| Geschichte der Philosophie |
„Ein Franzose“, lässt Voltaire seine Leser in den berühmten Englischen Briefen wissen, „der in London ankommt, findet alles in der Weltweisheit sowie in den übrigen Dingen verändert. [...] Zu Paris stellt man sich die Erde wie eine Melone vor, zu London ist sie auf beiden Seiten platt. Für einen Kartesianer ist das Licht in der Luft, für einen Newtonianer kommt es in sechseinhalb Minuten von der Sonne zu uns. [...] Selbst das Wesen der Dinge ist gänzlich verändert.“ Ähnlich wie Voltaire geht es demjenigen, der sich erstmals auf eine Lektüre der Leibnizschen Schriften einlässt. Er wird die Erfahrung machen, dass Perzeptionen keine Wahrnehmungen sind und die Monade, eine metaphysische Entität, als das einzig Reale anzusehen ist, dass Bewegung wie auch Zeit streng genommen nicht existieren, weil sie keine koexistierenden Teile haben und dass es Freiheit in der besten aller möglichen Welten nur deshalb gibt, weil in ihr alles vollständig bestimmt ist.
Der gute Wille des Lesers wird also gleich zu Beginn auf die harte Probe der Erschließung eines ebenso subtilen wie eigenwilligen Vokabulars gestellt. Hat er sich damit abgefunden, wartet freilich schon die nächste Herausforderung auf ihn. Sie steckt in dem so oft beschriebenen enzyklopädischen Geist des Leibnizschen Denkens. Wer Leibniz lesen und verstehen will, muss bereit sein, Zwiesprache mit dem Universum zu halten. Leibniz ist weniger an besonderen Lösungen von Problemen als an der Erfindung allgemeiner Methoden für Lösungen überhaupt interessiert. Um dies zu erfahren, muss man ihm nicht selten auch in metaphysischen Texten in die Subtilitäten der zeitgenössischen Theologie, die Innovationen der Mathematik und in die Arkana der Alchimie folgen. Doch auch damit ist die Liste der Schwierigkeiten nicht abgeschlossen. Leibniz hat seine Texte zumeist in Latein oder Französisch verfasst, und im Unterschied zu anderen Klassikern der Philosophie ist deren Verfügbarkeit keineswegs von der Art, dass man die vorliegenden Ausgaben und Übersetzungen in jedem Falle unbefangen empfehlen könnte. Eine historisch-kritische Gesamtausgabe ist mit der in acht Reihen gegliederten Akademie-Ausgabe: Gottfried Wilhelm Leibniz, Sämtliche Schriften und Briefe erst im Entstehen. Momentan umfasst sie die philosophischen Schriften bis zum Jahre 1690 und damit etwa die Hälfte dieses Schrifttums.
Für eine erste Annäherung an Leibniz ist also ein Ariadnefaden hilfreich, der aus dem Labyrinth der Anfangsschwierigkeiten herausführt. Einen solchen hat Leibniz selbst gelegt, indem er seine metaphysischen Reflexionen in aller Regel in einen historischen und aktuellen Kontext stellt und so auf Grundlagenprobleme der Wissenschaften, der Theologie oder Logik fokussiert. Häufig nimmt er Entgegnungen oder Einwände vorweg und formuliert in der Auseinandersetzung sein Anliegen noch einmal neu. Die Einführung des Problems der Wahl der besten aller möglichen Welten in die Philosophie verdankt sich übrigens einer solchen Situation. Es gibt also Besonderheiten der Leibnizschen Ars scribendi, die einen Erfolg versprechenden Einstieg in die jeweilige Problematik erlauben. Zu ihnen gehört auch Leibniz’ Fähigkeit, sich so weit als möglich auf den anvisierten Leser einzulassen, indem er über das Betonen eines gemeinsamen Anliegens den Zugang zur Differenz sucht.
Die Verfasstheit seiner Texte gibt daher bereits eine gute Orientierung zur Aneignung ihres Inhalts, wozu auch gehört, dass Leibniz eine Reihe von Dialogen geschrieben hat, in denen er nach Platonischer Lehrmethode die Diskutanten selbst die gewünschten Schlussfolgerungen ziehen lässt. Der wichtigste Hinweis aber scheint mir aus dem Selbstverständnis seiner philosophischen Ansichten selbst zu folgen, die er nicht selten als System der prästabilierten Harmonie bezeichnete. Die prästabilierte Harmonie ist der Leibnizsche Ausdruck für die Wahrnehmbarkeit der Welt in ihrer Ganzheit. Sie unterstellt, dass die Welt der Körper ihre Entsprechung im Reich des Einfachen findet, wie es im § 61 der Monadologie heißt. Gemeint ist eine Art Komplementarität oder ein wechselseitiger Verweisungszusammenhang, der auch das Leibnizsche Schrifttum durchzieht. So wird man vergeblich nach einem Text suchen, auf den man als repräsentativ für sein Denken verweisen könnte. Immer ist der Leser auf mehrere angewiesen, die verschiedene Perspektiven der Wahrnehmung eines Problems ins Bewusstsein heben und damit unterschiedliche Zugänge ermöglichen.
Ein gutes Modell dafür, das zugleich auch als Einstieg in die Metaphysik geeignet ist, hat man in den beiden zur gleichen Zeit entstandenen Schriften: La Monadologie und Principes de la nature et de la grâce fondés en raison. Während in der Monadologie ausgehend vom Begriff der Monade und der Logik des Begriffs folgend eine Welt entfaltet wird, die exemplarisch bis ins Biologische reicht, wird in den Principes der umgekehrte Weg favorisiert. „Bis hierher“, sagt Leibniz im Art. 7 der kleinen Schrift, „haben wir als einfache Physiker gesprochen, jetzt gilt es, sich zur Metaphysik zu erheben [...].“ Beide Wege sind notwendig, weil der erste Weg allein der Ansicht Vorschub leisten könnte, dass es möglich sei, sich sämtliche empirische Details durch bloßes Schließen aneignen zu können oder, anders ausgedrückt, alles, was über die Welt zu sagen ist, durch Dechiffrieren des Monadencodes zu erfahren sei. Dem beugt die umgekehrte Blickrichtung vor, in der die Metaphysik als bloße Verallgemeinerung der Physik erscheint. Beide dieser Wege verweisen bei Leibniz wechselseitig auf einander, weil eben, und das ist die Grundaussage der prästabilierten Harmonie, das Ganze nur komplementär zu haben ist.
Über die methodologische Auslegung dieses Grunddogmas der Leibnizschen Metaphysik gelingt zudem ein Zugang zur Universalität seines Denkens. Die heute so genannten positiven Wissenschaften sind für ihn nämlich weder bloße Vernunftwissenschaften, noch ist ihr Vorgehen rein empirisch. Vernunftwissenschaften wie Metaphysik und Mathematik lassen sich rein logisch entwickeln. Sie gelten daher in allen möglichen Welten. Die Physik und alle anderen Wissenschaften aber sind kontingent. Sie bedürfen zweifellos der Logik, reduzieren sich aber nicht auf sie.
Leibniz war wie kein anderer Philosoph der frühen Neuzeit von der Entwicklung der Wissenschaften fasziniert, die er zu einem guten Teil mit auf den Weg gebracht hat. Diese Spuren zeigen sich überall in seiner Metaphysik. So stellt er etwa im § 80 der Monadologie fest: „Descartes hat erkannt, dass die Seelen den Körpern keine Kraft mitteilen können, weil die Menge der Kraft in der Materie immer gleich ist. Dennoch hat er geglaubt, dass die Seele die Richtung der Körper ändern könne. Der Grund dafür ist, dass man zu seiner Zeit das Naturgesetz noch nicht kannte, wonach sich auch die Gesamtrichtung der Materie erhält. Wenn er das bemerkt hätte, wäre er auf mein System der prästabilierten Harmonie gekommen.“ Von einer Reduktion allen Wissens auf Metaphysik, die man heute oft mit dem beliebten Schlagwort des Letztbegründungs- anspruchs verbindet, kann also bei ihm kaum die Rede sein. Das wird auch in einer Art Pragmatismus deutlich, den er hinsichtlich der Wissenschaften an den Tag legt. Mit der Arbeitsweise fast aller Natur- und Geisteswissenschaften vertraut, weiß er um die Bedeutung von Hypothesen. Er kennt den Stellenwert von Experimenten, ist selbst virtuos im Entwerfen von Versuchsanordnungen und formuliert eine eigene empirische Forschungsmethodologie. Die daraus resultierenden Erkenntnisse sind ihm besonders wichtig, da sie gänzlich ohne vorgefasste Hypothesen erreicht wurden, was freilich nicht bedeutet, dass auf einen metaphysischen Schlusspunkt zu verzichten sei.
Diese Konsequenz ermöglicht einen Blick in sein Wissenschaftsverständnis. Es ist niedergelegt in einer Vielzahl von Überlegungen zur Scientia generalis, einer allgemeinen Wissenschaftslehre, in deren Rahmen Leibniz mit der Konstruktion der Lingua philosophica die Schaffung einer neuartigen philosophischen Sprache anstrebte, auf die alle anderen Sprachen, seien sie nun Wissenschaftssprachen oder Umgangssprachen mit dem Ziel abbildbar sein sollten, durch formales Operieren innerhalb eines Kalküls grundsätzlich jede Frage entscheiden zu können. Die berühmte Formel dafür lautet: Calculemus! Die Wissenschaften bilden in seiner Theorie mithin ein geordnetes Ganzes, in dem nicht eine Disziplin unberücksichtigt bleiben darf, es sei denn zu ihrem eigenen und aller anderen Nachteil. Für die Metaphysik folgt daraus, dass sie nur vermöge ihrer spezifischen nicht als Subordinationsverhältnis zu verstehenden Beziehungen zu den anderen Wissenschaften das ist, was sie zur Grundwissenschaft macht. Ihr wissenschaftsmethodologisches Pendant, die Scientia generalis, ist daher zwar allgemeinstes, jedoch nicht erschöpfendes Erkenntnismittel. Als Logik konzipiert, bedarf sie vielmehr eines materialen Komplements, d. h. einer Enzyklopädie der Wissenschaften, in der die Vielfalt der wissenschaftlichen Disziplinen mit ihren besonderen Resultaten wie Gesetzen, Hypothesen und Beweisen aber auch grundlegenden Beobachtungen und Experimenten zur Geltung kommt.
Als Fazit für die Leibnizlektüre folgt daraus, dass man sich auf ganz unterschiedliche Weise dem Leibnizschen Denken nähern kann. Welche Interessen einen aber auch immer leiten mögen, mathematische, physikalische, logische oder theologische Interessen, stets wird man auf die Metaphysik verwiesen und vermittelt über diese an die anderen Wissenschaften. Leibniz hat diesen Zusammenhang des öfteren auch dahingehend ausgesprochen, dass in den Körpern zwar alles auf mechanische Weise geschieht, die Prinzipien der Mechanik und der gesamten Physik aber weder mechanische noch mathematische, sondern metaphysische Prinzipien seien.
Dieser Ansatz hat in seiner Wirkungsgeschichte so manche Transformation erfahren. Stets aber offenbarte er ein Innovationspotential, dessen Reichhaltigkeit bis heute neue Einsichten ermöglicht.
Leibniz hat zu seinen Lebzeiten gemessen an dem umfangreichen Nachlass, der vor allem im Leibniz-Archiv der Niedersächsischen Landesbibliothek Hannover aufbewahrt wird, relativ wenig veröffentlicht. Sich dessen nur zu bewusst, stellte er 1696 in einem Brief an Vincent Placcius fest: „Wer mich nur aus meinen gedruckten Schriften kennt, der kennt mich nicht.“ Die Geschichte der Leibniz-Rezeption war daher immer auch eine Geschichte der Edition Leibnizscher Texte. Das erste herausragende Ereignis dieser Art war das Erscheinen der berühmten Raspeschen Sammlung im Jahre 1765, in der zusammen mit den Nouveaux Eassais weitere metaphysische Schriften im Druck zugänglich wurden. Jetzt erst konnte man den originalen Leibniz aus seiner Umklammerung etwa durch die Wolffianer lösen und einer, der davon in besonderer Weise profitierte, war Immanuel Kant.
