| Geschichte der Philosophie |
Neue Debatte über HeideggerEigentlich würde man meinen, das Thema ‚Heidegger und der Nationalsozialismus' sei nach den Büchern von Ott und Farias sowie der darauf folgenden Debatte zu Ende ausdiskutiert. Doch nun hat in Frankreich ein neues Buch Heidegger, l'introduction du nazisme dans la philosophie (574 S., 2005, € 29.-, Albin Michel, Paris) für Aufregung gesorgt. Autor ist Emmanuel Faye.
1987/77 hatte ein Jean-Pierrre Faye ein Buch La raison narrative veröffentlicht, in dem er entgegen der landläufigen These, die Verstrickung in den Nationalsozialismus habe nur ein kurze Periode in Heideggers Leben ausgemacht, behauptete, auch die spätere Philosophie Heideggers habe ihre Wurzel im Faschismus gehabt. So gehe die die Kritik der "planetarischen Herrschaft der Technik" auf den Nazi-Philosophen Ernst Krieck zurück. Eine These, die in der deutschen Diskussion keinen Widerhall gefunden hat.
Emmanuel Faye, der Autor des neuen Buches, ist der Sohn von Jean Pierre Faye und lehrt an der Universität Paris X/Nanterre. Fayes Buch mit immerhin 570 Seiten Umfang beinhalte wenig Neues, meint Walter Hanser in der Jungen Welt. Faye widerspricht: Das Buch beruhe u. a. auf zwei unveröffentlichten Seminaren von Winter 1933 bis Winter 1935, auf die bereits Theodor Kisiel und Jeffrey Barash hingewiesen hätten. Im Mittelpunkt stehen die Seminare vom Winter 1933 bis 1935. Faye behauptet, Heideggers Philosophie bedeute die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie.
In der ZEIT hat Faye unter dem Titel "Wie die Nazi-Ideologie in die Philosophie einzog" seine Thesen einem deutschen Publikum vorgetragen. Danach findet man "am Fundament von Heideggers Werk keinen philosophischen Gedanken; man findet den völkischen Gedanken an die ontologische Überlegenheit eines Volkes und eines Stammes". Faye zitiert als Beleg die Aussage Heideggers von 1935, das unter der Führung Hitlers vereinte deutsche Volk, "wir selbst", befinde sich "in einer noch größeren Entscheidung als derjenigen, die um Ursprung der griechischen Philosophie gestanden habe". Und diese Entscheidung habe er in seinem Buch Sein und Zeit zum Ausdruck gebracht. Mehr noch: Heidegger habe "zu einer Zeit, als er gar nicht mehr einstehen musste, in seinem Editionsplan ungerührt die Veröffentlichung einiger seiner unverhüllt nationalsozialistischen und hitlertreuen Schriften vorgesehen". "Heidegger hat wesentliche Elemente des Nationalsozialismus im eigenen Namen als seine Philosophie emphatisch vorgetragen: eine völkische Vision der geschichtlichen Sendung des deutschen Volkes, die Metaphysik von Blut und Boden, die Rolle des Führers als das einzige Gesetz des deutschen Lebens und das Recht des deutschen Volkes auf Expansion des Lebensraumes", fasst Kurt Flasch die Thesen des Buches zusammen.
Faye hat mit seinem Buch Polemik unter den Heideggerianern Frankreichs provoziert. Denn Heidegger ist gegenwärtig in Frankreich populär, und es gibt eine neue Generation von "Heidegger-Jüngern" (Jürg Altwegg). Sechs neue Bücher sind in kurzer Zeit über ihn erschienen, die Zeitungen Le Monde und Libération haben ihm jeweils gleich zwei ganze Seiten gewidmet.
"Man muss dieses Buch nicht lesen", sagte etwa Hadrien France-Lanord, und der 29jährige Maxence Caron übergeht in seinem eigenen Werk mit einem Umfang von 1760 Seiten das Thema einfach: "Weltfremder geht es einfach nicht" schreibt Martin Graff dazu in der Badischen Zeitung.
Auch Francois Fédier spricht in seinem Werk Martin Heidegger - le Temps, le Monde von jeder Verdächtigung frei. Aus Deutschland kommt in Le Monde Adélinge Froidecourt zu Wort, die am Lycée française in Düsseldorf unterrichtet. Sie halte den Gebrauch des Begriffs Nazi im Zusammenhang mit Heidgger für skandalös". Skandalös, so meint Flasch dazu, sei also nicht die Verstrickung Heideggers in den Nationalsozialismus, sondern die Behauptung dieser Tatsache.
Auch Deutschland stehe ein Sturm bevor, schreibt Kurt Flasch in der Süddeutschen Zeitung, denn es brauche eine neue, notwendige Debatte über den braunen Faden in Heideggers Denken, nimmt der emeritierte Mittelalter-Forscher Kurt Flasch in Deutschland die Debatte auf. Denn, so Flasch, Faye habe recht: "Ein anti-moderner brauner Faden verbindet die Analyse des Daseins, seiner Sorge und seines Geschicks im je eigenen Volk, also seine Geschichtlichkeit mit dem Nationalsozialismus. Dazu gehört das Pathos der Entscheidung, der Härte, der Schwere und des Todes". Er habe, wie Faye eindrucksvoll zeige, aus den Grundbegriffen seiner Ontologie die Dogmen des Hitlerismus gezogen. Deswegen habe er auch philosophische Termine wie "Sein", und "Seiendes", "Wirklichkeit" und "Gesetz" mühelos zu Naziparolen umformen können. Und auch nach 1933 habe Heidegger diese Verbindung weiterhin geknüpft. Es sei notwendig, so Flasch, dass auch in Deutschland ein neuer Sturm wegen Heidegger ausbreche. Denn: "Alles Große steht im Sturm" (Heidegger).
Der Publizist Jürgen Busche, ein Heideggerianer, hat darauf in der Süddeutschen Zeitung Flasch widersprochen: Dessen Reaktion sei überbordend und gleiche einem Ritual. Letztlich gehe es darum, Heideggers Philosophie als nationalsozialistisch zu erweisen: "Dass dies 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges immer noch nicht erreicht ist, sollte die Bannerträger solchen Bemühens stutzig machen... Glaubt wirklich jemand ernsthaft, der Marxist Herbert Marcuse hätte es nicht bemerkt, wenn Heideggers Denken nationalsozialistisch gewesen wäre? Und glaubt jemand ernsthaft, wenn er es bemerkt hätte, dann hätte er ihm immer noch seine Habilitationsschrift verehrungsvoll gewidmet?".
Thomas Meyer hat in der ZEIT ("Denker für Hitler?", Die Zeit Nr.30/2005) Fayes Arbeitsweise untersucht. Um nachzuweisen, dass Heideggers Denken von rassischen, völkischen und antisemitischen Begriffen bestimmt werde, bediene er sich der fragwürdigen Methode der Rückprojektion: "So spricht Heidegger nach der Machtergreifung zustimmend von ‚national-sozialistischer Weltanschauung'. Faye unterstellt in seiner Schlussfolgerung, dass er den Begriff ‚Weltanschauung' auch in den Jahren davor implizit schon in dieser Bedeutung verwendet habe, ohne dies allerdings offen aussprechen zu wollen. Damit blendet Faye aus, dass ‚Weltanschauung' seit Anfang des 19. Jahrhunderts in allen ideologischen Lagern inflationär benutzt wurde". Meyers Fazit: An Heideggers Fehl gebe es nichts zu deuteln. "Doch Bücher wie das von Faye tragen zum Verständnis dieses Fehlens nichts bei".
Michael
Funken: Nazi Heidegger? (2005)
Martin Heidegger und der Nationalsozialismus
(2002)
Heidegger: Berufungsversuche 1945 (2000)
Peter Moser: Heidegger und Hannah Arendt -
eine Liebesgeschichte (2000)
"Auch mein Vater hat Widerstand geleistet." Hermann Heidegger im
Gespräch (2000)
Peter Moser: "Unappetitliche Geschichtsklitterei"
(2000)
Heidegger-Index
(2000)
"Denker bewundert Dichter",
Zeit-Autor Jürgen Busche. In den Jahren der Hitler-Diktatur hat der Philosoph Martin Heidegger nicht nur Nietzsche und Hölderlin gelesen, sondern auch den Schriftsteller Ernst Jünger. Seine Aufzeichnungen zu diesen Lektüren sind nun erschienen
(Die Zeit,
13/2005)
Literatur
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[Stand der Information: 02/11/2005]
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| Mit Urteil vom 12.
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