Beruf

Eckard Wolz-Gottwald:

Mediation - Ein neues Feld philosophischer Praxis

In den 70er Jahren entstand in den USA unter dem Namen mediation eine professionelle Methode außergerichtlicher Konfliktregelung. Unter der Bezeichnung "Mediation" beginnt dieser Weg, der Konfliktparteien neue Möglichkeiten einer kreativen Kommunikation erschließt, in den letzten fünf Jahren auch im deutschsprachigen Raum an Bedeutung zu gewinnen. Mediation wird dabei zunächst in erster Linie von Berufsgruppen praktiziert, die von vorneherein mit in Konflikten stehenden Menschen zu tun haben: Psychologen, Sozialarbeiter, Juristen. Hier liegt jedoch auch die Chance eines neuen Berufsfeldes für den philosophischen Praktiker. Dieser hat hier die Möglichkeit, konkrete Wege der Vermittlung in der Praxis zu fördern. Er kann sich seines Ursprunges als "Freund der Weisheit" erinnern, wenn Weisheit genau den Raum eröffnet, in dem sich destruktive Konflikte in konstruktive Auseinandersetzung zu wandeln vermögen. Mediation als gelebte Philosophie in freier Praxis spricht ein spezifisches Klientel an, das an genau dieser Form einer an der abendländischen Weisheitstradition orientierten Konfliktvermittlung interessiert ist.

Mediation als Praxis der Lebensbewältigung schließt an die Ursprünge abendländischen Philosophierens bei den Griechen an. Mit diesen Ursprüngen ist jedoch auch an die Neuentdeckung einer Philosophie als Lebensform oder als philosophischer Praxis vor 20 Jahren angeknüpft. Im Unterschied zu diesen innerphilosophischen Bewegungen ist Mediation von ihrem Ansatz her jedoch interdisziplinär ausgerichtet. Juristische und psychologische Fragestellungen spielen eine wesentliche Rolle. Inwieweit der Mediator dabei in Konkurrenz zu Beratern, Psychologen oder Anwälten steht, oder eine konstruktive Zusammenarbeit sich ergibt, dies wird erst die Zukunft zeigen. Die Vielschichtigkeit der konkreten Konflikte scheint die letztere Möglichkeit als durchaus sinnvoll erscheinen.

Mediation ist prinzipiell in allen Bereichen anwendbar, in welchen Konflikte auftreten, von der Wirtschafts- und Arbeitswelt, über Umweltmediation, Schulmediation, Nachbarschaftsmediation bis zum Täter-Opfer-Ausgleich. Bei weitem am meisten Bedeutung erlangte Mediation jedoch bei Familienkonflikten insbesondere bei Trennung und Scheidung. Das Bedürfnis nach Erweiterung des herkömmlichen Spektrums der Konfliktlösung ist hier groß. Gerade Trennungs- und Scheidungskonflikte nahmen in den letzten Jahren besonders stark zu. Dementsprechend sind auch die Familiengerichte überlastet. Und nicht zuletzt erweisen sich Verständigungslösungen oft finanziell als günstiger als gerichtlich ausgetragene Konflikte. Dies sind mit die Ursachen für das Ansteigen der Bekanntheit der Mediation in den letzten Jahren. Mediation zeigt sich dabei immer dann als besonders hilfreich, wenn auch nach der Beendigung des Konfliktes die Konfliktpartner miteinander in einer Beziehung bleiben. Gerade bei einer Scheidung wird zwar die Partnerschaft beendet, in den meisten Fällen bleibt eine gemeinsame Elternschaft, nach dem neuen Kindschaftsgesetz sogar mit gemeinsamem Sorgerecht, bestehen. Mediation bietet sich hier als ein neuer, außergerichtlicher Weg zur eigenverantwortlichen und einvernehmlichen Regelung des Konfliktes an. Die Philosophie der Mediation unterscheidet sich dabei wesentlich von den herkömmlichen Wegen der Konfliktlösung.

Die Philosophie der Mediation

Im westlichen Kulturkreis sind zahlreiche Methoden entwickelt, in welchen dritte Personen zur Lösung von Konflikten hinzugezogen werden. Die psychologische Beratung oder Psychotherapie arbeitet an der Heilung seelischer Verletzungen der Vergangenheit, die Ursachen eines gegenwärtigen Konfliktes sein können. Die Mediation sucht dagegen, neue, kreative Perspektiven für die Zukunft zu erschließen. An Anwälte werden Konflikte delegiert. Sie verhandeln oder kämpfen für ihre Mandanten. Mediation will dagegen die Eigenkompetenz der Konfliktpartner fördern, die so ihren Konflikt selbst in die Hand nehmen können. Ein Schlichter macht einen ausgleichenden Schlichtungsvorschlag, den beide Konfliktparteien akzeptieren oder ablehnen können. Mediation führt dagegen zu eigenverantwortlich erarbeiteten Regelungen des Konfliktes. Ein Richter entscheidet und beendet den Konflikt durch einen am geltenden Recht orientierten Richterspruch. In der Mediation orientieren sich die von den Konfliktparteien eigenständig erarbeiteten Konfliktlösungen stark an eigenen Kriterien der Gerechtigkeit und Fairness, die der individuellen Situation der Konfliktparteien entsprechen.

Die Philosophie der Mediation lässt sich am Besten in ihrer Absetzung von den herkömmlichen juristischen, am Prinzip der Kontradiktion orientierten Wegen darlegen. Diese außergerichtlichen oder gerichtlichen Konfliktlösungswege gehen nach ihrem Grundverständnis von zwei sich widersprechenden Positionen der Konfliktgegner aus. Zwei sich widersprechende Positionen können jedoch nicht zugleich wahr und falsch sein. Es wird sich nur eine Seite als die wahre durchsetzen können. Das Gewinner/Verliererprinzip ist somit schon im Wesen der kontradiktorischen Verfahrens angelegt.

Es ist nun eine der großen Errungenschaften der abendländischen Rechtskultur, dass sich nicht die Willkür des Stärkeren durchsetzt, sondern beide Parteien sich von im Rechtswesen kundigen Anwälte vertreten lassen können, die mit juristisch abgesicherter Argumentation für die Positionen ihrer Mandanten eintreten. Die Entscheidung über Sieg oder Niederlage erfolgt dann durch einen gleichfalls am Recht orientierten, unabhängigen Richter.

Im Unterschied zu diesem Prinzip der Kontradiktion können in der Mediation zwei sich gegenseitig ausschließende Positionen gleichzeitig nebeneinander bestehen bleiben und zwar als Ausgangspositionen, um das Denken in Bewegung zu bringen.

Ausgegangen wird davon von der Einsicht, dass nur in der Oberflächensicht Konflikte im Aufeinanderprallen kontradiktorischer Positionen ihre Ursache zu finden scheinen. Positionen liegen je verschiedene Verstehens- und Bedürfnis-, Wert- oder auch Wahrnehmungshorizonte zugrunde. Solche Horizonte prägen die Position, umgekehrt bestimmen auch die Positionen die Bedürfnisse, Werte und selbst die Wahrnehmung. Sie organisieren die Elemente einer Situation genau so, dass die eigene Position gestützt wird. Ein so aus unterschiedlichen Positionen entstehender Konflikt sagt oft noch nichts über mangelnden guten Willen oder die Intelligenz der Konfliktpartner aus. Widersprüchliche Positionen können aus hermeneutischer Sicht durchaus den gleichen Anspruch auf Wahrheit erheben. Wird nun der Konflikt nach dem kontradiktorischen Prinzip auf der Grundlage von Angriff und Verteidigung betrieben, werden die Gegensätze noch realer, Positionen immer starrer.

