Tagung "300 Jahre Maupertius" 1998

Hartmut Hecht:

Maupertuis: ein vergessener Aufklärer

Vom 28. bis 30. September 1998 fand aus Anlaß des 300. Geburtstags des französischen Aufklärers und Präsidenten der Académie Royale des Sciences et Belles-Lettres zur Zeit Friedrichs II., Pierre Louis Moreau de Maupertuis, an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eine internationale wissenschaftliche Tagung statt. Sie wurde von der Leibniz-Edition der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Französischen Zentrum für Sozialwissenschaften "Marc Bloch", dem Frankreich-Zentrum der Technischen Universität Berlin sowie der Deutschen Gesellschaft für französischsprachige Philosophie e. V. ausgerichtet und durch die Fritz Thyssen Stiftung gefördert. Obwohl für einen engeren Kreis von Physikern, Wissenschaftshistorikern und Philosophen, von Spezialisten der Aufklärungsforschung, von Editoren und Archivaren konzipiert, fand der Gedanke einer wissenschaftlichen Veranstaltung, die erstmals an der der Berliner Akademie ihrem Präsidenten Maupertuis gewidmet sein sollte, eine unerwartet starke internationale Resonanz, die sich in der Beteiligung von Wissenschaftlern aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Kanadas und weiterer Interessenten, die vor allem aus Zeitgründen nicht berücksichtigt werden konnten, niederschlug. Für die hohe Wertschätzung der Tagung in der Öffentlichkeit spricht zudem, daß der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Steffen Reiche, die Schirmherrschaft übernommen hatte und der Leiter der Außenstelle Berlin der französischen Botschaft, Gérard Pruvost, sich auf der Eröffnungssitzung mit einem Grußwort an die Teilnehmer wandte.

Die Veranstaltung selbst war als Arbeitstagung konzipiert, die vor allem auch von der Diskussion profitieren wollte. Es wurden 22 Vorträge gehalten, die am ersten Tag die verschiedenen Facetten des Werkes Maupertuis’ sowie dessen Wirkungen thematisierten. Der zweite Tag war dem in der Literatur weniger beachteten Philosophen Maupertuis gewidmet und am Abschlußtag stand mit dem berühmten Aktionsprinzip Maupertuis’ wissenschaftshistorisch bekannteste und wirkungsgeschichtlich bedeutsamste Leistung zur Diskussion.

Hinsichtlich der Resultate kann zusammenfassend festgestellt werden, daß die Tagung (1) eine Forschungsbilanz ziehen konnte und (2) gestützt auf neue Quellenstudien sowie deren systematische Interpretation Einsichten formulierte, aus denen die verschiedenen Wirkungssphären Maupertuis’ umfassender und detaillierter als bisher darstellbar werden. Dies betrifft seine unorthodoxen und der Zeit nicht selten vorausgreifenden Ideen ebenso wie seine signifikanten Fehlleistungen, die durch die Projektion auf die fundamentalen geistigen Umschichtungsprozesse im Zeitalter der Aufklärung das Gesamtbild Maupertuis’ und des Elans seiner Epoche zu bereichern vermochten. Die Ergebnisse sind insbesondere von Bedeutung für die wissenschaftsmethodologische Forschung und die Philosophie- und Wissenschaftshistoriographie aber auch für die Akademiegeschichtsschreibung und das Verständnis der modernen Wissenschaftsentwicklung, vor allem der Physik.

So konnte, um nur auf eines der signifikanten Ergebnisse zu verweisen, bereits der zweite Vortrag mit einer neuen Sicht der Akademiereform zur Zeit Friedrichs II. aufwarten. Conrad Grau, langjähriger Leiter der Forschungsstelle für Akademiegeschichte, demonstrierte, daß es schon vor der Thronbesteigung des Preußischen Königs innerakademische Reformbestrebungen gab, deren sichtbarster Ausdruck die Gründung der Société Litteraire wurde, in der sich bereits die Konturen der Académie Royale des Sciences et Belles-Lettres abzeichneten. Die Überbetonung der Leistungen Friedrichs II., Eulers und Maupertuis’ führte er auf Langzeitwirkungen des von der Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts propagierten Preußenbildes zurück, das anhand der Quellen, die für eine relativ eigenständige Akademieentwicklung sprächen, zu korrigieren sei.

Der Grundtenor vieler, sich um Metaphysik und Naturphilosophie rankenden Debatten der Tagung bestand darin, ein Verständnis der geistigen Verschiebungen im 18. Jahrhundert nicht primär unter dem Aspekt der Überwindung der Metaphysik zu gewinnen, sondern als deren Transformation, d.h. der Aufhebung der grundlegenden metaphysischen Fragestellungen und Probleme. Die diesbezüglichen Diskussionen fanden eine gewisse Zuspitzung in dem, was man traditionell den physikotheologischen Gottesbeweis nennt. Jean Ferrari hatte diesen zum Gegenstand seiner Untersuchung des Verhältnisses Kant-Maupertuis gemacht. In einem lebhaften Gedankenaustausch konnte anhand des brieflichen Nachlasses demonstriert werden, mit welchen Argumenten Maupertuis selbst sich von einer solchen Sicht seiner philosophischen Leistungen distanzierte. Daß daraus auch Konsequenzen für das Verständnis des vorkritischen Kant resultieren, darf als sicher gelten, und ist als eine der Folgen der Tagung für die Philosophiegeschichtsschreibung anzusehen.

Besondere Erwähnung verdient der Abschlußtag, der mit den Vorträgen von Matthias Schramm, David Speiser-Bär, Herbert Breger und Ursula Goldenbaum hinsichtlich der Authentizität und Bedeutung des viel zitierten Leibniz-Briefs zum Aktionsprinzip an Jakob Hermann eine bereits Jahrhunderte andauernden Diskussion resümierte und diesbezüglich eine neue Forschungssituation schuf. Wobei insbesondere Heinz Lübbig in seinem Beitrag über das Wirkungsprinzip und Feynmans Wegintegral der Quantenphase deutlich machte, daß historische Debatten dieser Art keineswegs bloß von akademischer Bedeutung sind, betreffen sie doch Grundfragen auch der modernen Physikentwicklung.

Die Tagungsmaterialien sollen veröffentlicht werden.

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken