| Philosophie |
Der syrische Philosoph Sadik al-Azm hat am 18. Mai dieses Jahres den renommierten Dr.-Leopold-Lucas-Preis erhalten. Der 69jährige emeritierte Professor für europäische Philosophie aus Damaskus gilt als kritischer Denker und als Verfechter religiöser und politischer Reformen in der arabisch-islamischen Welt. Soeben erschienen von ihm ist Islam und säkularer Humanismus (2005). Mit ihm sprach Ulrike Pfeil.
Herr Prof. Al-Azm, Sie sind Experte für europäische Philosophie, vor allem für Kant und die Aufklärung. Wo sehen Sie in der heutigen islamischen Welt den Ort der Aufklärung?
Die moderne arabische Geschichte ergibt überhaupt keinen Sinn ohne den Bezug zu Europa. Die Aufklärung, ihre Ideen, Werte und Entwürfe gewannen Bedeutung besonders durch die Französische Revolution und den Feldzug Napoleons 1780 nach Ägypten und Palästina. In Ägypten gab es eine Bewegung, die „arabisches Erwachen“ genannt wurde, es gab den arabischen Modernismus, eine arabische Renaissance im Denken, in der Theologie, eine Reform der Institution und der sozialen Gepflogenheiten. Liberalismus, Verfassungsstaat, Bürgerrechte, Gewaltenteilung, all diese Ideen wurden später im Kampf gegen die europäische Herrschaft aufgeboten. Die Revolution gegen die britische Kolonialherrschaft in Ägypten 1919 war das liberale Experiment in der arabischen Gesellschaft.
Aber wie behauptet sich dieses Denken in der Gegenwart?
Es kam zu zwei Ausblendungen der Ideen der Aufklärung: Die eine, unter dem Einfluss von Kommunismus und Marxismus, erschien in Gestalt der Illusion, dass wir die Aufklärung überwinden müssten, um etwas Besseres zu erreichen. Und wie man weiß, ging das schief.
Die zweite Verfinsterung war die Zurückweisung der Aufklärung, eine Art natürlicher Gegenreformation in Gestalt der Muslimbrüder, mit der Forderung nach Rekonstruktion der alten muslimischen Ordnung, des Kalifats. Das setzt sich bis heute in einer gewaltförmigen Weise fort, wofür der Terrorismus von Al Qaida ein Beispiel ist.
Sehen Sie irgendwo Bastionen der Aufklärung?
Nach dem Kollaps der angeblich fortschrittlicheren Systeme in den kommunistischen Ländern ist jetzt tatsächlich ein Wiederaufleben der Werte der Aufklärung zu beobachten. Ideen wie Menschenrechte, Demokratie, bürgerliche Freiheiten, zivile Regierung, Gewaltenteilung, Wahlen, Kontrolle der Verwaltung werden heute von weiten Teilen der arabischen Gesellschaften als Schlüssel-Werte betrachtet und als einziger Ausweg aus der verfahrenen Situation, in der sich die arabischen Länder befinden. Dabei ist das türkische Beispiel sehr wichtig: die Tatsache, dass der politische Islam in der Türkei Teil des demokratischen Systems werden konnte, ohne dass eine Katastrophe passierte. In Ägypten hat erst kürzlich die Organisation der Muslimbrüder ein Grundsatzprogramm verabschiedet, das sich fast liest wie die Ideen von Diderot! Sie haben die Forderung nach einem Kalifat aufgegeben und die Vorstellung, dass der Koran eine Verfassung ersetzt. Das türkische Beispiel hat in der arabischen Welt eine große Debatte über all diese Werte ausgelöst.
Das gegenseitige Verständnis zwischen der westlich-christlichen und der islamischen Welt scheint gegenwärtig keine großen Fortschritte zu machen. Was sind die größten, die meistverbreiteten Missverständnisse über die islamische Welt, denen Sie im Westen begegnen?
Der erste Irrtum ist die Vorstellung von einem „homo islamicus“, analog zum „homo oeconomicus“ des Westens: die Vorstellung, dass muslimische Menschen sich in ihrem Verhalten ausschließlich nach der Religion richten. Der muslimische Mensch ist jedoch ein Mensch mit vielen verschiedenen Motiven und Erwägungen! Im praktischen Leben weicht er sehr oft vom Islam ab. Aber ihr im Westen denkt, dass alle Muslime dem Islam so gehorsam und treu ergeben sind, dass sie niemals etwas außerhalb der religiösen Vorschriften tun würden. Diese Vorstellung beobachte ich zum Beispiel hier in Antwerpen an der Universität, auch unter den Studenten.
Zweiter Irrtum: die Vorstellung, dass der Islam als Religion einzigartig und außergewöhnlich sei, dass er sich vollkommen von anderen Religionen, speziell dem Christentum und dem Judentum, unterscheide. Dass er unzugänglich sei für Veränderung, Reform, neue Realitäten. Aber auch der Islam ist eine historische Religion, in seiner Struktur und seinen Reaktionen auf historische Entwicklung, man sollte ihn wie jede andere Weltreligion betrachten.
Drittens: Europäer vergessen gern – zum Beispiel in der aktuellen Debatte über den Bezug der europäischen Verfassung auf christliche Werte – , dass das Christentum keine europäische Religion ist, sondern aus dem Nahen Osten kommt. Diese Vergess- lichkeit trägt dazu bei, die eingefahrenen Vorstellungen zu zementieren. Ähnlich wie Westeuropa gegenüber dem Kommunismus immer so tat, als sei er etwas, das der europäischen Tradition fremd ist. Man nannte ihn immerzu „östlich“.
Sie sind ein erklärter Anhänger der Säkularisierung, der Trennung zwischen Staat und Religion. Es hat jedoch den Anschein, als würde das Konzept der Säkularisierung in der islamischen Welt gegenwärtig weniger denn je akzeptiert. Warum ist die Idee des säkularen Staates so wenig überzeugend für die islamischen Gesellschaften heute?
Ich muss hier noch einmal auf das Beispiel Türkei zurückkommen. Es ist doch interessant, dass die einzige islamische Gesellschaft, die eine demokratische islamische Partei hervorbrachte, die auch noch die Wahlen gewann, just das Land mit der ausgeprägtesten säkularen Ideologie ist. Man kann also argumentieren, dass eine säkulare Gesellschaft eine notwendige Voraussetzung für eine islamische politische Bewegung ist. In den arabischen Ländern, dem Kernland des Islam, gibt es zwar keine Ideologie oder Partei, die eine Säkularisierung vertritt. Aber es gibt jede Menge schleichenden Säkularismus in der Wirtschaft, im Rechtswesen, im öffentlichen Leben, ohne dass die Trennung von Moschee und Staat formal erklärt worden wäre, wie in der Türkei. Was verlangen denn die Fundamentalisten zum Beispiel in Ägypten? Sofortige Einführung der Scharia, des islamischen Rechts. Das heißt doch, sie betrachten das existierende Rechtssystem als säkular. Sie wollen das Bildungssystem in Syrien und Ägypten islamisieren. Das bedeutet, dass das Bildungssystem tatsächlich säkular ist, aber nicht formal. Die Islamisten finden sich also in dem Widerspruch, dass sie Gesellschaften re-islamisieren wollen, die als muslimische Gesellschaften gelten.
Aber das heißt doch, für eine formale Trennung von Staat und Religion sind die Aussichten eher schlecht.
In verschiedenen arabischen Ländern – außer Saudi-Arabien – ist dieser schleichende Säkularismus sehr einflussreich, und dagegen reagieren die Fundamentalisten. Deshalb wollen sie Mubarak in Ägypten stürzen. Die Idee der Trennung von Moschee und Staat stößt auf starken Widerstand, und Säkularisierung, ähnlich wie Kommunismus, ist beinahe ein Schimpfwort geworden. Die Leute, die für die formale Einführung der Säkularisierung sind, sprechen deshalb von ziviler Regierung, nicht von Säkularisierung.
Wie könnte man die Gesellschaften von den Vorzügen einer zivilen Regierung überzeugen?
Schauen Sie sich den Irak an. Nur eine zivile Regierung kann dort erreichen, dass das Land nicht in drei Teile zerfällt. Auch die Islamisten wollen normalerweise, dass der Staatsapparat religiös neutral sein sollte. Sogar in Saudi-Arabien versucht man auf diesem Gebiet zur Zeit eine kleine Perestrojka.
Nach den terroristischen Anschlägen von New York, Istanbul, Spanien, die im Namen eines islamischen Fundamentalismus begangen wurden, erwartete die westliche Welt eine entschiedene Verurteilung des Terrorismus von muslimischen religiösen Autoritäten. Diese Stimmen klangen etwas kleinlaut. Warum kann ein islamischer Religionsführer nicht seine Stimme erheben, um terroristische Selbstmörder zu belehren, dass ihre Art der Gewalt religiös und moralisch verwerflich ist.
