Bericht

Das wiederentdeckte Mittelalter

Konferenz "Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel"

Vom 3. bis zum 4. Dezember 1999 fand die erste, internationale Konferenz des DFG-Forschungskollegs ‚Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel‘ (SFB/FK 435) im Gästehaus der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt statt. Veranstalter war das von Matthias Lutz-Bachmann geleitete Teilprojekt ‚Die Umbrüche in der Wissenskultur des 12. und 13. Jahrhunderts‘ in Zusammenarbeit mit dem Hugo von St. Viktor-Institut der Phil.-Theol. Hochschule St. Georgen.

Zum Thema ‚Scientia und Disciplina im 12. und 13. Jahrhundert – Wissenstheorie und Wissenschaftspraxis im Wandel‘ tagten neben verschiedenen Spezialisten aus dem angelsächsischen Raum einige der interessantesten nationalen Exponenten der Debatten um die mittelalterliche Philosophie. Bemerkenswerte Beiträge lieferten überdies (jüngere) Mitarbeiter und Doktoranden der verantwortlichen Lehrstühle, was im Hinblick auf die Johann Wolfgang Goethe-Universität keineswegs selbstverständlich erscheint, ist doch ein solches Interesse für mittelalterliche Philosophie angesichts der tradierten Schwerpunkte Frankfurter Philosophierens eher ein Novum.

Im Vordergrund der Konferenz stand klar das 12. Jahrhundert, das zu großen Teilen noch bis heute unerforscht geblieben ist. Die sog. Verwissenschaftlichung der okzidentalen Geisteswelt setzte nicht erst mit der Wiederentdeckung des gesamten Corpus Aristotelicum ein, finden sich doch schon davor Ansätze eines Umdenkens, wie z.B. K. Jacobi (Freiburg) und J. Marenbon (Cambridge) am Beispiel Gilberts von Poitiers zeigten. Daß veränderte Umstände wie Häresien, die Auseinandersetzung mit den anderen monotheistischen Religionen und neue systematische Interessen die Theologie bzw. Philosophie nicht unberührt lassen konnten, demonstrierten M. Colish (Oberlin) und S. Brown (Boston). Neben formalen Reflexionen einerseits konstituierten sich andererseits neue Gegenstände, z.B. die Natur, deren Verständnis im Umkreis der Schule von Chartres A. Speer (Köln) darstellte. Folgerichtig gingen die Frankfurter Beiträge von A. Niederberger und A. Fidora der Frage nach, welche die (spätantiken) Autoren waren, wenn nicht Aristoteles, deren Rezeption solchen Wandel begünstigte, wie und warum rezipiert wurde.

Die Konferenz ist sicherlich als Ausdruck des Bemühens zu werten, mittelalterliche Philosophie in Frankfurt als Forschungsgegenstand zu etablieren. Generell scheint der Umgang mit mittelalterlicher Philosophie große Schwierigkeiten zu bereiten, denen sich zu stellen gewiß nicht jeder sich berufen fühlen mag. Doch steht fest, daß wer die okzidentale Kultur angemessen begreifen will, diese Anstrengung nicht scheuen darf.

Viele systematische Betrachtungen der Geschichte der Philosophie lassen die moderne Philosophie mit Descartes beginnen, der nun sicherlich alles andere als unproblematisch ist, und halten beharrlich daran fest, er stünde unserem Denken viel näher. Das mag für die Subjekt-Philosophie gelten, doch ist damit noch nichts gesagt, weil sie sich ihrerseits in Aporien verstrickt, die sie nicht lösen kann. Der Pragmatist Charles S. Peirce schrieb in seinem Essay ‚Some Consequences of Four Incapacities‘ folgendes zu dem genannten Problem: ‚Scholasticism had its mysteries of faith, but undertook to explain all created things. But there are many facts which Cartesianism not only does not explain, but renders absolutely inexplicable, unless to say ‚God makes them so’ is to be regarded as an explanation.‘

Es geht hier nicht um eine Apologie der mittelalterlichen Philosophie, sondern nur darum, der Tendenz vorzubeugen, sich darauf zu bornieren, sie gewissermaßen a priori für obsolet zu erklären. Was an dieser Stelle über das denkbar bescheidene Anliegen hinausginge, wäre nur ein trockenes Versichern, denn nur konkret läßt sich sinnvoll über den Gegenstand reden.

Gängige Strategien, diesem Gegenstand sich zu nähern, sind entweder die Überformung mit modernen Gedankenkonstrukten oder die Herabsetzung zur bloßen Fußnote antiker Autoren, die letztendlich dazu führen, das mittelalterliche Denken in seiner Eigenlogik zu verkennen. In esoterische Diskurse sich zu flüchten, d.h. mit den mittelalterlichen Philosophen zu reden anstatt über sie, wäre nicht wissenschaftlich, sondern bloße Paraphrase.

Die offenkundige Komplexität mittelalterlichen Denkens als Forschungsgegenstand verlangt unweigerlich nach interdisziplinärem Arbeiten, auch wenn dieser Begriff mittlerweile zur leeren Floskel verkommen ist, so daß man ihn eigentlich gar nicht mehr hören mag. Zu diesem Zwecke sind neben der Philosophie auch die Geschichtswissenschaften und vor allem die Soziologie unabdingbar. Schließlich aber, und das bewies nicht zuletzt die Konferenz, gilt es ja auch nicht erst, einen Forschungszusammenhang zu konstituieren, sondern den rechten Zugang zu den bereits laufenden Debatten zu finden.

Die Fragen, die die Konferenz aufgeworfen hat, angemessen zu beantworten, wird die Forschung noch über Jahre beschäftigen, gewiß auch in Frankfurt, was nicht nur von der Zusammmenarbeit mit anderen Instituten abhängig, sondern wesentlich auch von dem Interesse der Studenten bestimmt sein wird. Die Öffnung dem Mittelalter gegenüber, die ja mit der Berufung von Lutz-Bachmann ihren Anfang nahm, kann für die Studenten der Johann Wolfgang Goethe-Universität, ob sie das entsprechende Angebot nun wahrnehmen oder nicht, in jedem Falle nur von Vorteil sein.

Matthias Häußler

 

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken