Interview

Peter Janich und Dieter Korsch:

Die Orientierungsleistung von Menschenbildern

Die beiden Professoren Peter Janich (Philosophie) und Dietrich Korsch (Theologie) haben ein gemeinsames Projekt "Orientierungsleistungen von Menschenbildern" initiiert. Dabei geht es um Genese, Gehalt und Geltung dessen, was heute als "das abendländische Menschenbild" bezeichnet wird. Mitbeteiligt am Projekt, das auf zwölf Jahre angelegt ist, ist Stephan Schmidt, der Direktor der Klinik für Geburtshilfe und Perinatalmedizin. Die Koordination liegt bei Elisabeth Margaretha Hartlieb. Die Vorbereitungsphase wird als Innovationsprojekt durch das Land Hessen finanziert, im September fand ein erstes Gespräch mit einer Gutachtergruppe der DFG in Bonn statt.

Herr Professor Korsch, Herr Professor Janich: Zwölf Jahre lang wollen Sie gemeinsam mit vielen Kollegen über "Menschenbilder" forschen - woher kommt Ihr Interesse an diesem Begriff?

Dietrich Korsch: Wir machen die sehr auffällige, geradezu verblüffende Beobachtung, dass es zur Geschichte des Begriffs Menschenbild keine Forschung gibt. Unsere jetzt näher eingegrenzte Vermutung lautet, dass der Aufstieg des Begriffs als Begriff in die Zeit des späten 19. Jahrhunderts fällt, in die Zeit, in der auch der Begriff "Kultur" zentral wird - das spricht dafür, das es sich dabei um einen Ersatz für Letztbegründungen handeln soll.

Was jetzt im Begriff Menschenbild verankert ist, hatte zuvor seinen Ort in der Metaphysik oder in der Religion. Weil diese aber als zu traditionell, als zu vergangenheitsbezogen betrachtet wurden, stellte sich auch die Begrifflichkeit um. Die Begriffsgeschichte, davon bin ich überzeugt, ist auch ein Schlüssel zur Problemgeschichte und darum werden wir diese vorrangig untersuchen.

Eng mit dem Menschenbild ist bei Ihnen der Begriff der Aufklärung verbunden.

Peter Janich: Richtig, der Untertitel unseres Vorhabens lautet: "Ein Projekt zeitgemäßer Aufklärung". Wir führen dabei die Marburger Tradition fort, wo die Aufklärung immer eine wichtige Rolle gespielt hat. Längst aber ist die Aufklärung in die Kritik geraten: Der Optimismus, dass alle erstrebenswerten Ziele durch Naturwissenschaft und Technik erreicht werden können, hat sich nicht bewährt. Zwar hat uns die Entwicklung einen technischen und industriellen Fortschiritt gebracht. Ob es in der Welt auch wirklich menschlicher und friedlicher zugeht und ob die Gesellschaft der Wissenschaftler, durch Naturwissenschaft und Technik aufgeklärter geworden ist, scheint mir eine offene Frage. 

Dietrich Korsch: Die Aufklärung hat sich ja in den naturwissenschaftlichen Zweig und in den historisch-hermeneutisch-geisteswissenschaftlichen Zweig aufgespalten. Beide sind dann auseinandergelaufen und haben sich zu Wissenschaftskomplexen verfestigt. Wollen beide wieder miteinander reden, müssen wir dafür sorgen, dass die jeweiligen wissenschaftlichen Perspektiven aufeinander abbildbar werden. Hierfür wiederum ist der Begriff des "Menschenbilds" äußerst fruchtbar, denn an ihm werden die verschiedenen Selbstverständnisse deutlich, zum Beispiel auch das der Philosophie: Schon der Marburger Neukantianismus wusste, dass es überhaupt nichts hilft, wenn ein Philosoph erkenntnistheoretische Regeln dekretiert, nach denen die Wissenschaften arbeiten müssen. Die Philosophie ist vielmehr jene Wissenschaft, die die innere Logik dieser Sach- und Materialwissenschaften auszuarbeiten hat.

