Wissenschaftsethik

coverArmin Grunwald:

Nanotechnik – eine Herausforderung für die Wissenschaftsethik? 

Die Nanotechnologie ist in den letzten Jahren in den Mittelpunkt eines regen wissenschaftlichen, forschungspolitischen und zunehmend auch medialen und öffentlichen Interesses geraten. Das möglich gewordene Design von Materialien auf atomarer und molekularer Ebene (im Nanometer-Bereich, daher der Name) und damit verbunden die Kontrolle von makroskopischen, teilweise völlig neuartigen Produkteigenschaften sowie die weitere Miniaturisierung von Komponenten, Produkten und Verfahren bis hin zum Bau von „Nanomaschinen“ sind faszinierend und eröffnen weit reichende Anwendungsmöglichkeiten. Man erwartet von der Nanotechnologie einen bedeutenden Einfluss auf den Güter- und Arbeitsmarkt des 21. Jahrhunderts und bezeichnet sie teils gar als Grundlage einer „dritten industriellen Revolution“. 

Die „Nano-Welt“ ist aber nicht nur neues Betätigungsfeld für Wissenschaftler und Ingenieure, sondern auch Gegenstand teils utopischer Hoffnungen, die einen fließenden Übergang zur Science Fiction Literatur haben. Technische Möglichkeiten und Visionen im Bereich der Nanotechnologie – beispielsweise solche von autonom agierenden oder sich gar selbst replizierenden Nanomaschinen oder zukünftige Anwendungen der Nanotechnologie am Menschen, etwa für medizinische Zwecke oder zur Verbesserung seiner sensorischen oder mentalen Fähigkeiten – haben eine breitere publizistische Auseinandersetzung mit Chancen und Risiken dieser Techniken und ihrer politischen Kontrolle und Steuerung ausgelöst. 

coverEthische Aspekte

In der praktischen Philosophie und Ethik wurde Nanotechnologie bisher kaum thematisiert. Diskussionen über ethische Aspekte der Nanotechnologie finden bislang vorwiegend auf Fachkonferenzen und im Internet statt. Philosophische Fachzeitschriften wurden von diesen Diskussionen noch kaum erreicht. Im Folgenden werden die in der Diskussion hauptsächlich genannten ethischen Aspekte eingeführt und kurz diskutiert.

Risiken von Nanopartikeln

Künstlich hergestellte Nanopartikel können durch Emissionen während der Herstellung oder beim alltäglichen Gebrauch von Produkten in die Umwelt oder in den menschlichen Körper gelangen. Ihr Ausbreitungsverhalten und ihre Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt, insbesondere potenzielle Langzeitfolgen, sind bisher kaum bekannt. Ethisch relevant ist die Frage, was aus diesem Wissensdefizit folgt. Eine radikale Konsequenz, ein Moratorium hinsichtlich des In-Verkehr-Bringens von Nanopartikeln, wie es sich wahrscheinlich aus der Verantwortungsethik unter dem „Vorrang der schlechten Prognose“ von Hans Jonas ergeben würde, steht bereits als Forderung im Raum. 

Ethik trägt zu dieser Thematik durch die Beurteilung der normativen Aspekte der Situation (z.B. Verhältnis von Wissen und Nichtwissen), durch die Klärung der Vergleichbarkeit mit anderen Risikotypen unter Aufdeckung der dabei eingehenden normativen Voraussetzungen sowie durch die Analyse der normativen Grundlagen praktischer Konsequenzen. Fragen der Akzeptabilität von Risiken, der Vergleichbarkeiten von Risiken, der Abwägungsfähigkeit von Risiken mit Chancen und der Rationalität von Handeln unter Unsicherheit sind in der Nanotechnologie ohne Zweifel von großer Bedeutung. Für Wissenschafts- und Technikethik entsteht hier ein neues Anwendungsgebiet; die auftretenden Fragen sind jedoch vom Typus her aus anderen Risikodiskussionen (Strahlenbelastung, Chemikalien) wohl vertraut.