Alle wichtigen Zentren des Islam und der islamischen Gelehrsamkeit haben die Terrorangriffe verurteilt. Sie haben das vielleicht erst mit Verzögerung getan, aber offiziell haben sie auf jeden Fall verurteilt. Darüber gibt es in Saudi-Arabien eine große Debatte, denn ein paar prominente Kleriker dort hatten vor den Anschlägen auf der intellektuellen Ebene Argumente für Al Quida gefunden, für deren Denkweise. Aber auch sie verwerfen jetzt dieses Gedankengut. Und sie haben das extra im Fernsehen gesagt, um den Terroristen sozusagen den Teppich unter den Füssen wegzuziehen.
Aber dabei ist auch ein wenig Heuchelei. Es schwingt immer Schadenfreude mit, wenn terroristische Anschläge den Westen treffen. Zumindest am Anfang, wenn Al Qaida den Westen traf, war es ähnlich wie seinerzeit mit dem Terrorismus in Europa. Die Kommunisten verurteilten ihn, aber dabei war eine Unterströmung von Schadenfreude. Und diese Unterströmung findet man heute in islamischen Gesellschaften: „Wenn es dem Westen schadet, können wir davon profitieren.“ Kann und sollte der Al-Qaida-Terrorismus mit anderen als militärischen Mitteln bekämpft werden?
Ganz sicher sind andere Mittel sehr wichtig. Wir sehen übrigens etwas davon in der aktuellen Debatte in Saudi-Arabien. Einige kritische Kommentatoren haben ihren Finger auf das Problem gelegt, dass die Art von Bildung, die dort gelehrt wird, leicht zu solchem Verhalten wie der Al-Qaida-Anhänger führen kann. Und die Staaten, die sich als islamische Staaten verstehen, tun jetzt etwas, um ihre Bildungsinhalte zu revidieren, freilich viel zu spät.
Sie haben in der Vergangenheit stets die Meinung vertreten, dass der palästinensische Terrorismus nichts mit dem Al-Quida- Typ gemeinsam hat – weil er vorwiegend politisch, nicht religiös motiviert ist. Lässt sich diese These angesichts der Selbstmordattentate aufrechterhalten?
Man muss immer daran erinnern, dass die Situation in Palästina sehr speziell ist. Es gibt keinen einzigen anderen Ort auf der Welt, wo noch Siedler-Kolonialismus existiert. Man liest darüber in den Geschichtsbüchern des 19. Jahrhunderts, über Rhodesien, Südafrika. Aber am Beginn des 21. Jahrhunderts! Das ist schon an sich so empörend, dass irgendetwas dort geschehen muss. Zweitens glaube ich, dass selbst die religiös motivierten Organisationen der Palästinenser wie Hamas oder der Islamische Dschihad - anders als Al Qaida – noch immer innerhalb des Paradigmas vom klassischen Befreiungskampf operieren. Sie haben ein bestimmtes Ziel: Aufhebung der Besatzung. Aber sie greifen niemals ihr eigenes Volk an. Das Volk zu mobilisieren, die Gegner zu minimieren, Sympathie zu erwerben, das ist das Paradigma des Befreiungskampfs. Solche Bewegungen haben sich in der Vergangenheit terroristischer Mittel bedient, aber das war immer sorgfältig kalkuliert, es war immer nur eine Waffe unter anderen, wie politische Propaganda, Diplomatie und so weiter. Meine Sorge ist, dass die Selbstmordanschläge, die sie jetzt ausführen, Ausdruck einer Schwäche in ihrer Strategie für die Aufhebung der Besatzung sind.
Wieso Schwäche?
Diese Anschläge sind wahllos, sie sind nicht mehr innerhalb des Befreiungskampfes sorgfältig kalkuliert.
Also irrationaler?
Ja, sie sehen eher nach Racheakten aus als nach einer Befreiungsbewegung, die möglicherweise militärisch verliert, aber politisch gewinnt. Terrorismus ist die Waffe der Schwachen. Wenn es die einzige wird, sieht es nicht gut aus. Es ist ein Zeichen von Bankrott.
Sehen Sie die wachsende Macht des schiitischen Klerus in Syriens Nachbarland Irak nach dem Sturz des Baath-Regimes von Saddam Hussein als eine Bedrohung für die politische Stabilität in Syrien an?
Keine Frage, der Sturz des Baath-Regimes im Irak war ein harter Schlag auch für unsere Baath-Regierung. Aber was man in Syrien mehr fürchtet als die Machtübernahme der Mullahs, ist ein wahrhaft demokratischer Irak. Wenn die Mullahs die Macht übernehmen, bedeutet das, dass wir dort wieder eine Art zentralisierte, diktatorische Herrschaft haben. Das wäre für die syrische Regierung bequemer als eine funktionierende Demokratie, die dann ein Beispiel für Syrien wäre. Unser Baath-Regime kommt mit den Mullahs im Iran ganz gut aus.
Aber ich sehe noch keinen Mullah-Staat im Irak. Wenn der Irak ungeteilt bleibt, wird die Mullokratie ihn nicht regieren. Sie werden sicher großen Einfluss haben, und sie werden ein Teil des Systems sein, aber ich glaube nicht, dass sie die Macht im Irak übernehmen werden.
Warum scheint der Islam weniger darauf vorbereitet als andere Religionen, mit den Herausforderungen der Moderne umzugehen?
Ich glaube tatsächlich, dass der Zusammenprall zwischen Modernität und Traditionalismus ein gutes Denkmodell ist, um die gegenwärtige Situation im Nahen und Mittleren Osten zu erklären. Die Moderne hat enormen Einfluss auf das praktische Leben der Menschen, sie wird auf informelle Weise vielfältig angenommen. Deshalb glauben die einflussreichen Traditionalisten in den islamischen Ländern, dies sei ihr letzter Kampf. Wenn sie den verlieren, dann hat die Modernität gewonnen, und sie haben verloren.
Die Moderne ist zum Islam als eine fremde Macht von außen gekommen, begleitet von Kolonialismus und Imperialismus. Sicher hat es auch in Europa Kämpfe um die Durchsetzung der Moderne gegeben, man denke nur an Bismarcks Kulturkampf. Doch war sie hier eine Entwicklung, die von innen heraus kam, nicht von außen.
Auch unser traditionelles Selbstbild steht der Akzeptanz der Moderne im Wege. Wir Araber wollen immer große Männer sein, große Friedensstifter, große Eroberer, groß in allem. Und es gibt sehr große Widerstände, dieses psychologische Selbstbild gegenüber der Realität von heute zu überprüfen. Die Weigerung, die Inhalte des Koran neu zu interpretieren, baut ebenfalls Probleme auf. Ein Beispiel: Die Sklaverei ist heute in den islamischen Staaten verschwunden. Aber man setzt sich nicht wirklich darüber auseinander, was nun mit all den Vorschriften im Koran zur Sklaverei zu geschehen hat. Oder nehmen sie die Frage der geschützten Minderheiten im Islam, der Christen und Juden. Sie waren früher Bürger zweiter Klasse, nun sind sie vollwertige Bürger. Aber auch hier hat man sich nicht mit dem Widerspruch befasst, dass Christen in der Armee dienen, dass sie im Kriege gegen Israel gestorben sind – nach dem Wortlaut des Koran ist das gar nicht akzeptabel. Oder betrachten Sie die Kosmologie des Koran, eine prä-kopernikanische Weltsicht: Die Welt ist eine Scheibe, die Sonne geht auf und unter. Ironischerweise schrieb der Großmufti von Saudi-Arabien 1985 ein Buch, in dem er all das für gültig erklärte. Und zu meiner großen Überraschung gab es keine einzige Stimme unter den islamischen Gelehrten, die ihm wider- sprochen hätte: Moment mal, das ist Unsinn. Man vergisst das Problem lieber als ihm ins Auge zu sehen. All das trägt zu dem Eindruck bei, dass der Islam unzugänglich ist für die Moderne.
Eine aktuelle Herausforderung für die Ideen der Aufklärung ist in einigen europäischen Ländern, auch in Deutschland, die Frage, ob muslimische Frauen das Kopftuch in der Öffentlichkeit oder als öffentliche Bedienstete tragen dürfen sollen. Zwei Positionen der Aufklärung stoßen hier aufeinander: der Grundsatz der religiösen Toleranz und des Respekts gegenüber dem Individuum auf der einen, die Trennung zwischen Staat und Religion auf der anderen Weise. Was würden Sie empfehlen?
Ich meine, es gibt keine gültige Antwort für alle Fälle, es ist eher ein praktisches Problem, das überall anders auftritt. Wenn in Syrien – wo die Schulen Staatsschulen sind und die Schüler eine Schuluniform tragen - Schülerinnen die Uniform verweigern würden, da wäre die Hölle los. Es gibt keine Antwort, die für Frankreich, Belgien, Deutschland
oder Schweden gleichermaßen anzuwenden wäre. Was mich bei diesem Thema besonders aufregt, ist die Heuchelei, die aus der arabischen Welt kommt. Dass ausgerechnet Saudi-Arabien in der Kopftuch-Frage eine Lektion erteilen will über Wahlfreiheit, das ist doch einfach widerwärtig.
