| Tagung "Coherence and dynamics of belief" 1998 |
Holger Sturm:
Vom 5.-7. Februar 1998 veranstaltete die Fachgruppe Philosophie an der Universität Konstanz einen Workshop zum Thema ``Coherence and Dynamics of Belief''. Wie der Titel bereits andeutet, wurden zwei wichtige Themen der gegenwärtigen analytischen Philosophie zusammengeführt, die trotz interessanter inhaltlicher Bezüge bislang weitgehend separat und von unterschiedlichen wissenschaftlichen Gruppierungen untersucht worden sind: Die Kohärenztheorie der Rechtfertigung knüpft an Fragestellungen der klassischen Erkenntnistheorie an und gehört zur Domäne sprachanalytisch arbeitender Erkenntnistheoretiker, wohingegen die Theorie der Glaubensdynamik (oder Glaubensrevision) eher der angewandten Logik zuzuordnen ist und vornehmlich von philosophischen Logikern und Wissenschaftstheoretikern betrieben wird.
Im Rahmen des Workshops beschrieben Philosophen und Logiker aus dem In- und Ausland den gegenwärtigen Stand der Forschung und erörterten vielversprechende Ansätze und Fragestellung im Hinblick auf ihre zukünftige Entwicklung. In lebhaften Diskussionen deutete sich bereits an, wie ein Dialog zwischen beiden Forschungsansätzen geführt werden kann.
Jeder von uns besitzt eine Vielzahl von Überzeugungen hinsichtlich unterschiedlichster Gegenstände des Alltags und der Wissenschaft. Manche dieser Überzeugungen sind recht flüchtiger Natur, und werden schnell wieder aufgegeben, andere besitzen wir über einen längeren Zeitraum hinweg, und einige von ihnen werden wir unser ganzes Leben lang behalten. Ob und wie lange wir an einer überzeugung festhalten, hängt u.a. davon ab, wie stark unser Vertrauen in ihre Richtigkeit oder Wahrheit ist, und letzteres ist zumindest für bestimmte Überzeugungen davon abhängig, inwieweit wir in der Lage sind, sie durch überzeugende Gründe zu rechtfertigen. Die Frage nach der Rechtfertigung ist besonders in solchen Kontexten von eminenter Wichtigkeit, in denen es um die Erlangung von Wissen oder Erkenntnis geht. So darf eine Überzeugung im Rahmen einer Wissenschaft nur dann beibehalten werden, wenn es gute Argumente gibt, sie zu akzeptieren, d.h. wenn eine für die entsprechende Wissenschaft akzeptable Rechtfertigung (für ihre Wahrheit) vorliegt.
Worin aber besteht eine solche Rechtfertigung? In der Regel darin, dass andere, möglicherweise bereits akzeptierte Überzeugungen angeführt werden, aus denen erstere folgt, das sind Überzeugungen, bei deren Akzeptanz wir aus logischen oder systematischen Gründen dazu gezwungen sind, auch die in Frage stehende Überzeugung zu akzeptieren. Offensichtlich stellt uns dieses Vorgehen vor ein Regressproblem. Denn wie lassen sich die in der Begründung auftretenden Überzeugungen ihrerseits begründen? Nun, einfach dadurch, dass man andere Überzeugungen anführt, die wiederum neuer Überzeugungen zur Rechtfertigung bedürfen, usw.
Die natürlichste Lösung dieses Problems durchzieht in den unterschiedlichsten Spielarten die Philosophiegeschichte und wird heute unter der Bezeichnung `Fundamentalismus' diskutiert: Unsere Überzeugungen lassen sich in zwei Klassen einteilen, in solche, für deren Rechtfertigung andere Überzeugungen herangezogen werden, und solche, für die das nicht nötig ist. Überzeugungen der zweiten Art, sogenannte basale Überzeugungen, bedürfen entweder überhaupt keiner Rechtfertigung (sie werden gerne als selbst-rechtfertigend beschrieben) oder ihre Rechtfertigung besteht nicht in ihrer Zurückführung auf andere Überzeugungen, sondern zum Beispiel darin, dass man zeigt, dass sie auf eine bestimmte Weise erworben werden, die ihre Zuverlässigkeit garantiert. Das Bild, das eine fundamentalistische Sichtweise von unserem Überzeugungssystem entwirft, ähnelt somit dem eines Hauses, über dessen Fundament, den basalen Überzeugungen, die verschiedenen Stockwerke errichtet werden.
