| Philosophie heute |
Der Kohärenzbegriff gewinnt in der Philosophie und den Kognitionswissenschaften immer mehr an Bedeutung. Innerhalb der Philosophie tritt er in der Erkenntnistheorie als Wegweiser zur Wahrheit und in der Handlungstheorie als Rationalitätskriterium auf. In den Kognitionswissenschaften dient er dazu, Plausibilitätsüberlegungen von Menschen zu modellieren.
Unter "Kohärenz" versteht man dabei zunächst eine Beziehung zwischen Aussagen oder Meinungen: dass sie gut zusammenpassen, d.h. sich nicht widersprechen und sich inferentiell gegenseitig stützen. Daneben bezeichnet man mit "Kohärenz" auch die Eigenschaft ganzer Meinungssysteme und meint damit, dass die Meinungen ein einheitliches System bilden und sich wechselseitig stützen und ergänzen; sie ergeben so ein möglichst vollständiges und stimmiges Bild unserer Umwelt.
Neuerdings wird immer häufiger betont, dass - neben Meinungen und Meinungssystemen - auch Wünsche, Pläne und schon Begriffe mehr oder weniger gut zusammenpassen können und insofern ebenfalls kohärent bzw. inkohärent sein können (siehe 5 und 11). Kohärenz entpuppt sich so als eine Eigenschaft unseres gesamten intentionalen Profils - nicht nur unseres Überzeugungssystems.
Warum ist aber nun die Kohärenz eines Überzeugungssystems, um bei diesem Fall zu bleiben, so wichtig? Zunächst bedeutet die ideale, stabile Kohärenz unserer Meinungen, dass wir unsere Umwelt verstehen, denn wir verfügen so über ein zusammenhängendes Bild, in das neue Beobachtungen integriert werden können. Gerade wenn wir mit "Kohärenz" Erklärungskohärenz (s.u.) meinen, bedeutet das zudem, dass wir über Erklärungen dieser neuen Beobachtungen, aber auch über alle anderen Geschehnisse unserer Umwelt verfügen, wir verstehen also, warum sie aufgetreten sind.
Außerdem sind in einem kohärenten System alle einzelnen Überzeugungen durch möglichst viele andere Überzeugungen inferentiell gestützt, d.h. sie sind innerhalb des Überzeugungssystems gut begründet. Das Überzeugungssystem als Ganzes erscheint uns dadurch gerechtfertigt zu sein, dass es alle bisherigen Informationen gut erklären konnte und auch unter neuen Informationen stabil bleibt. Das ist wie bei einem Puzzle. Passen die einzelnen Teile gut zusammen und ergeben ein zusammenhängendes Bild, so deuten wir das als Indiz, dass wir sie auf die richtige Weise zusammengesetzt haben. Lassen sich dann auch weitere Teile jeweils problemlos integrieren, spricht das ebenfalls dafür, dass wir uns auf dem Weg zu einem richtigen Gesamtbild befinden.
Was versteht man aber nun genau unter Kohärenz? Wann passen unsere Meinungen gut zueinander? Wann stützen sie sich gegenseitig? Über die Frage, welche Beziehungen zwischen Aussagen primär für die Kohärenz verantwortlich sind, gehen die Meinungen ein Stück weit auseinander. Einig ist man sich darin, dass logische Konsistenz zwar wichtig, aber nicht unverzichtbar und schon gar nicht hinreichend für Kohärenz ist. Um Kohärenz zu stiften, sind vor allem positive Beziehungen zwischen unseren Überzeugungen vonnöten. Eine erste Idee gibt uns Laurence BonJour (in 2, S. 93): "What then is coherence? Intuitively, coherence is a matter of how well a body of belief 'hangs together': how well its component beliefs fit together, agree or dovetail with each other, so as to produce an organized, tightly structured system of beliefs, rather than either a helter-skelter collection or a set of conflicting subsystems. It is reasonably clear that this 'hanging together' depends on the various sorts of inferential, evidential, and explanatory relations which obtain among the various members of a system of beliefs, and especially on the more holistic and systematic of these."
Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ansätzen treten zu Tage, wenn es darum geht, den jeweiligen Anteil der verschiedenen inferentiellen Beziehungen an der Kohärenz zu bestimmen. Zunächst finden wir analytische Beziehungen, die durch unsere Begriffe gestiftet werden und ihre Anwendungsvoraussetzung darstellen. Dadurch geben sie sicherlich eine Art Rahmen dafür ab, wie unser intentionales Profil aussehen kann. Aber die für die Erkenntnistheorie wirklich bedeutsamen Beziehungen finden wir erst in den Erklärungsbeziehungen, weshalb viele Autoren wie Harman, Thagard, Bartelborth und Schoch unter "Kohärenz" vor allem Erklärungskohärenz verstehen.
Um diese Art von Kohärenz zu erhalten, suchen wir nach allgemeinen Mustern in unserer Welt, in die die Geschehnisse um uns herum gut einzupassen sind. In Abhängigkeit von der jeweiligen Erklärungstheorie sind diese Muster eher kausale Muster oder einfach gesetzesartige Muster oder zumindest von großer Vereinheitlichungskraft. Sie werden durch wissenschaftliche oder auch Alltagstheorien wiedergegeben und sorgen so für den Zusammenhang in unserem Modell der Welt. Ein Einpassen in diese Muster betrachten wir als Erklärung. Wir ermitteln diese Muster anhand eines Schlusses auf die beste Erklärung. Geschehnisse, die wir dann als Instanzen dieser Muster betrachten können, werden durch sie verständlich. Ein sehr einfaches Alltagsmuster ist etwa: Wer zu schnell in eine Kurve fährt, trägt ein hohes Risiko, herausgetragen zu werden. Erfahren wir dann über einen Bekannten, dass er einen Unfall hatte, verstehen wir besser, was passiert ist, wenn man uns mitteilt, dass er zu schnell in eine Kurve gefahren ist. Natürlich wollen wir noch mehr verstehen, etwa warum er so schnell gefahren ist. Hier liegen andere Muster bereit, Erklärungen zu liefern. Es könnte Sorglosigkeit aufgrund von Alkohol- oder Medikamenteneinfluss gewesen sein. Oder er hatte besondere Gründe für seine Eile (er wollte z.B. eine Verabredung einhalten). Erst eine umfassende Einbettung in solche Muster, d.h. erst ein umfassendes kohärentes Bild der Geschehnisse liefert ein wirkliches Verstehen dieser Ereignisse. Im Idealfall könnten wir zu jedem Ereignis auch erklären, warum es eingetreten ist.
Schauen wir nun einmal, wie Kohärenzüberlegungen uns in der Frage leiten, welche Annahmen wir akzeptieren sollten. Beginnen wir mit einer sehr wichtigen Erkenntnisquelle, die vermutlich sogar den größten Anteil an unserer Erkenntnis ausmacht und trotzdem oft vernachlässigt wird, nämlich die Informationen, die wir durch das Zeugnis anderer Personen erhalten. Dabei können wir an direkte mündliche Mitteilungen denken, aber auch an (Lehr-) Bücher und andere Medien (vgl. 8).
Wie beurteilen wir ihre Meldungen - oder wie sollten wir jedenfalls verfahren, wenn wir uns epistemisch verantwortlich verhalten wollen? Nehmen wir an, Franz erzählt uns, dass er beobachtet hat, wie gerade vor unserem Haus eine Schneelawine mehrere Autos verschüttet hat. Sollen wir ihm so einfach glauben? Wohl kaum, wenn wir uns im Sommer und im Flachland aufhalten. Seine Geschichte muss zunächst einigermaßen kohärent in unser Bild unserer Umwelt passen. Ist das nicht der Fall, halten wir sie für falsch oder zumindest zweifelhaft. Dann haben wir allerdings sofort das Problem, dass wir zu erklären haben, wieso uns Franz so eine absurde Geschichte erzählt haben mag. Halten wir Franz für einen aufrichtigen und zuverlässigen Menschen, entstehen so neue Inkohärenzen, die wir gegen die Inkohärenzen abzuwägen haben, die wir in Kauf nähmen, wenn wir ihm schlicht glaubten. Eventuell können wir keine Entscheidung treffen und müssen erst mehr Informationen sammeln. Vielleicht kann er uns etwa eine Erklärung dafür anbieten, wie es zu dem Schnee im Sommer kam. Wir suchen jedenfalls nach einem kohärenten Gesamtbild für seine Erzählung. Dazu werden sowohl das Erzählte im Hinblick auf seine Glaubwürdigkeit als auch der Erzähler im Hinblick auf seine Kompetenz und Aufrichtigkeit bewertet. Das Verfahren ist uns einigermaßen vertraut.