Verteilungsgerechtigkeit

Hierzu gehören sowohl Aspekte der Zukunftsverantwortung als auch Fragen der Gerechtigkeit heute. Hinsichtlich der Verteilung der Nutzung natürlicher Ressourcen zwischen heutigen und zukünftigen Generationen werden vom Einsatz der Nanotechnologie deutliche Entlastungseffekte für die Umwelt erwartet: Einsparung von stofflichen Ressourcen, die Verringerung des Anfalls von umweltbelastenden Nebenprodukten, die Verbesserung der Effizienz bei der Energieumwandlung, die Verringerung des Energieverbrauchs und die Entfernung umweltbela­stender Stoffe aus der Umwelt. Probleme der Verteilungsgerechtigkeit heute stellen sich grundsätzlich in jedem Feld technischer Innovation. Technischer Fortschritt vertieft tendenziell bereits vorhandene Ungleichverteilungen. Befürchtungen in Bezug auf einen möglichen „Nano-divide“ (in Anlehnung an den bekannten „digital divide“) basieren auf der Annahme, dass Nanotechnologie sowohl zu neuen und erweiterten Optionen individueller Selbstbestimmung (z.B. im gesundheitlichen Bereich) als auch zu erheblichen Verbesserungen der Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften beitragen kann, von denen industrialisierte und Entwicklungsländer in möglicherweise stark unterschiedlicher Weise profitieren könnten. Aus diesem Grund gibt es bereits Forderungen aus der Ethik, Belange der Entwicklungsländer direkt in der Ausgestaltung und Förderung der Nanotechnologie zu berücksichtigen. Evidenterweise handelt es sich bei diesen Fragen nicht um genuin neue ethische Aspekte von Technik, sondern um Verstärkungen auch bislang schon virulenter Verteilungsprobleme. 

Privatheit

Nanotechnologie bietet eine Reihe von Möglichkeiten, persönliche Daten in wachsendem Umfang zu erheben, zu speichern und zu verbreiten. Im Zuge der Miniaturisierung ist die Entwicklung von Sensor- und Speichertechnologie denkbar, die die Möglichkeiten der vom „Opfer“ unbemerkten Datenerhebung drastisch erhöht (Unsichtbarkeit der Nanotechnologie). Besonders sensibel in Bezug auf Privatsphäre ist der Gesundheitsbereich. Die Entwicklung kleiner Diagnoseeinheiten – „Lab on a Chip“ – kann es ermöglichen, umfassende persönliche Diagnosen und Prognosen auf der Basis persönlicher Gesundheitsdaten zu erstellen. Außerdem könnten Miniaturisierung und Vernetzung der Überwachungsgeräte vorhandene Kontrollmöglichkeiten und Datenschutzregelungen erheblich erschweren oder ganz obsolet machen. Im militärischen Bereich werden der Spionage neue Möglichkeiten eröffnet. 
Fragen der Privatsphäre, der Überwachung und der Kontrolle von Menschen sind ohne Zweifel ethisch relevant. Falls es durch Nanotechnologie zu Gefährdungen der Privatsphäre kommen würde, wäre die ethische Dimension greifbar. Fragen von Überwachung und Datenschutz sind jedoch nicht spezifisch durch Nanotechnologie aufgeworfen. Die ethisch relevanten Fragen nach dem Recht auf Wissen oder Nichtwissen, nach den Persönlichkeitsrechten an bestimmten Daten, nach dem Recht auf Privatheit sowie die Diskussionen zum Datenschutz und zu möglichen unerwünschten sozialen Eigendynamiken in der Folge einer drastischen Ausweitung von Gen- oder anderen Tests markieren zentrale Fragen in der bio- und medizinethischen Diskussion seit langem. Nanotechnologische Entwicklungen können die Realisierung bestimmter technischer Möglichkeiten beschleunigen oder erleichtern und damit die Dringlichkeit der Folgenproblematik erhöhen; sie führen in diesem Feld jedoch nicht zu grundlegend neuen ethischen Fragen.

Medizinischer Einsatz

Durch den Einsatz der Nanotechnologie werden – in mehr oder weniger realistischen Szenarien – Verbesserungen bei medizinischer Diagnose und Therapie erwartet. Mit Hilfe nanotechnologiebasierter Diagnoseinstrumente könnten Krankheiten oder Dispositionen für Krankheiten früher als bisher erkannt werden. Bei der Therapie besteht Aussicht, mit Hilfe der Nanotechnologie gezielte und nebenwirkungsfreie Behandlungen zu entwickeln. Die breite Anwendung nanopartikulärer Dosiersysteme könnte durch ortsgenauen Wirkstofftransport im menschlichen Körper zu Fortschritten bei der medikamentösen Behandlung führen. Durch Verfahren der Nanotechnologie kann die Biokompatibilität künstlicher Implantate verbessert werden. Diese sehr positiven Erwartungen führen in einer ethischen Beurteilung zu einer Sollensaussage, sicher verbunden mit der Verpflichtung der Beachtung möglicher Risiken, wie dies im medizinischen Bereich eingespielt ist. 

