| Deutschland / Philosophie- und Ethiklehrer |
Wertvolle Kompetenzen und Ressourcen werden vergeudet, in dem in den einzelnen Bundesländern unabhängig voneinander an Studien- und Lehrplänen sowie an Unterrichts-Modulen gearbeitet wird, ohne dabei von den Erfahrungen in den anderen Bundesländer bzw. Universitäten zu profitieren. Das ist eine der Erkenntnisse, die eine Podiumsdiskussion anlässlich der Vierten Fachtagung zur Didaktik und Ethik des Forums für Ethik vermittelte. Organisiert hatten sie Johannes Rohbeck und Volker Steenblock, beide Inhaber einer Professur für Philosophiedidaktik, der eine in Dresden, der andere in Bochum.
In Sachsen soll es künftig Ethik flächendeckend auf allen Schulstufen geben. Seit einem Jahr gelten neue Lehrpläne, aber sie sind noch nicht überall umgesetzt worden. Insgesamt sind im Fach Ethik die philosophischen Anteile gegenüber den sozialwissenschaftlichen stärker, auch für die anderen Bundesländer gilt Ethik nunmehr als genuin philosophisches Fach (eine Weile bestand die Gefahr, dass es zu den Sozialwissenschaften abwandert, und es ist den Ethikdidaktikern zu verdanken, dass es nicht dazu gekommen ist). In Leipzig soll es dennoch ab dem Jahr 2006 keinen Bachelor-Studiengang Philosophie mehr geben, sondern einen für Philosophie/Sozialwissenschaften, die Didaktik dabei aber erst in der Master-Phase hinzukommen. Sowohl in Dresden wie in Leipzig sind die Ethik-Studiengänge vollkommen überfüllt.
In Sachsen-Anhalt ist die Lehrerausbildung an den Universität Magdeburg und Halle konzentriert, wobei Magdeburg geschlossen werden soll. Auch hier herrscht eine enorme Nachfrage nach Philosophie und Ethik, Gisela Raupach-Strey, die an der Universität Halle für die Lehrerausbildung zuständig ist, weiß nicht, wie künftig auch noch die Madgeburger Studenten zu bewältigen sein sollen, bereits jetzt steht man an den Kapazitätsgrenzen.
In Baden-Württemberg ist die Lehrerausbildung getrennt, Gymnasiallehrer werden an den Universitäten, die übrigen Lehrer an den Pädagogischen Hochschulen ausgebildet. Im Schwerpunkt der Bildungspläne steht hier die Persönlichkeitsentfaltung, es sind Kompetenzen, die erlangt werden sollen. An den Gymnasien ist Philosophie zu einem Orchideenfach geworden, das kaum noch gewählt wird. Anders steht es mit Ethik, das von den Schüler und Schülerinnen zunehmend belegt wird: Dieses Fach kann ab Klasse 7/8 und als Abiturfach belegt werden. Einzigartig ist übrigens in Baden-Württemberg, dass alle Lehramtsstudiengänge ein obligatorisches Fach "Ethik/Philosophie" kennen, das dem alten "Philosophicum" vergleichbar ist.
Für Johannes Rohbeck ist die alte Fachdidaktik, die voraussetzt, dass das fachliche Wissen bereits vorhanden ist, in eine Krise geraten. Dieser Trend wird sich seines Erachtens noch fortsetzen. Er plädiert deshalb für die von Steenblock vorgeschlagenen kombinierten Seminare (auf ein Seminar zu einem bestimmten Thema folgt ein solches für die entsprechende Didaktik). Auch müssen die Didaktiker künftig bei der Themenwahl mehr Mitspracherecht haben. Viele künftige Lehrer lernen in ihrem Studium nicht das, was sie später als Lehrer brauchen. Auch Steenblock pflichtet ihm bei: Es existiert ein Graben zwischen dem, was an der Uni gelernt wird und dem, was später im Unterricht umgesetzt werden kann. Deshalb, so Rohbeck, müssen die Inhalte des Studiums besser auf die Schule zugeschnitten werden. Allerdings, so warf Geert-Lueke Lueken ein, müsse verhindert werden, dass sich bei den Studierenden der Anspruch "Ihr müsst mich für die Schule fit machen!" durchsetze.
Ekkehard Martens regte an, dass doch durchaus auch die Fachphilosophen Didaktik in ihr Angebot aufnehmen könnten. Gisela Raupach-Strey wies darauf hin, dass in der Lehrerausbildung die Allgemeindidaktik bereits so stark sei, dass man befürchten müsse, die Studierenden kämen kaum noch dazu, das eigentliche Fach zu studieren. Es gelte, die Fachdidaktik gegenüber der Allgemeindidaktik stark zu machen.
Neu ist insbesondere die Herausforderung, Grundschullehrer für Philosophie auszubilden. Das führt zu einem Boom des "Philosophierens mit Kindern" mit entsprechenden Lehr-, Didaktik- und Kinderbüchern. Insbesondere muss auch der inhaltliche Stellenwert dieses Philosophierens bestimmt werden. Gefühlen, dem Leib, Bildern kommt ein neuer und sogar zentraler Stellenwert zu. Ist Philosophieren mit Bildern bereits eigentliches Philosophieren, wie Ekkehard Martens meint, oder ist es lediglich eine Vorstufe zum eigentlichen Philosophieren, das über Begriffe verläuft?
Gisela Raupach-Strey hingegen steht dem skeptisch gegenüber: Sie befürchtet eine Art "Abbilddidaktik" und glaubt, die Didaktik laufe dabei Gefahr, auf solche Seminare beschränkt zu werden. Sie selber bietet in Halle vier Didaktik-Module an, ein Einführungsmodul (darin integriert ein sokratisches Gespräch), ein Modul mit schulpraktischen Übungen sowie zwei Aufbaumodulen.
Christoph Dejung: Philosophie-Unterricht
in der Schweiz 4/01
Das sokratische Erbe:
Philosophie-Unterricht in der Schweiz 5/01
Christof Mantry: Ethisch-philosophisches
Grundlagenstudium in Baden-Württemberg 1/02
Ferdinand Fellmann: Orientierung Philosophie
(Rezension)
Gesine Doernberg: Schweitzers Ethik
im Philosophieunterricht
Udo Müller: Das Gymnasium und seine
philosophische Dimension
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[Stand der Information: 09/12/2005]
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