Dasselbe Verfahren sollten wir aber auch unseren eigenen Beobachtungen gegenüber anwenden, denn auch sie können trügerisch sein. Das widerstrebt uns dort natürlich viel mehr, weil das eine distanzierte Haltung zu unseren direkten Wahrnehmungsüberzeugungen verlangt, die uns eigentlich fremd ist. Deshalb scheint uns die empiristische Konzeption von epistemischer Rechtfertigung auch so plausibel zu sein. Ihrer Ansicht nach sind unsere Beobachtungsüberzeugungen basal und bedürfen daher keiner weiteren Begründung.
Der Kohärenzansatz geht da ganz anders vor. Beobachtungen müssen danach wie jede andere Erkenntnisquelle auch auf ihre Zuverlässigkeit hin bewertet werden. Da sich die meisten Beobachtungen kohärent in unser Hintergrundwissen einfügen und von ihnen oft auch nicht so viel abhängt, fällt uns das im Normalfall kaum auf. Vor Gericht wird es aber deutlicher, dass wir auch Beobachtungsüberzeugungen nicht immer vertrauen dürfen. Wir müssen jeweils berücksichtigen, unter welchen Umständen sie entstanden sind. Für viele Objekte mittlerer Größe, die sich kurz vor uns befinden (*), sind wir unter Normalbedingungen relativ zuverlässige Beobachter. Aber zumindest das Feststellen der Normalbedingungen und der Annahme (*) sind erforderlich, damit wir einer Beobachtung begründet vertrauen können.
Darüber hinaus wird auch dieses Vertrauen problematisch, wenn wir sehr überraschende Ereignisse zu beobachten glauben. (z.B.: Direkt vor uns erscheint ganz kurz ein Verwandter aus dem Nichts und verschwindet ebenso schnell wieder.) Dann haben wir offensichtlich allen Grund, unseren Beobachtungen nicht vollkommen zu vertrauen. Hier sind wieder die schon erwähnten zwei Kohärenztests anzuwenden: 1. Passt das vermeintlich Beobachtete kohärent in unser Modell der Welt? 2. Ist die Annahme plausibel, dass die Erkenntnisquelle zuverlässig ist? Beobachtungsüberzeugungen sind demnach nicht erkenntnistheoretisch basal, sondern sind selbst stets Gegenstand einer epistemischen Bewertung.
Selbst bei unserem eigenen Gedächtnis, das offensichtlich große Bedeutung für unsere Erkenntnis besitzt, sind wir auf Kohärenzüberlegungen angewiesen, wenn wir feststellen wollen, ob wir uns im konkreten Fall darauf verlassen können. Hier drohen allerdings (formale) Regresse, wenn wir unser Bewertungsverfahren sauber ausbuchstabieren wollen. Doch das ist nicht eine besondere Schwäche der Kohärenzansätze, sondern ein Grundproblem unserer Erkenntnis.
In der Wahl wissenschaftlicher Theorien finden wir schließlich die typischen Merkmale der Erklärungskohärenz wieder. Wissenschaftliche Theorien werden vor allem dafür geschätzt, dass sie viele Phänomene erklären können. Paul Thagard hat in zahlreichen Fallstudien nachgewiesen, wie gut Kohärenzüberlegungen wissenschaftliche Entscheidungen erklären können (9 und 10).
Es gibt nur wenige Versuche, die Kohä-renzidee weiter zu explizieren. Die meisten neueren Ansätze akzeptieren die Grundidee, wie sie in dem Zitat von BonJour zum Ausdruck kommt. Unterschiede finden sich in der Gewichtung der verschiedenen Aspekte von Kohärenz und in der Frage, wie holistisch Kohärenz ist. Eine Frage ist z.B., in welchem Ausmaß auch andere Beziehungen
neben der der Erklärung eine Rolle spielen. Unterschiedliche Ansichten zur Kohärenz gibt es daneben auch über die genaue innere Struktur des Begriffs und die Rolle diachronischer Bestimmungen.
Für einen der prominentesten Vertreter einer modernen Kohärenztheorie der Rechtfertigung, Keith Lehrer (4), besteht Kohärenz in erster Linie in einer Reduktion von Konflikten in unserem Meinungssystem. Sein Kohärenzbegriff ist aber weder sehr holistisch, noch spielen die positiven Beziehungen zwischen unseren Meinungen bei ihm eine wichtige Rolle. In Lehrers halbformaler Explikation von epistemischer Rechtfertigung ist der Kohärenzbegriff sogar einfach eliminierbar und damit eigentlich überflüssig (dazu 1, 169ff.). Auch intuitiv vermag er nicht zu überzeugen: Meinungssysteme, die etwa aus lauter unzusammenhängenden Mei-nungen bestehen, enthalten keine Konflikte, sind aber noch lange nicht kohärent im hier verlangten Sinn. Sie ergeben kein abgerundetes Bild einer Sache und befördern nicht unser Verstehen. (Dazu sind wir u.a. auf allgemeine Theorien über die Welt, und wie sie funktioniert, angewiesen, doch die werden in Lehrers Konzeption überhaupt nicht erwähnt.)
Laurence BonJour (2) zeigt dagegen schon in der oben angegebenen Charakterisierung von Kohärenz, dass er holistische Aspekte einbeziehen möchte und vor allem auch Wert auf die positiven Beziehungen legt. Er spricht etwa davon, dass unsere Meinungen durch inferentielle Beziehungen zu einem System zusammengebunden werden sollten und dass unser Meinungssystem nicht in isolierte Subsysteme zerfallen dürfe. Die Anzahl und Stärke der inferentiellen Verbindungen in einem System entscheidet nach BonJour über ihre Kohärenz. Davon müssen wir allerdings die Inkohärenzen wie Inkonsistenzen oder Erklärungsanomalien abziehen, die sich auch dadurch ergeben, dass bestimmte Teile unseres Überzeugungssystems zwar untereinander jeweils gut vernetzt sein können, aber zwischen den Teilen kaum inferentielle Beziehungen bestehen. Unseren Beobachtungsüberzeugungen wird bei BonJour zwar kein basaler Stellenwert mehr eingeräumt, aber seine Metaforderung "observation requirement" misst ihnen doch einen Sonderstatus bei, indem sie verlangt, dass zumindest vielen Beobachtungsmeinungen eine große Zuverlässigkeit zugesprochen wird.
Paul Thagard geht in seiner Präzisierung des Konhärenzkonzepts deutlich weiter als BonJour (siehe 9). Er beschreibt detailliert, wann zwei Aussagen P und Q kohärent sein sollen, nämlich wenn eine die andere erklärt, oder sie zusammen eine dritte erklären, oder sie in einer Analogiebeziehung im Hinblick auf ihre Erklärungsleistung stehen. Inkohärent sind sie dagegen, wenn sie sich widersprechen oder zu konkurrierenden Erklärungen gehören. Leider gingen einige holistische Aspekte bzw. die systematische Kohärenz bei Thagard anfangs wieder verloren. Das mag vor allem daran liegen, dass er seine Kohärenztheorie auch in einem Kohärenzprogramm ECHO umsetzen wollte, das er inzwischen in vielen Kontexten erfolgreich eingesetzt hat (Theorienwahl, Rechtsprechung, psychologische Modelle, Abduktion von Hypothesen etc.; vgl. 11).
In Bartelborth (1) wurden die unterschiedlichen Kohärenzaspekte dann systematisch zusammengeführt. Die Beschränkung auf einen paarweisen Kohärenzvergleich von Aussagen bei Thagard wurde wieder zugunsten einer holistischen Position aufgehoben. Bestimmte intuitive Schwächen wurden korrigiert und vor allem wurde die diachronische Kohärenz hinzugefügt, die eine gewisse Stabilität eines Meinungssytems über die Zeit verlangt. Einige dieser Aspekte - u.a. die systematische Kohärenz - konnten ebenfalls in einem Computerprogramm umgesetzt werden (s. 7).
Die Kohärenzprogramme sollen die Aufgabe erfüllen, aus einer gegebenen Menge M von Aussagen (Daten und Hypothesen) eine Menge mit maximaler Kohärenz auszuwählen, d.h. eine Akzeptanzmenge von Aussagen, die wir akzeptieren sollten, wenn unser Hintergrundwissen gerade die Daten und Hypothesen der Ausgangsmenge M enthält. Die Entwicklung solcher Programme dient zunächst der Überprüfung unserer Kohärenzvorstellungen. In informellen Überlegungen scheint sich das Verfahren der Theorienwahl anhand ihres Beitrags zur Erklärungskohärenz zu bewähren, aber ob wir dabei nicht immer schon weiteres Hintergrundwissen einschmuggeln, zeigt sich erst im Einsatz von Kohärenzprogrammen. Außerdem sind sie wichtig im Vergleich zu dem Hauptkonkurrenzprogramm, dem Bayesianismus, der immer für sich in Anspruch nehmen konnte, dass er präzise Regeln für die Überzeugungsänderung bietet. Die Kohärenzansätze hatten dafür immer auf ihrer Seite, dass sie tatsächlichen menschlichen Überlegungen ähnlicher sind. Insbesondere können sie das wissenschaftliche Streben nach erklärungsstarken und damit auch riskanten Theorien, die so natürlich nicht gerade hohe Wahrscheinlichkeiten erreichen, besser erklären. Die Kohärenzansätze beziehen neben unserem Streben nach Wahrheit auch unser Streben nach informativen Theorien ein, die uns ein Verstehen ermöglichen.