Mediation versucht diesen Prozess zu durchbrechen und will ganz im Sinne der philosophischen Praxis, Denken und somit Positionen in Bewegung bringen. Dabei gilt die "Autonomie" der Konfliktparteien. Die Aufgabe des Mediators kann damit verglichen werden, zwei schwere Kugeln auf einer weichen Fläche in Bewegung zu bringen. Es geht nicht darum, die Positionen anzugreifen oder die Konfliktpartner von einvernehmlichen Lösungen zu überzeugen, sie gleichsam von außen anzustoßen, wie wenn die genannten Kugeln von außen angestoßen würden. Die Kugeln kommen eigenständig ins Rollen, wenn unmittelbar vor ihnen die Oberfläche niedergedrückt wird. Mediation bahnt Wege, die von den Konfliktparteien autonom gegangen werden können.

Um den Prozess der Konfliktlösung einzuleiten, ist jedoch eine umfassende Vorbereitung der Konfliktpartner notwendig. Diese wird zum Schlüssel für das konstruktive Austragen des Konfliktes. Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich verhärtete Positionen auflockern. Mediation macht die Wahrnehmungszusammenhänge bewusst und verändert dadurch die Wahrnehmung. Mediation erarbeitet die jeweiligen Interessen-, Bedürfnis- und Wertehorizonte und macht somit Positionen transparent. Wenn Denken in Bewegung kommt, wird sich ein vermeintlich sicherer Wissensbesitz als brüchig erweisen. Die Dialog- und Verhandlungsfähigkeit beider Konfliktparteien wird gestärkt und dadurch Wege bereitet, auf welchen die Parteien eigenständig die Regelungen des Konfliktes angehen können. Der Konflikt wird nicht aus der Hand gegeben. Die Konfliktaustragung wird zu einem gemeinsamen Unternehmen der Konfliktparteien.

Die adäquate Vorbereitung bereitet den Boden für eine Transformation des Bewusstseins der Konfliktparteien. Konflikte werden nicht unterdrückt, sondern produktiv gemacht. Destruktive Konflikte werden zu herausfordernden Situationen transformiert, die eine Neuorientierung fordern. Es geht auch nicht darum, das argumentativ zu festigen, was schon immer gewusst wurde, sondern für das offen zu werden, was noch nicht im Blickfeld liegt. Mögliche Lösungen stehen nicht von vorneherein fest. Das Ziel der Regelungen liegt nicht vor Augen wie der Gipfel eines Berges für den Bergsteiger. Der Transformationsprozess mag eher mit einem Tanz verglichen werden, der seine Energie aus den einzelnen Tanzschritten hervorbringt. Hier mag sogar die Chance liegen, über mögliche Kompromisse hinaus, neue, kreative Lösungen hervorzubringen, in welchen beide Parteien gewinnen können.

Mediation als kreativer Prozess verlangt vom Mediator weniger die Anwendung von Strategien und Techniken, sondern ein Handeln aus einer bestimmten, mediativen Haltung. Ganz im Sinne sokratisch-platonischer Mäeutik geht es auch der Mediation nicht um die Vermittlung von fertigen Lösungen. Durch geeignetes Fragen sind die Klienten auf den Weg der eigenen Lösungsmöglichkeiten zu bringen. Ein mit der Kunst der Elenktik vergleichbares Fragen mag die geistige Erstarrung des Gesprächspartners lösen und ihn in einen Prozess gemeinsamen, kreativen Suchens zu führen. Der Prozess der Mediation zeigt sich als ein Weg der Katharsis, ein Weg, der die Spielräume erweitert, der offen macht für die Suche nach neuen Lösungen und Wegen der Konfliktlösung, um so im Sinne von Nietzsche den Kern philosophischer Praxis und auch der Philosophie der Mediation zu erreichen, die Kreativität.

