Medienphilosophie

Till A. Heilmann:

Von Fröschen, Verstärkerröhren und fliegenden Menschen

Interdisziplinäre Tagung “Was ist ein Medium?” (Weimar, 16.–18. Dez. 2005)

“Wo ein Medium ist, passiert etwas. Wenn nichts passiert, ist man enttäuscht.” Der Prüfung an Natascha Adamowskys prägnant formulierter Bestimmung des Medialen hielt die Tagung zum Medienbegriff selbst stand. Alexander Roesler und Stefan Münker vom Kolleg Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar hatten die Frage gestellt “Was ist ein Medium?”, und die geladenen Referentinnen und Referenten gaben darauf anregende, ja provokative Antworten: Man wurde nicht enttäuscht.

Die Reihe der Vorträge eröffnete Lorenz Engell mit einem “Hors d'oeuvre” zur Frage der Beobachtbarkeit von Medien. Ausgehend von Fritz Heiders Urteil, dass in einem Medium nur dessen Formen sichtbar werden, nie aber das Medium selbst, versuchte Engell dennoch das “Licht am Ende des Tunnels” zu sehen. An kurzen Filmbeispielen führte er vor, wo die kinematographische Form durchlässig werde – zu einer durchscheinenden Membran, einem “Film” eben – und so den Blick auf das Medium selbst freigebe. Besonders überzeugend gelang Engell dies unter Berufung auf Deuleuzes Konzept des Opaken am Beispiel der Darstellung von Wasser: So scheint das Kino ganz offensichtlich das Schwellenphänomen der Wasseroberflächen zu lieben, in welchen es seine Medialität reflektieren kann: Im Übergang von der Transparenz zur Opazität des Wassers und zurück, im Eindringen der Kamera ins helle Wasser durch die dunkle Oberfläche hindurch usw. werde das Wechselspiel von Durchsichtigkeit und Undurchsichtigkeit offenbar, welches das Kinobild medial erst ermöglicht.

Ähnlich wie Engell ging auch Dieter Mersch in seinem Beitrag von einer strukturell bedingten Undurchdringbarkeit des Mediums aus, fasste sie aber noch radikaler. Er skizzierte deshalb das Projekt einer Negativen Medientheorie zur Kritik medialer Konstitutionen, die sich ja im Vollzug ihrer Funktion der Vermittlung stets auflösten und somit nicht-analysierbar würden. Das Verfahren einer solchen Medientheorie bestehe folglich in einer prinzipiell unabschliessbaren Reihe paradoxaler Interventionen, um in der “prismatischen Brechung” von Medien deren Medialität aufzudecken. Als Zeugen solcher Praktiken wurden u. a. anamorphotische Bilder oder Bildelemente aufgerufen (wie etwa Dürers Die Gesandten), in denen die zentralperspektivische Konstruktion der Malerei nach Alberti dekonstruiert wird. Es erstaunt denn auch nicht, dass Mersch der Medienwissenschaft empfahl, bei den Künsten in die Lehre zu gehen und dort geeignete Praktiken zu studieren, um “den Zauber der Medien zu bannen”.

Gegen die scheinbar “fortschreitende Entgrenzung des Medienbegriffs” setzte Lambert Wiesing einen “engen und harten” Medienbegriff mit weniger Extension und mehr Intension. Nachdrücklich forderte er die sorgfältige Unterscheidung notwendiger und hinreichender Kriterien. So sei etwa Transparenz im Falle eines Mediums wohl notwendig, keineswegs aber hinreichend, wie er am Beispiel der beim Tragen üblicherweise nicht wahrgenommenen Socken launig ausführte. In philosophisch gehobenerem Duktus und mit Bezug auf Husserl definierte Wiesing Medien schliesslich als “Werkzeuge, die eine Trennung von Genesis und Geltung erlauben” und damit etwas zur Erscheinung bringen, das physikalisch nicht fassbar und der Zeitlichkeit enthoben ist: Wohl alterte die Frau, welche da Vinci Modell sass, nicht aber die Gioconda im Bild. Indem Medien “artifizielle Selbigkeit” herstellten, garantierten sie intersubjektive Wahrnehmung und Verständigung und machten Kultur so erst möglich – denn “die Natur kennt nicht das Selbe, sondern nur das Gleiche.”

Einen ebenfalls engen und harten Medienbegriff – freilich ganz anderer Natur – stellte Wolfgang Ernst vor. Begleitet vom Knistern und Rauschen der Verstärkerröhre eines entkleideten Volksempfängers entwickelte er die Idee des Mediums als “operativer Verschränkung von Logik und Materie”. Im Unterschied zu blossen Werkzeugen als Dingen um zu seien technische Medien physikalische Kanäle, durch die hindurch Signale im zeit-kritischen Bereich mathematisch vermessen und verarbeitet würden. Als “Drittes zwischen Natur und Kultur” ermöglichten Medien so die Simulation menschlicher Sinnesphysiologie. Erst der medienarchäologische Blick entdecke Medien als das, “was sich hinter ihren diskursiven Effekten verbirgt.” Folgerichtig forderte Ernst eine Elementare Medienwissenschaft als “Hochzeit von Physik und Mathematik”, um der “kulturtechnologischen Eskalation” gerecht zu werden, welche mit der mathematischen Beschreibung und technischen Nutzbarmachung elektromagnetischer Wellen im Ausgang des 19. Jahrhundert eingesetzt habe.

In Abgrenzung von Ernsts “Signalmaschinen” machte sich Hartmut Winkler für eine semiotische Betrachtung der Medien als “Zeichenmaschinen” stark. Aus dieser Perspektive teile sich die Wirklichkeit in zwei Sphären, die des Symbolischen und die des Tatsächlichen, wobei im Verständnis von Medien das Symbolische das “unverrückbare Zentrale” sei. In halsbrecherischem Tempo und hoch verdichtet umriss Winkler sodann sein “Zwei Welten-Modell”. Ausführlicher kam er dabei u. a. auf die Aspekte des Probehandelns und der Schemabildung zu sprechen: Zum einen entkoppelten Medien aufgrund ihrer Zeichennatur Handlungen von den Folgen, welche diese im Tatsächlichen zeigen würden, und erweiterten durch Reversibilität die Freiheitsgrade. Zum anderen verdoppelten Medien das Tatsächliche nicht einfach, sondern abstrahierten es im Symbolischen zu Zeichen, welche sich durch Wiederholung verhärten. Dadurch würden Medien insgesamt zum Motor übergreifender Strukturbildung.

Einen kleinen Ausflug in die Wissenschaftsgeschichte unternahm Stefan Rieger, um sich vom Frosch einen nicht-ontologisierenden, nicht auf Intentionen oder Subjekten begründeten Medienbegriff liefern zu lassen. Am Schicksal des rana ambigua verdeutlichte er, wie das Amphibium als Teil der natürlichen Ordnung von Galvanis Entdeckung und Beschreibung der “animalischen Elektrizität” über die Konstruktion der Voltaschen Säule schliesslich als vereinheitlichter Organismus in den “Froschweckern” Du Bois-Reymonds selbst zur weltweit eingesetzten Messinstanz der Elektrizität weiterer Tiere wurde – und damit zu einem Systemelement der Wissensproduktion. Mit der Standardisierung des Frosches in den Vorrichtungen elektrophysiologischer Experimente sei er aus der Ordnung der Natur herausgetreten und als “Medium” in die Ordnung der Wissenschaft eingegangen. 

Natascha Adamowsky erklärte dagegen nicht den Frosch, sondern den spiritistisch begabten Menschen zum “Medium”. Sie erinnerte daran, dass im 19. Jahrhundert, welches mit der Einführung moderner Kommunikationstechnologien wie der Telegraphie ja eine “medientheoretische Wegscheide” darstelle, der Begriff “Medium” zunächst im Zusammenhang okkulter Phänomene verwendet wurde. Am Beispiel des Spiritisten Daniel Douglas Home, der u. a. mehrere Male vor staunendem Publikum scheinbar durch die Luft flog, definierte Adamowsky Medien mit Ludwig Pfeiffer als Mittler “erhöhter Erfahrung”. Ausschlaggebend bei der Identifizierung medialer Ereignisse (gleich ob okkulter oder nachrichtentechnischer Herkunft) sei also nicht die naturwissenschaftliche Forderung nach Wiederholbarkeit von Erfahrung, sondern die Betonung des partikulären Entertainment- oder Eventcharakters. Darin – im im partizipatorischen Staunen bürgerlicher Kollektivhappenings – liege der “Clou” des Medialen. 

Eine “Fussnote zur sokratischen Frage nach dem Medium” setzte Wolfgang Hagen, in dem er den historiosemantischen Ursprüngen des Medienbegriffs nachspürte. Diese machte er in der Bearbeitung von Aristoteles' Ευδημος 'η περι ψυχης durch Thomas von Aquin aus, welcher vor der Aufgabe stand, einen wohl nur unvollständig überlieferten Text zu glätten und ihn zu einem “Medium” der abendländisch-christlichen Metaphysik zu machen. Als entscheidende Leistung Thomas von Aquins bewertete Hagen die Übersetzung von το μεταξυ als “medium” an der Stelle im zweiten Buch von De anima, an welcher Aristoteles die Bedingung der Möglichkeit des Gesichtssinns in einem schwer zu beschreibenden “Abstand” ermittelt. Auf diesem “Einschmuggeln” eines neuen Begriffs und seiner durchgängigen Weiterverwendung in Aquins Übersetzung beruhe denn auch die Ontologisierung, welche dem Medienbegriff bis ins 19. Jahrhundert hinein inhärent gewesen sei. 

Um die bereits deutlich gewordene Vielfalt der in Frage kommenden Phänomene des Medialen zu erfassen und vergleichbar zu machen, setzte Elena Esposito auf einen systemtheoretisch modellierten Medienbegriff. Zugleich erteilte sie damit materialistischen Auffassungen von Kommunikation und daran geknüpften Konzepten wie etwa dem der Übertragung eine Absage. Den bei Luhmann zuweilen diffusen Begriff des Mediums versuchte Esposito dahingehend zu präzisieren, Medien seien Mittel zur Umwandlung von Notwendigkeit in Kontingenz: “Daten” der Umwelt würden von sozialen – d. h. kommunikativen – Systemen in “rekombinierbare” Elemente “aufgelöst”, um die Komplexität der Umwelt zu reduzieren und gleichzeitig die Wahlfreiheit im System zu erhöhen. Beispielhaft zeige sich der Zusammenhang von Auflösung und Rekombination am Medium Geld, welches diabolisch alle “festen” Werte in seiner Umwelt zersetze, um sie systemintern symbolisch verarbeiten zu können: Mit Geld kann man eben alles kaufen.

Mit Sybille Krämers erfrischend provokativer Rehabilitierung des in den letzten Jahren in Misskredit geratenen Übertragungsbegriffs endete die Tagung. Krämer gab einen Einblick in ihr laufendes Projekt einer Kleinen Metaphysik der Medialität, welche gängige “Medienapriorismen” durch die Rekonstruktion der heteronomen “Boten- und Übertragungsdimension” von Medien ersetzen solle. Dass der “mit fremder Stimme sprechende” Bote als Instanz der Übertragung dabei ontologisch indifferent zu denken sei, exemplifizierte Krämer am Engel, dem Geld, dem Virus und dem Zeugen. In jedem Fall werde durch diese Medien ein Ungleichgewicht zwischen den zu vermittelnden Positionen ausgeglichen: Beim Engel durch seine Hybridizität, beim Geld durch seine Indifferenz, beim Virus durch Transkription und beim Zeugen durch Glaubwürdigkeit. Krämers Überlegungen gipfelten konsequenterweise in der Pointe, dass Kommunikation – im Widerspruch zu vielen heutigen Kommunikationstheorien – durchaus als assymmetrischer und einseitiger Prozess zu verstehen sei. 

In der Diskussion der Beiträge zeigte sich, dass zwar alle Referentinnen und Referenten ein gemeinsames Begriffsfeld bestellten: Vermittlung, Transparenz, Übertragung, Materialität, Verarbeitung, Zeichen, Bote, Kommunikation usw. waren wiederkehrende Aspekte und Kriterien des Mediums, welche genannt und meist geteilt wurden. Ging es aber um eine genauere Bestimmung des Medialen wurde – um im Bild zu bleiben – strenger parzelliert. Rückwärts geschaut mag dies der interdisziplinären Herkunft einer vergleichsweisen jungen Disziplin geschuldet sein, deren theoretische Grundlegung andauert. Vorwärts geschaut drückt sich darin vielleicht auch die Sorge der Beteiligten aus, mit jeder “fremdbestimmten” Engführung des Begriffs die jeweils “eigene” Konturierung des Gegenstandsbereich zu verlieren. Man kann also einerseits die begriffliche Unschärfe und die daraus entstehenden “Reibungsverluste” in der Diskussion beklagen. Andererseits darf man sich über deren Vielstimmigkeit und den Facettenreichtum der Medienbegriffe freuen und damit Anschlussmöglichkeiten für die weitere Arbeit am Projekt einer integralen Medienwissenschaft gewahrt sehen. 

Gespannt sein sollte man überdies auf die aus der Tagung hervorgehende Publikation, welche weitere Beiträge zum Thema umfassen wird, die in Weimar nicht vorgetragen wurden. 

Artikel drucken
Freunden empfehlen!Freunden empfehlen
Links

Oliver Fahle: Französische Medientheorien

Hartmut Winkler: Medientheorie der Computer

Gerhard Gamm: Technik als Medium

Literatur

cover 
Stefan Münker, Alexander Roesler:

Mythos Internet.

EUR 14,00

cover
Stefan Münker, Alexander Roesler, Mike Sandbothe:

Medienphilosophie. 

EUR 12,90

 cover

Gerhard Gamm:

Wahrheit als Differenz. 

 

EUR 34,00

Autor [Stand der Information: 21/12/2005]

Till A. Heilmann lehrt als Assistent am "/i/f/m", Institut für Medienwissenschaft der Universität Basel Email Website

 

.
Webmaster © 1997 - 2005 M. Funken. Alle Rechte vorbehalten.  Impressum
Information Philosophie im Internet als Favorit/Bookmark
Mit Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Einbindung eines Links die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat, sofern man sich davon nicht ausdrücklich distanziert hat. Hiermit betone ich ausdrücklich, dass ich keinerlei Einfluß auf Gestaltung, Inhalte und Links aller gelinkten Seiten habe noch jemals hatte, und distanziere mich ausdrücklich von sämtlichen Gestaltungsformen, Inhalten und Links aller gelinkten Seiten und mache mir diese nicht zu eigen.
Düsseldorf, 24.5.2000, Der Herausgeber