Es hat sich gezeigt, dass eine solche fundamentalistische Auffassung mit einer Reihe von ernsthaften Problemen behaftet ist. Zunächst kann mit guten Gründen bezweifelt werden, dass es basale Überzeugungen im Sinne des Fundamentalisten überhaupt gibt; alle bislang vorgeschlagenen Kandidaten haben sich als unhaltbar erwiesen. Die Existenz solcher basalen Überzeugungen einmal zugestanden, ist darüber hinaus nicht zu sehen, wie sich alle anderen Überzeugungen auf diese zurückführen lassen. Es setzt sich mehr und mehr die Auffassung durch, dass das ganze fundamentalistische Bild in dem Sinne verfehlt ist, als es weder unsere Praxis im Umgang mit unseren Überzeugungen realistisch beschreibt noch unsere idealisierten Vorstellungen bzgl. des Aufbaus unseres Überzeugungssystems angemessen wiedergibt.
Aus diesen Gründen hat sich in den letzten Jahren in der analytischen Philosophie ein alternativer Ansatz unter der Bezeichnung Kohärentismus etabliert. Die Grundidee des Kohärentismus besteht darin, dass eine Überzeugung als gerechtfertigt gilt, wenn sie als Bestandteil eines kohärenten, d.h. in gewisser systematischer Weise zusammenhängenden Überzeugungssystems aufgewiesen werden kann. Ein prinzipieller Unterschied zwischen basalen und nicht-basalen Überzeugungen existiert somit nicht. Letztendlich werden alle überzeugungen durch Rückgriff auf andere Überzeugungen bzw. durch Rückgriff auf das gesamte System von Überzeugungen gerechtfertigt.
Das zentrale Problem besteht darin zu klären, was unter Kohärenz zu verstehen ist: Worin besteht der systematische, Kohärenz stiftende Zusammenhang zwischen den Elementen eines Systems? Ist Kohärenz eine graduelle Eigenschaft, und wenn ja, wann ist dann ein System von Überzeugungen kohärenter als ein anderes System? Bei den verschiedenen Vertretern der Kohärenztheorie besteht Einigkeit darüber, dass ein kohärentes System zwar konsistent sein sollte, sich Kohärenz jedoch nicht mit Konsistenz identifizieren lässt.
Worin dieses "Mehr" bestehen könnte, war eines der zentralen Themen des Workshops. So charakterisierte W. Spohn (Konstanz) in seinem Eröffnungsvortrag ein System als kohärent, wenn es sich nicht in unabhängige Teilsysteme zerlegen lässt, wobei der Begriff der Unabhängigkeit unter Rückgriff auf den der Wahrscheinlichkeitstheorie entstammenden Begriffs der (positiven) Relevanz expliziert wurde. Daß ein enger Zusammenhang besteht zwischen der Kohärenz eines Systems und seiner Fähigkeit, eine möglichst große Anzahl von Phänomenen auf möglichst uniforme Weise zu erklären, darauf wiesen verschiedene Redner hin, besonders ausführlich T. Bartelborth (Leipzig). Obgleich dies wichtige Ansatzpunkte für eine Kohärenztheorie der Rechtfertigung darstellen - und in den Vorträgen eine Vielzahl anderer interessanter Beobachtungen und Aspekte zur Sprache gebracht wurden -, machte die Veranstaltung doch auch deutlich, daß man von einer ausgearbeiteten Theorie noch ein ganzes Stück entfernt ist. Die meisten unserer Überzeugungen beziehen sich auf Gegenstände der Außenwelt. Die wichtigste Informationsquelle bildet dabei die sinnliche Wahrnehmung. Da Kohärenz als eine interne Eigenschaft des Überzeugungssystems angesehen wird, besteht ein wichtiges Problem für den Kohärentisten darin, die Rolle der Wahrnehmung beim Zustandekommen unserer Überzeugungen, und damit allgemein die externe Beziehung zur Aussenwelt, in seiner Theorie angemessen zu analysieren. Diese Schwierigkeit wurde besonders in den Vorträgen von R. Schantz (Berlin) und W. Benkewitz (Konstanz) herausgearbeitet. Als der vielversprechendste Ansatz mit diesem Problem auf kohärentistische Weise fertig zu werden, gilt die Theorie von L. Bonjour. T. Grundmann (Tübingen) machte jedoch in seinem Vortrag deutlich, dass Bonjours Argumentation nur dann zu einer erfolgreichen Lösung führt, wenn sie an zentraler Stelle auf eine fundamentalistische Prämisse zurückgreift.
Einen Höhepunkt dieses Workshops bildete gewiss der Abendvortrag von K. Lehrer (Arizona), dem vielleicht einflussreichsten Verfechter der Kohärenztheorie. In einer brillanten und mit hohem Unterhaltungswert ausgestatteten Darbietung, der es vielleicht manchmal ein wenig an argumentativer Klarheit mangelte, präsentierte Lehrer die neueste Version seiner in zahlreichen Publikationen niedergelegten Theorie. Mit welchen Schwierigkeiten Lehrers Theorie verbunden ist, darauf verwiesen zum Beispiel V. Halbach (Konstanz) und E. Brendel (Berlin). Wenn wir aus irgendwelchen Gründen uns dazu veranlaßt sehen, unserem bestehenden System von Überzeugungen eine neue Überzeugung hinzuzufügen, dann können zwei prinzipiell unterschiedliche Situationen auftreten. Entweder die neue Überzeugung ist mit unseren bisherigen Überzeugungen verträglich, dann kann sie einfach inkorporiert werden, oder aber unter unseren alten Überzeugungen befinden sich solche, die der neuen Überzeugung widersprechen. In diesem Fall genügt es nicht, die neue Überzeugung einfach hinzuzufügen, man muß zugleich alte Überzeugungen aufgeben und möglicherweise weitere Korrekturen vornehmen. Dabei wird man gewiß versuchen, möglichst wenig am bestehenden System zu verändern, nämlich gerade eben soviel wie nötig ist, um die neue Überzeugung konsistent hinzunehmen zu können. Im Anschluss an die Arbeiten von C.E. Alchourron, P. Gärdenfors und D. Makinson sind in den vergangenen 20 Jahren Theorien entwickelt worden, die es gestatten, solche Revisionen von Überzeugungssystemen inhaltlich adäquat und formal präzise zu beschreiben. Diese Thematik bildete den zweiten Schwerpunkt des Workshops.
In den Vorträgen von K. Segerberg (Uppsala), W. Rabinowicz (Lund) und Sten Lindstrum (Umea) wurden Parallelen zu anderen Theorien (aus der angewandten Logik) aufgezeigt, die sich mit dynamischen Prozessen befassen, und vorgeführt, wie sich diese unterschiedlichen Theorien in einer Version der dynamischen epistemischen Logik uniform kodifizieren lassen. Die meisten Theorien von Revisionsprozessen gehen von stark idealisierten Annahmen bezüglich epistemischer Subjekte aus. Wie sich eine realistischere Theorie der Veränderung von Überzeugungen entwickeln läßt, führten S.O. Hansson (Uppsala) und R. Wassermann (Amsterdam) aus. Ein wichtiger Aspekt betraf dabei die stärkere Berücksichtigung der (intellektüllen) Resourcen, die einem epistemischen Subjekt zur Verfügung stehen. Fand der Aspekt der Kohärenz in den meisten dieser Vorträge zumindest Erwähnung, so wurde der Zusammenhang von Kohärenz und Revision systematisch von Hans Rott (Amsterdam) und besonders E. Olsson (Konstanz) reflektiert. E. Olsson beschrieb die Rechtferigung von Überzeugung als einen dynamischen Prozess, der in zwei Schritten vonstatten geht: In einem ersten Schritt wird die Überzeugung dem gegenwärtigen Überzeugungssystem konsistent einverleibt, in einem zweiten Schritt wird das dadurch entstehende System, welches möglicherweise inkohärent ist, wieder zu einem kohärenten System kontrahiert. Eine neue Überzeugung gilt dann als gerechtfertigt vor dem Hintergrund eines Überzeugungssystems, wenn sie in dem neu entstandenen kohärenten System enthalten ist, d.h. wenn sich die entsprechende Überzeugung auch nach dem die Kohärenz sichernden Kontraktionsschritt im System befindet.
Redaktion / Webmaster © Michael Funken 2000. Alle Rechte vorbehalten. |
Mit Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man
durch die Einbindung eines Links die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten
hat, sofern man sich davon nicht ausdrücklich distanziert hat. Hiermit betone ich
ausdrücklich, dass ich keinerlei Einfluß auf Gestaltung, Inhalte und Links aller
gelinkten Seiten habe noch jemals hatte, und distanziere mich ausdrücklich von
sämtlichen Gestaltungsformen, Inhalten und Links aller gelinkten Seiten und mache mir
diese nicht zu eigen.
|