Der Weg in die Praxis

Es muss jedoch zugegeben werden, dass sich der Alltag der Mediation durchaus immer wieder banaler gestaltet, als dies ihre so beschriebene Verheißung ankündigt. Mediation bleibt immer auf das Rechtssystem angewiesen. Insbesondere in finanziellen Fragen wird immer wird auch eine rechtliche Rückversicherung durch parteilich beratende Anwälte nötig sein, welche die "Feuerprobe" eigenständig erarbeiteter Regelungen darstellt. Darüber hinaus bildet das kontradiktorische System einen wichtigen Ausweg. Die Initiation eines Bewusstseinswandels, der Konflikte in einen kreativen Prozess zu wandeln vermag, kann in der Mediation gefördert werden, entzieht sich jedoch der menschlichen Verfügbarkeit. Der Erfolg einer Mediation kann somit nicht garantiert werden. Liegt die Autonomiekompetenz der Konfliktpartner nicht vor und ist es auch nicht möglich, diese zu fördern, so wird der Verweis auf den Rechtsweg notwendig. Mediation bietet jedoch eine Chance, die es zu nutzen gilt. Dass dazu eine qualifizierte Ausbildung notwendig ist, versteht sich von selbst. Eine konkrete Aus- und Weiterbildung in professioneller Mediation ist im deutschsprachigen Raum an einzelnen Universitäten oder auch an zahlreichen privaten Ausbildungsinstituten möglich, die, ein- bis zweijährige Zusatzausbildungen anbieten. Aufnahmevoraussetzung ist meist ein Hochschulstudium und auch Berufspraxis in einschlägigen Bereichen, obwohl hiervon je nach Mediationsschwerpunkt auch Ausnahmen zu finden sind. Es werden zunächst Berufsgruppen aus dem psychosozialen oder juristischen Bereich angesprochen, die ohnehin mit Konfliktsituationen zu tun haben. Aber die Qualifikation des akademisch ausgebildeten Philosophen für eine Zusatzausbildung in Mediation sollte nicht unterschätzt werden. Die Kenntnis kommunikationstheoretischer Zusammenhänge wie auch die Vertrautheit mit erkenntnistheoretischen, anthropologischen und ethischen Fragestellungen erleichtern den Zugang zum mediativen Prozess. Obwohl in der Mediationspraxis fachphilosophisches Wissen letztendlich sekundär bleibt, erweist sich das im Studium akademischer Philosophie erworbene methodische Instrumentarium der Beurteilung von Denkzusammenhängen und Argumentationsstruk-turen als hilfreich für den Sprung in die Welt der konkreten Kommunikation und der zwischenmenschlichen Konflikte.

Für die Praxis der Mediation werden jedoch auch Kompetenzen verlangt, die üblicherweise in einem Philosophiestudium nicht erworben werden. Es ist die interdisziplinäre Kompetenz des Philosophen gefragt, das wechselseitige Lernen von Mediatoren aus den verschiedenen Grundberufen. Juristische wie familientherapeutische Grundkenntnisse werden genauso benötigt wie das Erlernen von Interventionstechniken, Kommunikationsmustern oder Fragetechniken zur Lockerung der Projektionssysteme. Das besondere

der Zusatzausbildungen in Mediation ist jedoch das Einüben des Umgangs mit konflikten in der Praxis. Weniger gelehrte Vorträge über Mediation, sondern die Arbeit mit Rollenspiel, simulierten Mediationssituationen und mit konkreten, in Supervision begleiteten Fällen stehen zumeist im Mittelpunkt der Lehr- und Lernmethodik. Wie wenn der kunsthistorisch ausgebildete Kenner von Skulpturen jetzt selbst zum Bildhauer wird, so zeigt sich die Zusatzausbildung in Mediation als ein Weg von der Theorie zu ihrer Umsetzung in die konkrete Praxis. Wie auf die Kenntnis der Theorie des Schwimmens der Einstieg in das Wasser folgt, so bietet eine Zusatzausbildung in Mediation für den an Praxis interessierten Philosophen eine wichtige Möglichkeit für den Sprung in die Konkretion menschlichen Lebens.

Adressen zur Ausbildung:

Bundesarbeitsgemeinschaft für Familien- meditation, Eisenacherstr. 1, D-10777 Berlin.

Bundesverband Mediation, Kirchweg 80, 34119 Kassel.

Centrale für Mediation, Unter den Ulmen 96-98, 50968 Köln.

Autor

Eckard Wolz-Gottwald ist promovierter Philosoph und Dozent für Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster. Zugleich arbeitet er als Mediator in eigener Praxis.

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken