’ im Wintersemester 1805/06, von der nur indirekt einige Passagen überliefert sind.2
Die Entstehungsgeschichte der Phänomenologie des Geistes, die im Wesentlichen 1806/07 geschrieben und veröffentlicht wird, ist kompliziert und kann hier nicht nachgezeichnet werden. Im ‚Editorischen Bericht’ des Bandes 9 der Gesammelten Werke wird darüber umfassend berichtet. Insgesamt soll dieses Werk das gewöhnliche Bewusstsein auf den Standpunkt des philosophischen Denkens erheben. Dabei werden die Formen des endlichen Denkens als Scheingestalten des Wissens kritisiert und überwunden. Darin übernimmt die ‚Phänomenologie’ die Aufgabe der von der ‚Metaphysik’ unterschiedenen, in diese einleitenden ‚Logik’ der Jahre 1801-04. Da auch hier Erfahrungen des Bewusstseins in systematischer Ordnung dargestellt werden, werden damit Themen der als Bewusstseinsphilosophie konzipierten Geistesphilosophie von 1803/04 weiter geführt.
Der Aufgabe einer Interpretation der Jenaer Systementwürfe auf der Grundlage der in der Historisch-kritischen Ausgabe vorgelegten Texte haben sich zahlreiche Autoren gestellt.
Eine erste Deutung im Rahmen der Sekundärliteratur ist für viele dieser Texte von den Editoren des Hegel-Archivs vorgenommen worden. Zu nennen sind Arbeiten von Hartmut Buchner und Otto Pöggeler, Klaus Düsing und Heinz Kimmerle, Rolf-Peter Horstmann und Johann-Heinrich Trede, Wolfgang Bonsiepen und Reinhard Heede, Manfred Baum und Kurt-Rainer Meist. Aber auch an anderen Orten und von anderen Autoren sind zu den Jenaer Texten wichtige Arbeiten angefertigt worden. Walter Ch. Zimmerli, Ludwig Siep und Dieter Henrich sind besonders hervorzuheben. In Belgien, Italien und Japan wird dem Jenaer Hegel im Rahmen der internationalen Hegelliteratur besondere Aufmerksamkeit gewidmet. 2003 hat an der Erasmus Universität Rotterdam eine internationale Tagung stattgefunden, auf der eine vorläufige Bilanz des bisher Erreichten gezogen worden ist.
LiteraturG.W.F. Hegel, Gesammelte Werke (nähere Angaben s. oben im Text), Band 4: Jenaer Kritische Schriften, hrsg. Von H. Buchner und O. Pöggeler, 1968, Band 5: Schriften und Entwürfe (1799-1808), unter Mitarbeit von Th. Ebert hrsg. von M. Baum und K.R. Meist, 1998, Band 6: Jenaer Systementwürfe I, hrsg. von K. Düsing und H. Kimmerle, 1975; Band 7: Jenaer Systementwürfe II, hrsg. von R.P. Horstmann und J.H. Trede, 1971; Band 8: Jenaer Systementwürfe III, unter Mitarbeit von J.H. Trede hrsg. von R.P. Horstmann, 1976; Band 9: Phänomenologie des Geistes, hrsg. von W. Bonsiepen und R. Heede.
Im Meiner-Verlag ist eine sechsbändige Sonderausgabe in Leinen im Schuber der Hauptwerke Hegels auf der Grundlage der historischen Kritischen Ausgabe der „Gesammelten Werke“ und der „Philosophischen Bibliothek“ mit seitengleichem Abdruck der Texte aus den angegebenen Bänden zum Preis von € 99.— erhältlich. Band 1 (Vii, 622 Seiten) beinhaltet die „Jenaer kritischen Schriften“ und entspricht Band 4 der „Gesammelten Werke“.
Innerhalb der „Philosophischen Bibliothek“ des Verlages Felix Meiner sind ferner folgende Studienausgaben der „Gesammelten Werke“ lieferbar:
Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie. - Rezensionen aus der Erlanger Literatur-Zeitung. – Maximen des Journals der Deutschen Literatur. Nach dem Text von Gesammelte Werke, Bd. 4 neu herausgegeben von Hans Brockard und Hartmut Buchner. Philosophische Bi-bliothek 319a, 1979, XXVII, 180 S., kt., € 12.80.
Wesen der philosophischen Kritik. - Gemeiner Menschenverstand und Philosophie. – Verhältnis des Skeptizismus zur Philosophie. – Wissenschaftliche Behandlungsarten des Naturrechts. Nach dem Text von Gesammelte Werke, Bd. 4 neu herausgegeben von Hans Brockard und Hartmut Buchner.
Philosophische Bibliothek 319b. 1983. XXXIX, 212 S., kt., € 16,80 Dieser Band enthält mit Ausnahme von Glauben und Wissen (PhB 319c) alle Hegel zugeschriebenen Beiträge aus dem Kritischen Journal der Philosophie, das Schelling und Hegel in den Jahren 1802 und 1803 gemeinschaftlich verfassten und herausgaben.
Glauben und Wissen. Nach dem Text von Gesammelte Werke, Bd. 4 neu herausgegeben von Hans Brockard und Hartmut Buchner. Philosophische Bibliothek 319c. 1986. XXII, 156 S., kt., € 14.80.
Das System der spekulativen Philosophie. Fragmente aus Vorlesungsmanuskripten zur Philosophie der Natur und des Geistes
Nach dem Text von Gesammelte Werke, Band 6 neu herausgegeben von Klaus Düsing und Heinz Kimmerle, Philosophische Bibliothek Band 331, 1986, XXXVII, 286 S., € 19.80
Logik, Metaphysik, Naturphilosophie
Nach dem Text von Gesammelte Werke, Bd. 7 neu herausgegeben von Rolf-Peter Horstmann. Philosophische Bibliothek 332. 1982.
XXXIV, 388 S., Kt., € 19.80
Naturphilosophie und Philosophie des Geistes. Nach dem Text von Gesammelte Werke, Bd. 8 neu herausgegeben von Rolf-Peter Horstmann. Philosophische Bibliothek 333, 1987. XXXVII, 319 S., kt., € 19.80
Dissertatio Philosophica de Orbitis Planetarum. Philosophische Erörterung über die Planetenbahnen. Übersetzt und herausgegeben von W. Neuser, Weinheim 1986. Im Buchhandel vergriffen.
Michael Quante: Hegels "Logik" lesen
(2001)
Herbert Schnädelbach und Pirmin
Stekeler-Weithofer: Streit um Hegel (2000)
Herbert Schnädelbach: Warum Hegel?
Pirmin Stekeler-Weithofers Kritik
Hans Friedrich Fulda:
Die Hegelforschung heute (2000)
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