Hier in Europa sehe ich die Angelegenheit eingebettet in einem breiteren Komplex. Im Namen von Multikulturalismus und Respekt vor dem Anderen seid ihr Europäer manchmal blind für Menschenrechtsverletzungen, und das nützt den Falschen. Saddam bestrafte kleine Verfehlungen, indem er den Leuten die Ohren abschneiden und die Augen ausstechen ließ. Wissen Sie, was seine Antwort war, als Menschenrechts-Organisationen dies kritisierten? Dass sie keinen Respekt für islamische Regeln und Kultur hätten.
Selbst bei den Leuten, die den Islam studieren und politische Entwicklungen verfolgen, spüre ich manchmal, dass sie sehr zögerlich sind mit einem aufrichtig kritischen Urteil über den Islam. Es ist so ähnlich wie mit der Furcht, dass man als Antisemit bezichtigt wird, wenn man etwas Kritisches über Israel sagt, derselbe Mechanismus: Wenn man etwas an der islamischen oder arabischen Welt kritisierte, könnte man schon als anti-muslimisch dastehen. Das finde ich sehr ungesund.
Aber wenn Sie meine persönliche Meinung zum Kopftuch wollen: Manchmal muss man zwischen Werten abwägen. Für mich, für jemanden, der aus dem Mittleren Osten kommt, ist die religiöse Neutralität des öffentlichen Raumes, des Marktplatzes, so wichtig, wir kämpfen so hart darum, dass ich ihr das Vorrecht geben würde. Man muss bestimmte individuelle Privilegien opfern, dazu gehört das Kopftuch-Tragen. Sonst geht es uns wie im Libanon.
Wenn Sie nach Tübingen kommen, werden Sie sicher dem Projekt „Weltethos“ des katholischen Theologen und Rom-Dissidenten Hans Küng begegnen. Glauben Sie als Philosoph, dass man eine gemeinsame Wertbasis aus den verschiedenen Weltreligionen herausschälen kann, und dass eine solche Initiative einen Einfluss haben kann auf das bessere Verständnis der Religionen untereinander, gar der Völker?
Ich weiß über dieses Weltethos zu wenig. Ich glaube jedoch nicht, dass es möglich ist, ein gemeinsames Ethos aus allen Religionen herauszuziehen. Ich bin der Letzte, der dagegen wäre, wenn es irgendetwas Gutes bewirkt. Für mich ist die beste Funktion der Religion in der modernen Gesellschaft, dass sie das Gewissen der Gesellschaft ist. Und in Europa spielen die Kirchen nach meinem Eindruck diese Rolle gut – anders als in den USA, wo sie viel mehr ein Teil des Wirtschaftskreislaufes sind. Aber ich zweifle daran, dass man politische Probleme lösen kann, indem man zwischen all den Religionen vermittelt. Ich glaube eher, das ist eine Täuschung nach Art des amerikanischen Soziologen Samuel Huntington: dass die Gesellschaft auf Kultur reduziert werden kann, und Kultur auf Religion. Das ist zu vereinfacht.
Aus dem Englischen von Ulrike Pfeil. Erstveröffentlichung im Schwäbischen Tagblatt.
Literatur
Sadik J. Al-
Azm: Islam und säkularer Humanismus
(2005) EUR 15,00.
Versand direkt bei Erscheinen
Sadik J. Al-Azm, Kai-Henning Gerlach
(Herausgeber: Unbehagen in der Moderne. Aufklärung im Islam.
EUR 1,95
Versand in 3 bis 4 Tagen
Islamische Religion in Frankfurt
Wenig
Interesse der Bundesländer an Islam-Unterricht
Der
Islam im Unterricht (Ausländer in Deutschland 1/2003)
Islamische
Philosophie in Zürich
Islam-Lehrerausbildung
an der Uni Münster
Autor [Stand der Information: 2005]
Sadik al-Azm hatte zur Zeit des Gesprächs eine Gastprofessur an der katholischen St. Ignatius-Universität in Antwerpen.
Webmaster © 1997 - 2005 M. Funken. Alle Rechte vorbehalten. Impressum |
| Mit Urteil vom 12.
Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Einbindung eines
Links die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat, sofern man sich davon
nicht ausdrücklich distanziert hat. Hiermit betone ich ausdrücklich, dass ich keinerlei
Einfluß auf Gestaltung, Inhalte und Links aller gelinkten Seiten habe noch jemals hatte,
und distanziere mich ausdrücklich von sämtlichen Gestaltungsformen, Inhalten und Links
aller gelinkten Seiten und mache mir diese nicht zu eigen. Düsseldorf, 24.5.2000, Der Herausgeber |