Der Rahmen der Üblichkeiten wird jedoch überschritten, wenn die möglicherweise erhebliche Verlängerung der menschlichen Lebenszeit durch Nanotechnologie angesprochen wird. So könnten Nano-Maschinen im menschlichen Körper darüber wachen, dass ein optimaler Gesundheitszustand permanent aufrechterhalten wird. Auf diese Weise würde – so die Vision – ein nahezu unbegrenztes Leben möglich. Die weitgehende oder völlige Abschaffung des Alterns hat – unbeschadet der spekulativen Natur der entsprechenden Visionen – bereits zu Gedanken aus ethischer Sicht Anlass gegeben. Diese Überlegungen erscheinen jedoch zurzeit als ein bloßes Glasperlenspiel ohne jede praktische Relevanz. 

Grenze zwischen Leben und Technik 

Grundlegende Lebensprozesse spielen sich im Nanomaßstab ab, da wesentliche Bausteine gerade diese Größenordnung haben (wie z.B. Proteine). Durch Nanobiotechnologie werden biologische Prozesse nanotechnisch kontrollierbar. Molekulare „Fabriken“ (Mitochondrien) und „Transportsysteme“, wie sie im Zellstoffwechsel eine wesentliche Rolle spielen, können Vorbilder für kontrollierbare Bio-Nanomaschinen sein. Nanotechnologie auf dieser Ebene könnte ein „engineering“ von Zellen erlauben. Eine Vernetzung natürlicher biologischer Prozesse mit technischen Prozessen erscheint denkbar. Die klassische Grenze zwischen dem Technischen und dem Lebendigen wird zunehmend verwischt bzw. überschritten. In klassischer Maschinensprache wird über Elemente des Lebendigen gesprochen: von Fabriken, Rotoren, Pumpen und Reaktoren. 

Neuartige ethische Aspekte sind in diesem Feld durchaus zu erwarten. Entsprechende Risikodiskussionen könnten strukturelle Ähnlichkeiten zu der Diskussion um gentechnisch veränderte Organismen haben. Es könnte zu Diskussionen um Sicherheitsauflagen der entsprechenden Forschung, um „Freilandexperimente“ und um Freisetzungsprobleme kommen. Missbrauchsgefahren werden thematisiert werden wie z.B. das technische Verändern von Viren, um daraus neue biologische Waffen zu machen. Hier öffnet sich ein weites Feld zukünftiger ethischer Diskussionen, zu dem allerdings zurzeit noch der praktische Hintergrund fehlt, um konkretere Reflexionen durchzuführen. 

Ein spezielles und praktisch wie auch ethisch besonders interessantes Teilgebiet liegt in der Herstellung direkter Kontakte zwischen Technik und dem menschlichen Nervensystem. Es wird intensiv an einer Verbindung der molekularbiologischen Welt mit der technischen Welt gearbeitet. Aufgrund der unzweifelhaft positiven Zielsetzungen könnte sich ethische Reflexion hierbei vor allem auf die Identifikation und Verhinderung von Missbrauch konzentrieren. Der technische Zugang zum Nervensystem ist wegen möglicher Manipulations- und Kontrollmöglichkeiten von Menschen besonders sensibel.