Peter Janich: Wir haben jetzt einen ganz neuen Ansatz: Da es nicht mehr gleichsam den einzelnen Besserwisser gibt, der die anderen aufklärt, müssen sich die Wissenschaften in ihrer Pluralität gegenseitig aufklären. Konkret heißt das, dass sie sich ihrer Selbstverständnisse bewusst werden und diese mit den jeweils anderen diskutieren. Nehmen Sie zum Beispiel die jetzige Hirn- und Determinismusdebatte: Dann sehen Sie, wie unverrückbar die Wissenschaftsverständnisse der Neurologen auf der einen Seite und etwa der Juristen oder Historiker auf der anderen Seite aufeinander treffen.

Ein Beispiel?

Peter Janich: Mittlerweile wird ja sogar darüber nachgedacht, ob künftig überhaupt noch bestraft werden darf. Wenn nämlich das Hirn bereits für uns entschieden hat, bevor wir überhaupt eine bewusste Entscheidung treffen können, wären die Grundlagen des heutigen Straf- rechts obsolet. Kürzlich berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass Historiker überlegen, ob die gesamte Geschichte umgeschrieben werden muss, wenn die Menschen gar nicht so handeln konnten, wie sie glaubten, handeln zu können. Wir arbeiten hier also keineswegs an einem nur theoretischen Problem, die Frage nach unserem Menschenbild hat vielmehr weitreichende ethische Konsequenzen.

Die Naturwissenschaften scheinen mit ihrem stets wachsenden Erkenntnisschatz aber doch ganz glücklich zu sein.

Dietrich Korsch: Ich glaube, dass sie damit auf Dauer gar nicht glücklich sein können, denn sie sehen sich mit Konsequenzen konfrontiert, die sie auch verantworten müssen. Etwa in der Embroynenforschung gibt es hochinteressante technische Fortschritte, doch kann man in diesem Punkt unmöglich so tun, als dürfte man die Wissenschaften aus ihrer Verantwortung entlassen. Nehmen Sie etwa unser Teilprojekt der Neonatologen und Geburtshelfer, das einen ganz klassischen Konfliktfall behandelt. Die modernen bildgebenden Verfahren eröffnen auch eine ästhetische, wahrnehmende Beziehung von Dritten zu Menschen, die noch nicht geboren sind. Nun aber kommt es immer häufiger zu Situationen, wo eine genetische Beschädigung oder Fehlbildung eines Kindes beobachtet wird - dabei gerät der normative Haushalt der Betroffenen in extreme Unordnung und muss völlig neu ausgerichtet werden. Das ist keineswegs eine allgemeine Frage nach Werten, sondern ganz individuell zu entscheiden. Genau diese Schnittlinie von naturwissenschaftlichen Gegebenheiten und normativer Beurteilung ist ein idealer Ausgangspunkt, um Normgenese und Normveränderung zu untersuchen.

Welcher Art ist denn das naturwissenschaftliche Menschenbild, das Ihrer Ansicht nach der Aufklärung bedarf?

Peter Janich: Das kommt natürlich auf den Einzelnen an. Wenn Sie etwa einen Artikel von Hubert Markl lesen, ein prominenter Naturwissenschaftler, der durch viele Ämter wie das des DFG-Präsidenten und des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft besonders hervorgehoben war und ist, finden Sie ein naturalistisches Menschenbild: Der Mensch sei primär von der Biologie her zu beschreiben und primär als Evolutionsprodukt zu betrachten. Die Kultur, die er dabei hervorgebracht hat, wird dabei gleichsam auf die Funktion eines Appendix reduziert, in dem noch immer die Natur voll durchschlägt. Vergessen wird dabei aber, dass all dies Aussagen eines Wissenschaftlers sind, von denen er als gültig ausgeht, natürlich eine Kulturleistung sind! Und kein Naturgegenstand.

Dennoch aber reicht der Erklärungsanspruch der Naturwissenschaften sehr weit.

Peter Janich: In der Tat. Die Neurowissenschaftler Gerhard Roth und Wolf Singer veröffentlichten kürzlich zwei Aufsätze in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. Darin kritisieren sie von der Neurobiologie her unser Selbstbild - das, was wir zum Beispiel unter Selbsterfahrung und Selbstbewusstsein versehen. Und am Ende formulieren sie dann tatsächlich den Anspruch, dass die Erkenntnisse der Neurowissenschaft unser Bild vom Selbst substituieren können. Was jeder von uns als sein "Selbst" zu kennen glaubt, wird von ihnen sozusagen als historisch-naturwüchsig entstandenes Selbstmissverständnis diskreditiert. Das kann man nicht anders verstehen, als dass sie geistige und kulturelle Phänomene komplett durch naturalistische Erklärungen ersetzten wollen.

Dietrich Korsch: An dieser Stelle wird besonders deutlich, was sich mit dem Begriff Menschenbild verbindet, nämlich der Konflikt und der Streit um die Deutungshoheit im Selbstverständnis. Unsere Position im Menschenbildprojekt soll zunächst eine analytische sein. Wir wollen fragen: Wie kommt es eigentlich zu einem solchen Kategoriensprung von geisteswissenschaftlichen zu naturwissenschaftlichen Erklärungen? Wie kommt es, dass die naturalistische Auffassung einen solchen Widerhall findet ungeachtet ihrer inneren logischen Schwierigkeiten? Wir sind der Auffassung, dass dahinter Wertbildungsprozesse stehen, die ein solches Menschenbild formen, und dass man, bevor man sich deren Dynamik überlässt, erst einmal analytisch anschauen muss: Wie sind solche Menschenbilder verankert, wie bauen sie sich auf?

Aus diesem Grund ist unsere Konzeption des Projektes zunächst historisch-geisteswissenschaftlich verankert mit Exkursen in die Biologie und Medizin, weil wir - bevor wir mit dem Begriff Menschenbild Meinung machen wollen - doch erst verstehen wollen, was es mit dem Aufkommen dieses Begriffs auf sich hat. Wenn man weiß, wie er entstand, welche Funktion er hatte, muss man nicht nur ein Bild gegen das andere ins Feld führen, sondern kann auch die Prozesse beschreiben, unter denen es zu solchen Bildern kommt, und so eine breitere Diskussionsbasis schaffen.

Wie kam es zum Titel Ihres Projektes, den "Orientierungsleistungen von Menschenbildern"? 

Peter Janich: Das Wort Orientierungsleistungen hat die ganze Genese des Vorhabens begleitet. Neben ihrer deskriptiven Funktion wirken Menschenbilder ja vor allem normativ. Menschenbilder fungieren als Vor- oder Leitbilder für Erziehungs- und Bildungsformen über Rechtspolitiken bis hin zu individuellen Lebensentwürfen und -stilen, also auf kollektiver ebenso wie auf individueller Ebene, insofern sind die ein unverzichtbares Element unseres demokratischen Gemeinwesens. Einer ihrer Aspekte ist etwa der kognitive Bereich: Wie nehmen wir selbst im engeren und weiteren Sinne den Menschen wahr? Wie gelangen wir überhaupt zur Erkenntnis unserer selbst?

Wenn heute über Erkenntnisfähigkeit etwa im Spannungsfeld Naturgeschichte / Kulturgeschichte gesprochen wird, behauptet eine radikale Position, unsere gesamte Erkenntnisfähigkeit sei uns durch die naturgesetzliche Evolution zugewachsen - die kulturalistische Gegenposition betont hingegen, dass die für unser Leben wichtigen Erkenntnisleistungen gerade solche sind, die durch Kulturalisierung des Menschen über das ihm natürlich Verfügbare hinaus gehen. Auch wenn die Untersuchung dieser Frage ein rein kognitives und deskriptives Projekt ist, sieht man bereits, dass davon viel zum Beispiel für die Frage abhängt, was unsere Kinder in den Schulen lernen sollen: mehr Naturwissenschaft oder Geschichte? Und welche normativen Orientierungen gibt man ihnen mit?

Der Hintergrund unserer Frage nach Orientierungsleistungen war immer: Wie ändert sich unsere Gesellschaft jetzt konkret? Nehmen wir mal an, horribile dictu, die Hirnforscher setzten sich durch - was ich nicht befürchte, was aber manche gerne möchten: Dann ändert sich unsere Gesellschaft. Diesen naturwüchsig kontingenten Prozess nicht einfach so laufen zu lassen, sondern mit der verteilten Rollenkompetenz verschiedener Fächer in der Universität - unter Einschluss der Naturwissenschaften - zu reflektieren und so die normativen Implikationen des Kognitiven klar zu legen, das ist uns ein großes Anliegen.

