| Philosophie heute |
Medienwissenschaft ist sowohl in Deutschland als auch in Frankreich eine junge und sehr heterogene akademische Disziplin. In Deutschland hat sie sich gemeinsam und parallel mit der Kulturwissenschaft aus verschiedenen geisteswissenschaftlichen Fächern wie der Literaturwissenschaft, der Philosophie oder der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft als übergreifende Disziplin herausgebildet. Dadurch ist in den neunziger Jahren allgemeine Medientheorie zum expliziten Forschungsthema geworden. Es beginnt sich eine Art vorläufiger Kanon von Medientheorien herauszubilden, auch wenn die Heterogenität der wissenschaftlichen Ansätze und Traditionen weiter besteht.
In Frankreich gibt es dagegen das Fach Medienwissenschaft nicht als akademische Disziplin im engeren Sinne, sondern setzt sich aus teilweise sehr unterschiedlichen, stärker voneinander getrennten Forschungsbereichen zusammen, vor allem der Kommunikationswissenschaft, (Information/Communication) und der Soziologie, der Literatur- und Filmwissenschaft sowie der Philosophie. Die Ausrichtung auf allgemeine Medientheorie jenseits der einzelwissenschaftlichen Orientierungen ist dort demnach weit weniger ausgeprägt. In Deutschland gibt es prägende Medientheorien, verbunden mit Namen wie etwa Marshall McLuhan, Vilem Flusser, Friedrich Kittler, Paul Virilio oder Jean Baudrillard: medienwissenschaftliche “Makrotheorien”, deren Ansätze weit über die Einzeldisziplinen hinausgreifen und der Medienwissenschaft eine eigenständige systematische Ausrichtung geben. In Frankreich ist es weit schwieriger, eindeutig herausragende Medientheorien zu benennen. Das führt dann dazu, dass etwa Jean Baudrillard in Frankreich als ein durchaus bedeutender soziologisch orientierter Intellektueller gilt, aber, anders als in Deutschland, nicht als Denker, der entscheidende medientheoretische Fundamente gelegt hat. Die folgende Übersicht konzentriert sich daher auf die französischen Medientheorien, die im deutschen Kontext Bedeutung gewonnen haben. Dazu zählen vor allem die bereits genannten Jean Baudrillard und Paul Virilio. Dann ist es vor allem die so genannte poststrukturalistische Philosophie, das heißt Roland Barthes, Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Michel Foucault, Jacques Lacan, Jean-Francois Lyotard und Michel Serres, deren Thesen auf vielfältige Weise das medientheoretische Denken beeinflussen. Hier sollen Derridas grammatologischer Ansatz und der einflussreiche Begriff des Dispositivs kurz vorgestellt werden, weil sie den Blick auf ein wichtiges Fundament gegenwärtiger Medientheorie lenken, nämlich die Materialität der Medien. Schließlich soll abschließend die so genannte Mediologie, die sich in den letzten Jahren um Régis Debray herum organisiert hat und zunehmend an Bedeutung gewinnt, in ihren Grundzügen dargestellt werden.
Jean Baudrillards Medientheorie basiert auf zwei grundlegenden Texten: Requiem für die Medien (1, 1978) und Die Präzession der Simulakra (2, 1978). Beide Aufsätze führen zu dem für Baudrillard zentralen Modell der Simulation, das in nahezu allen seinen Schriften eine Art Fluchtpunkt bildet. Requiem für die Medien untersucht zunächst die Funktionsweise der technischen Massenmedien, vor allem Radio und Fernsehen. Baudrillard fragt sich, inwiefern Massenmedien tatsächlich Instrumente der Kommunikation sein können. Kommunikation benötigt immer die Reversibilität von Sender und Empfänger, das heißt, der Sender muss auch zum Empfänger werden können und umgekehrt. Hans Magnus Enzensberger, gegen den sich Baudrillard – stellvertretend für alle Theoretiker, die den richtigen “Gebrauch” der Medien anmahnen - kritisch wendet, geht davon aus, dass sich die Massenmedien zum Distributionsmittel gesellschaftlicher Botschaften verwenden lassen, wenn sie nicht mehr nur in den Händen einzelner liegen, sondern alle Mitglieder gleichermaßen Zugang zu ihnen haben. Damit verschwindet zwar nicht die Manipulation durch Bilder und Worte, aber jeder wird zum Manipulat€ Medien sind also nach Enzensberger strukturell egalitär. Baudrillard zeigt nun, dass das Besondere der Massenmedien gerade darin besteht, das Verhältnis zwischen Sender und Empfänger festzuschreiben, der Sender – die Medien – kann nicht zum Empfänger, und umgekehrt, der Empfänger – die rezipierende Masse – kann nicht zum Sender werden. Die Unumkehrbarkeit des Austausches ist eine Seite, die andere besteht darin, dass die funktionale Ausrichtung der Massenmedien die oft mehrdeutigen und uneindeutigen Botschaften, die den Kommunikationsprozess normalerweise ausmachen, durch die Eindeutigkeit und Unhintergehbarkeit technisch-instrumenteller Codes gleichsam auslöscht. Die Massenmedien untersagen also die Antwort und abstrahieren und neutralisieren damit gesellschaftliche Ereignisse und Kommunikationsverhältnisse. Diese nahezu gesetzmäßige Universalisierung von Botschaften durch den Code ist also eine Operationalisierung oder auch Simulation von Kommunikation und verweist damit auf den zweiten Text, die Präzession der Simulakra, der das Verhältnis der Simulation, in der sich nach Baudrillard die modernen Gesellschaften befinden, aufgreift.
Simulation definiert Baudrillard als die “Liquidierung aller Referentiale” und die “Substituierung des Realen durch Zeichen des Realen, d.h. um eine dissuasive Operation, um die Dissuasion realer Prozesse durch ihre operationale Verdoppelung, eine programmatische, fehlerlose Signalmaschinerie, die sämtliche Zeichen des Realen und Peripetien (durch Kurzschließen) erzeugt.” (2, S. 9). Baudrillard sieht in der Simulation einen grundlegenden kulturellen Prozess der Moderne, denn seit der Industrialisierung ist das, was als Reales begriffen werden kann, Teil operationaler, funktionaler, regelhafter Modelle und Codes, die das Reale nicht mehr geschehen lassen, sondern es produzieren. Das lässt sich nachvollziehen, wenn man den Begriff der Repräsentation mit dem der Simulation koppelt. Repräsentation heißt, dass medial vermittelte Zeichen auf ein Reales verweisen, ohne es selbst zu produzieren. Zwischen Zeichen und Realem, etwa einer Karte und Territorium, gibt es eine irreduzible Distanz. Im Barock sieht Baudrillard ein solch freies und bewegliches Spiel zwischen Zeichen und Realem. Die Simulation ist dann der Zustand fortgeschrittener Modernität, in dem Zeichen und Reales ununterscheidbar werden.
Baudrillard geht es aber offenbar weniger um eine Bildtheorie, etwa in dem Sinne, dass Abbild und Wirklichkeit nicht mehr unterschieden werden können, sondern darum, dass die gesamte moderne Kultur aus Artefakten besteht, die auf Regelzusammenhängen, Reproduktionsmodellen und Steuerungscodes beruht. “Was wir dann konsumieren, ist nicht mehr diese Darbietung oder dieses Bild für sich; es ist die Virtualität der Abfolge aller möglichen Darbietungen – und die Gewissheit, dass das Gesetz der Abfolge und der Unterteilung der Programme bewirkt, dass nichts anderes als Darbietung und Zeichen unter anderen erscheint.“ (3, S. 187). Im Kern bedeutet Simulation also die Absorption der Wahrnehmbarkeit der Differenz von Zeichen und Realem. Die technischen Medien nehmen eine wichtige Funktion als Simulationsapparaturen ein, die Wahrnehmung, Wissen und Erkenntnis der Welt in starkem Maße prägen, zugleich aber durch ihre hochgradig technisch-instrumentelle Organisation in herausragender Weise gesetzmäßig und regelhaft strukturiert sind.
