Interview

Kritik der reinen VernunftEine neue Kant-Biographie

Manfred Kühn im Gespräch über sein Buch Kant. A Biography

Im März 2001 erschien Ihre neue Kant-Biographie. Es gibt schon eine Reihe von Publikationen zu dieser Thematik. Warum eine weitere Biographie?

Es gibt weniger Kant-Biographien, als man meint. Abgesehen von zeitgenössischen biographischen Studien und neueren Spezialuntersuchungen gab es bisher eigentlich nur vier umfassende Darstellungen, nämlich die von Schubert, Vorländer, Cassirer und Gulyga. Vorländer ragt, nicht zuletzt angesichts der Fülle des von ihm berücksichtigten Quellenmaterials, heraus. Sein zweibändiges Werk wurde allerdings schon vor mehr als achtzig Jahren geschrieben. Außerdem konzentriert es sich auf den alten Kant. Meine Biographie richtet sich an den philosophisch gebildeten Leser von heute und konzentriert sich auf den jungen Kant.

Was heißt "junger" Kant?

Den alten Kant kennen wir aus den Darstellungen von Borowski, Jachmann und Wasianski sowie aus zahlreichen Anekdoten. Diese beziehen sich in der Hauptsache auf die Jahre nach 1786, also ungefähr auf die letzten zwanzig Jahre seines Lebens. Meine Ausführungen versuchen besonders den dreißig- bis vierzigjährigen Kant herauszustellen.

Welche Auswirkungen hat die Betonung des "alten" Kant auf unser bisheriges Kant-Bild gehabt?

Sie müssen sich nur einmal Heinrich Heines Kant-Darstellung betrachten. Seiner Ansicht nach hatte Kant eigentlich gar kein Leben jenseits seines Werkes. Sein Tagesablauf war so mechanisch wie eine Kirchenuhr, da es nach straffen Maximen ablief. Der junge Kant dagegen führte, wie ich zu zeigen versuche, ein sehr abwechslungsreiches Leben. Er war oft auf Gesellschaften anzutreffen und verfolgte die verschiedenartigsten Interessen, so dass sein Freund Hamann befürchtete, Kant würde sich im Strudel seiner gesellschaftlichen Aktivitäten verlieren. Kant hatte viele brillante Ideen, aber keine Zeit, diese auszuarbeiten. Seine frühen Werke zeigen daher auch eine gewisse Sprunghaftigkeit im Denken. Besonders die Jahre der russischen Okkupation Königsbergs während des siebenjährigen Krieges ist in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Dies ist der bisherigen Forschung natürlich nicht unbekannt gewesen, aber es ist nicht gebührend berücksichtigt und erforscht worden.

Kants wichtigste Schriften sind in den achtziger und neunziger Jahren erschienen. Hät-te es da nicht doch nahegelegen, diese Zeit biographisch ausführlicher aufzuarbeiten?

Sicherlich sind für uns in philosophischer Hinsicht die Kritik der reinen Vernunft und die ihr nachfolgenden Arbeiten von vorrangigem Interesse. In biographischer Hinsicht ist diese Lebensphase Kants aber längst nicht so aufschlussreich, wie man vielleicht denken möchte. Meiner Einschätzung nach macht es keinen Sinn, den Leser mit mehr oder weniger amüsanten Anekdoten zu unterhalten, deren Wahrheitsgehalt oft sehr fraglich ist. Ich fand es angebrachter, den Leser vor allem über die Problemstellung und den Inhalt von Kants kritischen Schriften zu informieren. Meine These lautet gerade, dass die kritischen Schriften ohne Rückgriff auf den jungen Kant nicht verstanden werden können. Im übrigen berichte ich auch über alle biographisch relevanten Ereignisse im Leben des alten Kant.

Können Sie sich auf einschlägige Quellen beziehen, die von den bisherigen Biographen nicht berücksichtigt worden sind?

Natürlich gibt es Quellen, die Vorländer und anderen noch nicht zugänglich waren oder übersehen wurden. Ich möchte besonders auf den Briefwechsel von Hamann und von Herder, aber auch auf die Nachschriften von Kants Vorlesungen, seine Reflexionen und Teile seines Briefwechsels hinweisen. Es gibt außerdem Quellen ganz anderer Art, wie beispielsweise Bolotovs Berichte über seine Zeit in Königsberg während der russischen Okkupation. In einer bisher noch nicht veröffentlichten Bemerkung bezieht sich Bolotov zum Beispiel auf den "Wolffianer" Kant, von dem er nicht sehr viel hielt. Außerdem habe ich die Quellen, auf die sich vor allem Vorländer bezogen hat, neu untersucht. In zahlreichen Fällen legen sie vollkommen andere Schlussfolgerungen nahe. Aber auch in Fällen, die bisher in der Kant-Forschung als selbstverständlich erschienen, hat es sich gezeigt, dass die traditionelle Ansicht falsch sein muss.

Können Sie hierfür ein Beispiel nennen?

Lassen Sie mich zwei Beispiele nennen. Das erste betrifft Kants Verhältnis zu seinem Lehrer Knutzen. Niemand hat sich bisher darüber gewundert, warum Kant unmittelbar nach seinem Studium Königsberg verließ, um die ihm persönlich sehr unangenehme Tätigkeit eines Hauslehrers auszuüben. Warum hat er nicht gleich die akademische Laufbahn eingeschlagen? Warum publizierte er 1749 ein deutsches Buch über die Schätzung der lebendigen Kräfte? Er hätte dieses Buch auch problemlos in der lateinischen Sprache schreiben und als akademische Schrift einreichen können. Wie seine eigenen Bemerkungen zu Beginn des Buches erkennen lassen, fühlte er sich aber an der Königsberger Universität nicht verstanden und sah sich auf sich selbst gestellt. Dies zeigt unter anderem auch, dass man in Knutzen keinen Förderer Kants sehen sollte. Ganz im Gegenteil. Kants eigene Position ist mit der des Pietisten Knutzen unvereinbar.

Das zweite Beispiel betrifft den sogenannten "gemeinsamen Plan" von Hamann und Kant, eine Kinderphysik zu schreiben. Diesen Plan hat es nie gegeben. Kant und Berens hatten versucht, Hamann, der sich kurz zuvor von den Idealen der Aufklärung losgesagt hatte, zurückzugewinnen. In diesem Zusammenhang hatte Kant verlauten lassen, dass er den Plan hätte, eine nach Prinzipien der Aufklärung konzipierte Physik für Kinder zu schreiben. Hamann weist den Philosophen jedoch darauf hin: Wer für Kinder schreibt, muss selbst wie ein Kind sein. Mit diesem biblischen Bild distanziert sich Hamann noch einmal ironisch von dem Aufklärer Kant.

Neben der materialreichen Aufarbeitung biographischer Details legen Sie in Ihrer Arbeit auch sehr großen Wert auf doxographische sowie entwicklungs- und wirkungsgeschichtliche Aspekte von Kants Werk. Welche neuen inhaltlichen Aspekte würden Sie hier besonders hervorheben?

Zunächst einmal ist mir aufgefallen, wie eng Kants Karriere mit den verschiedenen kulturellen und politischen Entwicklungen in Preußen verflochten gewesen ist. Von seinen frühesten Jahren an hat sich Kant an Berlin orientiert. Seine philosophische Entwicklung hängt in vielerlei Hinsicht von den Preisaufgaben der Berliner Akademie ab. Die Aufklärer um den preußischen Erziehungsminister von Zedlitz wurden sehr bald auf Kant aufmerksam und versuchten, ihm eine angemessene Stelle zu verschaffen. Kants Philosophie, die unter anderem auf die Einschränkung des politischen und gesellschaftlichen Einflusses der Kirche abzielte, paßte sehr gut in deren Programm.

Ist Kant also doch der preußische Staatsphilosoph des 18. Jahrhunderts gewesen?

Nein, das sicherlich nicht. Vor allem Kants Moralphilosophie und seine geschichtsphilosophischen Schriften zeigen, dass er eine eher kritische Haltung gegenüber dem preußischen Ständestaat einnahm. Seine Moral ist keine Moral der Stände, wie die von Garve. Sie hat eine dezidiert kosmopolitische Ausrichtung. Kant schreibt keine Philosophie für das real existierende, sondern für ein, wenn man so möchte, Preußen in weltbürgerlicher Absicht. Wie sehr das historische Preußen von dem Idealbild Kants verschieden war, kann man sehr deutlich an seinem Konflikt mit der preußischen Zensur unter Wöllner in den neunziger Jahren studieren. Kant wird oft als Opfer der Zensur dargestellt. In gewisser Weise war aber Wöllner das Opfer Kants, denn Wöllner verlor später zu einem nicht unerheblichen Teil gerade wegen Kant seine einflussreiche Stellung. Man kann sogar sagen, dass Kant diesen Konflikt forcierte, auch wenn er keinesfalls der einzige war, der in diesem Zusammenhang von der Zensur gerügt wurde.

Wie wir wissen, ist Kants philosophische Entwicklung sehr häufig durch äußere Anstöße angeregt und beeinflusst worden. Zu den Umbruchphasen der Kantischen Philosophie gehören die Jahre vor und nach 1770.

Das Jahr 1764 - Kant feiert seinen vierzigsten Geburtstag - war meiner Einschätzung nach sehr viel wichtiger, als man es bisher angenommen hat. In diese Zeit fällt der Tod seines Freundes Funck und die Bekanntschaft mit Green. Außerdem beginnt Kant, sich zu diesem Zeitpunkt mit moralischen Problemen auseinanderzusetzen. Der "Umschwung" von 1769/70 ist meiner Einschätzung nach eng mit dieser Interessenverschiebung verbunden. Es ist ein Fehler, seine Inauguraldissertation von 1770 nur in einem metaphysischen und epistemologischen Zusammenhang zu sehen. Kant wollte zunächst eine rein rationale, von allem Empirischen gesäuberte Metaphysik der Sitten entwickeln, die zumindest den gleichen Erkenntnisstatus wie die Metaphysik der Natur haben sollte. Das "Drama" der siebziger Jahre besteht darin, dass Kant sich nahezu verzweifelt dagegen wehrte, diesen exaltierten Status der Moralphilosophie aufgeben zu müssen. Die Kritik der reinen Vernunft ist das Resultat diese Prozesses.

Wie stellt sich für Sie das Verhältnis von Kants Leben und Werk zusammenfassend dar?

Kant folgte in seinen Werken dem Motto "De nobis ipsis silemus" ("Über uns selbst schweigen wir"). Das bedeutet aber nicht nur nicht, wie Heine behauptete, dass er kein "Leben" hatte, sondern auch nicht, dass sein Leben seine Philosophie nicht beeinflusste. Seine Philosophie war in einem sehr erheblichen Umfang durch das intellektuelle Klima in Königsberg geprägt, welches sich durch Weltoffenheit und geistige Neugier auszeichnete.

Mit Manfred Kuehn sprach Heiner F. Klemme.

Manfred Kuehn lehrt seit 1999 lehrt er an der Philipps-Universität Marburg. Heiner F. Klemme ist Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Philosophie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

 

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken