| Augsburger Wissenschaftspreis |
Bei Juden und Christen heißt er Abraham, bei den Moslems Ibrahim - "als unser aller Vater im Glauben" scheint sich die biblische Gestalt für den interreligiösen Dialog zu empfehlen. Wie weit eine "abrahamische Ökumene" reicht, hat die Bayreuther Theologin und Islamwissenschaftlerin Ulrike Bechmann untersucht. Ihre Habilitationsschrift "Abraham - Beschwörungsformel oder Präzisierungsquelle? Bibeltheologische und religionswissenschaftliche Untersuchungen zum Abraham-Paradigma im interreligiösen Dialog." ist jetzt mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2006 ausgezeichnet worden.
Dies hat Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Wolfgang Frühwald als Vorsitzender der Jury dieses vom Ehepaar Marianne und Helmut Hartmann gestifteten und in diesem Jahr zum x. Mal vergebenen Preises mitgeteilt. Bechmann erhält die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihre 2004 an der Universität Bayreuth vorgelegte Habilitationsschrift. Der Preis wird am Dienstag, dem 9. Mai 2006, um 19.00 Uhr im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses verliehen.
In seiner Begründung der Jury-Entscheidung zugunsten von Bechmanns Habilitationsschrift schreibt Frühwald über diese Studie:
"Zum Dialog unter den Religionen gibt es keine Alternative, wenn es nicht zu dem von Samuel Huntington schon in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts vorausgesagten Zusammenprall der Kulturen (clash of civilizations) kommen soll, dessen erstaunte Zeugen wir gerade in diesen Tagen und Wochen wieder sind. Als Kennwort des Dialogs unter den monotheistischen Religionen von Judentum, Christentum und Islam wird seit langem die Figur und die Botschaft Abrahams empfohlen, der als Erzvater der drei abrahamitischen Religionen früher war als Tora und Evangelium, früher auch als der Koran. Es gelte für eine abrahamische Ökumene den 'gemeinsamen Ursprung als Quellgrund der Wahrheit wiederzuentdecken'.
Ulrike Bechmann weist in einem für den interreligiösen Dialog grundlegenden Buch nach, daß die Chiffre 'Abraham' oder 'Ibrahim' (als unser aller Vater im Glauben) nicht ohne weiteres als Programmwort für die 'große Ökumene' der monotheistischen Religionen taugt. Denn jede dieser drei Religionsgemeinschaften verbindet mit der Gestalt Abrahams und den Erzählungen von Abraham eine unterschiedliche, oftmals gerade die andere Gemeinschaft ausgrenzende Perspektive. 'Abraham' wird oftmals zum Bild der Trennung, nicht zu dem der Gemeinsamkeit. Während im Christentum Abraham durch den Völkerapostel Paulus mit Christus identifiziert wurde, so daß die Berufung auf Abraham nicht den Kern des Bekenntnisses trifft, führt im Judentum wie im Islam der Verweis auf Abraham in die Mitte der je eigenen (kollektiven) Identität. Die Unterschiede in der Aufnahme des Abraham-Narrativs aber sind in den heiligen Schriften ebenso wie an den Orten der Verehrung durch Abrahams Frauen belegt. Sara, die Mutter Isaaks, und Hagar, die Mutter Ismaels, stehen in allen Überlieferungen für die Unterschiede, nicht für die Gemeinsamkeit des Bekenntnisses. Mit differenten theologischen und kultischen Inhalten wird Saras Grab bis heute in Hebron, Hagars Grab in Mekka verehrt.
Ulrike Bechmann also warnt vor einer vorschnellen Suche nach Kompromiß und Konsens in durch Jahrhunderte hin befestigten Glaubenstraditionen. Kompromißkonzepte spielen in Fragen des Glaubens den politisch mißbrauchbaren Fundamentalismen in die Hände, sie führen nicht zu einem ehrlichen, vom jeweils festen eigenen Grund ausgehenden Gespräch zwischen den Religionen. Die erkannte Differenz, nicht der vorschnelle Kompromiß, ist der Ort des Dialogs. 'Jede Religion kann eine schätzende und schützende Haltung zu den anderen Religionen nur entwickeln, wenn sie dies aus der Mitte ihrer eigenen Frömmigkeit, Theologie und Offenbarung heraus tut.' Abraham - die Gestalt, die Erzählung, das Bild - ist die Vison der Einheit, nicht ihr schon gefundener Repräsentant.
Ulrike Bechmann belegt schließlich, mit einer Wendung zur Praxis, am Beispiel des Weltgebetstages der Frauen, wie aus dem gemeinsamen Gebet ein Lernort für die Ökumene, für den Dialog auf nicht gemeinsamer Bekenntnisbasis entstanden ist. Um des Zieles willen, das sie sich gesetzt hatten, Friede und Gerechtigkeit zwischen den Völkern, konnten Frauen unterschiedlicher Bekenntnisse gemeinsam handeln und die größte ökumenische Bewegung der Welt ins Leben rufen. Sie könnte Vorbild werden für den interreligiösen Dialog weltweit. 'Abraham' wäre dann - gewonnen aus unterschiedlichen Glaubenstraditionen - eine Stütze, aber nicht mehr die tragende Basis des friedensstiftenden Dialogs."
Ulrike Bechmann ist als erstes von vier Kindern 1958 in Bamberg geboren. Sie studierte Katholische Theologie, Arabistik und Islamwissenschaften, promovierte in Bamberg 1988 zum Dr. theol. und schloß das Studium der Islamwissenschaften dort 1996 mit der Magisterprüfung ab. Von 1989 bis 1999 war sie Theologische Referentin und Geschäftsführerin des Deutschen Komitees des Weltgebetstages der Frauen. 2004 habilitierte sie sich mit der jetzt preisgekrönten Arbeit über das Abrahams-Paradigma an der Universität Bayreuth. Dort ist sie seit Ende 2004 Oberassistentin am Lehrstuhl für Biblische Theologie.
Die Studie von Ulrike Beckmann ist die zweite Habilitationsschrift, die mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien ausgezeichnet wird; sechsmal ging der Preis bislang an Dissertationen, einmal an eine Diplomarbeit.
Der Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien wurde 1997 vom damaligen Vorsitzenden des Forums Interkulturelles Leben und Lernen (FILL) e. V., Helmut Hartmann, und seiner Frau Marianne gestiftet. Er wird von FILL gemeinsam mit der Stadt und der Universität Augsburg ausgeschrieben und zielt auf die Motivierung und Förderung wissenschaftlicher (Nachwuchs-)Arbeiten, die einen substantiellen Beitrag zum übergeordneten Thema "Interkulturelle Wirklichkeit in Deutschland: Fragen und Antworten auf dem Weg zur offenen Gesellschaft" leisten.
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