Auch in der Philosophie selbst kommen Kohärenzüberlegungen zur Anwendung, nämlich immer wenn es darum geht, bestimmte Normen zu begründen. John Rawls hat solche Kohärenzverfahren unter der Bezeichnung "Überlegungsgleichgewicht" ("reflecti-ve equilibrium") bekannt gemacht (6). Sie wurden vorgeschlagen, um deduktive Schlüsse, epistemische Normen und nicht zuletzt auch ethische Prinzipien zu begründen.
Gegen die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten und Präzisierungen des Kohärenzkonzepts sind eine Reihe von Einwänden erhoben worden. Kohärenzanforderungen an die Bildung von Plänen oder Begriffen sind dabei natürlich anderen Problemen ausgesetzt als Kohärenzkonzeptionen der epistemischen Rechtfertigung. Wir möchten uns hier auf die letzteren konzentrieren.
Ein erster Einwand beklagt, dass die Kohärenztheorien zu egalitär seien. Sie können dem besonderen Status der Beobachtungsüberzeugungen nicht gerecht werden, weil sie alle Überzeugungen gleich behandeln und weil alle Überzeugungen eines kohärenten Überzeugungssystems gleich gut gerechtfertigt sind. Doch die tatsächlich vorgeschlagenen Kohärenzansätze sind keineswegs so egalitär. Unterschiedliche Überzeugungen können unterschiedlich zur Gesamtkohärenz beitragen und unterschiedlich gut in ein Überzeugungssystem integriert sein, wodurch sie auch unterschiedlich gut gerechtfertigt sein können. Außerdem verlangen die meisten Ansätze, dass Beobachtungsüberzeugungen ein besonderer Status zugesprochen wird, damit man von empirisch begründeten Überzeugungen sprechen kann. Das wird in unseren Überzeugungssystemen normalerweise durch gewisse epistemische Metaüberzeugungen vorgeschrieben, die sich für den Kohärenztheoretiker allerdings selbst auch empirisch zu bewähren haben und einen normalen Bestandteil unseres Überzeugungssystems darstellen. Sie besagen etwa, dass wir in gewissen Situationen Überzeugungen, die in uns auftreten, als prima facie zuverlässige Informationen über die Außenwelt betrachten sollten. Damit sind diese allerdings nicht sakrosankt. Sollten sie zu größeren Inkonsistenzen führen und wir außerdem über eine gute Erklärung verfügen, warum wir einem Wahrnehmungsirrtum unterlagen, sind sie schließlich zu verwerfen.
Hartnäckigen erkenntnistheoretischen Fundamentalisten wird diese Überlegung natürlich noch nicht weit genug gehen. Aber auch sie stehen vor dem Problem, wie sich mit Hilfe der ihrer Meinung nach basalen Überzeugungen, die wir nicht zu begründen haben, alle anderen Überzeugungen begründen lassen. Dazu kann der kohärentistische Ansatz recht gute Lösungen anbieten, indem den basalen Überzeugungen ein besonderer Status verliehen wird, sie können im Extremfall sogar als feste Bestandteile der Akzeptanzmenge vorgeschrieben werden, und man fragt dann nur noch, welche weiteren Überzeugungen besonders gut dazu passen (vgl. 11, Kap. 3.7).
Ein zweiter Einwand besagt, dass doch auch Märchen eine hohe innere Kohärenz aufweisen können. Deshalb sind sie aber noch lange nicht wahr. Auch Astrologen gelingt es vielleicht, ihre Theorien kohärent zu formulieren; deshalb kaufen wir sie ihnen noch lange nicht ab. Dieses Bedenken wird auch als "Isolationseinwand" bezeichnet, weil es darauf hinweist, dass die Kohärenz eine innere Eigenschaft der Überzeugungssysteme ist, die sie auch "isoliert" von der Realität aufweisen können. Doch so isoliert sind unsere Meinungssysteme zum Glück nicht. Wir erhalten über unsere Beobachtungsüberzeugungen einen ständigen Input, zu dem die anderen Überzeugungen passen müssen. Dabei treten auch die astrologischen Erklärungen menschlichen Verhaltens und menschlicher Charakterzüge jeweils in Konkurrenz zu psychologischen und genetischen Erklärungen. Passen diese letztlich besser zu unseren Beobachtungen und liefern die gehaltvolleren Erklärungen, so erhöht sich die Gesamtkohärenz, wenn wir auf die astrologischen Theorien verzichten. Solchen Erklärungskonkurrenzen könnte eine Sekte natürlich entgehen, indem sie ihre Überzeugungen ganz von den weltlichen Überzeugungen abschottet. Aber auch solche isolierten Subsysteme sind als Inkohärenzen zu betrachten und vermutlich auch nicht besonders interessant. Sollte allerdings ein radikaler Skeptiker Recht haben, dass wir tatsächlich kausal völlig von der Außenwelt isoliert sind, helfen uns Kohärenzüberlegungen natürlich nicht mehr weiter, aber auch keine anderen Ansätze.
Ein weiterer Vorwurf aus dem fundamentalistischen Lager ist der der Zirkularität. Wenn wir etwa mit Beobachtungsüberzeugungen starten und damit unsere Theorien begründen, dann können wir die doch nicht wieder heranziehen, um unsere Beobachtungsüberzeugungen zu rechtfertigen. Doch der Kohärentist wird die dabei unterstellte eindimensionale Vorstellung von Rechtfertigungsbeziehungen schon nicht unterschreiben, die uns in den Zirkel oder Regress führt. Für ihn ist die Auswahl von Überzeugungen ein holistisches Verfahren, in dem sich das gesamte Überzeugungssystem dadurch bewährt, dass es ein kohärentes Bild unserer Umwelt entwirft, dass uns viele Aspekte dieser Umwelt erklärt und verstehen lässt und dabei auch neu hinzukommende Informationen gut integrieren kann. Jede einzelne Überzeugung wird dann durch ihre vielfältigen inferentiellen Beziehungen zu anderen Überzeugungen des Systems gestützt. Die vorgeschlagenen Kohärenzverfahren oder -programme belegen, dass es sich dabei um ein durchschaubares effektives Verfahren handelt, das plausible Resultate liefert.
Literatur zum Thema(1) Bartelborth, T.: Begründungsstrategien. Ein Weg durch die analytische Erkenntnistheorie. 434 S., Pb., DM 78.--, 1996, Akademie Verlag, Berlin.
(2) BonJour, L.: The Structure of Empirical Knowledge. 272 p., pbk., £ 11.50, 1985, Harvard University Press, Cambridge/ Mas-sachusetts
(3) Harman, G., Change in View. Principles of Reasoning. 1986, MIT-Press, Cambridge/ Mass.
(4) Lehrer, K.: Theory of Knowledge. 224 p., pbk, £ 14.50, 1990, Routledge, London.
(5) Millgram, E./ Thagard, P.: Deliberative coherence, 1996, Synthese 108, 63-88.
(6) Rawls, J., A Theory of Justice. 648 p., cloth £ 25.--, pbk. £ 13.--, 1971, Oxford University Press. Deutsche Übersetzung: Eine Theorie der Gerechtigkeit, stw 271 kt., D; 32.80, Suhrkamp, Frankfurt a.M.
(7) Schoch, D.: A Fuzzy Measure for Explanatory Coherence. 2000, Synthese 122, 291-311.
(8) Scholz, O.R.: Das Zeugnis anderer - Prolegomena zu einer sozialen Erkennt-
nistheorie, in: T. Grundmann (Hrsg.), Erkenntnistheorie, 2001, mentis, Paderborn, 354-375.
(9) Thagard, P.: Explanatory Coherence, 1989, Behavioural and Brain Sciences 12, 435-467.
(10) Thagard, P.: Conceptual Revolutions, 310 p., 1992, pbk., £ 13.50, Princeton University Press, Princeton.
(11) Thagard, P.: Coherence in Thought and Action, 339 p., $ 32.95, 2000, MIT-Press, Cambridge/Mass.
AutorenThomas Bartelborth ist Professor für Philosophie an der Universität Leipzig
Oliver R. Scholz lehrt Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
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