| Tagungsbericht |
"Nihil sine ratione. Mensch, Natur und Technik im Wirken von Gottfried Wilhelm Leibniz" war das Thema des VII. Internationalen Leibniz-Kongresses, der vom 10.-14. September in Berlin stattfand. Dieser Kongreß hatte gegenüber seinen Vorgängern einige Neurungen zu bieten, denn mit gut 400 Teilnehmer aus 32 Ländern war er nicht nur der bislang größte. Weit stärkere Signalwirkung hatte zweifellos die Tatsache, daß erstmals mit einer lieb gewordenen Tradition gebrochen wurde, denn bisher trafen sich die Leibnitianer an jenem Ort zu ihren Kongressen, an dem auch Leibniz die meiste Zeit seines Lebens wirkte, in Hannover. Nun war Berlin der Austragungsort, und es war eine Technische Universität, die den Debatten in nicht weniger als 57 Sektionen Raum gab. Wie sich zeigte, sollte diese Zäsur für das Kongreßgeschehen nicht bloß äußerlich bleiben, denn mit Mensch, Natur und Technik wurde ein Horizont aufgespannt, der zwar für Leibniz charakteristisch, in der Rezeptionsgeschichte indes eher selten thematisiert wurde, und auch auf diesem Kongreß war von Technik im engeren Sinne nur in sechs Vorträgen die Rede.
Man darf es also als Aufforderung im Sinne eines vom Kongreß ausgehenden Impulses ansehen, wenn Hans Poser, der zusammen mit Eberhard Knobloch den Kongreß organisiert hatte, die Allgemeingültigkeit des Prinzips "nihil sine ratione" betonte, das universell sei, "weil es in seiner Formulierung so weit gefaßt ist, daß es erstens das Existieren wie das Geschehen, die Veränderung umgereift, und zweitens, daß ratio, Grund sowohl eine causa als bewirkende Ursache in der raum-zeitlichen Welt als auch eine Begründung, als auch schließlich jeden Handlungsgrund, also einen Zweck, eine Absicht, eine Finalursache einschließt."
Auch Jürgen Mittelstraß warb in einem der Eröffnungsvorträge für die Wiederaneignung des Leibnizschen Gedankens der Perspektivität, die er konstruktiv auslegte und in seinen Begriffen von Leibniz-Welt, Leonardo-Welt und Kolumbus Welt bündelte. Wissenschaft, Entdeckung und technische Erfindung sind danach nur verschiedene Deutungen oder eben Perspektiven eines und desselben Gegenstandes. Sie entsprechen unterschiedlichen Momenten des Erkennens, die als konstruktiver Akt verstanden, den Gegenstand nicht bloß pluralisieren, sondern überhaupt erst als einen entstehen lassen. Auch hier also ein Plädoyer für den Umgang mit dem Leibnizschen Erbe, das nicht nur auf das Erschließen weniger bekannter Seiten Wert legt, sondern dies in systematischer Absicht tun will.
Die Voraussetzungen dafür, das zeigte der Kongreß, sind nicht schlecht, und nur einige Aspekte können im folgenden erwähnt werden. So stellte sich der paritätisch aus deutschen und spanischen Wissenschaftlern zusammengesetzte Arbeitskreis "Leibniz und Europa" mit Resultaten vor, in denen kirchengeschichtliche, politische, sowie philosophie- und wissenschaftsgeschichtliche Bezüge in einen produktiven Zusammenhang gebracht wurden. Ähnliches ließe sich hinsichtlich der Leibnizschen Chinastudien und ihrer Wahrnehmung sagen. Hier wurde ein Perspektivenwechsel schon in der Anwesenheit einer größeren chinesischen Delegation unübersehbar. Eines ihrer Mitglieder, Zonghlian Si aus Shanghai, demonstrierte, daß Leibniz aufgrund seiner Ansichten zur natürlichen Theologie ungewöhnliches Interesse für den chinesischen Neo-Konfuzianismus seiner Zeit aufbrachte. Während nämlich die europäischen China-Missionare auf einen dogmatischen Gottesbegriff festgelegt waren, der die konfuzianische Religiosität als eine Spielart des Atheismus betrachtete, gelangten Leibniz Einsichten in die religiöse und spirituelle Dimension dieses Denkens.
Auch in den Natur- und Sozialwissenschaften fehlten disziplinübergreifende Ansätze nicht, die, wie Dieter Suisky und Peters Enders zeigten, neue Lösungen ermöglichen. Auf dem Hintergrund des Leibnizschen Problems der Wahl der besten aller möglichen Welten fanden sie einen Weg, der ausgehend von Euler einen natürlichen Übergang zur Quantenmechanik eröffnet. Das Verfahren ähnelt dem des Übergangs von der euklidischen zur nichteuklidischen Geometrie und vermeidet alle künstlichen Zusatzannahmen.
Schließlich sei noch eine Sektion erwähnt, deren Debatten zu den anregendsten gehörten, die Sektion 52: "Medizin und Gesundheitswesen". Auf diesem Gebiet war Leibniz fast unerschöpflich. Er sammelte Rezepte, verlangte, auch in einer wissenschaftlich fundierten Medizin die Kräuterbücher nicht gering zu schätzen, regte Statistiken über Todesursachen an und erwog Tierversuche zur Erprobung von Medikamenten und Heilmethoden. Das Interesse ist so stark, daß die Publikation seiner einschlägigen Manuskripte mindestens drei Bände der Akademie-Ausgabe umfassen würde. Die Handschriften sind bislang so gut wie unbekannt, obwohl man in ihnen ein Scharnier sehen darf, das zwischen grundlegenden Postulaten seiner Metaphysik, wie dem Prinzip des Besten und dessen Realisierung durch den Menschen vermittelt.
An dieser Stelle ist ein Wort zur Edition des Leibnizschen Schrifttums am Platze, denn große Teile des Nachlasses sind noch immer nicht allgemein verfügbar, doch auch diesbezüglich bot der Kongreß etwas Neues. Mit Wirkung vom 1. Januar 2001 hat die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die zusammen mit dem Institut für Philosophie, Wissenschaftstheorie, Wissenschafts- und Technikgeschichte der TU Berlin sowie der Gottfried Wilhelm Leibniz Gesellschaft Hannover e.V. Veranstalter des Kongresses war, eine neue Arbeitsstelle eingerichtet, die im Rahmen der Akademie-Ausgabe die Reihe VIII und damit die Naturwissenschaftlich-technisch-medizinischen Schriften edieren wird. Die Berliner Mitarbeiter arbeiten dafür eng mit der Russischen Akademie der Wissenschaften zusammen und streben eine Kooperation mit der Académie des Sciences in Paris an. In dieser Reihe werden Texte ediert, die bisher mit wenigen Ausnahmen nur im Archiv einsehbar waren, und es ist beabsichtigt, gleichzeitig mit der Printversion dieser Schriften auch eine Internet-Edition zu erstellen, in der die Möglichkeiten der elektronischen Medien für Darstellungs- und Präsentationsformen genutzt werden sollen, um der Forschung neue Zugänge zum Leibnizschen Werk und dessen Verständnis zu ermöglichen. Daß die Leibniz-Edition diesbezüglich nicht bei Null beginnt, machten die Editoren aus den Arbeitsstellen in Hannover, Münster, Potsdam und Berlin deutlich, indem sie anhand von Computervorführungen demonstrierten, wie sich ein traditionelles Akademievorhaben im Zeitalter der Digitalisierung präsentiert.
Manche Diskussion oder Fragestellung wird sich beim weiterem Voranschreiten der Leibniz-Edition allein schon durch die Verfügbarkeit der Texte erledigen. Vieles wird ein Gegenstand von Kontroversen bleiben, weil die Reichhaltigkeit eines Werkes sich natürlich auch in der Vielfalt der Möglichkeiten artikuliert, daran anzuknüpfen. Auch dafür bot der Kongreß signifikante Beispiele. Die renommierte Leibniz-Forscherin Hidé Ishiguro etwa hielt das Leibnizsche Konzept von der Einheit des Organismus für schlicht nicht "einsehbar" und Wilhelm Schmidt-Biggemann erklärte - nicht zuletzt angesichts der Ereignisse vom 11. September in New York - Leibniz Gedanken, daß wir in der besten aller möglichen Welten leben, für eine historisch gewordene Antwort der Philosophie.
Zu welcher der Antworten man sich auch bekannte, in einem waren sich alle Teilnehmer einig, als sie sich im Geiste von Leibniz gegen jede Gestalt des Terrorismus wendeten. Denn sie mahnten in seinem Geiste, "seine fundamentalen Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens zu achten: Neminem laedere! Suum cuique tribuere! Honeste vivere! (Niemandem schaden! Jedem das Seine zugestehen! Ehrenhaft leben!)", und forderten auf zu "Toleranz und Besonnenheit um des Friedens willen - unabhängig von allen Sprachen und Nationen, allen Überzeugungen und Religionen: Toleranz besteht in der Kraft und Stärke, andere Auffassungen zu respektieren - nicht aber Intoleranz und Terrorismus zu dulden."
Allein dies Ergebnis spricht schon für den Gehalt des VII. Internationalen Leibniz-Kongresses, denn es besagt, daß Leibniz Denken keineswegs zu den abgelegten Gestalten des menschlichen Geistes gehört.
AutorPeter Moser, Journalist, Mitherausgeber von "Information Philosophie im Internet"
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