Hinsichtlich der Wissenschaften lagen die Dinge nicht anders. Hier war es kein geringerer als Leonhard Euler, der sich daran machte, die Leibnizschen Handschriften zu studieren, um sie zu veröffentlichen. Er hat das Projekt später aufgrund des zu hohen technischen Aufwandes bei der Entzifferung und Präsentation der Texte abgebrochen. Für die gesamte weitere Rezeptionsgeschichte blieb diese Abhängigkeit vom Editionsgeschehen ein wichtiges Merkmal, und der Geist der Zeit setzte die Maßstäbe sowohl für die Editionstechnik als auch für die Auswahl der Schriften und Briefe. Hinsichtlich des
Selbstverständnisses der Edition bestand der Wunsch, den für alle Zeiten gültigen Text zu edieren, was unter anderem dazu führte, dass man Passagen und Textversionen unterschiedlicher Textzeugen zu einem einzigen Text zusammenfasste – ein Verfahren, das aus heutiger Sicht der Benutzbarkeit solcher Ausgaben Grenzen setzt.
Inhaltlich waren es um die Mitte des 19. Jahrhunderts die großen philosophischen Editionen, die das Leibniz-Bild bestimmten. So etwa Johann Eduard Erdmanns Opera philosophica (1840) oder die weiter ausgreifenden Editionen von Onno Klopp (1864) und Louis Alexandre Foucher de Careil (1859). Bis heute unverzichtbar ist zudem die Edition der Philosophischen Schriften in 7 Bänden durch Carl Immanuel Gerhardt (1975-1890). Sie ist mittlerweile auch auf CD ROM erhältlich. Parallel dazu erschienen die berühmten Leibniz-Darstellungen von Kuno Fischer: G. W. Leibnitz und seine Schule (1855) sowie Johann Eduard Erdmanns Leibnitz und die Entwicklung des Idealismus vor Kant (1842).
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschob sich der Rezeptionstrend zunehmend in Richtung Logik und positive Wissenschaften. Im Jahre 1903 veröffentlichte Louis Couturat seine Opuscules et fragments inédits de Leibniz und der bereits erwähnte Carl Immanuel Gerhardt gab 1680 im Rahmen der Mathematischen Schriften die Dynamica de potentia et legibus naturae corporeae heraus. Diese Editionen begründeten das bis heute weithin akzeptierte Bild von Leibniz als Repräsentanten eines der großen rationalistischen Systeme des 18. Jahrhunderts. Sie regten aber auch eher disziplinär orientierte Forscher wie Wilhelm Wundt zu eigenständigen Leibniz-Darstellungen an – ein Zeichen dafür, dass sich in den Texten Anregungen finden ließen, mit den Grundlagenproblemen in den Wissenschaften des beginnenden 20. Jahrhunderts ins Reine zu kommen. Und dieser Rezeptionstrend hielt an. Vertreter eines am Medium Wissenschaften interessierten Philosophierens wie Bertrand Russel, Alfred North Whitehead und Franz Brentano aber auch Ernst Cassirer oder Dietrich Mahnke haben nicht nur bis heute zu empfehlende Leibniz-Darstellungen verfasst. In der Auseinandersetzung mit Leibniz fanden sie vielmehr einen der Kondensationskeime zur Ausbildung ihrer eigenen Philosophien.
Den entscheidenden Schnittpunkt hinsichtlich der Edition markiert freilich die bereits erwähnte Akademie-Ausgabe (der erste Band erschien 1923), weil durch sie nicht nur die gültigen Texte zur Verfügung gestellt werden und damit die adäquate Basis für die Forschung sowie für Übersetzungen, sondern auch die innere Systematik des Leibnizschen Denkens, seine Entwicklung und Verankerung in den Wissenschaften zugänglich wird. Teilsammlungen in deutscher Sprache wie die von Ursula Goldenbaum (G. W. Leibniz, Philosophische Schriften und Briefe 1683-1687, 535 S., Ln., € 34.80, Akademie Verlag, Berlin) und Ulrich Johannes Schneider (Monadologie und andere metaphysische Schriften, Xxxviii, 200 S., kt., € 19.80, Philosophische Bibliothek 537, Meiner, Hamburg) beruhen, so weit möglich, auf dieser historisch-kritischen Edition.
Die verbreitete Ausgabe der von Buchenau und Cassirer besorgten Philosophischen Werke Leibniz’ bei Meiner wurde zwar 1996 mit Indexverzeichnissen versehen und neu herausgegeben, jedoch hinsichtlich der Übersetzung nicht überarbeitet. Sie enthält zum Teil sinnentstellende Übersetzungsfehler. So geht, um ein Beispiel zu nennen, die Subtilität des Leibnizschen Freiheitsbegriffs verloren, wenn „contingence“ im Teil I, N. 34, 44, 46 der Theodizee und an vielen anderen Stellen mit „Zufall“ übersetzt wird. Die Sache wird gänzlich verwirrend, wenn dann am Schluss im selben Zusammenhang auch noch von „Kontingenz“ die Rede ist (Theodizee, III. Teil, N. 302f.). Dieser Ausgabe gegenüber hat die vierbändige Teilsammlung Philosophische Schriften des Insel Verlags den Vorteil der Vergleichbarkeit mit dem Originaltext. Hinsichtlich des Textcorpus unterscheiden sie sich ansonsten wenig.Eine beachtenswerte Ausnahme macht die bereits im Jahre 1951 in Marburg erschienene und unter dem Titel Schöpferische Vernunft von Wolf v. Engelhardt herausgegebene Edition. In ihr wurde der Versuch unternommen, die Entstehungs- und Bildungsgeschichte der Leibnizschen Philosopheme und Problemstellungen in ihrem Wechselverhältnis zu den Wissenschaften zu präsentieren, wobei vor allem dem jungen Leibniz gebührend Platz eingeräumt wurde.
Welche Probleme sich für Übersetzer und Herausgeber stellen können, lässt ein Vergleich von Einzelausgaben erkennen. Diese kommen nämlich aufgrund des singulären Vokabulars und der oft ungewöhnlichen Dichte Leibnizscher Schriften in der Regel nicht ohne Kommentare und Erläuterungen aus, was zu recht heterogenen Ausgaben eines und desselben Textes führen kann. Die verbreiteten Editionen der Monadologie geben dafür ein instruktives Beispiel. Die ausführlichste und zum Gebrauch für Studenten gedachte Edition ist die von Nicholas Rescher in englischer Sprache besorgte. Auf über 300 Seiten werden Bezüge in einem solchen Umfang zu anderen Schriften hergestellt, dass sich die Ausgabe unter der Hand fast zu einer Einführung in die Leibnizsche Philosophie auswächst. Die Monadologie erscheint hier mehr als komprimierte Fassung eines Systems denn als eigenständiger Text. Weit weniger aufwendig, doch immer noch recht üppig mit Kommentaren versehen ist die Ausgabe von Joachim Christian Horn (Lehrsätze der Philosophie – Monadologie. Letzte Wahrheiten über Gott, die Welt, die Natur der Seele, den Menschen und die Dinge. 2. Auflage, 202 S., kt., € 15.50, 1997, Königshausen und Neumann, Würzburg). Sie steht zudem deutlich unter dem Kommando der Psychoanalyse. Wer sich für historische Denkformen interessiert, die eine psychoanalytische Auslegung ermöglichen, wird mit dieser Ausgabe gut beraten sein. Ist man allerdings auf den originären Leibniz aus, so sollte man dies bei der Lektüre des Kommentars berücksichtigen. Vorsichtiger und vor allem auf die Klärung der metaphysischen Fachtermini bzw. die angesprochene naturwissenschaftliche Problematik orientiert präsentieren sich die Kommentare der im Reclam Verlag erschienenen Monadologie (Französisch/deutsch, herausgegeben und übersetzt von H. Hecht, kt., € 3.10, Reclam UB 7853, Reclam, Stuttgart). Diese Ausgabe unterscheidet sich von allen bislang in deutscher Sprache verfügbaren dadurch, dass auch die naturwissenschaftlichen Einlassungen ernst genommen werden. Leibniz wird so als universeller Denker erkennbar, der selbst in den anspruchsvollsten metaphysischen Texten das Ganze der Disziplinen nicht aus dem Blick verliert.
