| Portrait |
Eine "langhin fortgesetzte philosophische Arbeit" sei nichts anderes als der Versuch, "eine in früher Jugend ergriffene Grundanschauung wissenschaftlich zu rechtfertigen", schrieb Hermann Lotze 1912 und traf damit das Eigentümliche seines eigenen Schaffens. In Lotzes Philosophie, so charakterisiert Pester sein Schaffen, findet sich wenig Entwicklung: keine Umbrüche, keine Schaffenskrisen, keine unerwarteten Einsichten. Vielmehr wird ein Grundbestand an Themen gleichsam musikalisch variierend fortgesetzt, als gelte es, längst Bedachtes wieder in Erinnerung zu bringen.
Geboren wurde Hermann Lotze am 21. Mai 1817 in Bautzen als Sohn eines Militärarztes. Er war sprachbegabt und publizierte bereits 1853 eine lateinisch verfasste Untersuchung über Lukrez. Auch später hat er sich in verschiedenen literarischen Gattungen versucht. Als der Vater im Alter von 46 Jahren starb, geriet die Familie in eine schwierige materielle Lage. Diese Verhältnisse prägten Lotze nachhaltig, in seinem Charakter verbanden sich Ernsthaftigkeit, Selbständigkeit, Sparsamkeit und Ehrgeiz miteinander. Aber es sind auch Züge von Verschlossenheit und Melancholie bemerkbar.
Nach dem Abitur wollte der junge Lotze am liebsten "Philosophie und Naturwissenschaften" studieren, ließ sich aber, wohl auch aus finanziellen Erwägungen, 1834 für Medizin einschreiben. Physik, das zum Medizinstudium gehörte, studierte er bei Gustav Theodor Fechner, der den jungen Lotze stark prägte. Lotze lernte von ihm insbesondere die Bedeutung des quantitativen Experiments und trainierte die mathematische Verarbeitung der Ergebnisse. Wir haben aus dieser Zeit einen Bericht eines Karl Ewald Hasse: "Im ersten Jahr meiner Leipziger Docenten-Laufbahn war mir in der Carusschen Klinik ein unscheinbarer Student aufgefallen, der jeden Morgen mit einem mehr oder minder großen Pack Bücher unter dem Arm im Spital erschien, und beim klinischen Unterricht in gewandter Rede, mit Schärfe und Klarheit seinen Krankenbericht abgab." Zur Philosophie trieb Lotze aber, wie er später berichtet, mehr seine "lebhafte Neigung zu Kunst und Poesie". Allerdings stellten sich auch bereits in dieser Zeit erste gesundheitliche Beschwerden ein, ein Herzfehler, der ihm sein Leben lang zu schaffen machte.
Lotzes Unabhängigkeit von philosophischen Denk- und Interpretationsmustern hat zu einem guten Teil den Grund darin, dass er im Hauptfach eben nicht Philosophie, sondern Medizin studierte. Hinzu kommt der Umstand, dass sich der Stil seines Denkens und Forschens in einer Periode des Umbruchs der europäischen Philosophietradition herausbildete. Zu den Philosophen, die sein Denken nachhaltig beeinflussten, gehören Hegel, Herbart, Fries und Schelling - Repräsentanten von Systemen und Methoden, die sich bereits zu Lebzeiten in schärfstem Widerspruch zueinander befanden. Lotze hat sich keinem System angeschlossen, er suchte neue philosophie- und wissenschaftshistorische Wege. Fichte, Schelling und Hegel verstand er bei aller Ablehnung ihrer Systemkonstruktionen als die wahren Erben der antiken Skepsis und von Descartes. Sein Lehrer in Philosophie war Christian Hermann Weiße (1801 - 1866). Dieser wurzelte noch ganz in der klassischen Epoche deutscher Philosophie und Literatur und stand mit Schelling und Hegel in brieflichem Kontakt. In Weißes Werk findet sich der Schlüssel zum Geheimnis der unmittelbaren theoretischen Quellen Lotzes und seiner philosophischen Grundauffassung. Entscheidend für den Bildungsgang Lotzes war der Umstand, dass er die Ideen der klassischen deutschen Philosophie und Literatur aus jener ästhetischen Perspektive wahrzunehmen lernte, die dem spekulativen System Weißes in seiner Gesamtheit eigen ist. Lotze war seinem Lehrer gegenüber durchaus kritisch. In einem Brief an Ernst Friedrich Apelt kritisiert er Weisses Auffassungen von Mathematik und Naturphilosophie, "die auch gar keine Beziehung zur Erfahrung mehr hätten".
1836 erhielt Lotze mit seiner Dissertation De futurae biologiae principiis philosophiae den medizinischen Doktorgrad. Darin stellt er in ungewöhnlich scharfer Form die Grundlagen der zeitgenössischen Medizin in Frage: Es gebe Daten und Theorien im Überfluss, jedoch keine allgemeine Übereinstimmung, wie weit sie gelten und was aus ihnen folgt. Vage Bezeichnungen, eigenartige Erklärungen beliebig beigebrachter Beobachtungen, obskure Doktrinen seien gang und gäbe.
Nach seiner Promotion kehrte Lotze in seine Heimatstadt Zittau zurück und ließ sich als praktischer Arzt nieder. Aber schon bald äußert er in Briefen an Weiße und Apelt den Wunsch, nach Leipzig zurückzukehren, um sich dort zu habilitieren. Bereits im Mai 1839 setzt er dies in die Tat um. Dabei wollte er sich "durch ein größeres selbständiges Werk Entree in die literarische Welt zu verschaffen" versuchen. Das Ergebnis dieser Anstrengungen waren die zwei Bücher Metaphysik (1841) und Allgemeine Pathologie (1842). Zugleich hat sich Lotze sowohl an der Medizinischen wie an der Philosophischen Fakultät habilitiert. In seiner Habilitationsschrift De summis continuorum formulierte Lotze vier Thesen: 1. Die Methode Euklids ist eine adäquate Erfassung des Gegenstands der Geometrie 2. Die Kräftekonzeption der Physik ist von spekulativen Annahmen über die Naturdinge freizuhalten. 3. Es gibt hinsichtlich der vom Menschen hervorgebrachten Gegenstände keinen Fortschritt vom Niederen zum Höheren; vielmehr ist die Differenz zwischen einer Kultur und den Hindernissen, die sich ihr entgegenstellen, über die Zeitalter hinweg eine kon- stante Größe. 4. Die Ästhetik ist als Naturwissenschaft zu behandeln. Das war, knapp umrissen, Lotzes ganzes Forschungsprogramm für die Zukunft.
In allen Arbeiten und in jeder Phase seines Schaffens hat Lotze Fragen der Philosophie sowie der Natur- und Humanwissenschaften aufgeworfen und die verschiedenen Erkenntnisbereiche miteinander zu verbinden gesucht. Mit größeren Abhandlungen trat er zuerst in den Hallischen Jahrbüchern auf. Er versuchte dabei, den Intentionen seiner Dissertation folgend, einer Revolution der medizinischen Denkart den Boden zu bereiten. In der Medizin der Biedermeierzeit dominierten Sammeln, Beschreiben, Benennen, Vergleichen, Klassifizieren und die Spekulation. Erfahrungssucht verband sich mit Theoriefeindlichkeit. Es war aber auch eine Zeit des Umbruchs, des Übergangs vom naturphilosophischen zum naturwissenschaftlichen Zeitalter der Medizin. Lotze kritisierte alle Versuche, "nicht durch wissenschaftliche Erklärung, sondern nur durch Parallelisierung der Begriffe" zu neuen Einsichten gelangen zu wollen. Werde z.B. die Krankheitsentstehung mit dem Begriff der Zeugung parallelisiert, führe das schließlich dazu, jede Wechselwirkung zwischen Körpern als "Zeugung" zu deuten. Kaum einer wie Lotze war sich so im Klaren, dass der die Philosophie und Naturwissenschaft gleichermaßen berührende Wandel des Naturverständnisses zwangsläufig dazu auffordert, die Beziehungen zwischen Theorie, Hypothese und Experiment neu und kritisch zu bedenken. Lotze sah aber auch, dass das Eindringen der naturwissenschaftlichen Denkweise in die Medizin ärztliche Kunst und Erfahrung nicht ausschalten werde. Er forderte, nicht neue Systeme zu entwerfen, sondern mit klar abgegrenzten Hypothesen zu arbeiten, die es erlauben, auch Diagnose und Therapie wissenschaftlich betreiben zu können.
1841 publizierte Lotze die Metaphysik, zwei Jahre später erschien die Logik. Eine erstaunliche Produktivität eines 24 bzw. 26jährigen Mannes, der immerhin zwei Fachgebiete beherrschte, die von alters her höchste Ansprüche an Gelehrsamkeit, Erfahrung und Weite des Blicks stellten. Lotze trat auch selbstbewusst auf, betonte: "Die Aufgabe, ihre metaphysischen Lehren in Einklang mit den Principien der physikalischen Construction und Berechnung zu setzen, ist für jede Philosophie als experimentum crucis anzusehen, an dessen Gelingen sich ihre Wahrheit erkennen lässt". Das ganze Buch ist eine fortlaufende Auseinandersetzung mit der Spätphilosophie Schellings und dem spekulativen Theismus. Der Leitfaden der Untersuchung ist die Frage nach dem "wahrhaft Seienden", nach der "wahren Wirklichkeit". Die Wahrheit wird als die allgemeine formale Möglichkeit alles substantiell Seienden begriffen, die aus sich selbst niemals einen einzelnen Inhalt des Seins hervorzubringen vermag. Ihr ist keine "schaffende Macht" eigen, das "Nochnichtseiende durch sich selbst zum Seienden zu machen, oder den vielfarbigen Schein der Mannigfaltigkeit zusammenzutreiben". Deshalb wendet sich Lotze gegen die nutzlose Verdoppelung der Philosophie in eine negative und in eine positive. Das Verhältnis von Metaphysik und Logik sucht Lotze ohne jeden systematischen Anspruch neu zu bestimmen. Ausgangspunkt seiner Argumentation ist das wahrhaft Wirkliche, d.h. das, was sich in allem Erscheinenden als das Seiende erweist. Dem betrachtenden Geist ist dessen Inhalt nicht so zugänglich, wie er über andere Gegenstände der Erkenntnis verfügt. Er besitzt ihn als "Ahnung", bzw. "wird von ihm besessen wie der Vogel von Melodien". Deshalb könne nur vieldeutig und schwankend von dem "Ewigen", dem "Einen" oder dem "Unendlichen" gesprochen werden. Die Metaphysik hat nicht die Genese der individuellen Denkweise, sondern die Voraussetzungen zu erforschen, die der allgemeine Geist über die Natur des Seienden machen muss, um es überhaupt denken zu können. Jene Voraussetzungen gelten als allgemeine Formen der Verbindungen des Mannigfaltigen und seinen Beziehungen, unabhängig davon, wie sie sprachlich ausgedrückt werden. Die ersten derartigen Formen des Denkens sind "Begriff", "Urteil" und "Schluß". Ohne in diese Formen eingetreten zu sein, kann kein einzelner Inhalt der Empfindung als Gegensand der Erkenntnis gelten. Die Logik beschäftigt sich komplementär dazu aus einer anderen Perspektive mit denselben Formen der Verbindung. Die logischen Formen sagen aber noch nichts über den Grund aus, warum so gebildete Abstrakte die eine oder andere Stellung einnehmen, die logischen Formen erfassen das Seiende vielmehr unter bestimmten metaphysischen Voraussetzungen.
Die Kategorien inhärieren den Dingen nicht, sie sind keinerlei Prädikate derselben. Eines und Vieles, Schein und Materie oder Raum, Zeit, Bewegung sind nicht Gegenstände oder Wesenheiten, die irgendwie existieren; sie erweisen sich als Beziehungsformen, die nur in dem sein können, für das sie sind. Alle unsere Kategorien und der durch sie geformte Gedankengang ergreifen nicht die Natur des objektiven Wesens, sondern erzeugen den Allgemeinbegriff derselben und seine Relationen zu anderen. Die Sinnlichkeit und die Kategorien bilden das System der Gründe, das es ermöglicht, Qualität und Relation an die Dinge zu bringen, wie sie in der Erfahrung als das Gegebene begegnen. Die Kategorien sind allgemeine Formen der Subjektivität, "sie sind zwar objektiv gültig, aber nicht für das, was als Gegenstand, sondern für das, was als Subjekt auftritt". Wissenschaft hat keinen Zutritt ins Innere der Natur, denn sie hat sie nicht geschaffen. Deshalb sollte man auch nicht glauben, "metaphysisch dasjenige deduzieren zu können, was als das einzige konkrete wirkliche Wesen der Dinge in diese ihm um seines Allgemeinbegriffes willen notwendige Formen einzutreten hat". Mithin stehen sich zwei durch ein Netz von Relationen verbundene Welten gegenüber: das Reich der freien Wirklichkeit, wie es Lotze im spätidealistischen Sinnne Schellings und Weißes anerkennt, und das Reich der möglichen Notwendigkeiten bzw. der geltenden Wahrheit.
1843 wurde Lotze zum außerordentlichen Professor der Philosophie an der Universität Leipzig ernannt, ein Jahr später wurde er als Nachfolger von Johann Friedrich Herbart ordentlicher Professor in Göttingen. Lotze hatte viele Zweifel, wie er im in philosophischer Hinsicht konservativen Göttingen aufgenommen werde und befürchtete Angriffe auf seine Person und seine Lehre. Julius Baumann hat geschildert, wie Lotzes Frau zu einer Vorlesung über Psychologie mit ihm im Wagen gefahren ist, "ihm ständig predigend, Mut zu fassen, er werde seine Sache schon können". Lotze hatte sich unterdessen entschieden, das "Doppelwesen" von Medizin und Philosophie aufzugeben und sich auf die philosophische Professur zu beschränken. An Fechner berichtete er über seine Arbeit in Göttingen, hier sei im Grunde für Philosophie "gar nichts zu tun; man scheut sich systematisch, irgendeine Farbenverschiedenheit der Meinungen hier zu dulden oder einzuführen, daher ist die theologische Facultät ganz regungslos, und ich muss wieder die Philosophie fast ausschließlich vor Juristen, Medizinern und Philologen halten". Dennoch blieb er 36 Jahre in Göttingen, entfaltete eine reiche Vorlesungstätigkeit und schrieb hier seine Hauptwerke.
Es erschienen nun auch die ersten Bücher, die sich auf Lotzes Arbeiten stützten. Es sprach sich herum, dass er zu den Philosophen gehörte, "die damals den Naturforschern den denkmethodischen Weg wiesen zur neuen Begründung der Medizin" (so Paul Diepgen in seiner Geschichte der Medizin). Die Physiologen hielten ihn für einen großen Philosophen und die Philosophen für einen großen Physiologen. Besonders grossen Erfolg hatte Lotze mit seinen Artikeln "Leben. Lebenskraft", "Instinct" und "See-le", die er für Wagners "Handwörterbuch der Physiologie" schrieb. Die erste Abhandlung wurde ihrer grundsätzlichen Bedeutung wegen später an den Anfang des Wörterbuches gesetzt. Lotze kritisierte in diesen Artikeln mechanistische wie subjektivistische Verabsolutierungen des Kraftbegriffs und enthüllte die dabei zu beobachtende Verwechslung von Denkvoraussetzung und Realität des Gedachten in anthropomorph geprägten sprachlichen Ausdrücken. Beobachtung und Theorie sind für ihn im Prozess der wissenschaftlichen Tätigkeit notwendig miteinander verbunden. Theorien ohne Beobachtung werden zur leeren Spekulation. Die Beobachtung vermittelt über die menschlichen Sinne die Erscheinungen der Wirklichkeit. Das, was jeweils beobachtet werden kann, ist aber auch abhängig von Theorie. In ausdrücklicher Abkehr vom Organismus-Kon-zept der alten Naturphilosophie verwendet Lotze den Begriff des "Mechanismus" zur physikalischen Fundierung von Biologie und Medizin. Sein Mechanismusverständnis führt aber nicht zum Mechanizismus oder Reduktionismus. Der Mechanismus gehört vielmehr zu den transzendenten Formen der Anschaulichkeit und umfasst in diesem Sinne das System aller mechanischen Vorgänge in den physikalischen, chemischen und organischen Erscheinungen der Natur, was über die bloße Klassifizierung der einzelnen Erscheinungen unter allgemeinere Zusammenhänge hinausgeht. Lotze versteht den Mechanismus als Idealisierung, als erklärende Theorie, als Funktionsprinzip. Er gestattet es, Prozessabläufe als allgemeine Naturgesetzlichkeiten unter Berücksichtigung der jeweils besonderen physiologischen, pathologischen oder psychologischen Bedingungen zu erfassen.
Diese metaphysisch motivierte Vorstellung gestattete es ihm, eine neuartige, physikalisch begründete Auffassung der Grundbegriffe "Gesundheit", "Krankheit" und "Tod" vorzutragen. Ohne eine besondere Lebenskraft zu benötigen, wird erklärt, wie sich der Körper unter verschiedenen äußeren Bedingungen durch seinen Stoffwechsel und viele seiner Funktionen, die für Lotze fortwährende Krisen darstellen, ins Gleichgewicht zu setzen vermag. Krankheit ist eine Form der Auflösung der Organismen, deren Wesen darin besteht, dass die Veränderungen nicht mehr ausgeglichen werden können.
Lotze empfand die einander widerstrebenden Tendenzen im Geist der Zeit schmerzlich und wollte sie miteinander versöhnen. Je mehr sich die naturwissenschaftliche Denkweise durchsetzte, desto deutlicher wurden auch die Grenzen ihres Erfolges sichtbar. Entsprechend ändert sich auch Lotzes Diktus. Kam es in "Leben. Lebenskraft" noch darauf an, "das Recht der mechanistischen Auffassung in der Physiologie zur Anerkennung zu bringen", so galt es bald darauf, auch die Besonderheiten in Betracht zu ziehen, die bei der Anwendung "von physikalischen Mitteln im Lebendigen gemacht" werden. Außer der mechanistischen Erklärung des Organismus galt es nun, die Erscheinungen und Abläufe des körperlichen Lebens als Struktur- und Funktionssysteme zu betrachten, aber auch dem Eigenwert der Phänomene, die nicht in Kausalreihen aufzulösen sind, gerecht zu werden. Auch sollten die Zwecke wieder in das naturwissenschaftliche Systemverständnis eingeordnet werden. Ähnlich wie Kant betrachtete Lotze teleologische Methoden als solche eines heuristisch effektiven Denkstils, die helfen, das Ordnungsgefüge des Lebens zu erschließen, ohne bereits etwas über die Struktur der realen Welt aussagen zu müssen. Er nannte sie "heuristische Maßnahmen für den erfindenden Gedankengang".
Lotze stand der Verwissenschaftlichung der Lehre vom Seelenleben aufgeschlossen und skeptisch zugleich gegenüber. Wissenschaftliche Psychologie beginnt für ihn dann, wenn die intellektuelle Anschauung vom Wesen der Seele in einen formellen Begriff verwandelt wird, der es erlaubt, auch den Mechanismus ihres Verhaltens mit allen übrigen Bestandteilen der Welt zu erklären. Für ihn - und darin besteht das Neue seiner Psychologieauffassung - ist die wesentliche Aufgabe der Psychologie "die Erläuterung des Zustandekommens jeder psychischen Erscheinung aus all ihren Bedingungen". Die Seele begreift Lotze rein innerweltlich als aktives immaterielles Prinzip der Wirkungen, das allein der Erklärung psychologischer Tatsachen zu dienen hat. Er wolle, so schrieb er seinen Kritikern, durch diese Voraussetzung nicht theologische Glaubenssätze an die Stelle von theoretischen Erklärungsprinzipien setzen, sondern tue dies, weil das immanente Bedürfnis der Erklärung der psychischen Erscheinungen sie verlange.
Lotze war nicht entgangen, dass mit dem Mechanismusbegriff die qualitativen Besonderheiten der psychophysischen Wechselwirkungen nicht restlos zu fassen sind. "Man kann nicht angeben, wie es ein materieller Bewegungsreiz, der unsern Körper trifft, anfangen mag, um einen psychischen Zustand zu erzeugen, wohl aber können wir auf eine Beantwortung der Frage hoffen, welche äußern einfachen Reize tatsächlich mit welchen einfachen inneren Zuständen allgemein und gesetzlich verkettet sind, und wie aus der weiteren Zusammensetzung dieser Paare von inneren und äußeren Ereignissen das Ganze der Wechselwirkung zwischen Leib und Seele, d.h. das physiologische Seelenleben entstehe." Lotze hat seinen Ansatz "praktischen Occasionalismus" genannt. Der Verzicht auf den Anspruch, die Wechselwirkung zwischen physiologisch und psychologisch beschreibbaren Grundphänomenen vollständig beschreiben zu wollen, gestattet es, das alte Leib-Seele-Problem wissenschaftlich behandelbar zu machen. Beispiele für den heuristischen Wert der okkasionalistischen Betrachtungsweise sind Lotzes Erklärung der Entstehung der einfachen Sinnesempfindung sowie seine Theorien der Raumwahrnehmung und des Gedächtnisses. Lotze zufolge verschwindet die räumliche Ordnung der die Empfindungen veranlassenden äußeren Objekte im Prozess der Wahrnehmung und der Weiterleitung über die Nerven. Als neue innerliche Raumwelt wird sie von der aktiven Seele wiedererzeugt. Damit innere und äußere Raumwelt einander entsprechen, braucht die Seele gewisse "Merk- oder Lokalzeichen", die sie bestimmten Gesichts- und Tastempfindungen zuzuordnen lernt. Diese Theorie wurde breit rezipiert, stieß allerdings auch auf Kritik. So wunderte sich Dilthey, "dass eine so windige Theorie wie die Lotzes von den Lokalzeichen zu einem Ruhmestitel für ihn bei den Naturforschern und zu einem regelmäßigen Bestandteil der Darstellungen werden konnte".
Allerdings war Dilthey von dem zweiten Band des Mikrokosmos ganz begeistert. Lotze versuchte darin eine "Anthropologie", etwas, was jenseits des Weges der Naturforscher seiner Zeit lag und eine Gedankenwelt erschloss, die der heutigen Kulturanthropologie vergleichbar ist. "Kenntnis des Menschen" heißt für Lotze "vor allem Kenntnis seiner Bestimmung, der Mittel, die ihm zur Erreichung gegeben sind, und der Hindernisse, die ihm entgegenstehen". Der Anthropologie geht es nicht um eine "allgemeine Mechanik des Seelenlebens", sondern um menschliche Bildung. Er kritisierte insbesondere Herders Anthropologie, in der dieser den Sonderstatus des Menschen aus der Ver-bindung von aufrechtem Gang, spezifischer Kopf- bzw. Hirnbildung und dem Freiwerden der Hand ableitete. Lotze betonte dagegen den Werkzeuggebrauch und das Experiment als für den Menschen wesentlich.
Mit dem System der Philosophie versuchte Lotze eine eigenständige Systembildung. Allerdings rückte er vom Systemdenken des neuzeitlichen Rationalismus ab und war bestrebt, das erfahrungswissenschaftliche Tatsachen- und Methodenverständnis in die theoretische Philosophie zu integrieren und die Lehre Kants vom Primat der praktischen Vernunft gegenüber der theoretischen Vernunft zu erneuern. Zudem hatte er eingesehen, dass er seine Philosophie nicht mehr wie 1840 mit der Logik, sondern mit der Metaphysik zu beginnen habe. Dabei hatte Lotze - und das ist für den Übergang von der traditionellen zur modernen Logik charakteristisch - den Grundsatz Herbarts akzeptiert, streng zwischen der psychologischen Entstehung des Logischen und seiner Gültigkeit zu unterscheiden. Lotze schwebte eine teleologische Durchforschung des Systems der geistigen Tätigkeiten vor, die nachweisen könnte, "dass die logischen Formen allerdings aus dem Wesen des subjektiven Geistes hervorgehen, aber nicht als ein Ergebnis schlechterdings vorhandener Seelenkräfte, sondern als Erzeugnis, eine Tat, deren Notwendigkeit darin liegt, dass nur durch sie der Geist ... seine wahre Bestimmung erreichen kann". Er ist überzeugt, dass Denken und Sein füreinander gemacht sind, dass es aber nicht selbstverständlich ist, dass unser Denken in seinen Folgerungen letztendlich mit dem Fortgang der Erscheinungen, von denen es anfangs doch immer nur mannigfache Wahrnehmungen hat, zusammentrifft und dass eins zum anderen passt. Gegen einen erneuten Dualismus von logischen und realen Formen entwarf Lotze in kritischer Distanz zu Hegel und den Spätidealisten Grundzüge einer neuen Ontologie. Er warf dem Idealismus vor, dieser wolle nicht anerkennen, dass die Mannigfaltigkeit in Raum und Zeit zerstreuter, aufeinander folgender und sich durchkreuzender Erscheinungen, mithin der Lauf der Dinge die wahre Wirklichkeit bilden und das Erste darstellen, das unserer Anschauung und Kenntnis gegeben ist. Die Ideenwelt ist "ein System von Abstraktionen oder Denkbildern, welche Wirklichkeit nur haben, sofern sie als die eigene Verfahrensweise der Dinge angesehen werden, die aber in keiner Weise zu dem Lauf der Dinge als ein Prius in Gegensatz gestellt werden" dürfen. Die einzig uns gegebene wahre Wirklichkeit ist der räumlich-zeitliche Wechsel der Erscheinungen, zu dem "der geschichtliche Verlauf der Dinge unabtrennbar mitgehört." Eine Wirklichkeit, die sich von den Seinsgebieten des Physischen und Psychischen fundamental unterscheidet, wird über den Grundbegriff des Geltens erschlossen und ist ein Produkt der spezifischen Leistung des Denkens. Auf keinen Fall sollte die Metaphysik jene Versuche wiederholen, durch deren Scheitern ihr Ansehen immer mehr gesunken war. Es ist nicht ihre Aufgabe, "die speziellen Gesetze aufzustellen, nach denen sich in seinen verschiedenen Richtungen der Lauf der Dinge tatsächlich bewegt hat". Vielmehr wollte Lotze Philosophie und Naturwissenschaft als komplementäre Bestandteile ein und desselben Forschungsprozesses entfalten.
Lotze starb am 1. Juli 1881 in Folge eines Herzleidens, an dem er schon längere Zeit litt, und eines dazu getretenen Lungenleidens. Seine Philosophie und die in ihnen vertretenen Auffassungen und Denkmodelle hatten eine eminente heuristische Wirkung. Es gibt kaum einen bedeutenden Denker im späten 19. und im frühen 20. Jahrhundert, der nicht von seinem Denken beeinflusst worden wäre.
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Mit Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man
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