| Religionsunterricht |
Dubiose Koranschulen im Hinterhof, Islamisten-Ausbildung in Botschaftsgebäuden - der Religionsunterricht für Muslime hat einen schlechten Ruf in Deutschland. Das soll sich nun ändern: an der Universität Münster werden ab Wintersemester 2004/2005 islamische Religionslehrer ganz korrekt unter staatlicher Aufsicht ausgebildet. Ein absolutes Novum. Und eigentlich verfassungsrechtlich gar nicht möglich.
Prof. Muhammad Sven Kalisch wird den Ergänzungs-Studiengang für Lehrer in Münster aufbauen. Islamwissenschaftler Kalisch ist 38 Jahre alt und im Alter von 15 Jahren konvertiert. Der gebürtige Deutsche, der bisher an der Universität Hamburg Orientalistik lehrte, will in Münster vor allem Lehrer/innen für türkische Kinder ausbilden. Einfach, weil die meisten Muslime in Deutschland aus der Türkei kommen. Andere Islam-Richtungen will Kalisch aber auch beachten.
Dass es "den" Islam eben nicht gibt, war bisher eines der größten Hindernisse bei den verschiedenen Versuchen, einen "ordentlichen" Islam-Unterricht in Deutschland zu etablieren. Denn: Der Staat selbst ist verfassungsmässig zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet. "Normale" Lehrer dürfen also allenfalls Religionskunde geben, aber keine Glaubenslehre verkünden. Bei den christlichen Konfessionen und beim Judentum wird das Problem dadurch gelöst, dass der Glaubensunterricht in Kooperation mit den kirchlichen Institutionen angeboten wird. Solche Institutionen gibt es im Islam aber nicht: Es gibt Gläubige, es gibt Gemeinden mit ihrem Imam - aber keine darüber hinaus gehende einheitliche Organisationsform. Erschwert wird das Problem durch die Zerstrittenheit der bestehenden muslimischen Organisationen: So werden die vom türkischen Staat anerkannten Moschee-Gemeinden etwa von anderen Muslimen (etwa Milli Görüs etc.) scharf abgelehnt und umgekehrt. Für deutsche Behörden hieß das: Staatlichen Stellen fehlte mithin der Ansprechpartner für Kooperationen in Sachen Religionsunterricht.
In dieser durchaus emotional aufgeladenen Gemengelage wird Prof. Kalisch nun seine Lehrerausbildung starten. Es ist zu erwarten, dass islamische Hardliner gerade ihn - den deutschstämmigen Konvertiten - ablehnen. Zumal Kalisch selbst hofft, den Fundamentalisten durch seine Arbeit den Boden zu entziehen: "Ich denke, dass Extremisten es schwerer haben werden, wenn die Schüler ein anderes und differenziertes Bild vom Islam erhalten. Der Religionsunterricht kann dazu beitragen, dass die Anfälligkeit für Extremismus nachlässt," meinte er zu wdr.de. Gleichzeitig stehen auch viele Deutsche dem Projekt mit Misstrauen gegenüber: Moscheebau- und Islamgegner oder christliche Fundamentalisten sowieso, aber ebenso Befürworter strenger Säkularisation, die auch den christliche Religionsunterricht ablehnen.
Im Wintersemester startet jedenfalls der Studiengang, voraussichtlich mit 30 Studierenden. In sechs Semestern sollen sie Examen machen. Ob sie anschliessend wirklich "Religionsunterricht" geben - oder doch nur weltanschaulich neutrale "Islamkunde" - , das hängt davon ab, ob bis 2008 der islamische Religionsunterricht in NRW als Schulfach eingeführt wird. Und das hängt nicht zuletzt davon ab, wer dann in Düsseldorf regiert: Die rotgrüne Landesregierung, die Kalischs Lehrstuhl nun eingeführt hat, steht im Mai 2005 zur Wahl. In Umfragen liegen CDU und FDP vorne.
Uni Münster:
Centrum für Religiöse Studien
Wenig
Interesse der Bundesländer an Islam-Unterricht
Der
Islam im Unterricht (Ausländer in Deutschland 1/2003)
Islamische
Philosophie in Zürich
Islamische
Religion in Frankfurt
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