Dass die Rückbindung der Wissenschaften an die Metaphysik für Leibniz keine Bevormundung bedeutete, ist schon erwähnt worden. Diese Einsicht schlägt sich auch in neueren Publikationen nieder und zwar nicht nur bezogen auf die Wissenschafts- oder Naturphilosophie, sondern in einer Neubewertung des Problems von Anschauung und Erfahrung. Von denjenigen, die sich dem Thema im Rückgriff auf den jungen Leibniz nähern, ist Hubertus Busche zu erwähnen, der in seiner Habilitationsschrift Leibniz' Weg ins perspektivische Universum: eine Harmonie im Zeitalter der Berechnung (Xxviii, 593 S., Ln., € 98.—, 1997, Paradeigmata 17, Meiner, Hamburg) nicht nur einen Beitrag zur gegenwärtig intensiv diskutierten Philosophie des jungen Leibniz liefert. Busche setz neue Akzente, indem er die geometrisch-perspektivischen Konstruktionen in denen Leibniz u. a. seine Pneumatologie entwickelt, hinsichtlich ihrer sinnlich-anschaulichen Bedeutung thematisiert. Das große Interesse an Experimenten, an den Formen der Kommunizierbarkeit ihrer Ergebnisse und der methodologischen Bedeutung hinsichtlich des Erfahrungswissens wird auch durch die ersten Resultate der im Jahre 2001 begonnen Reihe VIII der Akademie-Ausgabe, d. h. durch die Herausgabe der Naturwissenschaftlich-medizinisch-technischen Schriften belegt. Dieses bislang fast gänzlich unbekannte Textcorpus lässt einen Leibniz Konturen gewinnen, der nicht nur, wie bereits erwähnt, mit wachem Auge die Entwicklungen der Experimentiertechnik verfolgt, sondern auch nach neuen Darstellungsmöglichkeiten sucht, um Erfahrungswissen adäquat ins Bild zu setzen. Die relevanten Texte sind oft so verfasst, dass Zeichnung eines experimentellen Befundes und Text jeweils eigenständige Erkenntnisaspekte ins Bewusstsein heben und in dieser Weise wechselseitig aufeinander verweisen.
Diese Resultate der Edition treffen sich mit Forschungsergebnissen des Kunsthistorikers Horst Bredekamp (Die Fenster der Monade. Gottfried Wilhelm Leibniz’ Theater der Natur und Kunst, 279 S., Ln, € 44.80, 2004, Akademie Verlag, Berlin), der aus einer Analyse der Bedeutung von Kunstkammern für Leibniz und einer sensiblen Lektüre insbesondere des Bandes VI, 4 der Akademie-Ausgabe zu dem Ergebnis kommt, dass sehendes bzw. anschauendes Erkennen für Leibniz im menschlichen Erkennen dieselbe Funktion wahrnimmt wie die Intuition im göttlichen. Den Grund sieht er darin, dass in einem Bild oder einer Zeichnung das Ganze eines Sachverhalts auf einmal erfasst wird, während alle Analysis unterscheiden und wieder zusammensetzen muss. Eben dies lässt sich durch die naturwissenschaftlichen Handschriften der Pariser Zeit gut belegen, in denen sich Zeichnungen finden, die das Ganze einer Bewegung dadurch zu erfassen versuchen, dass sie deren zeitliche Ordnung in eine räumliche übersetzen. Hier geht es freilich nicht um Erkenntnis überhaupt, sondern um Erfahrung. Bredekamps Zugang ist in der Leibnizforschung nicht nur neu, er scheint zudem anzudeuten, dass die interessanteren Beiträge zur Zeit aus dem Umfeld der Kulturwissenschaften kommen.