Dieter Korsch: Interessant ist auch der Aufstieg des Orientierungsbegriffs, der erst vielleicht 15 Jahre alt ist. Er hat im Wesentlichen den Pflichtbegriff und ähnliche ethische Zentralbegriffe abgelöst. Warum ist das eigentlich der Fall? Meine Vermutung: So wie es keine gemeinsame, alles organisierende Wissenschaftstheorie mehr gibt, gibt es auch keine allgemeine, alles übergreifende Ethik. Die Ethik ist bereichsspezifisch geworden, das sieht man daran, dass sich Berufsethiken ausgebildet haben.

Was die Wissenschaften vermitteln sollen, ist im Wesentlichen eine Zuspitzung, eine Selektion von Wahlmöglichkeiten für unser Handeln. Und das, glaube ich, ist der Reiz des Orientierungsbegriffs. Denn Orientierungsleistungen sind immer ethische Aussichten über den engeren Horizont hinaus, die aber immer an meine spezielle Lebensgeschichte, meine Lebensführung und Lebenspraxis rückgekoppelt bleiben.

Peter Janich: Bei all dem können Sie natürlich auch heraushören, dass in dem, was in Marburg schon eine gewisse Tradition hat - nämlich in der Zusammenarbeit von Theologie und Philosophie - wenn auch in aller Bescheidenheit ein Anspruch auf eine Orientierung für die Gesamtuniversität im Hintergrund steht.

Ein sehr frühes Menschenbild ist dasjenige aus dem Alten Testament, wo sich der Mensch vor allem durch seine Beziehung zu Gott definiert. Hat sich das durch die neuen Entwicklungen endgültig überlebt?

Dieter Korsch: Keineswegs. Gott stellt in diesem Zusammenhang ja eine ungeheuer starke, praktisch nicht überbietbare normative Instanz dar: Sie sagt mir, was ich bin und was ich zu tun habe. Dadurch erfährt aber auch der Mensch eine besondere Auszeichnung, dass nämlich gerade er das Wesen ist, das für diese absoluten Ansprüche ein Gehör hat und sich selbst darin versteht. In der nachfolgenden Religionsgeschichte - durch Jesus Christus, in dem Gott Mensch geworden ist - zieht sich die Spannung zwischen Gott und Mensch quasi auf einen Punkt zusammen, was erneut eine Aufwertung des Menschen bedeutet.

Mir scheint, dass dieses normative Zentrum des Menschseins ein mitlaufendes Motiv in der europäischen Geistesgeschichte war. Es ist auch die wesentliche Voraussetzung dafür, dass der Begriff Menschenbild am Ende diesen starken normativen Gehalt gewinnt. Selbst wenn mit ihm der Gottesbegriff wegfallen sollte oder die christliche Tradition als Entstehungshorizont verblasst: Die menschlichen Semantiken in Europa und Amerika bedienen sich gerade in ihrem normativen Gefälle auch heute noch dieser Tradition. Das würde natürlich auch erklären, weshalb der Begriff gerade in unserer Tradition so normativ aufgeladen ist - ganz anders als etwa im buddhistischen oder hinduistischen Kontext. Es ist die gemeinsame Grundüberzeugung im Projekt, dass es für diese Verpflichtung zur Normativität keine Alternative gibt. Das ist ein ständiger Grundton in unserer Arbeit. 

Peter Janich: Unsere historische Betrachtung reicht natürlich vom Alten Testament bis in die Neuzeit und Gegenwart. Wir konzentrieren uns dabei auf gesellschaftliche Umbrüche als diejenigen Gelenkstellen, an denen sich Neues zeigt: Was waren die äußeren Anlässe und was die daraus gezogenen normativen Orientierungen? Besonders spannend ist auch das zwanzigste Jahrhundert, wo das Menschenbild häufig als Kampfbegriff benutzt wurde, etwa im Gegensatz zwischen Ost und West.

Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit dem Kontrast des Menschenbildes im Nationalsozialismus zu dem Menschenbild, das für die Widerstandsgruppe im Kreisauer Kreis leitend war. Natürlich aber, das muss man sagen, sind alle unsere Projekte exemplarisch, einen flächendeckenden Zusammenhang herstellen zu wollen, wäre unrealistisch. 

Lassen Sie uns noch einmal zurück ins Heute gehen: Wie gut gelingt es den Naturwissenschaften, tatsächlich Normen zu erzeugen?