coverTechnische Verbesserung des Menschen 

Mit der Überschreitung der Grenze zwischen Technik und dem Lebendigen von beiden Seiten her steht auch in Frage, was den Menschen auszeichnet, und wie der Mensch sich zu seiner natürlichen physischen und psychischen Verfasstheit verhält. Ganz in der Tradition des technischen Fortschritts, der zu jeder Zeit Zustände und Entwicklungen, die bis dato als vorgegeben, als unverfügbares Schicksal angesehen wurden, in beeinflussbare, manipulierbare und gestaltbare Zustände und Entwicklungen überführte, geraten nun der menschliche Körper und seine Psyche in die Dimension des Gestaltbaren. Vor allem im Umfeld der “converging technologies” wird die Vision eines “enhancement of human performance” beschworen. Die technische Verbesserung des Menschen selbst – wenn sie denn möglich wäre – stellte jedenfalls eine Reihe neuartiger ethischer Fragen.Nanotechnologie in Kombination mit Biotechnologie und Medizin bietet Perspektiven, den menschlichen Körper tief greifend um- und neu zu gestalten. Aktuell wird etwa an Gewebe- und Organersatz geforscht, der mit Hilfe von Nano- und Stammzelltechnologie aufgebaut werden könnte. Nanoimplantate wären geeignet, Sinnesfunktionen des Menschen wieder herzustellen oder zu erweitern, aber auch, um das zentrale Nervensystem zu beeinflussen. Während die Beispiele aus medizinischen Anwendungen der Nanotechnologie sich noch in einem gewissermaßen traditionellen Rahmen bewegen, weil das Ziel im „Heilen“ und in der „Reparatur“ von Abweichungen von einem (idealen) Gesundheitszustand besteht, welches klassisches Ziel der Medizin ist, eröffnen sich hier möglicherweise Chancen (oder Risiken) einer Umgestaltung und „Verbesserung“ des menschlichen Körpers. Dies kann sich auf die Erweiterung der physischen Fähigkeiten des Menschen beziehen, z.B. um neue sensorische Funktionen (z.B. Erweiterung des elektromagnetischen Spektrums der Wahrnehmungsfähigkeit des Auges). Es könnten aber auch durch eine direkte Ankopplung von maschinellen EDV-Systemen an das menschliche Gehirn völlig neue Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine entstehen, mit völlig unabsehbaren Folgen. Diskutiert werden sogar rein technische Organe und Körperteile (oder gar vollständige Körper), die im Vergleich zu biologischen Organismen Vorteile wie etwa eine erhöhte Stabilität gegenüber äußeren Einflüssen zeigen sollen. 

Dies sind zunächst anthropologische Fragen nach dem Menschenbild und nach dem Verhältnis von Mensch und Technik. Damit steht jedoch simultan auch die ethische Frage im Raum, wie weit Menschen bei der (Um-) Gestaltung des menschlichen Körpers gehen dürfen, sollen oder wollen. Die Grenze zwischen heilenden und verbessernden Eingriffen ist aus begrifflichen Gründen – insbesondere sind die Begriffe "Gesundheit" und "Krankheit" bis heute nicht geklärt – und aus praktischen Gründen fließend. Mögliche Antworten aus der Ethik dürften je nach ethischer Tradition unterschiedlich ausfallen. Religiöse Moralen würden traditionelle (und tief in die Kultur eingelassene) menschliche Selbstverständnisse ins Feld führen. 

Die praktische Relevanz derartiger ethischer Fragen angesichts einer möglichen technischen Verbesserung des Menschen (unter maßgeblicher Beteiligung der Nanotechnologie) mag auf den ersten Blick als gering erscheinen. Dem steht jedoch entgegen, dass die Vision einer technischen Verbesserung des Menschen von Wissenschaftlern ernsthaft vertreten und in den USA auch von weltanschaulichen Gruppen (den sog. Transhumanisten) unterstützt wird. Es werden Forschungsprojekte in diese Richtung ausgelegt, und Meilensteine zur Erreichung des Ziels angegeben, wobei die Nanotechnologie die Rolle einer „enabling technology“ übernimmt. Angesichts der damit verbundenen moralischen Fragen und ihrer Konfliktträchtigkeit zeichnet sich hier ein neues Feld ethischer Überlegungen ab, welches nicht einfach Folge der nanotechnischen Entwicklung im engeren Sinne ist, sondern eher durch das Konvergieren der Technikbereiche Nano, Bio, Informatik und Kognitionswissenschaften zumindest denkmöglich geworden ist.

Zum Zeitpunkt ethischer Reflexion

Ethik scheint oftmals der tech­nischen Ent­wick­lung ohnmächtig hinterherzulaufen und den gelegentlich hohen Erwartungen nicht zu entsprechen. Aufgrund des frühen Entwicklungsstadiums der Nanotechnologie liegt hier eine eher seltene Gunst der Stunde vor: es sind Chancen und auch Zeit sowohl für frühzeitige Reflexion(en) vorhanden, als auch die Möglichkeit, die Ergebnisse der Reflexion in den Entwicklungsprozess einzuspeisen und damit zur weiteren Gestaltung der Nanotechnologie beizutragen.

Ethische Reflexion in frühen Phasen der Entwicklung ist möglich und praxisrelevant, wenn es zumindest gewisse Plausibilitäten für die Realisierbarkeit der betrachteten Technik gibt. Dann gibt es Möglichkeiten, ethische Bewertungen als begleitende Prozesse der Technikentwicklung auszulegen. Es können wertvolle Hinweise für den weiteren Entwicklungsweg gegeben werden, z.B. durch frühzeitige Hinweise auf mögliche moralische Technikkonflikte und Wege zur Deeskalation. Darüber hinaus erlaubt die     ethische Beurteilung Orientierungen für die Gestaltung des Prozesses der Technikentwicklung, z.B. im Hinblick auf Zugangs-, Gerechtigkeits- oder Missbrauchsfragen. Im Verlauf der fortwährenden Konkretisierung der Anwendungsmöglichkeiten der Nanotechnologie ist es dann möglich, die zunächst abstrakten Bewertungen und Orientierungen durch das neu verfügbare Wissen immer weiter zu konkretisieren und schließlich eine ethisch reflektierte Technikfolgenbeurteilung durchzuführen. Der Mehrwert gegenüber einem späten Beginn ethischer Reflexion ist offensichtlich: bereits der Prozess der Technikentwicklung profitiert von der Folgenbetrachtung und Ethik vermeidet das „Zu-spät-Kommen“. Ethik steht angesichts der raschen und folgenreichen Entwicklungen der Nanotechnologie in der Pflicht, durch frühzeitige Untersuchungen und Reflexionen den gesellschaftlichen Lernprozess, der immer mit der Einbetung einer neuen Technologie verbunden ist, möglich konstruktiv, transparent und effektiv zu gestalten.Nano-Ethik als neue Teilethik?

Gleichwohl ist nicht mit „Nano-Ethik“ als einem neuen Zweig der Angewandten Ethik zu rechnen. Viele der ethischen Fragen, die die Nanotechnologie aufwirft, sind aus anderen Kontexten ethischer Reflexion bereits bekannt. Technikethik, Bioethik, Medizinethik oder auch die theoretische Technikphilosophie befassen sich mit Fragen der Nachhaltigkeit, der Risikobewertung, der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik bzw. zwischen dem Lebendigen und der Technik. Neu sind nicht diese Fragen selbst – neu ist teilweise jedoch ihr Zusammentreffen in der Nanotechnologie. Analog zu der bekannten Tatsache, dass in der Nanotechnologie traditionelle Grenzen zwischen Physik, Chemie, Biologie und den Technikwissenschaften überschritten werden, werden in ethischen Fragen der Nanotechnologie verschiedene Traditionslinien ethischer und anthropologischer Reflexion zusammengeführt. Die modische Kreativität in Begriffsprägungen wie „Nano-Ethik“ ist jedoch wenig hilfreich. Wir brauchen kein neues Teilgebiet der Angewandten Ethik namens „Nano-Ethik“, sondern Ethik in der und für die Nanotechnologie. Gefragt ist dabei besonders die Bereitschaft der Ethiker zur offenen Befassung mit ethischen Aspekten der Nanotechnologie über die Grenzen der klassischen „Bindestrich-Ethiken“ hinweg, und zum Dialog mit den Natur- und Technikwissenschaftlern. 

Der Formierung einer Nano-Ethik entgegen steht auch die Heterogenität der Nanotechnologie selbst (weshalb oft von Nanotechnologien gesprochen wird). Entsprechend divers sind die aufgeworfenen ethischen Fragen. Diese haben ihre Einheit gerade nicht im Anwendungsgebiet Nanotechnologie, sondern in der Art und Weise, wie Ethik mit moralischen Problemen in Wissenschaft und Technik umgeht. Der Ausdruck „Nano-Ethik“ ist daher irreführend; bestenfalls kann von Ethik in der und für die Nanotechnologie gesprochen werden. 

 

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Literatur

coverBaumgartner, C. (2004): Ethische Aspekte nanotechnologischer Forschung und Entwicklung in der Medizin. Das Parlament B23-24, S. 39-46.

Paschen, H., Coenen, C., Fleischer, T., Grünwald, R., Oertel, D., Revermann, C. (2004): Nanotechnologie Forschung, Entwicklung, Anwendung. Xvi, 366 S., Ln., € 99.95, Springer, Berlin. Ein Überblick. EUR 99,95  


 


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Autor [Stand der Information: 05/05/2005]

Armin Grunwald ist Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Forschungszentrums Karlsruhe, Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) und Professor an der Universität Freiburg. Außerdem ist er zurzeit Mitglied der Arbeitsgruppe „Nanotechnologie“ der Europäischen Akademie Bad Neuenahr, in der er die ethischen Fragen bearbeitet. 

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Düsseldorf, 24.5.2000, Der Herausgeber