Die stark rezipierte Studie von Gilles Deleuze Die Falte (240 S., kt., € 10.—, stw 1484, 2000, Suhrkamp, Frankfurt) ist ein weiteres Indiz für die kulturwissenschaftliche Wahrnehmung Leibniz’. Sie trägt den Untertitel Leibniz und der Barock und ist im eigentlichen Sinne keine Leibniz-Darstellung, sondern eher eine Art Kulturgeschichte des Barock, die freilich ihre Inspiration aus der Leibnizschen Faltenmetapher bezieht. Davon ausgehend führt der Autor in Leibnizsche Gedankengänge ein, die nachzulesen sich lohnt. Ein schönes Beispiel dafür findet sich in der Erörterung der Perspektivität. Insgesamt erfährt der Leser allerdings eher, welches Interpretationspotential Leibnizsche Denkfiguren für die Thematisierung von Gegenständen der Kulturgeschichte besitzen.
Damit erweisen sich die Kulturwissenschaften von heute als ein Feld, in dem sich Perspektiven des Leibnizschen Denkens ausmachen lassen, die noch bis vor kurzem kaum gesehen wurden. Dessen ungeachtet gibt es auch bei den Publikationen mit einer Ausrichtung auf traditionelle Themen aus Mathematik, Logik, Metaphysik und Wissenschaften Bewegung. Erwähnt werden soll an dieser Stelle nur die Monographie von Donald Rutherford Leibniz and the rational order of nature (1995), die ernst nimmt, was so oft betont und doch nur selten eingelöst wird - den universellen und interdisziplinären Zuschnitt des Leibnizschen Denkens. Rutherfords bevorzugte Exerzierfelder sind Theodizee-Problem, Metaphysik und Naturbild.
Schließlich muss eine Textform erwähnt werden, die aufgrund der schwierigen Quellenlage für die Leibnizforschung von besonderem Gewicht ist. In der Literatur erscheinen des öfteren systematische Darstellungen mit umfassendem Editionsteil oder Monographien, die im wissenschaftlichen Apparat umfangreiche Zitate in deutscher Übersetzung bringen. So lässt sich, um ein Beispiel zu nennen, anhand der von Michel Fichant unter dem Titel la réforme de la dynamique edierten Texte ein für die Leibnizsche Naturphilosophie entscheidender Schritt, die Einführung des Maßes mv2, an ausgesuchten Quellen und deren systematischer Interpretation nachvollziehen. Für eine stark durch übersetzte Textpassagen angereicherte Darstellung sei auf Konrad Molls Der junge Leibniz (Band 1: Die wissenschaftstheoretische Problemstellung seines ersten System- entwurfes, 129 S., Ln., € 58.—, Band 3: Eine Wissenschaft für das aufgeklärte Europa. 301 S., Ln., € 58.—, Frommann-Holzboog, Stuttgart) verwiesen.
Die Leibniz-Literatur ist ein prosperierender Zweig geisteswissenschaftlicher Publikationen. Wer sich über Umfang und Themen der gegenwärtigen Leibnizforschung ins Bild setzen möchte, sollte die Materialien der etwa alle fünf Jahre stattfinden Leibniz-Kongresse zu Rate ziehen. Er erhält darin nicht nur einen Einblick in die disziplinäre Vielfalt der heutigen Bezugnahmen auf Leibniz. Auch über neue Quellenfunde, über den Stand der Edition und die institutionellen Formen der Leibnizforschung wird er informiert. Die federführend von der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Leibniz-Gesellschaft e. V. ausgerichteten Kongresse bilden zudem ein Forum, in dem länderübergreifende Forschergruppen ihre Resultate präsentieren und die Zusammenarbeit der nationalen Leibniz-Gesellschaften koordiniert wird.
Die Leibniz-Literatur selbst ist in der von Kurt Müller (1967) begründeten Leibniz-Bibliographie dokumentiert. Sie wurde später fortgesetzt und in den Studia Leibnitiana laufend ergänzt. Seit März 2001 wird die Bibliographie als Online-Datenbank weitergeführt.
Nicht minder bedeutsam ist die von Kurt Müller und Gisela Krönert bearbeitete Leben und Werk von Gottfried Wilhelm Leibniz : Eine Chronik (Ln., € 24.— Klostermann, Frankfurt). Zusammen mit der Biographie von Eric Aiton (Leibniz. Eine Biographie. 532 S., Ln., € 40.80, Insel, Frankfurt) bietet sie einen guten Zugang zum Kosmos des Leibnizschen Denkens und den Stationen seines Lebens. Einen schnellen Überblick kann man sich mit der bei Rowohlt herausgekommenen Biographie von Reinhard Finster und Gert van den Heuvel (Gottfried Wilhelm Leibniz, kt., € 6.90, 2000, rororo monographien 50481, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek) verschaffen. Inzwischen gibt es auch eine Biographie, die mit journalistischem Geschick die Leibnizsche Weltlinie nachvollziehbar macht. Sie stammt aus der Feder von Eike Christian Hirsch und darf als gelungene wissenschaftsjournalistische Ergänzung der sonst eher traditionellen Darstellungen angesehen werden (Der berühmte Herr Leibniz. Eine Biographie. 646 S., Ln., € 24.90, 2004, C.H. Beck).
Als philosophische Einführungen neueren Datums eignen sich die Arbeiten von Michael-Thomas Liske (Gottfried Wilhelm Leibniz 240 S., kt., € 12.50, Beck’sche Reihe, 2000, C.H. Beck, München) und Hans Heinz Holz (Gottfried Wilhelm Leibniz. 156 S., kt., € 10.80, 1992, Reihe Campus, Campus, Frankfurt) sowie die bereits 1981 in der Reihe Klassiker der Philosophie publizierte (aber gegenwärtig vergriffene) Darstellung von Hans Poser. Ich selbst empfehle trotz der immer wieder durch den Autor gesuchten Nähe zu Kant: Leibniz. Logik und Metaphysik (Viii, 263 S., Ln., € 43.—, 1967, de Grutyer, Berlin) von Gottfried Martin.
Der erste Band der Akademie-Ausgabe ist, wie erwähnt, 1923 erschienen. Die Vorarbeiten zeigen noch deutliche Spuren eines Zeitalters, in dem der handschriftliche Aufwand beim Edieren von Manuskripten selbst immens war. Die ersten Kataloge und selbst die Editionsregeln kursierten als handgeschriebene Elaborate. Inzwischen ist die Ära des elektronischen Zeitalters angebrochen, zu dessen Stammvätern zweifellos auch Leibniz gehört. In welcher Weise es bei der Edition Einzug gehalten hat, läßt sich über das Portal Leibniz-Edition erfahren, das zugleich eine Vielzahl von Informationsmöglichkeiten im Umkreis der Leibniz-Edition bietet.
Abdruck: Information Philosophie 1/2005 |
Leibniz´ Allerlei
- Texte zu Astronomie, Alchimie, Schiffsbau, Kriegführung u.a.
Peter Moser: VII. Internationaler Leibniz-Kongreß
Bibliographie
Online-Datenbank
Portal Leibniz-Edition
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Gottfried W. Leibniz, Hubertus Busche, Hans Zimmermann:Frühe Schriften zum NaturrechtEUR 29,80Versand in 2 bis 3 Tagen |
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Gottfried Wilhelm Leibniz |
Kurt Müller, Gisela Krönert:Leben und Werk von Gottfried Wilhelm Leibniz : Eine ChronikEUR 19,00Versand binnen 24 Stunden |
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| Mit Urteil vom 12.
Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Einbindung eines
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nicht ausdrücklich distanziert hat. Hiermit betone ich ausdrücklich, dass ich keinerlei
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