| Unternehmer-Philosophie |
Herr Grün, im vergangenen Wintersemester haben Sie erstmals am Institut für Philosophie eine Lehrveranstaltung durchgeführt mit dem Titel "Philosophie für Manager". War die Veranstaltung nicht für Studierende gedacht?
Selbstverständlich sollten sich auch Studierende an diesem Kurs beteiligen, und sie haben das ja auch getan. Aber Studierende braucht man nicht eigens zu einem Proseminar einzuladen, sie kommen sowieso, wenn sie von einer für sie interessanten Lehrveranstaltung im Vorlesungsverzeichnis lesen. Manager dagegen muss man einladen.
Was können Manager in einem philosophischen Seminar lernen?
Zuerst wollte ich selbst etwas von den Managern lernen. Das war eines der Ziele dieser nicht ganz gewöhnlichen Lehrveranstaltung. Ich wollte zunächst lernen - und dieser Prozess ist längst nicht abgeschlossen -, wie man Philosophie präsentieren muss, damit Manager geistige Arbeit auf sich nehmen und trotzdem ihr Interesse an diesem Fach nicht verlieren. Darüber hinaus wollte ich Studierende der Philosophie mit Menschen in einen philosophischen Diskurs bringen, die möglicherweise ihre künftigen Arbeitgeber sind. Wie sich gezeigt hat, waren da von Anfang an eine ganze Menge Vorurteile abzubauen.
Glauben Sie wirklich, dass im Management Philosophen eine Anstellung finden werden?
Nun, das ist keine Frage des Glaubens. Tatsache ist, dass gerade in der Frankfurter Bankenwelt vermehrt Geisteswissenschaftler gefragt sind. Freilich darf man hier keine Wunder erwarten. Ich habe noch ein näher liegendes Ziel im Auge: Das Image, das Philosophen häufig in der Öffentlichkeit besitzen, könnte besser sein. Sie gelten oft als nutzlose Träumer oder Schwätzer, als Menschen, die zwar viel wissen, aber nicht gelernt haben, Nägel mit Köpfen zu machen. Das in der Öffentlichkeit verbreitete Bild über "weltfremde" Philosophen korrespondiert paradoxerweise mit einem wachsenden Bedürfnis nach philosophischer Erklärung unserer Welt. Auch weil Universitätsphilosophen meiner Meinung nach bisher zu unflexibel auf diese Nachfrage reagiert haben, habe ich mich entschlossen, das Experiment in einer Lehrveranstaltung "Philosophie für Manager" zu starten. Die Anerkennung, die die Veranstaltung in der Öffentlichkeit er- fahren hat, weist darauf hin, dass der Weg nicht in die falsche Richtung führt.
Unter "Philosophie für Manager" stellte ich mir auch das vor, was derzeit smarte Aktivisten für horrende Summen als Motivationstraining vielerorts anbieten. Möchten Sie Ihre Lehrveranstaltung damit vergleichen?
Nicht im Geringsten. Natürlich ist es üblich, den Namen "Philosophie" für vieles in unzulässiger Weise zu missbrauchen. Auch Buchtitel zum Thema "Philosophie für Manager" wollen oft Philosophie verwenden, um die Leistungsfähigkeit der Manager und Managerinnen zu steigern. Ich glaube dagegen, dass Philosophie durchaus Interessanteres zu bieten hat als Methoden zu trainieren, damit der Mensch - im Besonderen der Manager - im Beruf besser funktioniert, nur liegt deren kurzfristiger Vorteil nicht offen auf der Hand.
Dann möchte ich doch noch einmal die Frage von vorhin stellen: Was lernen Manager in Ihrem Seminar?
Sie lernen nicht, wie sie schöner, reicher oder gar moralischer werden. Aber sie erfahren etwas Wesentliches über sich als Menschen.
Zum Beispiel?
Dass der Mensch nicht nur Kunde, sondern auch Mensch ist. Philosophie kann zu diesem Thema einiges mitteilen. Allerdings steht nicht immer der Mensch im Zentrum für Philosophie. Es gibt Epochen, in denen sich die Philosophie hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt hat. Man muss sich konzentrieren auf solche Autoren, die etwas über die unveränderliche Natur des Menschen, seine Nöte, seine Ängste und seine Freuden herausgefunden haben. Hier braucht ein Philosophie-Dozent nicht selbst zu sprechen, sondern es spricht die Tradition der Philosophie. Man muss sie nur lebendig werden lassen.
Auf welche Themen konzentrieren Sie sich?
Die Frage, was oder wer der Mensch sei, ist die klassische Frage der Aufklärung. Wenn ich etwas über den Menschen erfahren will, genügt es nicht, seine Anatomie zu studieren. Schon die Epen von Homer teilen wesentlicheres über die Natur des Menschen mit, als es ein Physiologe im Rahmen seiner Wissenschaft wahrscheinlich jemals wird erfassen können. Im Besonderen ist dies die Furcht vor den Göttern, vor den Naturmächten, vor dem Unberechenbaren, vor dem Tod: das Ringen um Macht, Ruhm, Freiheit und Glück. Die philosophische Aufklärung ist zuletzt zu dieser Einsicht gekommen, dass die Entzauberung der Welt in den durchrationalisierten Formen unserer Kultur auch wieder in der Bewältigung der Furcht gründet. Naturbeherrschung durch Wissenschaft und Technik sowie Machtgebärden einer ökonomischen und politischen Elite dienen nach wie vor der Kompensation von Furcht. Im europäischen Raum hat die christliche Religion die Lebensängste der Menschen einst am wirkungsvollsten zu überwinden verstanden, indem sie auf eine andere als die physische Wirklichkeit hingewiesen hat. In der durchrationalisierten modernen Lebenswelt verliert diese Religion aber mehr und mehr an Überzeugungskraft und an Bedeutung. Philosophie kann, ohne dass sie sich als Ersatz für verlorene Religion verstehen muss, eine ähnliche Distanz zum vorherrschenden Weltbild bewirken.
Wie kann sie das erreichen?
Man braucht sich nur die Grundgedanken der Erkenntniskritik Immanuel Kants zu vergegenwärtigen. Der Königsberger Aufklärer hatte ja gezeigt, dass Raum, Zeit, Kausalität und der Gesetzescharakter der physischen Welt aus unserem Erkenntnisvermögen stammen und nicht aus der an sich seienden Welt. Wenn unser Denken also nicht nur passiv bleibt beim Erkennen der Welt, sondern erst im Erkenntnisvorgang wesentliche Bestandteile aktiv synthetisiert, dann kann kein Weltbild den Anspruch erheben, absolut wahr zu sein. Wer sich auf diesen Gedanken einlässt, gewinnt automatisch Distanz zum jeweils herrschenden Weltbild. Er wird niemals glauben, einen anderen mit Gewalt zur Einsicht in die alleinige Gültigkeit des von ihm für wahr Gehaltenen zwingen zu müssen. Stattdessen wird ihm ein anderes Weltbild eine Herausforderung zur Toleranz sein. Es ist kaum zu glauben, dass innerhalb von zweihundert Jahren außer ein paar Philosophieprofessoren kaum jemand aufmerksam geworden ist auf diese Konsequenzen der Aufklärungsphilosophie. Der Erfindungsreichtum und der Ansporn zur Kreativität, die mit dieser Denkhaltung verbunden sind, dürften genügend Anlass für Führungskräfte sein, die Philosophie der Aufklärung auf sich wirken zu lassen.
Ist Philosophie für Manager wesentlich Aufklärungsphilosophie?
Ich denke, hier ist zunächst ein Anfang gemacht. Mir scheint es sinnvoll, das eigene Wissen zurückzustellen hinter die Tradition der philosophischen Aufklärung, in welcher der moderne Mensch etwas über Grenzen und Fähigkeiten seines Daseins erfährt.
Dieses Wissen geht doch wohl nicht nur Manager etwas an, oder?
Selbstverständlich betrifft es alle Menschen, in denen der Wunsch nach Selbsterkenntnis auftritt. Es geht nicht darum, auszugrenzen. Ich habe vorhin betont, dass auch die Philosophie etwas aus dem Dialog mit Managern mitnehmen soll. Ich meine damit ihre Professionalität. Manager sind im Grunde auf Erfolg gestimmt. Viele von ihnen suchen freilich in der Philosophie wiederum nur die Kompensation der Unzufriedenheit mit diesem Erfolgsdruck. Man muss nicht gleich den Erfolgsdruck vom Management auf die Philosophie übertragen wollen, um zu sehen, dass hier eine gegenseitige Bereicherung stattfinden kann, wenn man anfängliche Berührungsängste erst einmal überwunden hat.
Philosophie für Manager betrachten Sie demnach als einen wechselseitigen Austausch zwischen Philosophen und Managern, wobei Manager "philosophischer" werden und Philosophen "weltlicher"?
Ja, so könnte man das vorläufig formulieren. Für die künftigen Lehrveranstaltungen zu diesem Thema werde ich wahrscheinlich den Titel "Philosphieren mit Führungskräften" wählen. Er bezeichnet den Sachverhalt genauer als der plakative und verbrauchte Ausdruck "Philosophie für Manager".
AutorMit Klaus-Jürgen Grün sprach Michael Kühnlein. Erstveröffentlichung im "Uni-Report", der Zeitschrift der Universität Frankfurt.
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