Peter Janich: Man muss da unterscheiden zwischen dem Beschreiben und dem Setzen von Normen. Zunächst einmal trauen sich die Naturwissenschaften de facto bereits zu, Normen zu beschreiben. Sichtbar wird das zum Beispiel an einem riesigen Medienmarkt, wo neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Ergebnisse popularisiert werden. Längst wird dort der Mensch mit seinen evolutionär ihm zugewachsenen kognitiven Fähigkeiten, selbst in seinen emotiven Strukturen von der Naturwissenschaft behandelt mit einer Attitüde, die besagt, dass die neuesten Erkenntnisse jede Normsetzung im legalen oder ethischen Bereich zumindest beschränken.

Insofern lässt sich sagen, dass die Naturwissenschaften auch nach eigener Einschätzung noch nicht genug wissen, um ein neues Normensystem aufzustellen, gleichzeitig aber mischen sie sich bereits mit sehr viel Wirksamkeit in die historische Weiterentwicklung des Normativen ein.

Um noch ein wenig weiter auszuholen: Wo in neuerer Zeit die Naturwissenschaften ansetzen, sind sie ja häufig, wenn man etwa den französischen Philosophen Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) mit seinem Werk L'homme machine als radikalen Vertreter nimmt, explizit gegen die christliche Religion gerichtet. Sie vertreten den Anspruch, die Naturwissenschaften würden uns mit einem neuen Menschenbild, fast kann man sagen: einem mechanistischen Funktionsmodell, eine Befreiung von den Zwängen bringen, wie sie Religionen nach sich ziehen. Doch immer stellt man fest, dass an Stelle der alten neue normative Orientierungen treten, und dann muss man kritisch fragen: Woher haben die Naturwissenschaften diese?

Schon der Geltungsanspruch, den die naturwissenschaftliche Beschreibung des Menschen und die Kausalerklärung seiner kognitiven Fähigkeiten, erhebt, ist ja selbst kein Naturgegenstand, sondern eine Haltung von Menschen gegenüber anderen Menschen einer Kulturgemeinschaft - und nicht etwa die Funktion einer Maschine. Die Naturalisierung des Normativen ist eben der klassische naturalistische Fehlschluss.

Eine letzte Frage an Sie als Geisteswissenschaftler: Wo liegt denn Ihr eigenes Potential zur Selbstaufklärung?

Dieter Korsch: Für die Theologie kann man das sehr schön zeigen. Immer noch gibt es hier zuweilen das Gefühl, als sei sie eine gesellschaftlich fraglos anerkannte normative Instanz und Wortführerin für Religion und Kirche. Man entwickelt - wesentlich im binnentheologischen Gespräch - theologische Einsichten, zieht Ergebnisse aus dem Alten und Neuen Testament, fragt nicht weiter, wie sie sich in die Gegenwart transferieren lassen und verkündet das Ergebnis dann als Normen, ob nun progressiver oder konservativer Art.

Dieses Verfahren bedarf dringend der Aufklärung. Wir müssen fragen: Was sind eigentlich die gegenwärtigen kulturellen Kommunikationsbedingungen, unter denen man so verfährt? Wie kann man heute religiöse Ansprüche vorbringen? Was ist in meine religiöse Anspruchsbildung eingegangen, das ich vielleicht gar nicht wahrgenommen habe? Welche Rolle spielt die gegenwärtige Situierung von Menschen im Zusammenhang von Natur und Technik dabei?

Und da wären wir wieder am Anfang: Den "Besserwisser" - eine Rolle, die Philosophie und Theologie lange beansprucht haben - gibt es nicht mehr. Jede wissenschaftliche Disziplin, die unseren eingeschlossen, muss sich im Sinne einer zeitgemäßen Aufklärung zunächst über sich selbst aufklären und sich dann der Diskussion mit der Wissenschaft als Ganzem stellen. Die Forschungen über das "Menschenbild" wollen dafür einen begrifflichen Rahmen bilden.

Das Gespräch wurde vom "Marburger UniJournal" geführt. Erstveröffentlichung im "Marburger UniJournal, Nr. 20, Oktober 2004".

[online: 07/03/2006 - Print: Heft 5/2005]

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Peter Janich ist Professor für Philosophie, Dietrich Korsch Professor für Systematische Theologie an der Universität Marburg. 

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