| Philosophie |
Harald
Wasser:Seit der Systemtheoretiker Niklas Luhmann 1998 kurz vor der Vollendung seines 71. Lebensjahres viel zu früh verstorben ist, kann man zunehmend den Eindruck gewinnen, dass sich eine spezielle Art von »Luhmann-Philologie« entwickelt. Diese hat sich offenbar der Aufgabe verschrieben, jedes noch so zweifelhafte Wort des »Meisters« so lange und mit allem verfügbaren Scharfsinn zu drehen und zu wenden, bis der Leser ermattet aufgibt und endlich bereit ist einzusehen, dass Luhmann wieder einmal Recht gehabt hat. Natürlich ist das nichts Neues. Das machen Kantianer, Hegelianer, Heideggerianer, Habermasianer oder Parsonianer schließlich schon immer so. Wahrscheinlich ist das der verschleierte Hauptsinn der »ianer-Endung«. Dabei könnten der Systemtheorie ein paar häretische Bemerkungen mit Sicherheit nur gut tun. Und Anlässe dafür gäbe es genug, auch bei Luhmannianern.
Nehmen wir z.B. eine der letzten großen Innovationen Luhmanns: die Entwicklung einer neuen Medientheorie. Diese, so hat er stets betont, fußt angeblich auf einem Aufsatz des Sozialpsychologen
Fritz
Heider aus dem Jahre 1927. Vergleicht man aber Luhmanns Medientheorie mit dem, was Heider niedergeschrieben hat, kommt man um ein wenig Verwunderung wohl kaum umhin. Denn Heiders Artikel hat kaum eine einzige nennenswerte Gemeinsamkeit mit der Theorie Luhmanns. Unvereinbare Differenzen lassen sich hingegen in reicher Zahl auffinden. Da fragt man sich also: Hatte Luhmann etwas zu verbergen?
Die Verwunderung über diesen seltsamen Sachverhalt wird kaum abnehmen, wenn man sich Untersuchungen wie die von
Jörg
Brauns anschaut, der gezeigt hat, dass es in Luhmanns Medientheorie erheblich mehr Berührungspunkte mit der philosophischen Tradition gibt als mit Heider. Aber Philosophen werden von Luhmann als Lieferanten nicht erwähnt. Was steckt dahinter? Wieso nennt Luhmann einen Sozialpsychologen, zu dessen Theorie die seine geradezu im Widerspruch steht, als Quelle, während er offensichtliche Anleihen aus der Philosophie zu vertuschen sucht?
Fragen dieser Art liegen also auf der Hand. Statt sie zu stellen, wird in aller Regel aber Quellenexegese betrieben: Ausgehend von der Prämisse, dass das Vorgehen des »Meisterdenkers« per se zutreffend sein müsse, studiert man eingehend die von ihm benannten Theoriequellen - teils, um herauszufinden, wo die behaupteten Importe denn bitte zu finden sein könnten, teils, weil man davon meint ausgehen zu können, dass sich bei den »Exporteuren« noch sehr viel mehr finden lassen sollte, was eines Imports wert sein könnte. Diese Art von Philologie erzeugt dann selbstläufig den gewünschten Effekt: Die nicht zu hinterfragende Prämisse erzeugt nach der Regel sich selbst erfüllender Prophezeiungen enorme hermeneutische Anstrengungen – und diese dann den Nachweis der Richtigkeit der »zu beweisenden« Behauptung. Man sollte nicht vergessen, dass Luhmann Jurist war und derartige Selbstverstärkungseffekte aus der sogenannten »juristischen Hermeneutik« kannte, die im Recht die Aufgabe übernimmt, nachträglich rechtfertigen zu müssen, was bereits (richterlich) entschieden wurde.
Statt Luhmann wenigstens hier oder dort ernsthaft zu hinterfragen, versucht der eine oder andere Systemtheoretiker also lieber, von vornherein dem Stellen der Frage nach der Rechtmäßigkeit von Luhmanns Selbstauslegungen mit kasuistischen Höchstleistungen zuvorzukommen, etwa mit Formulierungen wie derjenigen, wonach Niklas Luhmann Fritz Heider »bis zur Unkenntlichkeit filetiert« habe (P. Fuchs). Warum so umständlich? fragt man sich da. Warum geht der schlichte Satz so schwer über die Lippen, dass Luhmann - entgegen eigener Darstellung - seine Medientheorie nicht an Heider angelehnt hat? Muss denn Luhmann immer Recht behalten? Und warum stellt niemand die viel spannendere Frage, warum denn Luhmann derart Ungereimtes überhaupt behauptet hat?
Bei dem Versuch aber, auf diese Fragen eine Antwort zu finden, fällt zunächst auf, dass Luhmann »Wiederholungstäter« war. Er hat uns nicht nur »im Fall Heider« an der Nase herumgeführt. Beispielsweise nennt er den Logiker Spencer Brown als Ahnherren seiner Beobachtungstheorie. Dabei hat Luhmann mit seiner - gelinde gesagt - kreativen Lesart (so Boris Hennig) nicht gerade viel von ihm übernommen: Gerade einmal die Vorstellung (samt Terminologie), dass man - spöttisch ausgedrückt - eine Unterscheidung machen muss, um eine Unterscheidung machen zu können, und dass eine Unterscheidung immer von etwas anderem unterschieden sein muss, weil es ja sonst keine Unterscheidung wäre. Zugegeben, das mag zugespitzt formuliert sein, aber die Zahl tatsächlicher Gemeinsamkeiten wird auch in diesem Fall von unkommentierten Abweichungen bei weitem übertroffen. Und unterscheidungslogisch hätte sicherlich Hegel sehr viel näher gelegen, von dem Luhmann sich interessanter Weise desto mehr abzusetzen suchte als unübersehbar eine ansehnliche Geistesverwandtschaft bestand. (Vgl. L. Ellrich, G. Gamm, T. Collmer und A. Schubert.)
Nicht viel besser sieht es mit dem Kulturanthropologen Gregory
Bateson aus. Luhmann zieht ihn für seine Beobachtungslogik heran. Danach ist eine Information ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Auch hier kommen noch ein paar Dinge hinzu, die in der Tat nicht ohne Bedeutung sein mögen. Aber ob sie es rechtfertigen, Bateson als »sehr bedeutend« für Luhmann einzustufen und dessen Werke nunmehr ausführlich aus systemtheoretischer Sicht zu würdigen?
Noch dürftiger sieht es aber mit Gotthard Günthers operativer Logik aus. Günther, dessen Logik angeblich geradezu den Prototyp einer systemtheoretischen Logik bilden können soll, wird bei Luhmann faktisch zur reinen Verlegenheitsfußnote. Weil die Systemtheorie sich nicht mit üblichen, sogenannten zweiwertigen Logiken verträgt, muss Günther herhalten, der sich seinerseits an Hegel orientiert hat. Schließlich benötigt man eine Antwort für Neugierige, die ernsthaft fragen könnten, welche Art von Logik zur Systemtheorie denn wohl passen könnte.
Das alles aber kann den wahren Luhmannphilologen nicht ernsthaft stören. Ob Heider, Spencer Brown, Bateson oder Günther, alles wird mit Sorgfalt nachgelesen, um dank ausreichender Interpretationskünste als kongenial bestätigt werden zu können. Da stehen die Systemtheoretiker den Hermeneutikern nicht gerne in was nach. Im Notfall bezeichnet man die nur für den »wahren Kenner« wahrnehmbare Übereinstimmung eben als unkenntlich. Das kann schon mal passieren, wenn man, wie Luhmann, eine Theorie anständig filetiert, um sie bekömmlicher zu gestalten. Der Rückschluss lautet: Wer’s nicht erkennt, ist eben kein Kenner.
Weitaus erfreulicher, weil erheblich ergiebiger erscheinen da zwei weitere Fälle von »Theorieimport«. Fall eins betrifft den
Neokybernetiker
Heinz von
Foerster, Fall zwei Humberto R.
Maturana, den Erfinder der Theorie autopoietischer Systeme. Zwar hat Luhmann bei näherem Hinsehen auch nicht übermäßig viel von Heinz von Foerster übernommen, aber immerhin verstehen sich beide Denkschulen exzellent auf cross-promotion. So richtig erfreulich sieht es dann mit Maturana aus. Luhmann orientiert sich deutlich an dem chilenischen Biologen, was sich paradoxer Weise eben darin zeigt, dass beiden Theorien in einem erheblichen Spannungsverhältnis zueinander stehen - und das hat Luhmann nicht einmal zu verschleiern gesucht. Wo die Geistesverwandtschaft mehr als bloßer Schein ist, nimmt die gesunde Distanz und mit ihr der unverhohlene Disput offenbar zu.
Nur: Jetzt wissen wir dass, aber immer noch nicht, warum Luhmann uns in so vielen Fällen an der Nase herumgeführt hat. Was liegt näher als die Frage zu stellen: Was haben Günther, Spencer Brown, Bateson, Heinz von Foerster, Maturana und Heider gemeinsam, dass sie als Theorielieferanten herhalten müssen, obwohl sie dergleichen in aller Regel nicht in nennenswertem Umfang sind und auch niemals waren? Die Antwort: Sie müssen in unterschiedlichem Ausmaß dafür herhalten, wenn es darum geht, »Löcher«, die sich in der Theorie auftun, zu verstecken: eine vakante Logik, eine unzureichende Epistemologie der Beobachtung sowie eine defizitäre Medientheorie. Aber es werden noch zwei weitere Gründe erkennbar: Zum einen haben alle diese Denker die traditionellen Pfade ihrer Wissenschaft verlassen. Zum anderen war keiner von ihnen war im strengen Sinne Philosoph. Diese letzte Auskunft ist brisant, weil Luhmann sich in vielen Fällen unverkennbar und sehr direkt an bedeutenden Philosophen orientiert hat, aber nur in wenigen Ausnahmefällen Philosophen als Quellen seiner Ideen benennt. Außer Husserl strenggenommen niemanden. Verständlich wird des Rätsels Lösung auch, wenn man beachtet, dass die Bezüge zu Hegel kaum überschätzt werden können - aber Luhmanns Äußerungen zu diesem Deutschen Idealisten nahezu ausnahmslos Trennendes evozieren sollen. Wenn schon Deutscher Idealismus, dann lässt er lieber immer mal wieder den Namen seines persönlichen Favoriten fallen: Novalis. Der ist in der Tat unverdächtiger, gerade für die Philosophie, die Novalis selten eine große Bedeutung zumisst. Allesamt Indizien dafür, dass Luhmanns Versuch, explizite Bezüge auf Philosophen zu meiden, Teil einer Immunisierungsstrategie sein könnte. Aber dann stellt sich die weitere Frage: Wogegen immunisieren und warum?
Zwei »Wogegens« lassen sich sofort erahnen: Einerseits kann man auf diese Weise elegant dem Vorwurf entgehen, man forsche nicht empirisch-soziologisch, sondern »nur« philosophisch. Weit gewichtiger dürfte aber ein Zweites sein: Nämlich der unübersehbare Wunsch Luhmanns, möglichst unbehelligt vom »Fluch philosophischer Traditionen« neue Wege beschreiten zu können. Es ist bekanntlich nicht leicht, Philosophen zum Schweigen zu bringen. Die größten Aussichten dazu dürfte man aber in der Tat haben, wenn es gelingt, den Eindruck zu erwecken, man habe nicht vor, ihre Kreise zu stören. Warum aber diese Sorge, mit der Philosophie in engeren Kontakt zu treten?
Luhmann ist es in der Tat gerade in seinem Spätwerk gelungen, die ausgetrampeltsten Pfade der soziologischen, aber auch der philosophischen Tradition zu verlassen. Soziologisch trennt er sich von den auf Handlungen und Werten basierenden Ansätzen Webers und Parsons. Philosophisch verlässt er die Linie von Kant über Hegel zu Husserl. Denn bei aller bereits angedeuteten Verwandtschaft zu Husserl und Hegel: Er übernimmt weder den transzendentalphilosophischen Ansatz Kants, noch überhaupt irgendwelche in dessen Gefolge entstandenen subjektivitätsphilosophischen Positionen.
Mit der Tradition gebrochen zu haben, das gilt vor allem für die Subjektphilosophie mitsamt ihrer gängigsten Alternativen, vor allem der Ontologie und der Substanzmetaphysik. Eine neue Alternative zu Subjektphilosophie hervorgebracht zu haben, ist unabhängig von allem Für und Wider eine äußerst eindrucksvolle Leistung. Wer wollte das bestreiten?
Um dies leisten zu können, musste Luhmann jahrzehnte lang gegen eines der größten »obstacle épistémologique« angehen, nämlich: die Sprache. Denn die Sprache des Alltags ist nicht nur seit Jahrhunderten die Sprache der Subjektphilosophie, sondern zugleich die Sprache der meisten Wissenschaften und eben auch die der Soziologie. Wer sich gegen sie auflehnen möchte, steht auf verlorenem Posten. So gesehen spreizt sich schon rein sprachlich jede wissenschaftliche Prosa gegen Systemtheorie. Die unhintergehbare Bedeutung der Subjektphilosophie spiegelt sich nicht nur in der Wissenschaft, in der Subjekte Objekte erforschen, sondern auch im Recht (Rechtssubjekt), der Wirtschaft (Konsument/Produkt), der Politik (Wähler/Partei) bis in die Kunst (Genie/Werk). Luhmann hat dem entgegen zu steuern versucht, indem er einen systemtheoretischen Jargon einführte, der seiner Theorie ein gewisses »Branding«, ein Merkmal ihrer Differenz verpasste. Er hätte gerne Latein als Sprache der Wissenschaft behalten, lautet einer seiner Aperçus. Doch wird das Lateinische bekanntlich von der Substanzmetaphysik dominiert. Auch keine Alternative also.
So liegt denn die Vermutung nahe, dass uns nichts anderes übrig bleiben wird, als weiterhin dem Kampf gegen Windmühlen zuzuschauen und voller Vertrauen auf jene »Luhmannianer« zu blicken, die sich redlich die Mühe machen, den Schutz der bedrohten Gattung »Systemtheorie« philologisch zu kultivieren. Und wir werden weiter das Vergnügen haben, ermattet aufzugeben. Soll halt Luhmann immer Recht behalten.
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Autor [Stand der Information: 01/09/2005]
Harald Wasser ist promovierter Philosoph und arbeitet im Hörfunk des Westdeutschen Rundfunks in Köln. Publikationen: Harald Wasser: Sinn - Erfahrung - Subjektivität, EUR 18,00 |
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