Wenn es Baudrillard vor allem um Erkenntnis in einer zunehmend durch autonome Zeichenketten gesteuerten Wirklichkeit geht, legen die ähnlich einflussreichen essayhaften Schriften von Paul Virilio, trotz mancher Ähnlichkeiten, den Akzent mehr auf die technische Zurichtung der Wahrnehmung und der Sinne, die eine medialisierte Umgebung den Menschen zumutet. Virilio legt eine Art idealen Fluchtpunkt an, von dem aus er die mediale Entwicklung, die eindeutig eine des Verfalls ist, beschreibt. Er versucht nachzuweisen, dass Wahrnehmung und Sinne zunehmend von technischen Apparaturen umstellt und kolonisiert werden und sich damit von anthropologisch vorgegebenen Möglichkeiten entfernen. Die Veräußerung und mögliche technische Implementierbarkeit der Sinne begreift Virilio keineswegs als Emanzipation von der Sinndeutung (anders als die technikorientierte deutsche Medientheorie der neunziger Jahre, etwa Norbert Bolz und Friedrich Kittler), sondern vage als Entfernung von eigentlich menschlichen Vermögen oder auch einfach als Entfremdung. Vermögen und Bewusstsein begreift Virilio dabei vage innerhalb eines phänomenologischen Ansatzes. Er geht davon aus, dass Bewusstsein und Wahrnehmung innerhalb eines begrenzten Horizontes agieren, so dass die Wahrnehmungssprünge, die dem Bewusstsein durch die technischen Medien zugemutet werden, von diesem nicht verkraftet werden können. In einem zentralen Text aus dem Band Die Sehmaschine schreibt Virilio programmatisch: “Alles was ich sehe, ist prinzipiell in meiner Reichweite, zumindest in der Reichweite meines Blickes, es ist vermerkt auf der Karte des “ich kann”.
Mit diesem wichtigen Satz beschreibt Merleau-Ponty präzise, was durch eine alltäglich gewordene Teletopologie zerstört wird. Das Wesentliche von dem, was ich sehe, ist infolgedessen prinzipiell nicht mehr in meiner Reichweite, und selbst wenn es sich in der Reichweite meines Blickes befindet, schreibt es sich nicht mehr unbedingt auf der Karte des “ich kann” ein.” (4, S. 27). Auf dieser theoretischen Grundannahme basieren nahezu alle Analysen der verschiedensten Medien, die Virilio vornimmt, vom Fernrohr über Telegraphie, Film und Fernsehen, den verschiedensten Transportmitteln und Medien der Beobachtung und Geschwindigkeit bis hin zur elektronischen Datenverarbeitung und der virtuellen Realität. Virilio beobachtet dabei ähnlich wie Baudrillard eine Form des Verschwindens des Realen, allerdings betont er weniger den semiotischen Aspekt der Transformierung in Zeichenmodelle, sondern die phänomenale Auflösung vorhandener Ganzheiten und Oberflächen. Die Zerstückelung der Welt durch das kinematografische Bild gehört dann in die gleiche theoretische Kategorie wie die kinetische Verwandlung des Gesichtsfeldes beim Autofahren und die Transformation des dreidimensionalen Raums in elektronisch gesteuerte Lichtwellen auf den Bildschirmen der häuslichen und städtischen Umwelt. Die kategorische Unterscheidung zwischen natürlichen und künstlichen Verhältnissen ist sicherlich problematisch bei Virilio, doch medientheoretisch aufschlussreich ist vor allem, wie sein Ansatz die medialen Zurüstungen von scheinbar alltäglichen Begriffen freilegt: Kategorien wie Raum und Zeit, Tiefe, Oben und Unten, Dreidimensionalität, Horizont, Raumstaffelung, Distanz, Oberfläche, Darstellung, Perspektive, Territorium, Oberfläche, Dauer, Chronologie, Licht, Rhythmus, Bewegung und Stillstand werden auf ihre Abhängigkeit von medialen Gefügen hin analysiert. Die zahlreichen Untersuchungen und Analysen Virilios verdichten sich dabei zu einem Netzwerk medialer Strukturen, in die moderne Wahrnehmung und Wissensformen unentrinnbar eingewoben sind.
Der Einfluss der poststrukturalistischen Philosophie auf die Medientheorie hängt zum einen damit zusammen, dass die zumeist französischen Autoren selbst über konkrete Medien (Malerei, Film, Fernsehen, Mode etc.) geschrieben oder allgemein mediale Bezüge eröffnet haben. Zum anderen versuchen sie in enger Anlehnung an diese konkreten Betrachtungen, Begriffe, die medientheoretisch von großer Relevanz sind (Repräsentation, Dispositiv, Bild, Schrift, Kultur, Virutualität) einer philosophischen Kritik zu unterziehen. Besonders die Hinwendung der deutschsprachigen Wissenschaft zur Materialität der Medien hat aus Frankreich entscheidende Orientierungen erfahren. Ein wichtiger Impuls geht vor allem von Jacques Derridas grammatologischem Ansatz aus, weil hier explizit eine Hinwendung der Philosophie zur materialistischen Perspektive erprobt wird. Derridas Projekt ist zunächst ein philosophisches, indem er nachweist, dass die abendländische Philosophie einem metaphysischen Logozentrismus zuarbeitet, indem sie einfach die materialen Grundlagen der Schrift außer acht lässt. Dem entspricht die Privilegierung des gesprochenen Wortes, das als Vergeistigung begriffen wird und damit, so Derridas Unterstellung, der Seele und dem Subjekt am nächsten kommt. Schrift besteht aber aus materialen, äußerlichen und verräumlichten Zeichen, die immer mehr Verweisungen enthalten als im vernehmbaren Laut der phonetischen Sprache deutlich wird. Schrift ist dann nicht einfach Repräsentation eines in sich ruhenden Sinns, sondern bildet eine zeichenrelationale Verweisungsstruktur ohne eigentlichen Ursprung, die Derrida bekanntlich “différance” (5, 6) nennt.
Dieser nachdrücklich medienphilosophische Ansatz ist nicht auf das phonetische Alphabet oder andere Schriften reduziert, sondern kann auch auf andere Arten der Aufzeichnung ausgeweitet werden, auf Zeichnungen, Bilder, Karten, aber vor allem auch auf technische Aufschreibesysteme. Ebenso wie Derridas Ansatz die Philosophie ent-idealisiert, entsubstantialisiert er die Medien, indem er die Aufmerksamkeit von den Repräsentationen und idealen Bedeutungen auf die materialen Bedingungen des Schriftvorgangs verlagert. Dann ist es nur noch ein Schritt, den dann die Medientheorie im engeren Sinne vollzieht, nämlich den materialen Aufzeichnungsvorgang selber zum Thema zu machen. (6) Eine solche Betrachtung achtet stärker auf die technischen Gegebenheiten der Medien, zu denen insbesondere die Bedingungen des Dispositivs gehören, die in Bezug auf das Kino von den Kritikern Jean-Louis Baudry und Jean-Pierre Oudart in der französischen Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma und von Michel Foucault hinsichtlich der Dispositive der Macht und der Sexualität in den siebziger Jahren erforscht wurde. Der Begriff des Dispositivs erfasst das Zusammenspiel der technischen, räumlichen und zeitlichen Rahmenbedingungen einer medialen Situation. Jeder dispositive Ort produziert dabei neben den expliziten Aussagen des medialen Textes (Literatur, Film, Fernsehen etc.) auch unbewusste oder imaginäre, oder in den Worten Baudrys, “metapsychologische” Bedeutungen. (7, 381) Es geht beim Dispositiv darum, die Strukturen der Diskurse und die nicht-diskursiven Produktions- und Rezeptionsbedingungen zusammen zu denken. Das Dispositiv ist dann kein Nebenaspekt medialer Produktion, sondern erfasst, zum Beispiel im Kino, die apparativen Strukturen, die der besonderen medialen Konstellation innewohnen. So sind im Kino der dunkle Saal, die mangelnde Mobilität des Körpers, die große Leinwand, die Stille während der Aufführung und das von hinten kommende Projektionslicht die Bedingungen, die den Diskurs der großen Filmerzählung erst zur Wirkung kommen lassen. In diesem Fall ist die Wahrnehmung des sehenden Subjekts Konstruktion des Zusammenspiels von Filmtext und medialem Umraum. Das Dispositiv ist wie eine mediale Anordnung zu begreifen, innerhalb derer bestimmte Diskurse und Aussagen produziert werden können oder sollen und andere nicht.
Die von Régis Debray angeführte Mediologie, die sich seit Beginn der neunziger Jahre mit großem publizistischen Aufwand als Disziplin zu etablieren versucht, ist die einzige medienwissenschaftliche Richtung, die als Schule bzeichnet werden kann, da die hier entstehenden interdisziplinären Ansätze über eine Art programmatische Grundausrichtung verfügen. Debray hat selbst mehrere Aufsätze verfasst, die gleichsam als Manifeste der Mediologie gelesen werden sollen. In den letzten Jahren sind verschiedene Texte ins Deutsche übersetzt worden. Die Mediologie schließt direkt an das in der deutschen Medienwissenschaft grundlegende Denken von Marshall McLuhan an, geht allerdings auch darüber hinaus. McLuhan hatte die Auswirkungen einzelner Medien, wie den Buchdruck und das Fernsehen, auf Wahrnehmung und Gesellschaft beschrieben. Nationalstaat, Demokratie, Industrialisierung hingen demnach direkt mit den medientechnischen Umwälzungen zusammen, die mit der Gleichförmigkeit, Wiederholbarkeit und Standardisierung des Buchdrucks begonnen haben. Ebenso wie der Buchdruck formen nun in McLuhans Sicht aus den sechziger Jahren die elektronischen Medien die Gesellschaften um, Nationalstaaten lösen sich in global enträumlichte Netzwerke auf, in das von ihm so genannte globale Dorf. Die Mediologie übernimmt nun den Ansatz, den Medien eine grundlegende Bedeutung bei der Konstruktion von Wahrnehmung und Erkenntnis zuzusprechen, erweitert aber den medientechnischen Fundamentalismus von McLuhan. Die Mediologen ergänzen die von McLuhan hervorgehobene technische Grundlage der Medien um die aus ihrer Sicht notwendigen Dimensionen des Sozio-politischen und Symbolischen, die der kanadische Autor eher als Folge der materialen Bedingungen des jeweiligen Mediums begreift. Ein Medium entfaltet damit nicht eine durch seine technische Struktur allein bestimmte Wirkung, sondern entsteht immer in einem bestimmten Milieu und greift in ein vorhandenes symbolisches Vokabular ein und formt es um. Debray sagt: “Im Begriff Mediologie bezeichnet der Wortteil medio weder Medien noch Medium, sondern meint Mediationen (Vermittlungen), also die dynamische Gesamtheit der Prozeduren und Körper, die zwischen eine Produktion von Zeichen und eine Produktion von Ereignissen geschaltet sind. Dieses Dazwischen ähnelt dem, was Bruno Latour “Hybride” nennt, also Mediationen, die sowohl technischer als auch sozialer und kultureller Natur sind.” (8, 72). Die Mediologie formuliert damit auch den Anspruch einer neuen historischen Disziplin, die Technik- Sozial- und Geistesgeschichte im neuen disziplinären Rahmen der Medienwissenschaft zusammen denkt. Als Beispiel kann gerade der von McLuhan in den Mittelpunkt gestellte Buchdruck dienen, der als Revolutionierung der Aufschreibung und Verbreitung nur deshalb seine Wirkung entfalten konnte, weil er bereits mit sozialen und symbolischen Faktoren zusammen traf (billiges Papier, eine schon vorhandene Leserschaft, die Infrastruktur der Banken). Entscheidend ist für die Mediologie, dass eine der drei Ebenen die andere nicht determiniert, sondern eine wechselseitige Einflussnahme vorliegt. Deshab betont Debray das “Dazwischen”, das nicht nur den Gegenstand Medien kennzeichnet, sondern auch die methodische Ausrichtung der Mediologie bestimmt.
Wichtige Literatur zum Thema (1) Baudrillard, J.: Requiem für die
Medien, in: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen (S. 83 – 119), 128 S.,
kt., € 7.50, Internationaler Merve Diskurs 79, 1978, Merve, Berlin. Grundlegender
Text Baudrillard zu technischen Massenmedien und Kommunikation in Abgrenzung
der Vorläufertheorien von McLuhan und Enzensberger.
(2) Baudrillard, J.: Die Präzession der Simulakra, in: Agonie des Realen (S. 7 – 69), 112 S., kt., € 8.--,
Internationaler Merve-Diskurs 81, 1978, Merve, Berlin. Grundlegender Text
Baudrillards zu Begriff und Theorie der Simulation.
(3) Baudrillard, J.: La société de consommation. 320 S., kt., € 6.25, 1970,
Gallimard, Paris. Eigene Übersetzung. Eines
der wenigen wichtigen und frühen Bücher Baudrillards, die noch nicht übersetzt
sind, obwohl anhand einer Analyse der Konsumgesellschaft im Rahmen einer
Theorie der Zeichen schon erste Definitionen des Begriffs der Simulation
erprobt werden.
(4) Baudrillard, J.: Der symbolische
Tausch und der Tod, 1991, Matthes & Seitz, München. Im Buchhandel
vergriffen. Theoretisches Hauptwerk von Baudrillard, vor allem Beschreibung der
verschiedenen Stufen der Simulakra von der Neuzeit bis zur Gegenwart.
(5) Virilio, P.: Die Sehmaschine. 176
S., kt., € 10.--, 1989, Merve, Berlin. Neben den in allen Texten Virilios
konkreten Medienanalysen, finden sich in diesem Essay auch Thesen zu Virilios
theoretischem Ansatz.
(6) Derrida, J.: Die différance, in:
Randgänge der Philosophie (S. 6 – 37). 424 S., Ln., € 50.--, 2. Auflage 1999,
Passagen, Wien. Erläuterung des für die
Grammatologie zentralen Begriffs der différance, der Theorie der Schrift und
eine philosophische Einleitung zum gesamten Thema der Dekonstruktion.
(7) Derrida, J.: Grammatologie. 451 S.,
kt., stw 417, € 16.50, 1983, Suhrkamp, Frankfurt/Main. Umfassende
historische und systematische Darlegung des philosophischen Ansatzes der
Grammatologie.
(8) Gumbrecht, H.U., Peiffer, K.L.
(Hrsg.): Materialität der Kommunikation ,1988, Suhrkamp, Frankfurt/Main. Im
Buchhandel vergriffen.
(9) Baudry, J.-L.: Das Dispositiv:
Metapsychologische Betrachtungen des Realitätseindrucks, in: Kursbuch
Medienkultur (Hrsg. Pias, C., Engell L., Vogl J., Fahle, O., Neitzel, B.), (S.
381 – 404) (1999), DVA, Stuttgart. Einer der wichtigsten und frühesten
Texte zum Begriff des Dispositivs in philosophischer und psychologischer
Ausrichtung.
(10) Debray, R.: Für eine Mediologie, in:
Kursbuch Medienkultur (s.o.) (S. 67 – 76). Eines der “Manifeste” der
Mediologie, das den zentralen programmatischen Ansatz der Mediologie knapp
erläutert.
Oliver Fahle hat im Fach Medienkultur über die Poetik des französischen Films der zwanziger Jahre an der Bauhaus-Universität Weimar promoviert und vertritt dort zur Zeit die Juniorprofessur Geschichte und Theorie der Bildmedien.
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