| Geschichte |
Den dänischen Intellektuellen war es immer schwergefallen, den religiösen Schriftsteller, der in seinen letzten Lebensjahren einen einsam-brachialen literarischen Kreuzzug gegen die dänische Gesellschaft und ihre Kirche geführt hatte, als einen der ihren anzuerkennen. Auch im übrigen Europa ist die Kierkegaard-Euphorie etwa der 20er oder 50er Jahre längst verflogen. Im Kontrast zur gegenwärtigen Nietzsche-Renaissance kann man den Eindruck bekommen, als werde Kierkegaard allmählich zu einem unbekannten Autor, der allenfalls noch gelegentlich von einem wohlwollenden oder klischeehaften Halbwissen aus dem Keller früherer, jugendlicherer Lesebegegnungen geholt wird.
Doch seit 1994 wird in Dänemark intensiv und auf höchstem philologischem Niveau an einer neuen Edition der Kierkegaardschen Texte gearbeitet. Die Samlede Worker (Gesammelte Werke) und vor allem die Papirer (Tagebücher, Entwürfe etc.) werden erstmals in einer einheitlichen Edition unter dem Titel Seren Kierkeguards Skrifter (SKS) bearbeitet und veröffentlicht. Dabei wird jeder Textband von einem umfangreichen Realkommentar begleitet. Dieser Kommentar erschließt den heutigen Leser/innen überhaupt erst die reiche Vielfalt an Bezügen und Beziehungen der Texte. Kierkegaard ist ein Autor, der seine Texte unbefangen, fast leichtsinnig und zugleich doch souverän-durchdacht mit biographischen, historischen, philosophischen, theologischen, literarischen, biblischen und liturgischen Bezügen verwebt. Mit Hilfe der Kommentatoren, die in unterschiedlichen Fachgebieten den Stand gegenwärtiger Kierkegaard-Forschung repräsentieren, wird dieses Netzwerk durchsichtiger als jemals zuvor. Ende 1997 erschienen bereits die ersten Textbände mit dazugehörendem Kommentarband, bis heute insgesamt 5 Bände plus Kommentarbände; im Mai 2000 soll auch der erste der auf sieben Bände projektierten "Journale und Aufzeichnungen" vorliegen.
Träger dieser Arbeit ist das 1994 neugegründete Seren Kierkegaard Research Centre an der Universität Kopenhagen unter seinem Direktor Niels Jürgen Cappelorn. Das Forschungszentrum ist eine Einrichtung der von der dänischen Regierung finanzierten National Research Foundation. Neben der Editionsarbeit verfolgt es die Förderung internationaler Forschung und Übersetzung. Ein Stipendiatenprogramm ermöglicht es jedes Jahr jungen Akademiker/innen aus vielen Ländern, in Kopenhagen an Promotions- und Post-doc-Projekten zu arbeiten. Darüber hinaus zeugen Konferenzen und Ausstellungen in zahlreichen europäischen Ländern, insbesondere in Osteuropa, aber auch in den USA, von der Aktivität einer Einrichtung, die zunehmend zum Motor der internationalen Kierkegaard-Forschung wird. Und dies scheint ein besonderes Motiv der Arbeit des Forschungszentrum zu sein: Kierkegaard ist kein bloß dänischer Autor, sondern er ist ein europäischer Autor, ein Schriftsteller, der für die Krisen und Aufbrüche Europas in der Mitte des 19. Jahrhunderts sensibel war wie kaum ein anderer und sie als gemeinsames Schicksal des christlichen Europas nach der Aufklärung verstand. Diese Sensibilität beeindruckt erneut am Ende des 20. Jahrhunderts die intellektuelle Arbeit in Philosophie und Theologie, Psychologie und Literaturwissenschaft, und dies nicht nur in Dänemark.
Die Ergebnisse dieser neuen internationalen Forschungsarbeit sind zugleich dokumentiert in zwei neuen Publikationsreihen. Beim Berliner Verlag Walter de Gruyter erscheint seit 1996 alljährlich in der Reihe Kierkegaard Studies das Kierkegaard Studies. Yearbook, herausgegeben von Niels Jorgen Cappelorn und Hermann Deuser. Hier werden Aufsätze veröffentlicht, die im Zusammenhang der alljährlichen Forschungsseminare am Zentrum entstanden. Die Texte sind in der Regel englisch und deutsch, allein die philologischen Begleitartikel zur neuen Kierkegaard-Edition sind auch im dänischen Original publiziert. Die Bände sind jeweils einer einzelnen Schrift Kierkegaards zugeordnet; so steht im Mittelpunkt des im August 1999 erschienenen Kierkegaard Yearbook 1999 die "Literarische Anzeige" von 1846, das Yearbook 1998 ist "Der Liebe Tun" gewidmet. Darüber hinaus vermitteln Forschungsberichte zu den jeweiligen Schriften aus den unterschiedlichen Sprachgruppen einen Überblick über den Stand der internationalen Forschung. Auf diese Weise stellt das Kierkegaard Yearbook ein kompaktes, höchst aktuelles und die internationale Diskussion auf hohem Niveau bündelndes Forum dar. Ebenfalls beim Verlag Walter de Gruyter erscheint eine neue Monographienserie, Kierkeguard Studies. Monograph Series. Auch dies ist ein internationales Projekt, in dem bisher gleichermaßen deutsch- wie englischsprachige Autoren und Autorinnen ihre Forschungen über Kierkegaard vorstellen konnten. Zusammen mit dem Yearbook dürfte die Monograph Series wohl zum wichtigsten Organ der neu erwachten Arbeit an Kierkegaard werden.
Doch die Impulse reichen noch weiter. Ausgehend von der neuen Kopenhagener Edition der Seren Kierkegaards Skrifter ist - neben anderen europäischen Sprachen - der Plan einer neuen deutschen und englischen Ausgabe der Werke Kierkegaards entstanden. Begonnen wird mit der Neuübersetzung der "Journale und Aufzeichnungen", die bisher nur in problematischen Auswählen und auf einer editorisch ganz unzureichenden Basis vorliegen. Von den Manuskripten aus wird die dänische Neuedition erarbeitet, ein Realkommentar und eine elektronische Textausgabe (CD-ROM) mit eigener Such- und textkritischen Entstehungssystematik erstellt, die ihresgleichen nicht hat Auf dieser Basis sind auch die parallel entstehenden Ubersetzungen, die deutsche wie die englische wiederum beim Verlag Walter de Gruyter, vorgesehen.
Ulrich Lincoln
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